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Der Israelit · 1911-09-28 · Heft 39 (28.9.1911) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 39 (28.9.1911)
Date
1911-09-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die gefährlichsten unter diesen Schächtqegnern sind natürlich diejenigen, welche, mit dem Nimbus der „reinen Wissenschaft" und der scheinbar strikten Objektivität ihrer Beweisführung Eindruck zu machen suchen. Ein solcher nicht zu unterschätzenderGegner,ist Dr. W. Back in Straßburg, der Verfasser der vor einigen Monaten erschienenen Broschüre „Schächten oder Betäuben". Bock wünscht nicht, daß in die Gewissensfreiheit der Juden etngegriffen wird, auch möchte er ihnen nicht das Recht auf das Schächten nehmen. Nur meint er, solle diese Schlachtmethode auf ein Mindestmaß beschränkt werden und zwar soweit es dem Bedarf der Juden entspricht. Alle anderen Tiere sollten aber nur nach erfolgter Betäubung getötet werden, die er aus einer Reihe von Gründen humanitärer, ethischer und ästhetischer Natur empfehlen zu müssen glaubt. Es ist klar, daß dieser neue Versuch eines Mannes, der es als Herausgeber eines ärztlichen Fachorganes in der Hand hat, seinen Ideen die weit möglichste Verbreitung zu sichern, nochmals in dieser tendenziösen Weise eine Frage zu behandeln die von der Wissenschaft längst und restlos in den bekannten Gutachten beantwortet worden ist, nicht unerwidert bleiben durfte. Und die jüdische Gesamtheit wird Herrn Dr. Eduard Biberfeld-Berlin, der, ein Berufener auf diesem Gebiete, sich in einer dieser Tage bei Louis Lamm-Berlin unter dem Titel ,/Halsschnitt nicht Hirnzertrümmerung" erschienenen Broschüre dieser Aufgabe unterzogen hat, aufrichtigen Dank wissen. Dank vor allem für die klare und gründliche Art, in der der Verfasser seine Beweise vorbringt, und die der Schrift auch weit über ihren eigentlichen Gegenstand hinaus eine allgemeine wissenschaftliche Bedeutung verleiht. Wer sich in dieser Frage volle Aufklärung verschaffen und dabei auch erfahren will, mit welchen Waffen hier auf der Gegenseite gegen Wissenschaft und Wahrheit gekämpft wird, dem kann die Lektüre dieses Schriftchens nicht genug empfohlen werden. Die Back'sche Broschüre geht von dem Grundsätze -aus, daß es „über allen Zweifel erhaben sei, daß das Schächten den Tieren Qual verursache, welche bei anderen modernen Schlachtmethoden vermieden würde." Diese erste Grundlage, auf der die Back'sche Broschüre ruht, wird von Biberfell gleich zu Beginn so kräftig umgestoßen, daß der ganze Gehaukenbau wie ein Kartenhaus von selbst zusammenfällt. Da Back selbst, der der Hildesheimerschen Gutachtensammlung keine Bedeutung beimißt, die deutschen Schlachthostierärzte in dieser Frage für besonders kompetent hält, so läßt Biberfeld nicht weniger als 113 solcher Fachmänner aufmarschieren, die die von den „über allen Zweifel erhabenen Qualen", welche das Schächten den Tieren verursache ebensowenig überzeugt find, wie von der Wohltat der Betäubung überhaupt. Außerdem kennt Biberfeld 190 andere Tierärzte, die, wiewohl sie sich eines Urteils in dieser Frage enthielten, im Prinzips ebenfalls das Schächten als humanste Tötungsart betrachten. Auch die Betriebssicherheit der anderen Schlachtmethoden weiß der Autor durch die bekannten Fälle zu illustriren, über welche die Zeitungen fast täglich zu berichten haben. * In sachlicher und vornehmer Weise versteht es Biberfeld auch, die ethischen und aesthetischen Argumente, die Back gegen das Schächten ins Feld führt, restlos zu widerlegen. Der tiefe wissenschaftliche Ernst, in dem die Biberfeld'- sche Broschüre gehalten ist, wird ihr sowohl in den Kreisen der SchSchtgegner, wie der Schächtfreunde wohlverdiente Achtung verschaffen. Sie wird ersteren zur Aufklärung, den letzteren aber zur Ori enttrung über den jahrzehntelangen Kampf und die geeigneten Mittel zur Abwehr von unbegründeten Angriffen auf unsere Lehre dienen. Der Regierungsroedifei in Rufjfanü. Nachdem die erste Gefahr eines Pogroms in Kiew als abgewender betrachtet werden darf und unsere dortigen Brüder nach schweren unheilschwangeren Tagen (siehe Korrespondenz Kiew) nrählich zu ihrer gewohnten Lebensweise zurückkehren können, wendet sich das öffentliche jüdische Interesse von der unglückseligen Ukrainestadt wieder Petersburg zu, der neuen Regierung, mit der bangen Frage, wessen sich die russische Judenheit vom Kabinett Kokowzow zu versehen hat welcher Art die Hoffnungen und Erwartungen sein dürfen die man on diesen neuen Mann knüpfen kann. Was wir in voriger Woche bereits an dieser Stelle ausgesprochen haben, nämlich daß mit dem Falle Stolypins kein Systemwechsel, sondem vorerst lediglich ein Personenwechsel stattgefunden hat, wir finden es heute im offiziösen Organ der russischen Regierung „Rosya" wortwörtlich bestätigt. „Die Meinung," so schreibt das Blatt anläßlich. der Bekanntgabe der Ernennung Kokowzows Zum Ministerpräsidenten, „daß der Tod Stolypins eine Aenderung der russischen Politik zur Folge haben dürfe, ist unbegründet. Die Politik Stolypins, die organisch mit dem Leben des russischen Reiches und seinen BedÜrfniffen verbunden ist, kann nicht mit dem Tode des Trägers sterben. Die Wahrung. der monarchischen Ideen und des russischen Volkes war und bleibt die Aufgabe der russischen Regierung." Ein Anwachsen des Absolutismus sei durch den Kiewer Meuchelmord nicht zu befürchten, so beruhigt im ferneren der Offiziosus die Gemüter, er hofft im Gegenteil, daß gerade dadurch die Volksvertretung tiefere Wurzeln im Bolksbewnßtsein fassen würde, d. h. sie würde sich immer nationaler gestalten und immer mehr den Boden befestigen für den Kampf gegen Revolution und die volkszersetzenden Elemente. In diesen Worten des neuen Programms spiegelt sich für denjenigen, der das halbofsizielle Russisch nur ein wenig zu lesen versteht, das alte Stolypins in allen Zügen wieder. Kein Anwachsen des Absolutismusbeileibe nur keine Gewaltakte, die das Ansehen des Landes herabwürdigen und doch zu keinem Schluffe führen. Auf dem legislatorischen Wege kommt man weit sicherer zum Ziele. Das Parlament soll nicht verschwinden, nein, es soll im Gegenteil Mitarbeiten an der Ausrottung der zersetzenden Elemente. Wer und wo diese find, das wird sich schon finden,» das wird man, wiederum mit Hilfe des Parlamentes, sckon feststellen, ebenso die Mittel, wie dieselben unschädlich zu machen sind. Und für ein gefügiges Parlament wird schon gesorgt werdenwozu hätte man sonst ein Wahlrecht, das sich jedesmal den BedÜrfniffen entsprechend modifizieren läßt? Darum keine Ueberstürzunz, keine übereilte Gewalttaten, die ein Geschrei hervorbringen, das auch in Europa gehört wird! Wir haben einen befferen Weg, der der Politik eine ruhig und sicher fortschreitende Entwicklung sichert. So dachte und, handelte Stolypin, so denkt nun auch Kokowzow, der als Händels¬ und Finanzminister noch nngleich mehr Interesse daran hat, das Land nach außen nicht unnötig zu diskreditieren . . . Für Kokowzow bedeutet dieses Programm auch eine Art Rehabilitierung. Er war es, der vor zwei Jahren im taurischen Palaste unter brausendem Beifall der Rechten das große Wort gelassen ausgesprochen hat: „W i r R u s s e n h a b e n Gott Lob kein Parlament!" Wohl hat er vor einigen Wochen nach dieser Seite enttäuscht, denn, wie unseren Lesern bereits bekannt, ist es ihm zu danken, daß die von Stolypin geplante Nationalisierung des Kreditwesens nicht zustande kam. Er, Kokowzow, hat sich dagegen aus schwerwiegenden finanzpolitischen Rücksichten tapfer und mit gutem Erjnngiert er. Aber „nicht um eine Million" hätte er sein (Sfjrcuamt abgetreten. Tie ergreifenden Jamiwrtönc mittelalterlicher Leiden werden bei seinem EhasonnS wieder vor unseren Ohren lebendig. Mögen auch diese alten rokokoartigen Schnörkel, diesig den «besang ersetzenden, die Pausen markierenden Läuse bergauf und bergab, dem modernen Ohre fremdartig klingen —, sie sind jedenfalls autochthon, auf ureigenem jüdischen Boden gewachsen. die Patina jahr- ,zehnte-, ia jahrhundertelangen Bestehens bedeckt sie. Aron, unser Minchochason, kümmerte sich auch nbfolitt nicht um beifällige oder ablehnende Kritik seiner Zuhörer. Bald ging es lässig ritartando dahin, bald stürmte cs furioso weiter, genau ein Jahr w'e das andere. Tie Tageszeit war .ihm gleichgültig. Mochte noch 1 oder noch 3 Stunden Zeit sein bis Nacht, er sang deshalb nicht schneller oder langsamer. Gar manchmal schaute man sich verzweifelt einander an in der Synagoge. „Was soll das werden? Heute werden wir sicher nicht fertig vor Nacht!" Aber Äron achtete nicht im geringsten ans bas mahnende Räuspern und Husten oder auf die Zurufe liintev seinem Rücken. Einst legte ihm der Parnos sogar die Uhr auf den Omed —. der gleiche negative Erfolg! Zu allgemeiner Befriedigung war er jetzt zu Ende. Man etmete ans; zwar sind nur noch 3/± Stunden Zeit, aber tvas inacht das? Jetzt konunt ja löwele an seine Stelle. Ter gewandte C h a s o n. - Ein großgewachsener, gesundheitstrotzender, wohlbeleibter Mann tritt znm Neslohgcbet vor, Löwele, der Parnos irr selbsteigener Gestalt. Woher das Tinnnutivum Löwele stammt, wird den Geschichtsforsch-rn ein ewig unlösbares Rätsel bleiben. Genug, der Volksmund nannte ihn Löwele, und wer vermag dagegen anzukämpsen? Als Parnos stand ihm Neiloh zu, von rechtstvegeiL „Das ist mein einziges Gehalt", sagte er oft jn der ihm eigenen witzigen, gutmütigen Form. Er war, wie wir dies nicht allzu oft finden, kein Gemeindetyrann, sondern stets leutselig und friedfertig und fand sich leicht in alle Verhältnisse; das zeigte sich auch alljährlich am Jomkippur. Er war vielleicht der einzige, der über das Sichgehenlasscn Arons nicht knurrte. X«nu er war seiner Sache sicher. Keine Minute früher, aber auch keine später als festgesetzt, würde er fertig werden. Hatte er doch 2 Rekorde aus seiner Praxis anfznweiscn! Einmal hatte ihm der Minchohchason nur 35 Minuten, ein anderes Mal dagegen 1 Stunde 55 Minuten übriggclassen, und beide Male hatte er, der Parnos, prompt geschlossen. Heiter und doch würdig, ivie sein ganzes Wesen, war. Löwcles Bortrag; stets angemessen dem rezitierten Gcbetstück. Er war daher der erklärte Liebling des Publikums, das sich nach dorr endlosen Trillern des völlig zahnlosen Aron geraoezu sehnte, seine lieblichen Töne zu hören. Tie tvunderbaren, heimlichen Weisen des Neilohgebetes klangen in den Herzen der um diese Zeit nochmals alle Andacht znsammenfassenden Zuhör?r wieder. Der Zeiger - rückte vorwärts. Die Abeildschatten haben sich schon, berniedergesenkt. Einige Ungeduldige waren hinausgegangen, um astronomische Studien zu machen und verbreiteten nach ihrer Hereinkunst die Nachricht, es müßten schon 3 Sterne stehen, wenn sie auch der hellstrahlende Mond noch verdunkele, Auf 6 Uhr 50 Minuten war vom Parnos „Nacht aktgesetzt". Nur noch 10 Minuten! Bange schaute man auf die Zeiger. Soeben begann Löwele den Owinu walkenu, es folgte rin svirklich wunderbarer Schtußkaddiscl. Und nun drängte sich all das aufgefpeicherte Andachts- und Zerknirschungsgefühl nochmals nrie in einem Brennpunkte zusammen, als Löwele mit herzzerreißender Eindringlichkeit die Schcmos zum himmlischen Thron eniporsandte. „Tckioh!" ertönte es von des Lehrers Lippen; Löwele selbst schmetterte sie. Punkt 7 Uhr 50 Minuten! Allgemeines Bewundern Löweles, der eben alles fertig bringt. Nicht einmal die „Tekioh" hatte er .sich nach seiner großen Anstrengung abnehmcn lassen, selbst damals nicht, als er vor IO Jahren bei einer herrschcnben Epidemie auch noch für den Schacharis- und Mussaschason hatte einspringen müssen. Selbstverständlich übernahm er nun auch noch Maaris, und zwar mit würdiger Ruhe, da er es für unangemessen fand, die 24 stündigc Andacht durch überhastete Eile Lügen zu strafen, als freue inan sich auf das Herauskomme,i aus der Synagoge. Tnhcr hatte er es auch streng verboten, das Sargencs (sterbetleid) vor Schluß von Maaris abzulcgen. Doch ehe man heimging, fand noch im „Schulhof" Kiddnsch Lewonoh statt. Ein wunderbares Bild: Tie Männer, mit dem Sterbegewand bekleidet, im flackernden Kerzenlicht unter freiem Himmel —, eii,es Rembrandts würdig. In der Frühe des anderen Tages, beim Grauen des Morgens, war man schon wieder „in Gottes Nmnen", tvie es im Bolksmtlnd heißt, in der Synagoge versammelt. Man wollte damit, nach altem religiösen Brauch, zeigen, daß inan nicht nur in den 2 Wochen der SetichoS bereit ist, sich für seinen Schöpfer den schlaf von den Augen zu scheuchen. An diesem Morgen beschloß der Neiloychason die heilige, aufregend: Teschuwohzeit in Stettleben.

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