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Der Israelit · 1911-09-21 · Heft 38 (21.9.1911) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 38 (21.9.1911)
Date
1911-09-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 9h. 38 Der J-raeM. 21. September ISU. Ein Fonds fidr die ersten Bedürfnisse der Propaganda wurde bereitgestellt, und der große / Ausschuß der Freien Vereinigung" ermächtigte außerdem im Frühjahr 1910 in einer aus ganz ''Deutschland stark besuchten -Sitzung nach ein- ■; gehender kritischer Besprechung der bis dahin geführten Verhandlungen, den Vorstands eine Svnderkommission zu deren Wetterführung M btt- : den, die erforderlichen finanziellen Aufwendun-- gen aber vorschußweise aus den Mitteln der Bereinigung zu leisten. Eine ganze Reihe von Ursachen, nicht zum ^wenigsten die schwierige Lage in Rußland, daneben aber auch der- Mangel an arbeitsfrcudigen, durch ihre sonstige öffentliche Tätigkeit nicht schvr üebr und über belasteten Kräften, ließen die Bor- /arbeiten im letzten Jahre nicht voranschreiten " Aber wenn wir bedenken, daß, alles Große und Le- .benskräftige der langsamen Reife bedarf, so ist an der Schwelle des neuen Jahres die Hoffnung vielleicht berechtigt, daß der Moment zur Bottendung des Begonnenen jetzt gekommen ist. Wenn das „Jüdische Blatt" schreibt: / „Die geplante Wellunion kann weder ein erweiterter M is r a ch i, noch eine vergrößerte „Freie B e r e i n i g u n g" noch ein ansgebauter „Moria" sein" so befinden wir uns damit nicht nur unsererseits än botl fßmm en et Uebereinstim'mung, Indern tvissen auch, daß dies der Meinung der Ungeheuren Mehrzahl der deutschen Orthodoxen, Insbesondere der leitenden Kreise der „Freien Pereinigung" entspricht, die mit ihren vielseitigen innerdeutschen Aufgaben und ihrem palästinensischen Schulwerk gerade genug zu tun hat Der Ausgabenkreis der zu bildenden Gemeinschaft darf weder einseitig nach der wirtschaftlichen und sozialen, noch nach der geistig-religiösen Seite eingeengt werden, sondern Muß, gleichwie die Thora in ihrem Heiligtum mit der Rechten den Tisch, mit der Linken den Leuchter darbietet, beides, Körper und Geist von yyD, als unzertrennliche Einheit, als einheitlichen Träger der religiösen Aufgabe des jüdischen Volkes umfassen, ♦nop pt mm pt vrri mm pc map p* Orr Nur mit dieser wahrhaftigen Universalität her Ziele lassen sich — ganz einerlei, was praktisch zuerst ergriffen und bevorzugt wird — die mannigfachen politischen und religiösen Gefahren vermeiden, die jeder einseitig „palästinensischen" oder einseitig „kulturellen" jüdische:: Weltorganisation drohen und nur mit einem solchen Programm wird es gelingen, die geistigen Führer der Judenheit, die mm;iit Rußland, Ungarn, &>ctli$ieit ebensowohl zu gewinnen, wie die aus Not mck Elend zun: Lichte entporstrebenden Massen, für die und mit denen der Weltbund zu einer wahrhaften rntttf werden kann. Sfolypins Ende und die russische Judenheif. In festlicher Stunde, mitten im Lichterglanze und in der strahlenden Pracht des Hofstaates sind im Kiewer Theater zwei Schüsse gefallen, die, für den russischen Ministerpräsidenten bestimmt, in ihrer weiteren Wirkung noch weit schwerer die bereits so vielfach heimgesuchte jüdische Bevölkerung Kiews, wenn nicht die russische Judeuheit überhaupt, treffen könnten. Der Mörder ist Mitglied der sozial-revolutionären Partei in Petersburg, zugleich auch der Kiewer Kriminalpolizei, ist aber, wie jetzt so ziemlich feststeht, auch tätiges Mitglied des Echtrussischeu Borbandes. Vor allem hört man indessen nur, daß er getaufter Jude ist. Dieses erfuhren die national-russischen und ihre gesinnungsverwandten antisemitischen Zeitungen in Deutschland zu allererst, wobei sie das „getauft" ganz auslassen, oder nur in Kleindruck bringen, während das Wort „Jude" in Fett- und Sperrdruck in den spaltenlaugen Berichten so oft wiederkehrt, als vom Mörder die Rede ist. Man weiß, was solche Zeichen zu bedeuten haben, und man begreift die panische Angst, dir sich, wie an anderer Stelle berichtet, der Kiewer Juden heit gleich nach Bekam: twerden des scheußlichen Verbrechens bemächtigte. Bestätigt sich die jüdische Abstammung des Verbrechers, so hätte man an diesem Fall einen schlagenden Beweis für die demoralisierende Wirrung der Ausnahmegesetze, die dem Juden ein Recht, frei zu leben und zu atmen, nur um die Preisgabe seines Eigensten und Heiligsten, seiner .Religion, gewähren. ' Der juyge Mann, dem der Taufschein als Eintrittskarte — für das Kaisertheater gedient, ist einer jener unglücklichen und überall unheilverbreitenden Jünglinge, die, nachdem man sie zum Treubruch an ihrem Gotte und ihrer Volksgemeinschaft gezwungen, jedes inneren Haltes verlustig gingen und nun zum Schrecken ihrer früheren wie neuen Umgebung nurmehr noch ein verbrecherisches Dasein fristen. Unter normalen Verhältnisse:: hätte man bei dieser Gelegenheit wieder einmal darauf Hinweisen können, wie sicher der Religionswechsel, zu dem sich ein Teil der nicht genügend im Judentum gefestigten Jugend in Rußland durch die äußeren Verhältnisse gezwungen glaubt, auch auf eine geradezu gemeingefährliche politische Radikalisierung dieser Schwächlinge und Schädlinge der Gesellschaft drängt. Ja, unter normalen Verhältnissen — aber hier hat man vor allem den Juden in Bogvow entdeckt, die Taufe vergißt oder verschweigt man geflissentlich. Es muß erst kaum betont werden, wie sehr wir Juden Gewalttaten und blutige Verbrechen von der Art dieses Attentates verabscheuen, aus religiös-sittlichen Gründen und nicht zuletzt auch aus der geschichtlichen Erfahrung, daß der Terrorismus, wenn er einmal entfesselt, fast allüberall mehr oder weniger auch seine Opfer in der Judengasse sucht. An dem Verschwinden Stolypins hatte die russische Judeuheit auch n i ch t das geringste Interesse, und man darf sagen, daß die Bittgebete, die auch in den Synagogen Rußlands für die Genesung dieses Staatsmannes verrichtet wurden, mindestens ebenso warm und aufrichtig empfunden waren, wie die in den Gotteshäusern aller anderen Konfessionen. Stolypin war kein Juden freund, das weiß man allenthalben. Die Aera der Verfolgungen, Ausweisungen und Rechtsbeschränkungen für die Juden hat mit seinen: Amtsantritt nicht nur nicht aufgehört, sondern ist in einer Weise fortgesetzt worden, die die Rechtslage der Juden immer trostloser gestaltete. Das liegt aber nicht an seiner Person, sondern am System, welches ein anderer Premier heute ebenso gut, wenn nicht noch rigoroser, vertreten würde. Diese Auffassung zeigte sich vor einiger Zeit, als man von einem Rücktritte Stolypins zu Gunsten Kokowzows sprach. Damals hatte man in jüdischen Kreisen an diesen Wechsel nicht die geringste Hoffnung zu knüpfen gewogt, und heute, nachdem durch ein ehernes Schicksal die politischen Geschicke des Landes so unerwartet in die Hand dieses Mannes übergegangen sind, hat sich darin nichts geändert. Denn bei aller von Stolypin vertretenen nationalen Polttik muß ihm doch zu Gute gehalten werde::, daß er den Pogrotnen ein Ende gemacht hat. Mit der gleichen starken Hand, mit der er den Terrorismus auf der linken Seite zu Boden gedrückt hat, hat er ihn auchauf der rechten Seite, in de:: Kreisen des Schwarzen Verbandes, niederznhalten gewußt, was ihm oft genug die Feindschaft dieser allbchcrrschenden Gewaltpartei eingebracht hat. Stolypin war einmal kein Freund von Gewaltakten. Er zog die langsame, aber sicher fortschreitende Entwicklung vor, auch in der Politik der Verfolgung, und auch dafür mußte man ihm, wie die Dinge heute liegen, noch dankbar sein. Darum wird das blutige Verbreche:: in Kiew die Judenheit in Rußland, nicht allein locgcn der Hetzen, die es bereits hervorgerufon hat, mit berechtigter Angst und Sorge für die Zukunft erfüllen. Die Kiewer jüdische Bevölkerung, die in letzterer Zeit so manches harte Geschick zu ertragen hatte, die täglich Scharen von Vertriebenen aus From hatte die müßige Frage allerdings nur gestellt, um Stoff zur Gesprächcröffnnng zu haben. Er selbst war ein Amhoorez, verstand sich auch nicht auf Chafomus: aber er war stets der erste bei Secichos und wußte recht gut Bescheid in der Reihenfolge der Ehasonim, wie er überhaupt ein großes Interesse für alle Kttlebräuche und -traditionen hatte. „Hast recht, entschuldig', ich Hab grad an was anderes gedacht. Nein, ich werd nicht wissen, das; <)kb Jainkef unser Ercw Roschhaschonochasou ist?'? . Ta standen sie auch schon in: Schulhof. Die Pforten waren noch fest verschlossen —, sie waren '/» Stunde zu früh gekommen. Bei From war das täglich der Fall, bei Jainkef nur am Eres Roschhaschono, seinem Ehrentage; sonst war er nicht immer der Pünktlichste. From setzte sich resigniert ans einen Eckstein, Jainkef ging nervös aus und ab, zum hundertsten Mal die ledern hinlänglich bekannten Selichosmelodien zur Uröung vor sich fjitifummeub. Ta tauchte wieder ein Lichtfunke in der Ferne auf und bald näherten sic sich von allen Seiten des Torfes wie Glühwürmchen durch die. Nacht flackernd. Endlich kam der „Schammeß" »und schloß auf, nachdem er von Reb Jainkef ob seiner Unpünktlichkeit einen gehörigen Rüffel hatte hinnehmen müssen. Ter Letztgenannte legte natürlich sofort den Vorbeterpult in Beschlag. Wie stets, so verstand er es auch heute, durch den aus dem Herzen kommenden ergreifenden Ton die Gemeinde zu erheben. Doch wir werden sofort Gelegenheit haben. Näheres zu seiner Charakteristik zu hören. Der gerührte Chason. Reb Jainkef war nämlich auch Kolnidrechason. Er war bei seinem Vater in die Schule gegangen, der ob seines Ehasonus noch heute un guten Andenken bei der Kehille steht und, wie man sagt, schon bei Lebzeiten das Ehrenamt des Kolnidrevorbetens nur niedergelegt hatte, um sich als einzige Pension für seine vierzigjährige Vorbetertätigkeil auszubedingen. daß er sein Amt auf seinen Sohn übertragen dürfe. Eine ganze Schar voir Anwärtern, die ans den früher oder später frei werdenden Posten gelauert hatten, waren damit aus dem Felde geschlagen und Jainkef war „eingeschmuggelt" wie man zu sagen pflegt. Er war aber ein gelehriger Schüler seines Vaters gewesen. Tie Gemeinde überzeugte sich bald davon. Auch nicht einen Ton seines Vaters, den er abgeändert hätte: wie man überhaupt in den Landgemeinden konservativ ist, so liebt man es auch immer wieder die alten, dem Ohre liebgewordenen, Töne zu hören. Jainkef verstand es vor allem, die Gemeinde durch seinen Vortrag in Rührung zu versehen. Schon am morgen, bei dem Pismon, hatte er alle Zuhörer durch seine Tränen mitgcrissen. So war es jedes Jahr —;• immer an derselben Stelle weinte er: ja es ging das (Herrscht, er habe von seinem Vater ein Machsor ererbt, .wo an den betreffenden Orten die Bemerkung eingezeichnct war „hier muß man weinen." Kolnidre. Lautlos bewegten sich die in Sterbekleider gehüllten (tzeineindemitglieder auf ihre Plätze. Totenstille herrschte. Tie Feierlichkeit des geheiligten Momentes lag über der garten Gemeinde. Lange vor der festgesetzten Zeit war die Kehille vollzählig. 2U geht eine Bewegung des Schauers durch die Reihen. Ter Vorbeter, Reb Jainkef, leitete das HEge Fest ein. Er umhüllte sich mit dem Talis und sagte laut die Brocho hierüber. Aber schon hier war es ihm kaum möglich, sie zu beenden, er erstickte vor Tränen unter der Wucht des Augenblicks. Tie einzelnen Balbattirn wiederholten laut die Brocho. Jetzt beginnt Reb Jainkef seine Einteitungstcchinoh, es war ein fortwährendes Schluchzen. Nun Kolnidre selbst, dreimal, immer mehr anschwellend, jenes wunderbar in unsere Seele eingreifende (Hebetstück, in welchen: alle unsere Alltagsgcdanken git Wehmut und heiliger Stimmung mit einer Ahnung des ewigen Friedens zerfließen. Mit herzzerreißender Eindringlichkeit wirkte Jainkef auf die Auwesenden. Tan» ebbte die Rührung, um bei dem „Jaale" und hier und da bei den Selichos wieder zur alles mitreißenden Kraft emporzusteigen. Mit einem heiteren beruhigenden Akkord schloß sein Vortrag, dem „Schlußkaddisch", der piece de rösistence sämtlicher Jomkippurchasonim. Jeder hatte da seine eigene Melodie, niemand strich dem Kollege» einen Kaddisch nach. Mit diesem Lchliißgebet Wird die heilige Stimmung der Gemeinde wieder auf das ruhigere Niveau hinübergeführt, darum liegt ihn: stets eine ansmunterude Melodie zugrunde. Von allen Seiten eilt man auf Jainkef zu. Man drückt ihm die Hand und bedankt sich mit der althergebrachten Formel „Schlauch", in der sich der Ausdruck aller herzlickM und formellen Anerkennung zusammendrängt. (Schluß folgt.) .(Das „Purim-Fest im EllulZ Am 22. Ellnl feiern die Juden von Gumnldsch-ina in der Türkei ein Fest, das alle charakteristischen Merknurlo eines zweiten Purim festes trägt, ©in Mitarbeiter des „Avenrr" hat aus dem Munde eines der ältesten Juden von Guumldschina Über den Ursprung dieses

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