Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1911)
- Date
- 1911-09-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Wer Mtte in das graue ungewisse Glend zie- Hvn sieht, die das ganze IW hindurch unter der niederschmetternden Wirkung einer Ritualnrordhetze leben und leiden mußte, wird wiederum schwere Tage zu durchleben haben. Hoffen wir, daß, ihr eine gütige Vorsehung auch über diese Zeit der Gefahr hinweghilft, und daß ein Strahl der ewigen göttlichen Wahrheiten, wie sie gerade in diesen Tagen in unseren Gotteshäusern ihren herrlichen Ausdruck finden, auch in ihre finstere Umgebung dringe, ein Strahl der Einsicht und Erkenntnis, die der in so mannigfachen Formen dort waltenden dunklen Gewalt der Bosheit ein jähes Ende bereitet. Ueberall aber, wo jüdische Herren schlagen, sollte das tränenreiche G e schick unser er ru ssis che n Brüder, das man ja mit gutem Recht als das Geschick des eigentlichen Kernes der jüdischen Gesamtheit 'bezeichnen darf, am Tage des großen Gedenkens den die Gotteshäuser füllenden Betern vor der Seele stehen! m^S nv — die qualvolle Angst um Leben und Eigentum, die furchtbare wirtschaftliche und geistige Not, unter deren Druck dort Millionen treuer dhi.t seufzen, sie sollte uns als unsere eigene in den Augenblicken wenigstes ergreifen, in denen wir vor Gott den Flitter unserer kleinlichen Persönlichkeits-Interessen abschütteln und uns als Glieder des oy mit dem Betvußtsein unserer jüdischen Gesamtheitsaufgaben durchdringen. Zurnp-iitt n7£n rbi:- n ruft der.Schäfer, ruft mächtig aber auch mit Schoferftimme, die grauenvolle Golußnacht im Osten. .Dwav wist 7y *ok ]y^n7 u? f'-ti Sombart und die Juden. Von Referendar Dr. Jsaae Breuer. III. Den Einfluß der Juden auf die Entwicklung des Kapitalismus wird man allerdings überaus hoch anschlagen müssen. Allein, sieht man in kapitalistischer Wirtschaft sowohl wie in kapitalistischer Gesinnung wesentlich einen fast notwendigen kulturellen Differenzierungsprozeß, so wird man diesen Einflnß der Juden im Grunde durch die Erwägung hinlänglich geklärt finden, daß sie als Träger einer weit älteren und reiferen Kultur zu den jugendlichen Völkern des Nordens verschlagen wurden, denen sie naturgemäß um Jahrhunderte voraus waren. Man darf eben nicht vergessen, daß der Eintritt der Germanen in die Geschichte, der durch die Zertrümmerung des Römerreichs gekennzeichnet ist, geradezu eine kulturelle Katastrophe bedeutet und die Länder des Mittelmeeres um Jahrhunderte kulturell zurückwarf. Da waren, vielleicht wenn man von der Kirche abfieht, die Juden das einzige Volk, das in geradlinigem kulturellem Fortschritt verblieb und die gesamte wirtschaftliche Erfahrung des Altertums ins Mittelalter hinüberrettete. Die Juden sind eben das älteste Kulturvolk der Welt. Man mache sich nur einmal klar, was beispielsweise die Tatsache, auch wirtschaftlich, zu bedeuten hat, daß bei den Juden das Analphabetentum feit Jahrtausenden überwunden war, indes die Völker Europas erst im 19. Jahrhundert allmählich zu diesem Höhepunkt zu gelangen sich anschickten. Die unendlich hohe Bedeutung der Juden im Kulturprozetz Europas beschränkt sich ja auch keineswegs auf die Wirtschaft. Sie ist in den reinen Getsteswiffenschaften nicht minder wirksam, da auch hier die Juden berufen erscheinen, oen verlorenen Zusammenhang zwischen Altertum und Mittelalter wieder herzustellen. Sie schreiben Geschichtsbücher zu einer Zeit, da ihre Wirtsvölker nur armselige Chronik« kennen, meditieren über die tiefsten philosophischen Probleme, indes die Umwelt sich in scholastisch-engherzigen Grübeleien über die Dreieinigkeit ergeht, und arbeiten an der Systematisierung ihres hochentwickelten traditionellen Rechtsstoffes, während der Germane noch in tief kindischer Konkretheit verharrt und etwa zur Beurkundung eines Grundstücksübergangs kein besseres Mittel anzuwenden weiß, als einem Knaben bei dieser Gelegenheit eine kräftige Maulschelle zu geben, die ihm den Grundstücksübergang zugleich mit der Maulschelle „unnennbar schmerzlichem Gefühl" dauernd im Gedächtnis haften kaffen wird. Kurz gesagt, ein Kulturvolk gerät zwischen Barbaren und übt unter ihnen die nämliche revolutionierende Wirkung aus, die etwa heutzutage auch einer Handvoll Deutschen unter den Hereros sicher ist. Ich nehme keinen Anstand, zuzugeben, daß die Juden im Hochgefühl ihrer Kultur und aus Reaktion gegen die Verachtung und Mißhandlung, die sie allseits erfuhren, selber wiederum hier und da mit einer gewiffen Verachtung auf ihre Wirtsvölker geblickt haben mögen. Gerade die edelsten Geister werden sich regelmäßig genötigt gesehen haben, Verachtung mit Verachtung zu erwidern. Verachtung ist die Waffe der Schwäche. Ebenso stimmeich Sombart darin völlig zu, daß auch die Vorstellungen der Juden von Treu und Glauben, von Billigkeit und Nobleffe notwendig anders, entwickelter, freier, allgemeingültiger, und nicht derart erdrückt von einem Wust historischzufälliger Momente gewesen sein mögen, als das in der nichtjüdischen Welt der Fall war. Namentlich wird es den Juden, gänzlich fern gelegen haben, in der Zunftverfaffung gottgewollte Ab- Festes folgendes erfahren: Vor mehr als hundert Jahren, als Rabbi Daniel Alva Oberrabbiner dieser Gemeinde tvar, wollte eine aus 11 Köpfen bestehende Räuberbande, die unter dem Namen Tokadjis bekannt waren, der Stadt Gumnldschina ihren Bande nchef als Gouverneur aufoktroieren. Tie Bande überfiel die Stadt, drang in das durch eine Ghettomaurr eingeschlossene Judenviertel ein, nahm die Führer der Gemeinde gefangen und zwang die Juden, ihnen ihr Nahrungsmittel auszuliesern. Selbst den Sabbath mußten sie entweihen, um die Wünsche der Banditen zu erfüllen, die bei jeder Widerrede mit der Ermordung der Gefangenen drohten. Um nun die Bewohner der Stadt außerhalb des Ghettos glauben zu machen, daß sie eine große Streitkraft bilden und sie aus diese Weise zur Kapitulation zu zwingen, zwangen die Räuber die Juden, unausgesetzt Kriegsrufe auszuftoßen. Tiefe merkwürdige Belagerung.mit allen ihren Ungeheuerlichkeiten währte elf Tage. An» 12. Tage verriet eine türkische Frau, im in der Nähe des Ghettos wohnte, und die Banditen in das Ghetto eindringen sah, daß sie im Ganzen 11 Mann hoch seien und daß das Kriegsgeschrei wahrscheinlich von den in Angst gehaltenen Juden herrühre. Tie Bevölkerung von Gumnldschina griff hierauf zu den Waffen, sprengte die von den Räubern innen verschlossenen Ghettotore und befreite die Juden. Tantals beschlossen die Juden von Gumnldschina dieses Ereignis am 22. Ellul eines jeden Jahres durch ein freudiges Erinnerungsfest zu feiern. (Jüdische Auswanderung i« Monat Juli s Laut einem offiziellen Ausweise des amerikanischen EintvanderunHsamtes find tm Monate Juli d. Js. insgesamt 6618 jüdische Einwanderer tu Newyort gelandet. Davon waren 3433 Männer und 3183 Frauen. Es kamen aus Rußland 4799, Oesterreich und Ungarn 721, England 297, Rumänien 132, Türkei 110, Südamerika 73, Frankreich 60, Deutschland 34 usw. Von den eingewanderten Juden blieben 4298 in Newyorl und der Nest fuhr in die verschiedenen Teile des Landes weiter. Die jüdischen Einwanderer brachten zusammen 545 270 Dollar Bargeld mit. Die größte Summe, die eine Person mitbrachte, betrug 16 000 Dollar. Unter den Einwanderern befänden sich 952 Mädchen, die ohne jede Begleitung gekommen waren, und 605 solche Personen, die erklärten, keine der lebenden Sprachen lesen oder schreiben zu können. (Bo« den Karäern.) Tie Zahl der Karäer in Rußland beträgt nach einer aus dem Jahre 1897 stammenden Statistik im ganzen 12 890 Seelen, die sich in zwei Gruppen teilen: in Krimer und in Utlo Nische Karäer. Tic Krimer Karäer sind im Twarer Gouvernement konzentriert. Tie meisten von ihnen wohnten in Eupatoria (1505 Seelen), dann folgt Feodoria (mit 1233 Seelen), Odessa (1049), Sebaftopol (813), Simseropol (709), Nikolajew (551) rc. In den mittelrussischen Städten finden sich in Moskau 332 und in Petersburg 310 Karäer. Bloß 60 Prvz. der Karäer ist des Lesens und Schreibens kundig. 21 Proz. gab als Muttersprache russisch, der Rest tartärisch an. Seit 1897 hat die Zahl der Karäer nicht zugenomyren, sie sind in Abnahme begriffen und die karaitischen Studenten an der Moskauer Unioersität hüben es sich zur Atlfgabe gemacht, über den heutigen Stand der Karäer genall statistisch: Daten zu sarnmeln und in ihrer Zeitschrift zu veröffentlichen. hängtgketten zu erblicken, zumal diese DetfaffringD durchaus ihre Spitze gegen sie kehrte und sie gänzlich ausschloß. So wird in der Tat, wieM Sombart mit Recht hervorhebt, der von chrtst-I licher Seite immer wieder erhobene Vorwurf unredlichen Grschäftsgebahrens im wesentlichen auf die anders, „moderner", geartete Wirtschafts»^ gefinnung zurückzuführen sein. Diese moderne M Wirtschaftsgesinnung erklärt sich aber nieines Er-1 achtens mühelos aus dem Ausschluß der Juden * von der Zunftverfaffung einerseits, der sie mit | Notwendigkeit zu Anhängern des Freihandels, | der Idee der fl eien Konkurrenz machte, und aus % ihrer weit älteren, jn ununterbrochener Folge aus dem Altertum übernommenen Wirtschaftskultur andererseits, die ihnen eine Fülle von Rechts- | anschauugen sicherte, deren allgemeiner Anerken- H tiung erst eine spätere Zukunft harrte. Freilich j bleibt bei diesen Gesichtspunkten die Stellung der Z Juden im Wirtschaftsleben des Altertums | gänzlich außer Betracht. Allein diese Stellung scheint mir gegenwärtig noch viel zu ungeklärt und auch die von Sombart herbeigezogenen Be- - legstellen sind noch viel zu dürftig, als daß in J dieser Hinsicht irgend welche sichere Feststellungen | getroffen und einwandfreie Schlüffe gezogen wer- H den könnten. Z Bleibt übrig, die unleugbare Tatsache der kapitalisiischen Begabung des jütischen Volkes in Vergangenheit und Gegenwart selbst wieder I irgendwie kausal zu erklären. Diese kapitalistische | Begabung muß vorhanden sein. Denn die M H die kapitalistische Tätigkeit der Juden vorhandenen objektiv begünstigenden Umstände, als H welche Sombart die räumliche Verbreitung der Ä Juden, ihre Gesundheit, ihr Halbbürgertum und? ihren Reichtum namhaft macht, und zu denen Z wir vor allem noch ihre ältere Kultur überhaupt hinzuzählen möchten, genügen selbstverständlich Ä allein noch nicht, ihren großen kapitalistischen J Einfluß zu rechtfertigen, setzen vielmehr sämtlich eine gewisse Eignung voraus, die es versteht, günstige Momente erfolgreich auszunutzen. Hier ist nun der Punkt, wo Sombart den Boden strenger Wissenschaft gänzlich verläßt und einer rein künstlerisch-intuitiven Erfassung des Wesens und der Eigenart der Juden sich hin- M gibt. Die tatsächliche Feststellung der von den I Juden ausgegangenen kapitalistischen Kausal- 4 reihen von unermeßlicher Bedeutung ist gewissermaßen nur die Exposition zu der nun folgenden H Charakterstudie, deren vorbewußtes Ziel nichts I geringeres ist als der Nachweis, daß das Juden- J volkgeradezu als der kapitalistische Dämon H der Nationen der Neuzeit anzusehen L sei. Herkunft und Schicksal dieses Dämons, .2 sein tragisches Leiden, sein höllischer Triumph E und die Vorahnung seines endlichen Untergangs werden mit einer Folgerichtigkeit entwickelt, mit einer Anschaulichkeit und kraftvollen Schönheit der Sprache geschildert, daß ich nicht anstehe, zu bekennen, welch ästhetisches Wohlbehagen die Lektüre dieser Partien mir verursacht hat. Mägen Pedanten mit Sombart rechten und ihm ein haltloses unwiffenschöstliches Phantasiespiel, dessen Retz sie nicht zu schmecken verstehen, groß zum Vorwurf machen,' mögen ängstliche Judentumsretter, denen jedes Mißverständnis einer jüdischen Einrichtung seitens eines Christen, jedes antisemitische Krastwörllein die Sabbatnachmittagsruhe raubt und für den Bestand des Judentums, seine Ehre und Reputation bleiche Furcht einflößt, mögen die Pathettker, die einem Shakespeare seinen Shylock noch nicht verziehen haben | und schlechterdings verlangen, daß der Jude nur 1 als weiser Nathan die Bühne betreten dürfe, mögen all diese Wohlgesinnten sich über die un- | gehcuerliche Verkennung des Wesens der jüdischen | Religion, deren der arme Sombart sich ohne f Zweifel schuldig gemacht hat, fieberisch erhitzen j und ihre bewährten Lanzen gegen seine unbe- .| schützte Brust zücken: ich kann mich ihnen nicht | an schließen, so gerne ich möchte, ich kann das Z Gefühl einer gewiffen Dankesschuld «icht urfter- I drücken, das ich gegey ihn hege, der mir über ein paar Stunden brütender Hitze und gähnender Berussödigkeit mit Anmut mw Würde hinweg