Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1911)
- Date
- 1911-09-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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g^y. fc"‘ Jr-: ' fv &K &■■■■ - ,•/»•* — 'y ■ - - '- >:: - —- Seite 8 Nr. 37 .- s ■' ■'■ '■" leisten wird, stehe ich doch nicht an, ihm eine „ganz eigenartige Note" zuzuerkennen, die seiner Rubrizierung unter die Parteierzeugnisse schlechthin widerstrebt. Daß ich besagte Note nicht in der „Wertfreiheit" finde, habe ich genugsam hervorgehoben. Aber selbst darin möchte ich sie noch nicht finden, daß Sombart, um in seiner Sprache zu reden, 500 Seiten von Juden spricht, ohne auch nur an einer einzigen Stelle zu — schimpfen. Das muß chm nämlich ohne weiteres zuerkannt werden, genügt aber meines Erachtens nach nicht zur Begründung einer besonderen Note und ist zudem bei Sombart, als einem Aestheten, selbstverständlich. Nein, es ist etwas anderes. Es ist die hoch über jeder kleinlichen Liebe (welcher aufrechte Jude hat nicht schon zuweilen die Liebe des Pyilosemiten als lästig empfunden) und hoch über jedem kleinlichen Haß (welcher aufrechte Jude hat sich je durch den Haß des Änttsemiten verletzt gefühlt) in der Tiefe der Persönlichkeit wurzelnde Sympathie, jene Sympathie, die etwa der Künstler für sein Geschöpf, aber auch etwa der Arzt für seinen Kranken empfindet, die die Blätter dieses Buches von einem Hauch durchweht sein läßt, der seltsame Ruhe und Frieden selbst über Dinge ausgießt, die einem von der widerlichen Arena der Raffekämpfer nur zu bekannt sind. Auch Franz Moor ist ein Kind der Sympathie, und so irrig die Annahme ist, daß der Künstler keinerlei ethische Bewertung dieses Kindes habe „durchblicken laffen", so wahr ist es doch, daß die Art, in der der Künstler in ihm und durch ihn die ungezügelte Leidenschaft zur Darstellung bringt, eine „ganz eigenartige Note" hat, die sich wesentlich von der Art unterscheidet, in der etwa ein Tugendprediger desselben Gegenstandes sich bemächtigen würde,, ob sie gleich beide, Künstler und Tugendprediger, in der ethischen Bewertung des fürchterlichen Grafen völlig übereinstimmen. Was macht den Unterschied? Sympathie! Und wie etwa ein großer Arzt mit leiser, milder Hand einen Menschen untersucht, seine Leiden und Schwächen, Fehler und Gebresten aufdeckt, aber es nicht als seine Aufgabe erkennt, all diese Mängel, selbst wenn sie verschuldet, dem Kranken verantwortlich aufzubürden, vielmehr mit umfassendem, gütigen Verstehen in ihm nur ein Glied der aus tausend Wunden blutenden Menschheit erblickt, mit dem Richter zwar in der ethischen Bewertung desselben übereinstimmen mag, selbst es aber ablehnt, Richter zu sein, wo er Mensch bleiben darf: also verfährt auch Sombart! Jawohl, kein Ankläger und kein Richter, ja selbst kein gelehrter, hypergelehrter Tatsachenregistrator: ein Künstler, den die Persönlichkeit schlechthin, ein Arzt, den das Leiden als solches mit tiefer Sympathie erfüllt, hat dieses Buch geschrieben, _ Mtt J»r«W. hat sich bemüht, aus den historischen Ausstrahlungen unserer Volksindividualität ihre geheimste Eigenart zu ergründen, ihre pathologischen Zustände bis in die letzten ätiologischen Wurzeln zu verfolgen. Ob ihm das gelungen ist, mag zunächst hier,. wo lediglich von der Tendenz die Rede, dahingestellt bleiben. Sicherlich finden sich bei ihm ungeheuerliche sachliche Unrichtigkeiten und auch in der Form ist er oft genug aus der Rolle gefallen und hat bei den von ihm selbst so sehr mißachteten Antisemiten manch ergibige Anleihe zu machen nicht verschmäht. Aber die Gesamtstimmung des Buches ist doch überwiegend die soeben charakterisierte, und namentlich im letzten Abschnitt wird sich Sombart seiner Aufgabe vollends bewußt und versucht, alles Parteigezänk unendlich weit hinter sich lassend, die ganze Tragik des Judengeschicks in echt künstlerisch-dramatischer Weise zu erfassen, indem er in seine kausale Notwendigkeit Einsicht zu gewinnen sich bemüht. „Nicht belachen und nicht beweinen, sondern verstehen", dies tiefe Wort scheint als Motto über diesem Abschnitt geschrieben, dem intereffantesten und geistvollsten des ganzen Buches. Dieser letzte Abschnitt, und zwar er allein, ist auch in der Tat frei von jeder ethischen Wertung oder hebt doch wenigstens jede verantwortliche Zurechnung auf, indem er den geschichtlichen Charakter des jüdischen Volkes als naturales Ergebnis der Vererbung und Anpassung zur Darstellung bringt. Ein Wüstenvolk, ein Volk ohne Heimat, dessen Wüftennatur selektionistisch immer mehr verstärkt wird, ein ewig wandernd s Volk, in keiner Erdscholle wurzelnd, von vornherein auf künstliche Erhaltung hingewiesen, das ist das Schicksal der Juden, das ist das Geheimnis ihrer beispiellosen Vorzüge, das Geheimnis ihrer beispiellosen Schwächen. — Wer will den ersten Stein auf sie werfen? — Nicht als ob Sombart die Juden „sympathisch" sind. In diesem vulgären Sinn möchte ich das Wort Sympathie gar nicht gebraucht haben. Franz Moor war Schiller sicherlich nicht „sympathisch". Und doch hat sich seine Künstlernatur mächtig zu diesem Vösewicht hin gezogen gefühlt, hat seine Einbildungskraft sich an ihm entflammt und nicht geruht, bis sie ihn aus einem Guß der staunenden Welt vor die Augen gerückt hat. Es ist, um es kurz zu sagen, das Dämonische, das den Aestheten Sombart, das tief Tragische, das ihn auch als Menschen zu den Juden heranzog und in Jahre langer Tätigkeit gefesselt hielt. Beides aber, das Dämonische sowohl wie das Tragische, liegt im Grunde jenseits von Gut und Böse, und so mag er wirklich ehrlich geglaubt haben, ein „wertfreies", ein „objektives" Buch geschrieben zu haben, ein „unpersönliches" Buch, ohne zu bedenken, daß gerade 14. September 1911 die Darstellung des Dämonischen, des Tragischen, auch wenn sie.nicht in rein künstlerischer Form sich vollzieht, immerdar tiefstes, persönlichstes Erleben voraussetzt und zur Grundlage hat. Sombart wird gewiß verwundert sein, auf welch großen Widerspruch seine Behauptungen in der Wissenschaft stoßen werden, auch wo sie in rein nattonalökonomischen Bahnen sich bewegen, und wird sich erstaunt fragen, wie es kommt, daß andere die Tatsachen so ganz anders sehen, so ganz verschieden deuten, als er. Seine Künstlernatur verleitet ihn dazu, eine Art von Heroenkult zu treiben, nur daß anstelle einer Einzelperson ein ganzes Volk seinen Heros bildet. — Während wir sonst gewohnt sind, in der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft, in dem Ueberqang vom „Nahrungs"- zum „Erwerbssyftem", lediglich den Einzelfall eines allgemeinen Menschheitsprozeffes zu erblicken, der «vom verhältnismäßig Einfachen, Natürlichen zu immer Komplizierterem, immer Künstlicherem hinführt, und den wir als Kulturprozeß bezeichnen, ist Sombart durchaus geneigt, die objektiven Momente, die die Heraustreibung des Kapitalismus erzwangen, zugunsten der subjektiven hintcmzusetzen So stellt er beispielsweise fest, daß die Verschiebung des Wirtschaftszentrums im 15. und 16. Jahrhundert vom Süden Europas zum Norden mit der Wanderung der Juden, die in der räumlichen Richtung verläuft, zeitlich zusammenfällt, und er ist geneigt, beide Erscheinungen, gestützt auf Zeugnisse der Zeitgenoffen, in ursächlichen Zusammenhang zu bringen. Aber er fragt sich nicht, ob nicht etwa gerade die Vertreibung der Juden im Süden, ihre Aufnahme im Norden Ausdruck gegensätzlicher wirtschaftlicher Momente waren, die hier den Niedergang, dort den Aufschwung yerbeigeführt haben. „Wie die Sonne geht Israel über Europa: wo es hinkommt, sprießt neues Leben empor, von wo es wegzieht, da modert alles, was bisher geblüht hatte". Hört dieser Satz sich nicht an, als sei er einem sangesfrohen Heldenbuch entnommen (Fortsetzung folgt.) KochrnrvnösHau. Das 6n0e des „ITlisradii" Die „Hazefirah" hat recht behalten. Die „Konsequenzen", die die Wortführer des Aleiner Meuilleton. Das Hebe« lsr-elr, ein Spiegel seiner Seele Bon Dr. M. E. 2122V und ^2V verhalten sich im Wandel der Zeitportoden wie Sonne und Mond im Weltgeschehen, wie Jsroelgeist und Humanismus im Gedankmleben: Das Unendliche kann nicht sein ohne daS Endliche. Wo gibt es noch ein zweites Volk, dem der große Gedanke „Gott" so tßrtraut wäre? Das bezeichnendste Merkmal für Jsroel ist, daß es alles Sein und Geschehen vom Standpunkte des Hohen, Heiligen betrachtet. Alle' Erkenntnis, die eS gewinnt und verbreitet, ist nichts als eine Proklamation der Wahrheit, daß der einzige Maßstab fürs Leben nur dcr höchste sein könne, nämlich der des göttlichen Willens, gegen den eS überhaupt kein Leben gibt. Dieses BewußtseM, das in den Tiefen seiner Seele verankert ist, drückt ihm den Stempel auf, der ihm * *) Die vorliegenden Gedanken — eine fast* wörtliche Uebersetzung aus der Einleitung zu P2X2 7D12 vom Jaffaer Oberrabbtner Kuk — legen Zeugnis ab von dem unverwüstlichen Optimismus, der diesen großen Menschen und Gelehrten so wett als nur irgend möglich und so lange als möglich, nachfichttg stimmte, gegenüber den Mängeln des neuen 21V' M *7X287' px* eignet, und gibt ihm einzig und allein seinen Wert: aber nicht nur der jüdischen Gesellschaft im Ganzen, sondern jedem einzelnen Individuum in ihr. Denn sein Geschick, sein Stern steigt und fällt mit dem mehr oder minder wachen Bewußtsein von diesem nationalen Charakter, dem gemäß alles Leben auf ein Göttliches hinbezogen wirb: DVn 02*512 D'TI 'p*?X "22 D'p222 D2KV Diese amor dei tiogt in der Natur der jüdischen Volksseele. Nicht durch Dialektik, nicht durch Arbeit an stch selbst, auch nicht durch innere Erfahrung ist Jsroel zu dieser unzerstörbaren Kraft gelangt. Jede Jude bringt sie — in virtuellem Sinne — mit zur Welt. Und diese fortgesetzte Neugeburt einer Seelenkraft erklärt die ungeheure Macht des Gottesgedankens in JSroel, der auch das gewaltigste Individuum, vielleicht unwillig und unwissentlich, seinen Tribut zollt.*) So kann nichts, auch nicht eine Sinnesänderung Jsroels diese Kraft vernichten. Gewiß wird auch dem Gesinnungswechsel ein größerer Einfluß auf das natürliche Wesen der Rasse zugeschrieben werden müssen: Sittlichkeit wird desto leichter, seiner und schöner das Wesen zur Entfaltung bringen: umgekehrt Unstttltchkeit das natürliche Licht der Seele verdunkeln, das jüdische Gefühl abstumpfen für den geistigen Schatz, der in dem Seelenleben des Volkes sich birgt. Aber nie und nimmer kann Gefühllosigkeit und Blindheit ewig währen. Die wahre Lichtquelle, das Gewissen des jüdischen Volkes, erhält stch und wird sich schließlich Bahn brechen!. . . Das Wesen der Nation, ihre herbe Anschauung von Recht und Gerechtigkeit, von Glück und Ruhe, ihre leidenschaftliche Liebe zu Gott, — schrumpft oft inS nichts zusammen gegenüber den Forderungen des Alltags. Der *) Bgl. Wtnbelvand in seinen Präludien zu Spinoza. D. Uebersetzer.' rastlosen Entwicklung des beständig fortschreitenden Lebens, den Netzen des alltäglichen Lebens und der Fülle von schmerzhaften Geschehnissen gegenüber kann ihr Wesen nur schwer sich entfalten. Das Drängen nach Vervollkommnung des Lebens, so wie es der jüdischen Seele entspricht, ist nur möglich in der Freiheit, durch die Abwendung von den äußeren Reizen des Lebens auf die Werte des Geistigen. Da kommt der 7,2V und .22112 X2, 712V X2da beginnt die jüdische Seele stch von den schwersten Banden loszumachen: *ft1221 *]22t22 '2 N'1.2 01'2 2212 2VX 2Vp2 22222 J21- Da regt sich die Sehnsucht nach jenen höchsten Atmosphären, nach len geistigen Werten, in denen sie einmal das Ewige gestreift. Da gibt stch so recht die dem Volke eingeborene Idee, die Richtung zu einem einzigartig göttlichen. Leben kund. Da zeigt sich das innerste Können und Wollen und Müssen ferner Seele, las stch zur 22'2' 22V1 verdichtet, die im Innern jedes Einz-lnen webt. Und was der 22V für tzen Einzelnen, ..das ist die 22^2V für die Nation in ihrer Gesamtheit. Dieser Nation ist es ein Bedürfnis, stch zu einer möglichst vollkommenen Ausgestaltung des Urgrundes zu entfalten, auf daß ihre Schöpfung durch Gott in ihr lebendig bleibe und immer wieder hervortrete. So reflektiert sie von Zeit zu Zeit in stch den göttlichen Strahl in der Fülle seines Lichtes, das kein Gesellschaftsleben mit allem Mühsal und aller Sorge, allem Schweiße und aller Aufregung zu Nichte machen kann. Diesen Strahl reflektiert ste, um aus dem innersten Innern heraus die Reinheit, ihres Blickes und Urteils — meteorgleich — zu offenbaren. Da gibt es keine Hemmung. Selbst die not-