Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1911)
- Date
- 1911-09-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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// ♦ euilleton. im. Historischer Roman von Sara Gugenheimer. (Fortsetzung.) „Seht .Ihr die Häuser dort drüben? die Vielen Häuser links, das ist Hüll, in einer kleinen Viertelstunde werden wir dort sein. Jetzt ist mir gar nicht mehr bange, ich freue mich nur unter Glaubensgenossen zu kommen, wie und wo ich dieselben finden werde, das habe ich noch nicht überlegt und überlege es auch nicht, dafür werdet Ihr schon sorgen. Ihr seid doch in Hüll bekannt." „Habt Dank für euer Vertrauen, ich werde es mit Gottes Hilfe, rechtfertigen. Sehet Ihr dm Turm dort, ungefähr in der Mitte der Häuscrmasse? Das ist die Kirche, links von derselben ziehen sich mehrere Häuserreihen hin, am Ende der vorletzten zum Flusse hin liegt die Synagoge, das heißt, das Haus war nicht von Anfang an zur Synagoge bestimmt, sondern ist erst später zur Synagoge eingerichtet worden, und in der Nähe derselben haben die meisten Juden gewohnt. Dort hoffe ich noch Bekannte zu finden." Sie hatten inzwischen die Stadt erreicht, waren bereits an einzelnen Häusern vorübergekommcn und beabsichtigten bis zu jener Stiege zu fahren, in deren Nähe mehrere Kähne und auch einige größere Schiffe lagen. Während der Mann hinauf zu dm Häusern blickte, um möglichst schon von hier aus eine Herberge ausfindig zu machen, haftete Liahs Blick angstvoll an den spielenden Kindern, die dem abschüssigen User so unvernünftig nahe waren. Sie hatte ihnen schon zugerufen und ihnen gewinkt, sie sollten zurückgehen, aber die Kinder kümmerten sich nicht um die Warnung des sremdm Schiffers, sie lachten und tollten, stießen einander hierhin und dorthin und jetzt war ein kleines kaum dreijähriges Kind zum Flusse hingestoßen worden, schreiend lief es die Böschung hinunter, es konnte nicht innehalten im Lauf, lief direkt mit gellendem Aufschrei ins Wasser. Jetzt schrien auch die anderen Kinder oben und stoben auseinander. Liah aber war im Nu über Bord gesprungen und der Stelle zugeeilt, an der sie das ^Kind hatte verschwinden sehen. Das Wasser war zwar nicht übermäßig hoch, in der Nähe des Ufers reichte es ihr kaum bis über die Knie, doch das Kind war nicht aufgeiaucht, aber sie hatte es rasch erfaßt und hob es in ifyrc Arme und trug es vorsichtig und nicht ohne Anstrmgung das schräge Ufer aufwärts. Da, kam ihr eine Frau entgegengerannt, die von den andern Kindern benachrichtigt worden war. „Mein Kindl" schrie sie zerzweiselnd, „um Gottes willen, wo ist mein Kind?" „Hier habt Ihr euer Kind," sagte Liah, „und seid unbesorgt, es ist ihm nichts geschehen." * Laut jubelnd nahm die Mutter das Kind in ihre Arme und drückte es an sich. „Gott lohn es euch! Lohns euch! Aber ich batte euch, kommt mit hinauf in unser Haus, daß wir wenigstens eure Kleider trocknen können." Da vernahm sie einen seltsam gurgelnden Laut, und als sie aufblickte, gewahrte sie einen dunkelroten Strahl, der aus dem Mmnde des Retters ihres Kindes strömte. „Allmächtiger Gott! Hilfe! Hilfe!" schrie sie, indem sie mit dem?,einen Arm ihr Kind,/mit dem andern dessen Retter zu stützen suchte. . Aber da war auch schon Liahs Reisegefährte an ihrer Seite, hatte den Arm um sie gelegt und suchte sie zu hatten. „Es war zu viel für euch," stammelte er, „zuviel!" „Freilich wars zuviel," stimmte die Frau bei, „so'n schmaler junger Mann und das schwere Kind — wenn Ihr ihn nur herauf bringen könntet, mein Mann möchte gleich uml den Arzt laufen." Die Blutung ließ nicht nach. „Hinaufgehen darf er nicht," sagte der Mann, „es könnte noch ärger werden." Er versuchte ihn zu heben, aber er zitterte so stark, daß ein Anderer, der in der Nähe gearbeitet hatte, ihn zurückschob. „Lasset," sagte er, „Ihr könnt euch doch selber kaum auf den Beinen halten, ich werde ihn hinaustragen." Leicht wie ein Kind Hiob er die noch immer Blutende in feine kräftigen Arme und folgte der mit dem Kinde voranschreitenden Frau. „Machet euch nichts daraus," tröstete er Liah, „das ist nicht.so gefährlich wie es ausschaut, mein Bruder hat im vorigen Jahre dasselbe gehabt und ist doch wieder ganz frisch geworden. Euer Bruder ist für euch zu wehleidig, das ist nicht gut." Sie hatten das Haus erreicht, die Frau hatte einem ihr entgegenkommenden Mädchen das Kind übergeben und befahl ihm, dasselbe zu entkleiden, gut abzutrocknen und ins Bett zu legen, dann rief sie nach ihrem Mann. „Lauf um dm Arzt, eil dich, eil dich! — Schau dir nur den armen jungen Mann an, weit er unfern Mauschele aus dem Wasser gezogen hat, ist ihm das zugekommen!" Der starke Mann erblaßte, denn noch immer hatte die Blutung nicht aufgehört. Ich werde Reb Elje gleich mitbringen, verlaß dich drauf," und fort rannte er. Sie hatten Liah aus ein Bett gelegt, möglichst hoch mit dem Oberkörper. Die Blutung hatte zwar noch nicht aufgehört, aber doch bedeutend nachgelassen. Der Arbeiter hatte sich entfernt, die Frau war zu ihrem Kinde gerufen worden. Liah lag mit geschlossenen Augen, die Blutung hatte jetzt aufgehört, aber sie schien vollständig erschöpft. Ihr Reisegefährte saß an ihrem Bett, sein Blick hastete in namenloser Angst an dem feinen blassen Angesicht, das da auf den Kissen ruhte, mit überströmenden Augen flehte er zu Gott um die Rettung seines Retters. O, wenn der herrliche Jüngling, der sich bei der Rettung des ihm wildfremden Mannes zu sehr angestrengt, wenn der dafür sein Leben lassen müßte, dann war doch seine Rettung viel. Viel zu teuer erkauft. Nein, nein, das konnte der allgerechte Gott nicht zulassen. Da ward die Tür leise geöffnet, ein Hochgewachsener Mann trat ins Zimmer, der Hausherr und seine Gattin folgten. Der Mann am Bette hatte sich mit achtungsvollem Gruß erhoben und war an das Fußende des. Bettes getreten. Der Arzt neigte sich über das Bett und legte den Finger prüfend an das Handgelenk dos Kranken, der sich jedoch nicht regte. „Schläft er?" „Ich weiß es nicht," erwiderte der Mann, an den er diese Frage gerichtet hatte. „Ich möchte es wissen," sagte der Arzt, „rufet ihn beim Namen." Der, Mann trat näher. „Däcki!" rief er halblaut, „Dicki, schlafet Ihr?" Liah schlug die Augen aus und blickte lächelnd zu ihm empor. „Nein," sagte si.e mit überaus matter Wimme, „ich habe nicht' geschlissen — ich bin nur so sehr müde — aber wo sind wir eigentlich?" „Wir sind in Hüll. Ich glaube sogar," fügte er flüsternd hinzu, „daß wir uns bei Glaubens genossen befinden, daß der Arzt, der jetzt bei euch ist, ein Jude ist, das weiß ich sogar gewiß." Liah machte eine hastige Bewegung als wolle sie sich umwenden. „Gemach, gemach junger Herr!" sagte der Arzt „Ihr müßt euch vollständig ruhig verhalten, sonst könnten wir die Bescheerung haben, das wäre euch doch nicht angenehm". „Nein, gewiß nicht. —" „St! st! junger Herr. Unterhalten wollen wir uns heute nicht, wollet nur die Fragen, die ich an Euch richten werde, möglichst kurz beantworten." Er stellte nun eine Anzahl Fragen, die Liah seiner Aufforderung entsprechend möglichst einsilbig beantwortete. „Schön, schön, die Geschichte wird mit Gottes Hilfe bald wieder in Ordnung sein, nur müßt Ihr Euch einige Tage ruhig verhalten, vollständig ruhig. Die naffen Kleider sollten auch entfernt werden, aber auch dabei dürft Ihr Euch nicht bewegen," Euer Bruder wird Euch behilflich sein." Liah's Angesicht war im Nu wie mit Purpurfarbe übergossen. „Nicht, nicht!" stammelte fie, „ich kann schon allein." „Ihr dürft aber nicht allein", versetzte der Arzt mit Entschiedenheit, indem er die Stirn in Falten zog. „Nehmt doch Vernunft an, was ist denn dabei, wenn ein junger Mann sich von dem Bruder beim An- oder Auskleiden Helsen läßt? Laßt mit Euch redendaß Ihr das Herz auf der rechten Stelle habt, das habt Ihr bewiesen, nun zeigt uns, daß Ihr auch den Kopf — aber um's Himmelswillen, regt Euch doch nicht dermaßen auf! — Dann müssen wir lieber auf das Wünschenswerte verzichten." Kopfschüttelnd gewahrte er den wiederholten unheimlich raschen Farbenwechsel in dem Angesicht des Kranken. „So beruhigt Euch doch, nichts wird geschehen, was Euch nicht recht ist, hoffentlich wird es auch nichts zu sagen haben, wenn Ihr;r den Kleidern bleibt. — Nehmt nur die Mixtur, die ich schicken werde, regelmäßig, und trachtet zu schlafen, dann wollen wir das Beste hoffen." Er drückte Liah leicht die Hand, bedeutete ihrem Reisegefährten durch einen Augenwink ihm zu folgen uno verließ das Zimmer, der Hausherr entfernte sich gleichfalls. „Wenn Ihr mit dem Herrn etwas zu reden habt, was der Kranke nicht hören soll, so ist es bester, Ihr kommt mit hinüber in das andere Zimmer." „Recht habt Ihr, Reb Schime", entgegnete der Arzt, „was ich mit dem Herrn zu reden habe, das braucht der Kranke allerdings nicht zu hören, ist ja ein hübscher Junge, scheint aber ein eigensinniger Patron zu sein, nicht?" Der andere zuckte die Achseln. „Ob er eigensinnig ist, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß ich mir keinen edlem, keinen herrlicheren Menschen denken kann als ihn. Was er für mich getan hat —" „Er ist Euer Bruder." „Das ist er nicht, wir sind einander vollständig fremd." „So? — Aber Ihr werdet doch seine Familie kennen, werdet mir sagen können, ob mehr derartige Fälle in der Familie vorgekommen sind, ob seine Eltern oder Geschwister —" „Ueber die weiß ich absolut nichts, er hat mir nur gesagt, daß er keine Angehörigen hat, daß er ganz allein steht in ver Welt." (Fortsetzung folgt.)