Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1911)
- Date
- 1911-09-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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' serlicher Huld in diese schwer heimgesuchte Stadt hineinleuchten und etwas versöhnend und einigend auf die erregten Gemüter wirken. Die Hoffnungen schienen sich zu erfüllen, als es nach vielen Mühen und Anstrengungen der jüdischen Gemeinde gestattet wurde, sich durch eine Deputation am Empfange zu beteiligen. Am 12. September wurde auch diese Deputation, gleich den Vertretern der anderen Konfessionen, in verhältnismäßig freundlicher Weise vom Kaiser empfangen. Der Führer der Deputation, Kronrabbiner Dr. Hnrwitz, richtete an den Zaren eine Ansprache, in der er zunächst seinen Dank aus sprach für die Ehre, die der Kiewer Judenheit durch die Erlaubnis, sich dein Throne nähern zu dürfen, zuteil ward, und sagte dann wörtlich: „In jedem jüdischen Gotteshause, ob es ein Prachtbau oder ein kleines entlegenes Bethäuschen ist, überall erheben wir Juden allfabbathlich unsere Hände zu Gott, von dem wir Schutz und Beistand für das, kaiserliche Haus erflehen. In diesen Gebeten drückt sich in sinniger Weise die Treue zu Kaiser und Vaterland aus, wie sie uns unsere Religion und das patriotische Empfinden zur heiligen Pflicht machen." Nach dieser Ansprache überreichte der Rabbiner dem Zaren eine mit kostbarem Schmucke versehene Thorahrolle, die der Monarch mit einigen Worten des Dankes und der Versicherung seines Wohlwollens annahm. Unter der jüdischen Bevölkerung herrschte große Freude und Genugtuung über den Verlauf dieses Empfanges, und es ist sehr bezeichnend, daß zu der Galaaufführung im Theater, die ein so tragisches Ende genommen hat, zum ersten Male seit vielen Jahren auch einige jüdische Notablen mit Einladungen beehrt worden sind. Und nun diese plötzliche traurige Wendung. Gleich nach Bekanntwerben des Attentats am Donnerstag Abend ahnte man nichts Gutes. Die Angst steigerte sich zur Panik, als man von der jüdischen Abstammung des Meuchelmörders hörte. Und man hatte sich leider nicht getäuscht. Denn ' schon die in der Nacht erschienenen Extrablätter der nationalen Presse verbanden mit den ersten Mitteilungen über das Verbrechen eine mehr oder weniger offene Aufforderung zu einer Revancheschlacht gegen die Juden. Am Freitag vormittag veranstaltete der Echtrussische Verband einen Vitt- und Dankf ütesdrenst in der Hauptkirche, der von vielen ausenden besucht war. Dieser Gottesdienst schloß mit einer feierlichen Prozession durch die ganze Stadt, bis zum Denkmal des Chmelnitzki, wo dann vor einigen Führern des Verbandes, mit feimuei#- auf biefert großen Judenfchlächter des Mittelalters flammende Hetzreden gegen die Inden gehalten wurde. Da man aus Erfahrung weiß, welches Ende mit Schrecken Kirchenumzüge in solch erregten Zeiten nehmen, so bemächtigte sich der Kiewer Judenheit beim Anblick der Kirchonfahnen eine buchstäbliche Todesangst, die in den letzten Tagen ungeschiwächt ünhielt. Indessen geschah vorerst nichts. Man vermutet, daß. die Agitatoren des Verbandes sich, solange der Hof hier weilt, noch einige Beschränkung auferlegen wollen, und man sieht daher voller banger Verzweiflung dem Tage entgegen, an, dem die hohen Gäste die Stadt verlassen. Bis dahin zeigte auch die Polizei das Bestreben, die Ruhe zu erhalten. Ob sie es auch noch ferner tut? Das Vertrauen in der jüdischen Bevölkerung zu den Stadtbehörden ist nicht stark. Massenhaft verlassen die Juden die Stadt, und das gesamte Geschäftsleben ist ins Stocken geraten. Man darf ohne Uebertreibung sagen, daß diese stete tägliche und stündliche Erwartung der Ausschreitungen dem Schrecken eines Progroms selbst gleichkommt. Als die ersten günstigen Mitteilungen vom Krankenlager Stolypins bekannt gegeben wurden, schien es so, als wollte eine leise Beruhigung in die Stadt einziehen, sie schwand aber, als sich der Zustand des Patienten verschlimmerte. Unsägliche Bestürzung rief aber die vor einigen Stundeil verbreitete Nachricht vom Tobe des MinisterPräsi.dentest hervor. Eine förmliche Stadtslucht hat unter der jüdischen Bevölke rung eingesetzt, und die, welchen der 9Wug nicht möglich ist, suchen, so gut es eben geht, der Gefahr zu begegnen. Die Lage ist eine höchst gespannte und die Poltzeipatrouillen, die die ^tadt inr verstärkten Maße durchstreifen, wirken eher beängstigend als beruhigend. Möge sich die Angst als übertrieben eriveisen. * * * Tie letzten uns zugegangenen Nachrichten aus Kiew lauten: Am Dienstag ist die Kaiserfamilie nach Se tuaftopol abgereist. Es verlautet, daß der Zar beim Abschiede dem Generalgonverneur ans Herz gelegt hätte, es unter keinen Umständen zuzulas seu, daß die Eh^re des Landes und des Toten durch blutige Ausschreitungen entweiht werde. Auf jeden Fall gewinnt man den Eindruck, daß es der: Behörden diesmal rnit den Maßnahmen gqgen die Pogrome vorläufig wenigstens sehr ernst ist. Einzelne besonders brutale Gewalttaten konnten sie indessen nicht verhindern. Unmittelbar nach der Abreise des Zaren zog heute eine wütende Bande von etwa 30 Mann vom Bahnhof nach den von Juden bewohnten Straßen und mißhandelte jeden des Weges kommenden Juden. Einem ahnungslosen jüdischen Studenten wurde der Schädel eingeschlagey. Auch zwei junge Kaufleute gerieten in die Hände der Horde, einer wurde in grausamster W^ise getötet, der andere lebensgefährlich verletzt. Am Freitag soll unmittelbar nach der Beerdigung des Premiers eine Massendemonstration der ^schwarzen Hunderte" stattfinden, deren Ankündigung neuen Schrecken in dm jüdischen Kreisen verbreitet. Wem es irgend möglich ist, verläßt die Stadt, in deren Straßen die bleiche Angst leise schleicht und alles Lebm erstickt. Qförfe« t. Das öröijrabbinaf und die öuftände. in Jerusalem, n. Koustantinopet, 27. Aug. Großrabbiner Haim Nahoum kam nicht nach Jerusalem, um eine gesetzliche Wahl anzuordnen oder durchzuführen, sondern um den Salonikier Großrabbiner Jakob Metr an Ort und Stelle zu ernennen und ihn mit der Würde eines Chachambaschi von Jerusalem, die ihm 2 Jahre früher entzogen wurde, zu bekleiden. Nahoum hatte ein fertiges Programm in der Tasche. Warum er diesen Gewaltakt um jeden Preis durchsetzen wollte, darüber sind die Meinungen verschieden. Es wird behauptet — heute kann dies nicht mehr nachgewiesen werden —, daß er den talentierten, poltttsch klugen und auch talmudisch gebildeten Rivalen nicht in seiner Nähe haben mochte,' daß er ferner seinen gelehrten Schwiegervater Damün, der seinerzeit auch auf die Stelle des hiesigen Großrabbiners aspierierte, durch Versetzung nach Saloniki versöhnen und damit auch einigen einflußreichen Gegnern Jakob Meirs in Saloniki einen Liebesdienst erweisen wollte. Dies alles war aber nur möglich, weil Antebi nicht aufgehott hatte, Herr der Situation zu fein und weil er die bescheidene Ambition hatte, dies auch durch ein eklatantes Beispiel der jüdischen Welt gegenüber zu demonstrieren. Antebi blieb übrigens konsequent. Jakob Meir als Chachambaschi von Jerusalem war der Mann seiner Wahl. Bor drei Jahren war ihm die Sache nicht gelungen. Nicht so sehr die religiösen Gegner Jakob Metrs als vielmehr die stille aber zielbewußte Minierarbeit der Jerusalemer Bne-Brith-Loge, die an dem ehemaligen Bruder Jakob Meir eine alte Bundessünde zu ahnden hatte, hatten den Busenfreund Antebts zu Falle gebracht. Das alles sollte jetzt besser gemacht werden. In Begleitung des Großrabbiners Nahoum befand sich der einflußreiche Millionär Modiano aus Saloniki. Dieser Herr hat im Interesse der grrten Sache den Gegnern Jakob Meirs t 1i >■111 erst geschmeichelt, nachher gsbroht, eingeschüchtert und schließlich erreicht, daß sie ein Dokument unterschrieben, in welchem Nahoum ermächtigt wird, einen Großrabbiner für Jerusalem nach feinem eigenen Gutdünken zu ernennen. Eljaschar und Panisel haben diese famose Urkunde nicht unterschrieben, obwohl Herr Mordiano letzterem wieder mit Verbannung gedroht. Es war ein intereffantes Schauspiel, aus dem Munde des Herrn Modiano, eines Mitgliedes der Salonikier Kultusrepräsentanz, zu vernehmen, welch ein großer, weiser u«o in allen Beziehungen ausgezeichneter Mann Rabbi Jakob Meir sei und welch ein Opfer die Salonikier Gemeinde für Jerusalem bringe, wenn sie ihrem Großrabbiner den Scheidungsbrief gebe. Doch er müsse selbst etnsehen, baß seine Gemeinde dies Opfer bringen müsse, weil Rabbi Jakob Meir der einzige befähigte Mann sei, der die Ordnung in Jerusalem herzustellen imstande ist. A propos! Die gesetzliche Wahl. Eine solche — meinte jetzt der konstitutionelle Großrabbiner der Türket — sei nur notwendig bei der Anstellung eines religiösen Oberhauptes in der Haupt- und Residenzstadt des Reiches, nicht aber für die Chachambaschiwahlen in anderen Städten der Provinzen. Haim Nahuom Üiteb aber bei feinem Entschlüsse, keinen Jerusalemer zu ernennen. Jakob Meir betrachtete er nicht für einen Jerusalemer, weil er schon drei Jahre in Saloniki wirke. Die heilige Stadt hatte also wieder ihren konstitutionell ernannten Chachambaschi. Für den Augenblick war der Staatsstreich wieder gelungen. Der Großrabbiner bereiste auch noch andere Städte Palästinas und Syriens und ohne Skrupel sistierte er überall, wo es Streitigkeiten gab — und leider mangelt es an solchen nicht in mehreren Gemeinden — das Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden und besetzte die Rabbinaisstühle im Wege eigenmächtiger Ernennung mit stellvertretenden Chachambaschis, Ernennungen, die sich jedoch in der Regel als illusorisch erwiesen. Nun ist die Chüchambaschi-Frage von Jerusalem auf einen toten Punkt angeiangt. Jakob Meir hat den Versicherungen Nahoums, daß man in Jerusalem mit Sehnsucht seiner Installation entgegensehe, kein Vertrauen entg gengebracht. Auch in Saloniki hat es sich herausgestellt, daß das Groß der Gemeinde nicht gesonnen sei, den Machtbegierden Modtanos und Konsorten zu fröhnen. Und in Jerusalem hat es sich erst recht gezeigt, mit welchem sittlichen Ernst die Machthaber und Führer der herrschenden Partei die Würde des Großrabbinats behandeln. Der gestrenge Herr Antebi hat es nicht der Mühe wert gefunden, Rabbi Jakob Meir, der, wenn er auch die Rabbinerstelle von Jerusalem nicht angenommen, doch immerhin der würdige Großrabbiner von Saloniki ist, mit einem Besuch zu beehren. Antebi schmollt, und daS wird nichts Gutes bringen. Was nun folgt, erfahren wir aus den neuesten Nummern der Jerusalemer Zeitungen, die uns die Verirrung und Verwirrung in trostlosen Zeichnungen schildern. Einige Tage bevor Jakob Meir nach Jerusalem kam, depeschierte Grotzrabbiner Nahoum an Antebi, man verlange in Jerusalem telegraphisch, daß er seinen Sekretarius Chacham Chako als stellvertretenden Großrabbiner nach Jerusalem entsende. Antebi depeschierte, daß man Chako nicht akzeptiere, doch möge er einen der Rabbiner von Crajova oder Smyrna als Baktl Chachambaschi schicken. Inzwischen war Jakob Meir in Jaffa gelandet und von Antebi wurde die Parole ausgegeben, daß keinerlei Empfang ihm zu Ehren veranstaltet würde. In Jerusalem werden sonst auch ganz unbedeutende Ankömmlinge mit allen Ehren empfangen. Die Chachamim von Crajova und Smyrna zogen es vor, auf die mit Füßen getretene Würde des Jerusalemer offiziellen Rabbi nats zu verzichten. In Jerusalem selbst ist man des Kampfes müde und es geschieht dort heute noch mehr als je nur das, was Antebi will. Er selbst befindet sich aber in größter Verlegenheit, denn er findet keinen ihm paffenden Kandidaten für die Stelle eines Großrabbiners von Jeru-