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Der Israelit · 1911-09-21 · Heft 38 (21.9.1911) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 38 (21.9.1911)
Date
1911-09-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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■•isr - .-••• 'J'T ttl 'j-. . 1- ^-—-- geholfen und mich durch seine neckisch-geistvollen Phantasien (neckisch, weil sie so ernst sich geben, 2?^ geistvoll, weil sie so unwahr sind) einfach köstlich amüsiert hat. Nicht als ob ich ein Dickhäuter wäre und antisemitische Rüpeleien nicht als störendes Kunstfehler empfände! Gegen einen solchen Verdacht muß ich mich nachdrücklichst verwahren und mich ernstlich meiner Haut wehren, die so empfindlich ist wie nur irgend eine. Und wirklich finde ich es gar nicht schön von Werner Somhart, wenn er dem bereits früher erwähnten alten Zechinensammler solch unfromme Gedanken einblast, wie ich sie oben zitiert habe, oder wenn er etwa gestehen zu müffen glaubt, daß ihn die Kasuistik des jüdischen Ehegesetzes mit Ekel erfüllt habe. Letzteres nehme ich ihm sogar ganz besonders übel und zwar aus verschiedenen Gründen. Erstens hätte er solch einen starken Ausdruck vermeiden sollen, der beinahe an strafrechtlich verfolgbare Religionsbeschimpfung grenzt und zum mindesten als roh zu bezeichnen ist. Zweitens hätte er. mit Fug bedenken sollen, daß nun einmal der Mensch kein ausschließlich ätherisches Wesen ist und nichts nur der Talmud, sondern auch der Arzt, der Jurist, ja selbst jeder umfassende Nattonalökonom zuweilen nicht umhin kann, die weitere Oeffentlichkeit auszuschlteßen, daß es aber zum mindesten geschmacklos ist, sich erst in den der weiteren Oeffentlichkeit untersagten Räum einzuschleichen und dann mit allen Zeichen des Entsetzens überall herumzuerzählen, es sei ekelhaft gewesen. Die Kasuistik des jüdischen Ehegesetzes ist sowenig wie jedes medizinische Lehrbuch für einen Aestheten geschrieben, und vom Standpunkt des Aestheten ist *der Mensch überhaupt nur mit Vorsicht und höchstens zur Hälfte zu gouttteren. Armer Sombart! Wie oft und in wie viel täglich wiederkehrenden Lebenslagen, die eines Aestheten gar sehr unwürdig sind, muß er nicht schon sich selber — ekelhaft erschienen sein. Es tut mich baß verwundern, daß er, der so ganz ätherisch, überhaupt nicht die Ketten längst schon durchschnitten hat, mit denen ihn ein widrig Geschick an die ach so unästhetische Maschine gefesselt hat, die man den Leib benennt. Wie kann man nur!-Und was würde Sombart erst sagen, wenn er wüßte, (schade, daß das seiner Findigkeit entgangen und daß selbst seine Egeria, genannt Jakob Fromer, ihn nicht darauf htngewiesen), daß die seligen Weisen selbst an die schnödeste aller Situationen, tn die ein Aefthet geraten kann, und die, wie bereits zartest angedeutet, täglich sich wiederholt, ein — Gebet geknüpft haben, dessen tiefe Andacht die durch derarttge Naturereignisse im innersten Kern verwundete ästhetische Seele nimmer wird fassen können. Ja ja, das Judentum ist eben eine komische Einrichtung.- Zum dritten und letzten glaube ich nicht einmal, daß unser geschätzter Amor wirklich einen solch furchtbaren Ekel empfunden hat. Ihm ist auch hier, wie so oft (und das amüsiert mich nun einmal) die ästhetische Pose, die seigneuriale Miene die Hauptsache. Hören wir ihn selber; „Ich hatte das Thema (die Kasuistik des Ehegesetzes nämlich) in meinem Manuskript erschöpfender abgehandelt, empfinde aber beim Anblick der gedruckten Wotte einen solchen Ekel, daß ich im Interesse meiner Leser diese Stellen aus dem Satze herausnehme." Ist das nicht köstlich? Ist das nicht rührend? Herr Sombart vertieft sich zunächst in die ihm völlig ftemde Materie, nnd es wird ihm nicht schlecht dabei. Herr Sombart bearbeitet alsdann in selbständiger schriftlicher Abhandlung den Gegenstand, und er verspürt noch immer keine Uebelkeiten. Er übergibt das Manuskript dem Drucker (wie mag es dem armen Setzerlehrling ergangen sein?) und hat noch keinerlei Gewissensbisse. Aber jetzt, jetzt kommt das Schreckliche: Herr Sombart erhält den Korrekturbogen, er liest, was er geschrieben — und nun ist's um ihn geschehen. Nein, nein! Das kann er seinen Lesern nicht zumulen, das kann er, der für ihre Unschuld einzustehen'hat, unmöglich verantworten, und schnell entschlossen läßt er die Stellen aus dem Satz herausnehmen. „Me pikant", denkt sicher mancher Leser, der sich hoch geehrt fühlt, sein Interesse so sorgsam wahrgenommen zu sehen — aber auch: „Wie schade", mag mancher enttäuscht seufzen. — Was wohl aus dem armen Manuskript geworden ist, das zum Licht der Oeffentlichkeit nicht heranreifen durfte? Ob es wenigstens Sombarts — Freunde gelesen haben („und die kennen sie ja")? Sollte es sich nicht am Ende doch lohnen, Sombarts Freund zu sein? (Fortsetzung folgt.) LCfQ. ComipoiKknzen u. Nachrichten. (Bon Berliner Briefin. unseren Korrespondenten.) E. B. Berlin, 9. Skpt. Der bedeutsamste Beschluß auf kulturellem Gebiet, den die Repräsentanten-Versammlung der hiesigen jüdischen Gemeinde im ersten Halbjahr faßte, war, wie bereits hervorgehoben, die Umgestaltung des Gottesdienstes in den SynagogenmitOrgel in folgenden Punkten: „1. Es wird eine Verdeutschung (!) der Thorgvorlesung unter Beibehaltung des bisherigen dreijährigen Zyklus eingeführt. 2. Bis zum Erscheinen einervon der j üdi s che n Ge m ei n de zu Berlin als mustergültig anerkannten Bibelübersetzung (!) gibt der fungierende Rabbiner eine eigne, möglichst genaue Uebersetzung des vorgelesenen Thoraabschnittes mit Ausschaltung der in besonderem Verzeichnis zusammengestellten Stellen, die von der genlischten Deputation für den deutschen Vortrag als ungeeignet erklärt worden sind. 3. Tie Gemeinderabbiner sollen ersucht werden, auf Grund des von der gemischten Teputation vorgelegten Kanons der bei der Verdeutschung der Thoravorlesung sortzulass enden Stücke eine Neueinteilung des diesjährigen Turnus in der Weise vorzunehmen, daß die Anzahl der Sabbate, an denen sich der verlesene Bibeltext sich nicht für eine Uebersetzung eignet, auf ein Minimum reduziert wird. 4. An denjenigen Sabbathen, an denen trotzdem eine wortgetreue Uebersetzung unterbleiben muß, soll Schristerklärung stattfinden und ihr, soweit möglich, eine auszugsweise freie Uebertragung des Thoraabschnittes vorausgeschickt werden. 5. Tie Uebersetzung der Thoravorlesung wird in unmittelbarem Anschluß an die Thoravorlesung, nicht als Einleitung zur Predigt vorgetrageu. 6. Zur Verkürzung des Gottesdien st es werden die folgenden Aenderungen vorgenommen: s) an Sabbathen und Festtagen beginnt der Hauptgottesdienst mit En Komaucho, au Festtagen mit Hallet; das Schacharith-Gebet wird in einen besonderen Frühgottesdienst verlegt. Am Neujahrs- und Bersöhnungssest verbleibt es bei dem bishergien Zustand; b) an Sabbathen vor dem Neumond, au denen Einsegnungsseiern stattfinden, wird der Schlußsatz des Gebets des Rabbiners bei der Neumondsweihe. „Es wird fürder nicht untergehen usw." nicht wie bisher zweimal vom Chor gesungen, sondern einmal vom Rabbiner gesprochen; c) die Tempi für die Vorbeter sollen genau sestgelegt werden; ö) an Sabbathen sind 7, an Festtagen 5 Herren zur Thora auszurufen, von diesen Zahlen darf nur zugunsten der Barmizwoh-Knaben abgewichen werden; 6) die Gemeinderabbiner sollen ersucht werden, die Zeit der Predigten an Sabbaten möglichst auf 20 Minuten zu beschränken: 1) sämtliche vorstehenden Beschlüsse gelten nur für die Orgel-Synagogen." Ich habe absichtlich im Vorstehenden diesen neuesten .„Minhag-Berlin-Orgelsynagoge" wortgetreu mitgeteilt, weil dieses document humain es verdient, vor der Vergessenheit bewahrt und der größeren Öffentlichkeit unterbreitet zu werden. Der Beschluß der Repräsentanten nennt sich „Umgestaltung des Gottesdienstes" und vermeidet es, trotzdem er sonst die Fremdwörter nicht scheut, das einzig treffende Wort „Reform" zu gebrauchen. Wird der alte Siddur, der alte Minhag verunstaltet und verstümmelt, so nennt man das, wie es scheint, Reform; verdeutscht man dagegen die Thorahvorlesung — wer dächte dabei nicht an jenen Bochur, der sich „den Schiller verlatschte"?! — so nennt man düs Umgestaltung! Mer ob Reform vder Umgestaltung: Kiesw Pdschluß gibt, fteilich ungewollt, nur allzu deutlich den „Alten" Recht, die es vorhiersagten, daß es in der Reform keinen Halt geben, der Ritus von heute nicht der von morgen sein werde, daß den Schäden, denen sie steuern wolle, durch ihr Vorgehen gewiß nicht abgeholsen, sondern immer neue, weitergehende Schritte dem ersten folgen würden. So grotesk es klingt — und des grotesken Klanges halber wurde wohl auch das Wort vermieden —; heute sind wir schon bei der „Reform der Reform" angelangt,' von dem „Alten" ist schon ausgemerzt, was nicht niet- und nagelfest war; nun gehts an die Umgestaltung des nicht mehr zeitgemäßen Reform^ ritus in eine den Bedürfnissen des Tages besser genügende Form. Wo das enden wird? Nun, der Ritus Fasanenstraße wirds beweisen, welche ungeahnten Möglichkeiten sich auf diesem Gebiete noch eröffnen. Ja, die Reform von gestern ist heute nicht mehr zeitgemäß. Warum, das zeigest die Grundlinien der neuen Umgestaltung. Sie berücksichtigt zwei Gebiete: die Thorahvorlesung und die Gottesdienstzeiten, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Mer in Wahrheit liegt beiden dieselbe Tendenz zu Grunde: festzuhalten die Elemente, die in einem — lang ist es her — jüdischen Milieu geboren und erlogen, für eine radikale Reform, die mit dem Hebräischen ganz ausräumt, nicht zu haben sind und, wenn sic schon einmal ihr Gotteshaus auffuchen, mit der Minute nicht geizen. Und andererseits die Kreise nicht abzustoßen, deren Judentum nur noch ein blasser blutloser Schemen, die nie ein lebensvolles, lebenskräftiges Judentum! kennen lernten, die mitten aus dem Erwerbsleben sich für eine knappe Stunde herauSreißen, um aus dieser oder jener Rücksicht an Sabbathen und Festen im Gotteshause zu erscheinen urü> denen die Alltagsarbeit, aus der sie fortstürzten, die Alltagsstimmung, die sie mit sich tragen, ein Warmwerdcn im Gottesdienste versagt. Jenen konzediert man den kastrierten dreijährigen Zyklus der Thorahvorlesung; für diese, denen das hebräische Wort ein unverständlicher Lautekomplex ist, hat man die „Verdeutschung" zur Hand; und damit durch diese Neubelastung die Geschäftszeit Gott behüte nicht verkürzt werde, entlastet man den Gottesdienst, indem man das Schacharisgebet in einen Frübgottesdienst verlegt, an dem außer den Funktimlären nnd den Minjanleuten wohl nur selten ein Neugieriger teilnehmrn wird. Hat die Orthodoxie nun Grund und Anlaß, diese „Umgestaltung" zu bekämpfen? An und für sich eigentlich nicht. Sie bringt dem Reformgottesdienst dasjenige Maß von Ächtung entgegen, das der unständige Mensch für diejenigen Einrichtungen übrig hat, in denen sich ideale, wenn auch mißverständliche Regungen anderer Menschen eine Ausdrucksform suchten und schafften. Aber — und es erscheint sehr an der Zeit, daß wieder einmal mit aller Schärfe und Unzweideutigkeit auszusprechen —, so wenig der gesetzestreue Jude eine Kultusstätte, die aus dem christlichen Rituale die Orgel hinübergenommen hat als ein flDJ2H JT2 als EJJJö VHp o anerkennen kann und darf, so und noch viel weniger kann er einen Liitus, bei dem Frauenstimmen die Weihe des Gebets — der ärgste Schlag ins Gesicht wahrer jüdischer Sitte — „erhöhen"; in dessen Gebeten die Erinnerung an JeruscholajiM, dre Hoffnung auf Wiedererrichtung des Heiligtums, der Glaube an den persönlichen MoWach, des IYI2K rVDT'u. s. w. gestrichen oder verstümmelt sind; dessen Anlage auf LebeMmschaiuungen sich aufbaut, die außerhalb des.Religionsgesetzes liegen, als die von der Thora erforderte JTTDJJ 2^2 als anerkennen. Drum, ob das Hebräisch in diesem Ritus immer mehr zurückgedrängt, ob das Schacharis-Gebet dort auf den Aussterbeetat gesetzt wird: es Mag uns so wenig berühren, wie die welterschüttericke .Festsetzung, daß der Satz „es wird fürder nicht unteraehen usw." künftig nicht mehr zweimal vom Chor, foi kv tei M in sta bei Nli St an jer in un vei ta Hl Bc Bc Ar He El! die in tao Sc He Sc ent ko mil W, Wc me St die kn W, W, des me für Tä 1. Be Au tur mis Au usu für Tä! res Sti Na ein« übe an daß AM mig wes drei Her zur des neh ver, die ents wm Krb stan nur tenk grü gen, 9es .V- ■■■: r».' -<•- v . ■/

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