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Der Israelit · 1911-09-07 · Heft 36 (7.9.1911) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 36 (7.9.1911)
Date
1911-09-07
Page
– (sequence 19)
Language
German
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»er Sfmitt L4.«ugust 1911 denen „Glaubenslehren" als neue Erkenntnis der Wahrheit auf Grundlage der bezeugten Tatsachen erstehe. Und noch eins, verehrter Freund! Am Schluffe Ihrer Zeilen fragen Sie ironisch, ob der „kleine Knabe", der „mit dem Schulchan Aruch unter dem Arm einen Irrtum Nachweisen" kann, schon schulpflichtig od?r doch schon Barmizwoh ist. * Ich? hätte allerdings gedacht, daß Sie das Zitat von Hirsch wieder erkannt hätten. Ich habe wohl überhaupt Ihre Belesenheit in Hirsch überschätzt. Aber ich will Ihnen mit einer Bemerkung des Midrasch antworten. Als Aquila (Onkelos) zum Judentum übertreten wollte und diesen Entschluß dem römischen Kaiser mitteilte, da meinte dieser, er solle sich doch nicht einer so verfolgten Nation anschließen. Welche Werbekraft könne eine solche besitzen? Da erklärte Aquila kurz: In diesem Volk weiß jedes Kind, wer die Welt geschaffen hat und was am ersten und zweiten usw. Tage geschaffen worden ist. Und dieses Wissen von Kindesbeinen an ist dieses Volkes Lebenskraft. Sehen Sie, ein solches Wissen sollen unsere Kinder wieder erhalten, damit das Judentum, die Thora, in den edelsten Geistern der Nationen, in ihren ehrlichsten Wahrheitssuchern, die glänzendsten Vertreter vor Königsthronen sinde und „Fürsten seine Förderer" werden. Die dreizehn „Glaubenslehre»“ des maimonides. wiewohl wir im vorigen Artikel uns bereits im Prinzip gegen den Ausdruck „Glauben" für den Lehrinhalt des Judentums gewandt haben, wozu man den Tischri-Artikel von Rabbiner Hirsch y'XT IV. Band seines „Jeschurun" und die Bemerkung im Kommentar zu V. 4, 35 vergleichen wolle, möchten wir insbesondere nochmals hervorheben, daß schon allein der Inhalt der von Maimonides aufgestellten Grundzüge des Judentums beweist, daß diese Sätze mst Dogmen und „Glaubensartikeln" gar nichts gemein haben. Wird doch auch die Nebersetzung des von Maimonides gebrauchten Wortes im Hebräischen mit HD'* wiedergegeben, das bekanntlich „Grundlage" bedeutet?) Die größte Zahl dieser Sätze sind direkte Wiedergaben oder die nächsten Folgerungen aus dem Dekalog. Hierhin gehören die Sätze 1 bis 5, sowie 10 und 11. Es sind darin die Wahrheiten enthalten, daß Gott Schöpfer und Leiter der Geschöpfe ist. Er hat nicht nur dieselben ins Leben gerufen, sondern waltet auch in der Gegenwart und Zukunft frei über allen seinen Werken. Er ist nämlich ein Individuum, d. h. ein allein, unbeeinflußt, sich selbst bestimmendes Wesen und es gibt keine Individualität wie die seinige; weil Er, unser Gott, allein war, darum ist Er und wird Er sein. Das ist Er aber, weil Er kein körperliches Wesen ist und durch die Körperlichkeit hervorgerufene Zustände Ihn nicht berühren. Es ist eben Seinem Wesen nichts ähnlich. (Jedes ähnliche Dasein würde Seine Existenz aufheben.) (Er gleicht keinem Wesen, höchstens kann ein Wesen Ihm gleichen, weil) Er vor der Materie wardarum kann Er auch nach ihr, d. h. ohne sie leben. Wir können uns daher über unser Sein und Sollen, über unsere Stellung in der Welt, nur im Hinblick auf Ihn ein Urteil bilden, d. h. uns Wbstbegreifen/was im jüdischen „Gebet" geschieht. Wir sehen in diesen Sätzen eigentlich nur die zwei ersten Worte des Dekalogs erklärt. Von ^Glaubenslehren", die Maimonides in diesen Worten aufgestellt haben soll, vermögen wir nichts zu entdecken. Desgleichen gehören zur Begründung des zweiten Gebotes die Sätze 10 und 11 „Gott kennt alle Handlungen und Ge- * j, * u ' *) S. den Mschnah-Kommentar zu Sanhedrtn. danken der Menschen, er läßt den Pflichttreuen das Gute reifen und bestraft die Gesetzesübertreter." Auch der sechste Satz, der sagt, daß alle Worte des Propheten Wahrheit sind, ist aus doppelten Gründen kein „Dogma". Denn einmal weist die Thorah auf das Wirken späterer Propheten hin V 18,15. Dann aber' auch hat die Geschichte gesprochen und die Voraussagungen der Propheten vollinhaltlich, ja wortwörttich bestätigt. Es bestand aber ja nicht einmal die Hauptaufgabe des Propheten in Borausverkündigung von Ereigniffen. Seine wesentliche Tätigkeit erstreckt sich auf die Beleuchtung der moralischen und sozialen, der religiösen und politischen Fehler der jeweiligen Gegenwart — und da können wir an dem eigenen Gegenwartsbild die getreue Zeichnung der Vergangenheit, die des Propheten Meisterhand entwirft, beurteilen. Und auch das können wir Spätgeborene, wenn wir die Augen öffnen wollen, erkennen: die Zettentwicklung drängt zur Erlösung der Menschheit. Der Erlöser muß noch erst erscheinen. Zufrieden ist kein Volk und kein Volksteil mit der Staatenordnung und mit der Führerschaft von Dogmen und Glaubenslehren von heute. Und daS und nichts mehr sagt Satz 12. Dem Gedanken des siebenten Satzes, daß Mosis Sendung geschichtlich bezeugte Wahrheit i und kein Dogma ist, galten die Ausführungen des vorigen Artikels und daß er „Vater" der Propheten vor und nach ihm war, daß aus der von ihm überbrachten Le^re sie alle geschöpft und zu ihr das Volk erziehen sollten und wollten, daß wir keine Entwicklung von einer „mosaischen" zu einer „prophetischen" Religion durchgemacht haben, ist wiederum keine „Glaubenslehre". Der letzte Prophet Maleachi schließt mit dem Hinweis auf „Moses Lehre" seine Reden, abgesehen von den mehrfachen Bemerkungen über Moses Bedeutung in der Thora selbst, die nur den Sinn haben können, daß die Moses gewährte Erkenntnis so groß war, daß nach ihm keiner kommen konnte, der das Judentum auf eine höhere ethische Stufe hätte heben können. Uebrigeus haben wir über diesen letztern Punkt eine sehr hübsche kleine Schrift von Rabb. Dr. Kaatz, in welcher von rein geschichtlichem und nicht dogmatischem Standpunkt aus der Irrtum einer „Entwicklung" des Judentums dargetan wird. Bleibt also zunächst Artikel 13 Wiederbelebung der Toten. Unsere Weisen haben diese Ueberzeugung in die Tefiloh ausgenommen und diese „Allmachtstat" Gottes mit Seiner andern Ihm vorbehaltenen Allmachtsäußerung, der Regenspende, verglichen. Sie kennen noch eine dritte und das ist die Lebensspende.; Nun wohl, wenn alles, was wir nicht verstehen, obwohl wir es erleben und sehen, ein Dogma ist, dann soll auch die Wiederbelebung der Toten als ein Dogma gelten. Solange aber der Mensch, sein Leben und Sterben, das Verhältnis seines Geistes zu seinem Körper, seines Denkens zu seinem Handeln das größte Rätsel des menschlichen Wiffens, nicht Dogma genannt wird, so lange haben wir kein Recht, irgend etwas mit diesem Ausdruck des „Glaubens" — und daher der Möglichkeit des Bezweifelns zu belegen. Vermögen wir doch fast keine einzige „feststehende Tatsache" des Naturerkennens zu definieren. Wir wiffen nichts was Stoff und Kraft ist, obwohl wir die Wirkung gewahren und mit ihr arbeiten. Nicht einen solchen Begriff aber verweisen wir in das ungläubige Gebiet des „Glaubens". Das Wort aber, das sich in vieltausendjähriger Geschichte bewährt hat, wollten wir darum als ungewiß, höchstens als'„glaubhaft" hinnehmen, weil seine Zeit noch nicht gekommen ist? Eines Menschen Wort, das uns noch nicht getäuscht hat, findet unser Vertrauen, und dem Gottesworte soll unsere naiBK nicht gehören? Bei Ihm ist die Zukunft so sicher wie die Vergangenheit gewiß ist. Wir wissen, daß sie sich so gestalten wird, wie Gottes Wort sie uns enthüllt hat. Und unser Wiffen ist mehr als Glauben. Nr. 34 Gelte 19 , Wenn nun aber das, was wir als Gottes > Wort in Händen haben, es nicht wäre, wenn Täuschung Md Betrug, Irrtum und Versehen etwas anderes aus der Mosislehre gemacht hätten, als er geschrieben? Darauf will der achte Artikel die Antwort geben: „Wir glauben" — so wird dann einfach übersetzt — wir „glauben", daß diese ganze Lehre, die sich jetzt in unseren Händen befindet, dieselbe ist, welche Moses gegeben wurde. Wir „glauben" nicht. Denn hier befinden wir uns auf dem sichern Boden des halachischen Gebietes und wir wissen. Denn die Halachah hat die schriftliche Ueberlieferung mit soviel „Umzäumungen" umgeben, daß sie nicht verletzt werden kann. Man kann die Thorah-,Handschriften" nicht mit anderen „Handschriften" vergleichen, von denen nicht zwei, die dasselbe Thema behandeln, übereinstimmen. Da macht ein Abschreiber immer größere Fehler als der andere. Unvorsichtigkeiten und eigenmächtige Verbesserungen, Einschiebungen, Auslassungen entstellen dann noch das ganze Aussehen, so baß eine nach einigen Jahrhunderten hergestellte Abschrift dem Original überhaupt nicht mehr ähnlich sieht. Solche Veränderungen sind bei Thorahabschriften unmöglich. Die erste Schrift wurde von Moses der Hut der Leviten übergeben. V 31 26 und für jede Abschrift wurde eine non nrro eine vollendete Abschrift zur Pflicht gemacht. Die Deutlichkeit der Buchstaben steht dabei an der Spitze. Jeder Buchstabe muß deutlich von dem andern abgegrenzt sein und der Zwischenraum zwischen zwei Buchstaben darf nicht durch Radieren entstehen. Die Linienzahl und die gerade Linierung ist vorgeschrieben. Ein freier Rand von-allen Seiten der Kolumne läßt außerdem nicht zu, daß über oder zwischen geschrieben wird. Die Anzahl der Kolumnen ist nicht gleichgültig und die Reihenfolge der Abschnitte und Sätze muß innegehalten werden. Auch der kleinste Strich über den Buchstaben ist wesentlich. Auch dadurch ist die Leserlichkeit der Schrift gewährleistet, daß sie nur mit der rechten Hand geschrieben werden darf. Bis auf die Bereitung der dauerhaften, nur schwarzen Tinte erstreckt sich die Vorschrift. Schon die Pergamentbereitung muß mit der Absicht, es für eine Thorahrolle zu verwenden, geschehen. Das Schreiben — und Kollationieren der Buchstaben nach Fertigstellung der Abschrift!! — hat mit dem Gedanken an den heiligen Zweck zu geschehen. Die wichtigste Vorschrift aber, die die Gewissenhaftigkeit des Abschreibers am sichersten gewährleistet, ist darin zu finden, daß eine Sefer Thorah, die ein Gottesleugner geschrieben hat, unbrauchbar ist und verbrannt werden muß. In der Persönlichkeit des Abschreibers, dem die Tätigkeit ein h eili g es Anliegen sein muß, liegt die Sicherstellung gegen jeden Betrug und die Berechtigung dafür, daß wir jeden „Glauben" ablehnen und das „Wissen" für uns in Anspruch nehmen dürfen. Daß Artikel 9 apologettsche Absicht hat, braucht nicht erst betont zu werden. Wer Jude st, weiß und glaubt nicht nur, daß eine andere Thorah uns nicht offenbaret ward. Italien. Bon W. W in C. Aus dem sonnigen Lande jenseits der Alpen!ommt eine frohe Botschaft. Die in Florenz erchetnende jüdische Wochenschrift „La iSettimana Igraelitica" veröffentlicht in ihrer Ausgabe vom 14. Juli d. I. einen „Apello ai giovani" bellte lten Apell an bie männliche jüdische Jugend Italiens, der diese im Interesse der Zukimft ,)es Judentums zu einer gemeinsamen Aussprache Usammenruft. Die goldenen Worte, in denen ich ernste, zielbewußte Gedanken vereint mit :iner seltenen, volkstümlichen Empfindung widerpiegeln, verdienen in vollem Maße die Aufmerksamkeit der gesamten Diaspora. Wir teilen ie deshalb unseren verehrten Lesern in getreuer lebersetzung mit.

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