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Der Israelit · 1911-09-21 · Heft 38 (21.9.1911) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 38 (21.9.1911)
Date
1911-09-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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•f 21. September 1911 Der Mr« 5-W’^;*;^;^fJC *F»?p»F &? ~: **t?k ’?r Wo. 88 Seite 8 rung und Zerrissenheit besteht, heute muß es zunächst unser sehnlichster Wunsch sein, daß wenigstens die thoratreuen Scharen des jüdischen Volkes sich zu einer einheitlichen Masse zusammenschließen. Manches und Großes ist im letzten Vierteljahr- Hundert zur Festigung des überlieferten Judentums geschehen. Mer der Erfolg ist stets hinter den Erwartungen zurückgeblieben, weil es nicht möglich gewesen ist, das ganze Volk zur Mitarbeit heranzuzichen und die Volksseele in Schwingung zu setzen. Die Geschichte des Volkes Israel beweist aber, daß die großen Errungenschaften, die zum dauernden natioualen Pesitz gewesen find, stets nur durch einhelligen brüderlichen Zusammenschluß möglich gewesen sind. Erst müßten alle 'Gegensätze in Israel ausgeglichen sein, dann erst wurde ihm die Thora am Sinai gegeben. Nur durch die treue Bundesgenossenschaft aller, israelitischen Stämme konnte das Land Kenaan erobert werden. Nachdem der König David ganz Israel zu einem einheitlichen Volke verschmolzen hatte, dann erst konnte der heilige Tempel errichtet werden. Heute, ist infolge der Vorgänge auf dem 10. Zionistenkongreß der Wunsch aufs neue rege geworden, eine. Weltunion der Thoratreuen zu bilden. Tie Idee lag in der Lust, sie ist ein großartiger Traum. Wirklichkeit kann sie nur werden, wenn alle, die es mit dem überlieferten Judentum gut nceinen, unter Hintansetzung aller Differenzen, sich in die Hände arbeiten. Tie Aktion soll die ganze Welt umfassen, aber von Deutschland muß sie ausgehen. Tie geplante Weltunion kann weder ein erweiterter Misrachi, noch eine vergrößerte „Freie Vereinigung", noch ein ausgebauter Moria sein, sondern alle diese Gruppen müßten zu einem Block vereinigt und aus diese Weise eine Neuschöpsung herbeigeführt werden, durch welche von anerkannten Führern des überlieferten Judentums das Banner des altjüdischen. Ideals entfaltet und der Funken altjüdischer Begeisterung in die Massen geschleudert wird. Weder 'Grenzpfähle noch das Weltmeer würde ihr eine 'Schranke entgegensetzen; überall, wo Liebe zum überlieferten Judentum herrscht, würde sie offene Herzen finden. Demokratisch müßte ihre Verfassung sein. Allen Juden müßte sie zugänglich sein. Tie Zugehörigkeit zu ihr von einer Legitimation thoratreuen Lebens abhängig zu machen, ist in theoretischer und praktischer Hinsicht etwas ganz Undenkbares. Sie kann, aber muß keine Gegenbewegung zum Zionismus sein. Tie Kolonisation Palästinas muß sie in ihr Programm aufnehmen. Dazu drängt die Einsicht in die Not und die derzeitige Bewegung der Zeit. Aber sie darf sich in der Kolonisation nicht erschöpfen und muß sich von Politik fernhalten. Jüdische Kultur im Sinne des überlieferten Judentums ist ihre Hauptaufgabe. Dieses Losungswort wird heute noch einen gewaltigen Widerhall finden, wo noch das Fünkchen jüdischer Begeisterung brennt. Ten Anstoß zu dieser Bewegung hat die Frage des Austritts aus dem Zionismus gegeben. Aber die Bildung der Union ist vom tatsächlichen Austritt des Misrachi vollständig unabhängig. Dadurch, daß ein Teil der Misrachisten in der Zionistischen Organisation verbleibt, verlöre eine Weltunion der Thoratreuen wenig an Anziehungskraft. - Ter Kern der Frage und die Schwierigkeit für alle Beteiligten liegt in der Aufgabe, alles Trennende bei Seite zu lassen und nur an die Gemeinsamkeit des Ziels und des Strebens, an die harte Notwendigkeit der Zeit zu denken. Zu oft sind Meinungsverschiedenheiten, die im Grunde das Wese» der Sache nicht berührten, zu einer Lebensfrage aufgeöauscht worden. Tie Frage ist nun: Wird mit dem höheren Zwecke auch eine bessere Einsicht allenthalben Platz g«eifen und Raum für einen größeren Gesichtskreis gewonnen? Darüber müßte man sich verständigen. Diese Verständigung ist möglich. Ein weiter Blick, ein starker, reiner Wille und ein bischen Selbstlosigkeit, das ist alles, was dazu notwendig ist. Bicltcicht Haben wir diese schönen Eigenschaften, dann wird der Tag der Weltunion der Thoratreuen gekommen sein!" Es ist heute nicht unsere Absicht, in eine Besprechung der Einzelsragen einzutreten, deren Lösung die Voraussetzung für das Zustandekommen eines großen, auf dem Boden der mm organisier He n?*w »D-Bilbet; nur zur Ergänzung des für die Urteilsbildung notwendigen historischen Materials sei im folgenden beigetragen. Unabhängig von den durch die Zionistenkongresse ausgelösten aktuellen Stimmungen, war vor drei Jahren in den Kreisen der deutschen Orthodoxie der Gedanke aufgetaucht, die gewaltigen Berkehrsinittel der neuen Zeit, »das AneinanderrückeN ganzer Erdteile und den immer machtvoller sich entwickelnden Gedanken der Massen-Organisation überhaupt in den Dienst der jüdischen Ideale zu stellen, die äußere und die innere Schwäche dieses oder jenes Teiles der jüdischen Gesamtheit durch die Stärke des anderen z!u ergänzen. 'Deutlich war der Gedanke in dem dem Ve'reinstag der „Freien Bereinigung" von 1908 erstatteten Bericht folgendermaßen zum Ausdruck gebracht: „Die Bekenner der überlieferten Judentums sind heute überall in Westeuropa numerisch in die Minderheit gedrängt; in hartem Ringen haben sie sich als Minderheit behauptet, in hartem! Ringen mit dem Geiste des ÄibsaNs und der Ässimalation die Methoden des Gegners und die Licht- und Schattenseiten einer religionsfeindlichen Zeit-Kultur kennen gelernt. Was uns aufrecht erhält in diesem Ringen, ist vor allem das Bewußtsein, daß — ob auch« gering cm Zahl unsere Reihen — doch „die Jahrtausende auf uns herabblicken," daß das Judentum der Geschichte, wie wir es vertreten, jedes Minjcnr gesetzestreuer Juden im tiefsten Sinne zu einer Vertretung des unsterblichen jüdischen Volkes macht, weil in ihrer Mitte allein die Lebensseele Dieses Volkes, die Thora, wohnt. Je mehr dieser prinzipielle Anspruch den Gesetzestreuen heute bestritten wird, desto mehr müssen wir uns klar machen, daß wir in de- Tat auch numerisch gar nicht die Minderheit sind. Wir sind es nu^, wenn wir uns in unsere eigenen Pfähle einriegeln und daran vergessen, daß drüben im Osten, ja heute auch drüben im . Westen, Hunderttausende, ja MMionen jüdischer Seelen atmen, die mit uns ganz in dem Boden! des überlieferten Judentums wurzeln, in deren Mitte — trotz der religiösen Verheerungen des letzten Jahrzehnts — derselbe Thorageist noch immer lebt, dem wir uns und unsere Kinder erhalten möchten — Millionen jüdischer Seelen, die uns vieles — und denen auch wir manches — den Anschluß an eine neue Zeit — ziu bringen haben." Obgleich sich der Vorständ der „Freien Bereinigung" von vornherein darüber klar war> daß die „Vereinigung" als solche niemals daran denken könne und dürfe, das gewaMge Werk selber in die Hand zu nehmen, so glaubte er doch sich der Pflicht nicht entziehen zu dürfen, die vorbereitenden Schritte — und nur diese — ins Werk zu setzen. Wie die Dinge liegen, ist eine Weltorganisation der überlieferungstreuen Juden in aller erster Reihe auf die Zustimmung der maßgebenden Kreise O st e u r o - pas angewiesen, und die persönliche Fühlungnahme mit den anerkannten min '-in des Ostens, die gründliche, ins Detail gehende Aussprache mit ihnen, war die unerläßliche Voraussetzung aller weiteren Arbeit. Nicht ohne zeitraubende Schwierigkeiten ist es gelungen, diese Aussprache in der zweiten Hälfte dos Jahres 1909 herbeizuführen, und es galt daun naturgemäß, manches Mißverständnis, manches gegenseitige Verkennen zu beseitigen, bis der Grund gelegt war für ein gemeinsames Werk von Ost und West. Allein diese Grundlage ist durch jene, Wochen hindurch fortgesetzten Besprechungen, die naturgemäß in engerem« Kreise ftattfinden mußten, an denen aber dicanerkanntenFührer der osteuropäischen Massen — Rabbiner und Laien — teilnahmen, geschaffen worden, und die dabei gewonnenen Resultate, die in Form eines Satzu ngs entwur ses schriftlich fixiert wurden, werden unseres Erachtens die Basis für jede weitere Arbeit Hilden müssen. lieber den Charakter des Kohelethbuches sagt der Verfasser in seinem Vorworte nach gründlichen: Eingehen in seine Einzelteile und die von ihnen aufgestellten Welt- und Lebensrätsel folgendes: ,,O)b Koheleth, als Ganzes geschaut, ein Buch des Optimismus oder Pessimismus ist 9 Eine kindliche Frage. Warum sollte gerade das jüdische Volk niemals einen Denker hervorgetrieben haben, der die mannigfachen Anreize, die in der Geschichte des menschlichen Denkens den Pessimismus ausgelöst haben, als quälend genug empfand, um sie in der Form eines rücksichtslose« Selbstbekenntnisses von sich abzuschütteln? Hegesias Pcisithanatos, Mas von Pri^rre Timon der Misanthrop, Buddha Sakhamuni, Hobves, Rousseau, Voltaire, Macchiaveüt, Larochefoucauld, Kant, Schopenhauer, Hartmann —: hat diese stolze Galerie weltgeschichtlicher Koheleth-Naturen nicht gerade. erst aus jenem kritischen Mißtrauen gegen alle Erscheinungen der Welt und des Lebens, wodurch der Pessimismus sich charakterisiert, das Fundament gewonnen, auf welchem das Tiefe und Ewige, was sie dachten, sich erst zu seiner ganzen ragenden Höhe erbeben konnte? Und wir sollten nicht froh und dankbar sein, wenn auch die Bibel — das ewige Buch, das jede natürliche Stimmung des Menschenherzens im voraus berechnet, um sie zu regeln, zu leiten, zu verbessern, — wenn auch die Bibel uns eine lauschige Ecke bietet, wohin wir uns flüchten können, wenn uns das Leben mit seiner Torheit, seiner Grausamkeit, seinem 7>2n übermannt?-* Skizzen aus dem jüdischen Dorf* und Kleinsfadfleben, Bon «. Groß. Ti? Slichos-Chasonim. Es war in der Frühe eines Erew Roschhaschono eine Stunde etwa vor Tagesanbruch. Durch die finstere Nacht nähert sich vom Marktplatz des Fleckens Stettleben ein leuchtender Funke, zitternden Schein verbreitend in der feuchtkalten Herbstluft. Es herrschte das um diese Zeit des beginnnenden Herbstes übliche triste melancholische Wetter, das uns den Mschied vom Sommer so traurig vor Augen führt und uns auf die vorrückende Herbstzeit langsam vorbereitet. Ticker Nebel, die Wolken fast bis zum Erdboden herabgesenkt. Am deprimierendften wirkt diese Naturstimmung vor Tagesanbruch, vor Ausgang der Sonne, wenn diese überhaupt aufzugehen beliebt. Ta nun in diese Zeit gerade die Selichostage fallen, an welchen man vor Tagesanbruch in die Synagoge zu gehen pflegt, jo hat diese Wetterstimmung von altershcr dietraditionelle, volkstümliche Bezeichnung „ein echtes Selichoswetter". Jener leuchtende Punkt kommt also näher, immer größer, werdend, ein immer größer werdendes Stück des Nebels um sich herum erleuchtend. Gleichzeitig hört man die hallenden Schritte eines einsamen Wanderers durch die Nacht herankommen. Reb Jainkes war es; er trug eine Laterne in der Rechten, eins echte Stallaterne, die ihm den Weg zur „Schul" erhellen sollte. Frym (Abraham), der die Beobachtungen bis dahin angestellt hatte, trat plötzlich auf Jainkes zu: „Wart' ebissel, Reb Jainkes, ncmm mich auch mit." Ter Angercdet' schrickt zusammen, er hatte den aus dem Dünkel plötzlich hervortretenden, auf ihn wartenden Froin eben erst wahrgenommen. Beide pilgerten Arm in Arm der Synagoge zu. . „ .. „Wer ort denn heut morgen?", fragte From. Es herrschte in Stettlebrn nämlich der alte schöne Brauch, daß in den Selichostagen man es nicht dem augestellten Chason allein überließ, die Gemeinde im Mbct zu vertreten. Fast an jedem Tag trat ein anderer aus der Reihe der Privaten (Bakbattim« vor den Omed. Die Tage waren sogar durch Tradition fast alle vergeben, d. h. einzelne Gemeindemitglieder hatten jeden'Tag durch Herkommen in Beschlag gelegt. Wer an der Reihe war, trat im Maarifgcbet an und fungierte dann den anderen Morgen und zu Minchoh, es war „sein Tag". Junge, aufstrebende Talente wurden nicdergehalten, sie hatten höchstens das Recht, die Nigunim, ihres LieblingSchason beim Gebet mitzusummen, was diese immer recht stolz machte. Durch Tod oder Wegzug freiwerdende Posten wurden gestürmt. Hüten mußte sich allerdings der Betreffende, daß er nicht zu spät in die Schul kani. Es konnte ihm dann leicht passieren, daß ein früher Gekommener ihm einfach die Ehre des Tages wegnahm und sofort, nachdem Minjan war. den Omed annektierte und als Chason fungierte, unbekümmert um die Uhr; denn auf dem Lande nimmt man es mit der Pünktlichkeit nicht zu genau, da man den Wert der hastenden Zeit nicht so nach Minuten zu schätzen versteht, wie in dcr Stadt. „Wer heut' ort? Eine komische Frag . . erwiderte der Angeredete verletzt. „Man meint fast. Du weißt nit, daß ich heut an der Reihe bin." «r. i,. v.

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