Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-09-21 · Heft 38 (21.9.1911) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 38 (21.9.1911)
Date
1911-09-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448842--66923-2495109
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

salem. Dock hält er mit eiserner Konsequenz daran fest, daß auch der in allen Kreisen hochverehrte Rabbi Chaim Eljaschar für die Chachambaschr-Stelle disqualifiziert bleiben müsse. In allen Kreisen der Sefardimgemeinde ist es fast zur Maxime geworden, daß man ohne Antebi, geschweige denn gegen seinen Willen nichts ausrichten könne. Mit Zustimmung Antebis wurde nun neulich beschlossen, den aus Rhodos stammenden Chacham Franco, einen alten Herrn, der vor einigen Monaten sich in Jerusalem niedergelaffen, um dort seine Tage zu beschließen, für die Chachambaschi-Stelle vorzuschlagen. In der Zeitschrift „Hacheruth" wurde aber gegen diese „Abmachung" energisch protestiert. Üebrigens soll auch der in Rede stehende greise Chacham erklärt haben, daß er diese Stelle, die den Rabbinen schon soviel Ehrenkränkung verursachte, in keinem Falle annehmen werde. Es ist immerhin bezeichnend, wenn Antebi in einem Schreiben an den Redakteur der erwähnten Zeitung seine Politik zu rechtfertigen sucht. Die Alliance hat zu wiederholten Malen versichert, daß es ihrem Jerusalemer Vertreter untersagt sei, sich mit Gemeindeangelegenheiten zu befassen. Der kluge Albert Antebi scheint diese diskrete Verordnung vergessen zu haben. „Schweigen ist Gold", beginnt er seinen offiziösen Rechtferiigungsbrief. Seine Zentrale habe ihm depeschiert, daß er die Nachricht der „Welt" betreffs der Rede des Herrn Bi gart in Amsterdam dementieren solle. Er habe aber in dieser Angelegenheit nichts unternommen. Die Jerusalemer haben übrigens erst durch diese Rede erfahren, daß die Alliance in Paris so ängstlich bestrebt sei, die Wünsche der Jerusalemer Rabbiner zu erfüllen. Diesmal — schreibt Antebi — mußte er doch aus seiner Reserve heraüstreten. „Die Verhältnisse in Jerusalem und Palästina nehmen für die jüdische Bevölkerung eine überaus kritische Entwickelung an. Einigkeit tut uns not. Wir müssen uns ein Oberhaupt außerhalb Jerusalems suchen. Zu diesem Zwecke haben wir ein provisorisches Komitee eingesetzt und auch der Rabbiner Franco, dessen weißer Bart für seine Weisheit bürgt, werde nur provisorisch seines Amtes walten." Die bisher von auswärts importierten Vakile haben Unkosten verschlungen, welche die arme Gemeinde für die Dauer nicht ertragen kann. Die Chachambaschi-Würde soll nun von der des religiösen Rabbiners getrennt werden. Als offizieller Grohrabbiner soll eine geeignete Persönlichkeit mit weltlicher Bildung und Kenntnis der Staatssprache von auswärts gewählt, resp. ernannt, d. h. bezogen werden. Dann wird'sich die Gemeinde einen Jerusalemer Chacham als religiösen Rabbiner bestellen können. Das alles soll durch das provisorische Komitee, dem auch der bekannte Bankier Valero an gehört, der reichste, mit verschiedenen hohen Orden ausgezeichnete Mann Jerusalems, der vor vier Jahren auf Verlangen Antebis resp. des durch seine Machinationen eingesetzten neuen sLhachambascht, vom damaligen Pascha in den Kerker geworfen wurde, weil er er sich in Gelddingen dem neuen Regime nicht unterwerfen wollte. „Auch die französische Republik und die freie Türkei verdanken ihre Entstehung provisorischen Komitees. Wir wollen es auch so machen." Das eine steht nun fest. Großrabbiner Haim Nahoum hat auch mit seiner Jerusalemer Politik Schiffbruch gelitten. Das Gemeinwesen ist zertrümmert. Die Würde des offiziellen Jerusalemer Rabbinatsstuhles ist kompromitiert, dasVertrauen zu den Institutionen dieser schwergeprüften Gemeinde ist geschwundendie Armen hungern, weil ihnen aus der Gemeindekasse auch die gewöhnlichen Unterstützungen nicht zustießendie Schuldenlast der Gemeinde steigt von Jahr zu Jahr und für eine günstige Entwirrung dieser trostlosen Zustände ist nicht einmal ein Strahl von Hoffnung mehr vorhanden. Gegen diese Heldentaten muß mit allem! Nachdruck und mit nachsichtsloser Strenge Ver- I £)tx Vjttttmu. Wahrung eingelegt werden. Es muß dem zynischen Mißbrauch, der mit der Autonomie der ottomanischen Kultusgemeinden getrieben wird, rücksichtslos ein Ziel gesetzt und die Verwegenheit derjenigen geahndet werden, die sich an ihren kostbarsten Gütern vergriffen hatten. Dr. B. I. Uermi$ct>te$. Berlin, 14. Sept. Auf eine Eingabe des Ausschusses der preußischen Aerztekammer an den Reichskanzler, in der unter Hinweis auf die vorgekommenen Fälle der Abweisung von Medtzinalpraktikannten jüdischen Glaub.ms das Ersuchen ausgesprochen wurde, die Annahme oder Ablehnung von Medizinalpraktikanten nicht mehr von dem Ermessm der Anstalts- Uitungen abhängig zu machen, vielmehr zu bestimmen, daß jeder unbescholtene Medtzinalprakiikant, soweit Vakanzen vorhanden find, aufzunehmen fei, ist nun folgende Antwort des Reichskanzlers erfolgt: „Zu einem behördlichen Eingriff in die den Kandidaten wie den Anstalten etngeräumte, wechselseitige Freiheit von Meldung und Annahme scheint mir um so weniger Beranlaffung vormttegen, als die Zahl der in Preußen vorhandenen Praktikanten diejenige der geprüften Kandidaten um weit mehr als das Doppelte übersteigt und es daher jedem Kandidaten möglich sein dürfte, eine seinen berechtigten Wünschen entsprechende Praktikantenstelle zu finden. Ein behördliches Borgehen im Sinne der Eingabe würde nur dazu beitragen, auf dem seinem Wesen nach konsesstvnell neutralen Gebiet der ärztlichen Borb ldung konfessionelle Gegensätze zu schaffen oder zu beleben. Ich möchte daher von einem Borgehen in dieser Richtung absehen." Berlin, 39. Septbr. Der bekannte Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg ist heute nacht gestorben. Mit ihm scheidet einer der blindwütigsten antisemitischen Führer in Deutschland aus dem Leben. Einst ein treuer Parteigänger Stöckers und A h l» wardts, erlebte er. später den Zusammenbruch des Antisemitismus und seine Ausschaltung aus dem politischen Prrteileben und seitdem war auch dieser Feuerkopf ein etwas stiller Mann geworden. Mit ihm dürfte auch sein Lebenswerk, die deutschsoztale Partei, ihr Ende erreicht haben. Köln, 14. Sept. Das „Israelitische Kinderheim" wendet fich in vorliegender Nummer unserer Zeitung an wettere Kreise, der Jubenheit mit der Bitte um Unterstützung. Die Anstalt, wohl die bedeutendste ihrer Art in Deutschland, widmet fich den verschiedensten Humanitären, sozialen, charttattven Zwecken und umfaßt folgende Einrichtungen: Einen iSrael. Kindergarten (feit 1890), der täglich von ca. 60 bis 70 Kinder besucht wird, eine S u p p e n a n st a l t für schulpflichtige Kinder (seit 1891), in der durchschnittlich 70 bis 80 Kinder ein nahrhaftes Mitttagessen erhalten, eine H a U S h a l - tunngsschule (seit 1892), in der Mädchen zu Dienstmädchen, Köchinnen rc. herangebildet werden, eine Kochschule für Schülerinnen der Oberklaffe der isr. Volksschule, eine Kinderbewahrschule, in der ungefähr 70 bis 80 Knaben und Mädchen untergebracht find (seit I960), eine Volksküche (seit 1902), emen Kinderhort (seit 1905), zur Ausenrhaltsstätte der Schulkinder während drr schulfreien Zeit bestimmt, und ein Säuglingsheim. Auf Grund solcher umsasiender Leistungen dürste die Anstalt wohl berechtigt sein, an alle Schichten unserer Glaubensgemeinschaft mit der Bitte um Mitarbeit an dem großen Werke sozialer Fürsorge heranzutreten. DieS um so mehr, alS das Betätigungsfeld der Anstalt nicht nur die hieflge Slabt, sondern ganz Deutschland umfaßt. Hamburg, 12. Sept. Bom israelitischen Hilfskomitee übernommen wurden 20 jüdische R ü ck w anderer, die völlig mittellos mit dem Hamburger Dampfer „Silvia" von London hier emgetroffen find. „Silvia" sowie die englischen Dampfer „Stockport" und „Lutterworth" haben 200 Rückwanderer aus Amerika mitgebracht, die nach der Landung sofort mit der Bahn in die Heimat gereist find. Giebelstadt (Unterfrankcn), 10. Sept. Bor einigen Togen wurde in unserer kleinen Gemeinde ein seltenes Fest gefeiert. Ungefähr 3 Jahre find es her, daß unsere Synagoge wegen Baufälligkelt geschloffen werden mußte. Mit vieler Mühe und großen Opfern ist es uns gclungenj eine entsprechende neue Synagoge zu bauen, welche am 31. August in würdiger Weise eingeweiht wurde. Die politische Gemeinde nahm regen Anteil daran, indem die Einwohner ihre Häuser beflaggten und stch sowohl bffm Zug; als auch tn d er Synagoge mit ihren jüdischen Mitbürgern vereinigten. Vor dem Tore der Synagoge trug die Tochter des Vorstandes, Frl. Schmidt, einen Prolog vor und überreichte den Synagogenschlüsfel dem Bürgermeisterderselbe hielt eine Ansprache, in < der er den Opferfinn der Gemeinde lobte und übergab den Synagogenschlüffel Herrn Distrikts- Rabbiner Bamberger aus Würzburg, Verweser des Rabbtnais Kitzingen. Nach den üblichen Umzügen der Thorarollen und nachdem Herr Vorstand Schmidt die Anwesenden begrüßt hatte, hielt Herr Rabbiner Bamberger die Einwethunqsrede, die zu Herzen aller Anwesenden ging. Bom Gotteshause aus bewegte fich die grm-e Festversammlung unter Mufikbegleitung in , cm Gasthaus zur geselligen Unterhaltung Alle Anweaus v.n nah und fern sich der außerordentlich sende, worunter viele Fremde befanden, waren sehr befriedigt gelungenen Feier. St. Kreuz (Elsaß), 10. Sept. Der hiesige Metzger Josef Husson wollte im Schlacht hause zu Markirch einen Ochsen töten und zwar auf die seit Jahren übliche Weise mittelst einer Platzpatrone. AlS nun Husson die Patrone durch Hammerschlag zum Entladen brachte, drang die Krnel tem Metzzec auf unerklärliche Weile m die Brust und durchbohrte ihm das Herz, sodaß der Tod des Unglücklichen nach wenigen Minuten eintrat. Kassel, 4. Sept. Für ein in Kaffel zu errichtendeisraelitisches Krankenhaus find von Frau H. Oppenheim von hier 10000 Mark geschenkt worden. Linsen i. Hannover, 10. Sept. Was schon seit langer Zelt zu befürchten stand, das wird jetzt hier zur Tatsache. Die Kgl. Regierung zu Osnabrück beabsichtigt die hiesige Elementarlehrerstelle aufzulassen. Der der< zeitige Stelleninhaber soll mit einer Schulstelle im Osten betraut werden. In der Gemeinde Ltngen wird man sehr bald rinsehen lernen, welche materiellen und tdeellm Nachteile die Auflösung der jüdischen Volksschule nach fich zieht. Die hohe Bedeutung derselben für das jüdische Gemeindeleben wird man erst dann zu würdigen verstehen, wenn man sie entbehren muß. Metz, 5. Sept. Am Sonntrg, den 3. September fand hier eine von Vertretern jüdischer Gemeinden in Loti^- rtng^n und Luxemburg xutbcsaäfte Vrrsamv'lung patt, in welker Herr Chatm aus Köln einen Vortrag über die „Wanderarmenfürforge" hielt. ES wurde dann eine Provinztalkasse für Wvnderarme unter, dem Namen „Armen-Z-ntral-Verk and" begründet. Zugleich wurde der Beschluß gefaßt, fich der 1910 gegmndeten Deuts che «Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge anzuschließen. Paris, 12. Sept In Ergänzung seines auch von unS in letzter Nummer wieder gegebenen telegraphischen Berichtes aas Aid in teilt der Alliancevertreter bortselbst Über die dortige Bran^katastrophe u. a. noch folgendes mit: > .3 Das Feuer ist mittags 1 Uhr in dem nahe am ßm Jubenviertel gelegenen Hause einer Mohammedanerin ausgebrochen. Die Spritze unser.s „Chewra-Kadtscha-Bereins" war sofort an der Brandstärte. Unglücklicherweise fehlte es an Master, sodaß bei dem heftigen Wind das Feuer fich mit unglaublicher Schnelligkeit verbreiten konnte. Im Verlauf Von zwei SMNdm bildete daganze Judenviertel einen einzigen großen Feuerherd. Beinahe 400 Häuser find während dieses kurzen Zeitraums vollständig zerstört wordendann sprang das Feuer auf eines der Türkenviertel über und vernichtete auch hier mehr als 100 Häuser. Bon unseren Glaubensgenossen find heute fast 6 00 Familien ohne Oboach. Man muß bedenken, daß hier, wie in den meisten anderen Städten das Juden« viertel gemeinhin nur vondenAllerärmsten bewohnt wird. Die Not, die Teuerung, die ungesunde Gewohnheit, tn dichten Gruppen eng beisammen zu wohnen, haben immer sehr große Uebel im Gefolge, d.nen beizukommen außerordentlich schwer, ja beinahe unmöglich ist In Zetten von epidemischen Krankheiten ist die Ansteckungsgefahr in diesen ungesunden Wohnungen ganz ungeheuer groß, und nicht geringer sind de Gefahren beim Ausbruch von FeuerSbrünsten. Das haben wir leid.r eben wieder erfahren. Außer vier Synagogen find 400 Häuser verbran t und ihre Bewohner haben all ihre geringe Habe verloren. Sodann werden im Berichte das hilfreiche Entgegenkommen der Behörden wie dis rasche Eingreifen privater Wohltäter zur Linderung der unbeschreiblichm Elends rühmend hervorgehoben. Paris, 8. Sept. Bor kurzem kamen in Marrak e s ch mehrere Rabbiner zu einer Beratung über religiöse Angelegenheiten zusammen. Den Abschluß der Beratungen bildete ein Ausflug in die Umgebung der Stadt, an welchem stch auch zahlreiche Mitglieder der Marrakescher Judengemeinde beteiligten. Ungefähr eine Meile von der Start wurde die Gesellschaft von einer bewaffneten maurischen Räuberbande überfallen und aller ihrer Habseltgkeiten beraubt. In dem Kampfe mit den Räubern wurde ein Rabbiner erschaffen. Daruvar (Kroatien), 13. September. Hier wurde gegen den Willen des Rabbiners Dr. Frankfurter in der Synagoge ein Harmonium aufgestellt. Als am Freitag abend da8 Harmonium zum ersten Male ertönte, erklärte der Rabbiner, daß er nicht eher wieder am Gottesdienst teilnehmen werde, bis das Instrument wieder entfernt sei. Darauf verließ er das Gotteshaus. Der größte Teil der Gemeinde steift auf fetten des RaV- . biners und hält diese Kultusreformierung für eine unerhörte Vergewaltigung der orthodoxen Majorität. v*l Ä Ä Uminswescn. Frankfurt a. M., 20. Sept. Ter soeben mit £ 9 Illustration aus dem Leben der Anstalt erschienene ß Bericht des Allgemeinen jüdischen Kranken- J Hauses „Schaare Zedek" tn Jerusalem über 8 die Betriebsjahre 1908-1911 teilt U. u. mit, daß mehr; als 150 größere Operaüonm in den jüngsten 3 Jahren - in dem modern auSgestatte ien OpecotionSfaal der ■% Anstalt, mit erdenklich besten Resultaten ausgeführt wurden. Da die zur Verfügung stehenden Mittel ß bet weitem nicht ausreichen, alle diejenigen aufzunehmen welche Spitalbehandlung nötig haben, können nur die 4 allerschwersten Fälle ausgenommen werden, aber leider ist |

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.