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Der Israelit · 1911-09-07 · Heft 36 (7.9.1911) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 36 (7.9.1911)
Date
1911-09-07
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Ekett« 18. nt 34 Vorher sei es uns gestattet, noch darauf hinzuweisen, daß wir wenige Zellen nach den von unserem verehrten Freund zitierten Sätzen wörtlich geschrieben haben: „Die Objektivität der Geschichte und des Ge- . setzes, der gegebenen, nicht selbstgeschaffenen Lehre, des vorgeschriebenen und nicht selbstüberlassenen Lebens, schützt'uns davor, uns »soweit* von dem Existenzminimum des Judentums zu entfernen, daß seine Grundlagen dadurch geleugnet scheinen. Man hätte füglich denken sollen, daß diese Ausdrucksweise „Die Objektivität der Geschichte und des Gesetzes, der gegebenen, nickt selb st geschaffenen Lehre, des vorgeschriebenen und nicht uns selbst überlassenen Lebens" uns vor Mißverständnissen wie solchen, denen unser Freund Ausdruck verleiht, hätte schützen müssen. Man kann doch wirklich nicht von uns verlangen, die viel entschiedenere, positive Ausdruasweise „die Objektivität der Geschichte und des Gesetzes" gegen das nichtssagende Wort Dogma oder Glaubenslehre auszutauschen. Denn bedeutet Dogma oder Glaubenslehre, Worte, die wir in anderen Kreisen finden, etwas anderes als — sagen wir — oberste Leitsätze, „an die zu glauben — die Menschen (!) — überetngekommen sind"? Ein Kirchenkonzll kann ein Dogma aufstellen, sogar ein für uns Juden unbegreifliches. Ein jüdisches Sanhedrin hingegen hat immer nur ein Gesetz und zwar nur dem Volke vorzuschlagen beschließen können. Aber die Tauroh selbst — wo stellt sie Dogmen auf? Verlangt sie von uns an Lehren zu „glauben", die der Vernunft geradezu widersprechen? Nun, der große Gesetzeslehrer Maimonides hat aber solche „Glaubenslehren" als Kompendium der Anschauung, die ein Jude sich zu eigen machen müsse, zusammengefaßt? Was hat er getan? Dogmen, Glaubenslehren hätte er verfaßt? Wer gibt uns das Recht dazu, das sehr reale, positive Wort D'npy mit „Glaubenslehren", mit „Dogmen" zu übersetzen?? Wer gibt uns das Recht, sein '2K pöKO mit „ich glaube" wiederzugeben? onpy beißt „Grundlagen", „Wurzeln" und nicht „Lehre". Und nnDK drückt ein bestimmtes, erprobtes „Vertrauen", eine „Ueberzeugung", eine „Gewißheit" aus, 70*0 ist der Gott, der sich in seiner „Treue bewährt" hat, Moscheh war in Gottes großem Haushalt svdk-2„bekannt". Ach was, so höre ich den gelehrten Freund sprechen, das ist Wortklauberei. Mit Verlaub, das ist es eben nicht, sonst hätte unser Freund uns sicherlich nicht auf den Ausdruck festgelegt. Aber auch uns ist es mehr. Es bedeutet uns die Frage „Glauben oder Wissen", die Frage nach der jüdischen Welt- und Leüensanschauüng, nach der Lebensfähigkeit des Judentums, nach seiner Lebensfähigkeit auch in einer Zeit, die unter dem Zeichen von Wellhausen steht und noch lange darüber hinaus, nach seiner Lebenskraft auch in den jeweils modernsten Zeiten. Wie wenig Wortklauberei, wie sehr verschieden diese Begriffe von Glauben und Wissen, auf das Judentum angewandt, sind, zu welch' grundverschiedenen Anschauungen des Judentums sie innerhalb der Judenheit führen — das beweist die Zuschrift unseres Freundes. Weil wir es ablehnen, anderwärts geprägte vage Begriffe wie „Glauben" und „Dogma" für das Judentum anzuwenden, darum hält man uns für die Irrenden, während wir doch, wie wir versuchen wollen, auf Thora und — Mai-- monides zu fußen glauben! Wie muß man doch jenem Manne gerecht werden, der, Rabbiner Hirsch persönlich nahestehend, sich einmal über die Leser von Hirsch's Schriften äußerte: „sie verstehen ihn ja alle nicht". Man mußte diese Bemerkung für übertrieben halten, aber von einem großen Teil der Leser muß man behaupten, zwischen Lesen und Sichhineinlesen, zwischen Kennen und Anerkennen ist noch ein großer Unterschied. Und doch, seine Gedankenwelt muß Verständnis und Der JSraelit. ‘ 24. August Idll Anwendung finden, wenn es anders werden soll. Man setze an seiner Penlateuchübersetzung so viel aus wie man will, man lehne sie für die Schule wegen ihrer äußeren Form ab. Gut, so präge man dieForm um, aber den Inhalt gebe man derJugend. Heißt das Pädagogik? Weil die Form eines wahren Gedankens für den Begriff des Kindes zu schwer ist, darum stößt man ihm in bequemer, landläufiger Fassung Begriffe ein, die dem Wesen des Judentums widersprechen und ganz anderen Gedankenkreisen entlehnt sind?? Aber wir wollen ja gar nicht von Hirsch sprechen. Wir wollen beweisen, daß er Recht hat und müssen uns die Mittel dazu ohne i h n verschreiben. Wie wäre es, wenn wir als Kronzeugen den Mann benennen, dessen „Glaubensartikel" nach der Auffassung unseres Freundes von uns abgelehnt erscheinen könnten? Ist für Moses ben Maimon bas Judentum ein „Glaube"? Allerdings — das wollen wir betonen: Bei der Beantwortung dieser Frage ziehen wir nur die Geistesarbeit des Moses ben Maimon in Betracht, die sich an Moses ben Amram anschließt. Nicht sein philosophisches Werk, sondern sein G e - setzes kompendi um ist maßgebend. Es ist die Arbeit, bei der Maimonides vom Judentum ausgehen mußte, um es zu erklären. Sie gelingt daher auch der „starken Hand" des Meisters glänzend. Da schreibt er nun im achten Kapitel von Hilch. Jessaudei Hatauroh ungefähr: „Nicht die Wunder waren es, welche Moses beim Volke akkreditiert haben. Wer sich durch Wunderzeichen bestimmen läßt, dessen Herz ist schwankend und nachher grübelt er und schenkt auf die Dauer dem Wundertäter doch kein Vertrauen. Das war Moses auch von vorhinein bedeutet worden. Denn noch in Midjan war es, als ihm gesag wurde: „Wenn ich dich das Volk aus Aegypten hinausführen lasse, werdet ihr Gott an diesem Berge dienen" (II 3. 12.). Daß diese Offenbarung am Sinai in Anwesenheit des ganzen Volkes die eigentliche und dauernde Anerkennung Mosis zur Folge haben sollte und würde, wird sodann bei der Vorbereitung zur Offenbarung II 19. 9. mit den Worten wiederholt: „Siehe, ich komme zu dir im Dickicht der Wolke, damit das Volk höre, wenn ich mit dir rede und sie auch auf dich für immer ihr Vertrauen setzen." Und in der Tat! Diese Versammlung eines ganzen Volkes am hellen Tage tst mehr noch als die g e s ch r i e b e n e „Geschichtsquelle" der Thora durch die mündliche Ueberlieferung von Mund zu Mund die einzigartige, bestbezeugte Geschichtsquelle geblieben, die je ein Volk der Welt besessen hat, eine Quelle, für deren Wahrheit unser Dasein in der Gegenwart noch bürgt, aus deren Echtheit die ganze voraufgegangene Geschichte des äußeren Volksunglücks die Probe gemacht hat. Ist je eine neue „Religion" im Beisein eines ganzen Volkes verkündet worden? Sind nicht immer die „Volksbeglücker" und „Bringer neuer Wahrheiten" mit Visionen, die ihnen angeblich persönlich geworden sind, ohne irgendwelche Beweise dafür an die Oessentlichkeit getreten? Ihnen mußte das Volk „glauben". Moses aber hat keine derartige Vermittlerrolle bei der Offenbarung gespielt. Er stand mitten unter dem Volk, nicht auf dem Berg Sinai (II 19. 25.), als Gott seine Zehn Worte zum W 0 lk e und nicht zu Moses sprach. Erst als das Volk (II20.19.) es verlangt (nach der Ueberlieferung nach dem zweiten Gebot des Dekalogs), trat Moses allein zu Gott hin. Ist doch deutlich genug der Zweck der Rede an die Gesamtheit ausgesprochen, daß nämlich dadurch dem Volk die T a t s a ch e im Gedächtnis bleibe: „Ihr habt gesehen, daß Ich vom Himmel aus mit euch geredet habe" (II20.22). Diese Wahrheit frischt Moses in des Volkes! Gedächtnis mit Kn glänzenden Worten (V 4,32. bis 36) aus: „Frage doch nach den früheren Zeiten, die vor dir waren, von dem Tage an, da Gott Menschen auf Erden geschaffen, und von Himmels Ende bis Himmels Ende, ob wie dieses Große schon je sich ereignet, oder ihm Aehnliches gehört worden. Hat ein Volk die Stimme Gottes gehört redend aus der Mitte des Feuers, wie du gehört hast und bist lebend geblieben? Oder hat ein Gott sich erprobt, zu kommen, ein Volk aus der Mitte eines Volkes herauszugreifen, mit Machterprobungen, mit Zeichen und mit Belehrungswundern und mit Krieg und mit starker Hand und mit gestrecktem Arm und mit großen Furchtbarkeiten, gleich allem dem, was Gott, euer Gott für euch in Mizrajim vor deinen Augen vollbracht hat? Pu 0ift durch Sehe» zum Wisse« gebracht worden (nyT? n*nn nnn) daß Gott allein Gott ist, Nichts sonst außer Ihm. Vom Himmel hat er dich seine Stimme hören lassen, um dich in das Band seiner Zucht zu nehmen- und auf der Erde hat er dich sein großes Feuer sehen lassen, und feine Worte hast du gehört aus dem Feuer." Tatsachen, nichts als T a t s a ch e n , für die ein ganzes Volk in feiner Gesamtheit und in seinen einzelnen Gliedern, lebendige, sehende und hörende Zeugen gewesen sind. In ununterbrochener Ueberlieferung sind diese Tatsachen, die ein ganzes Volk in Mizrajim, in der Wüste, am Sinai, im Lande und in der Zerstreuung ganz der Voraussage entsprechend erlebt hat, auf uns gekommen. Ist nun Geschichte Glauben oder Wissen? Ist alles, was wir nicht erlebt haben, für uns ein ungewisser Glaube oder ein von uns zugestandenes Dogma? Ist unser Leben eine Lüge, weil unsere Ururenkel uns nicht ins Auge geschaut? Sind unsere Erlebnisse unwahr, weit unsere Ururenkel sie nicht selbst erfahren'? Und die Geschichte vor uns wäre nichts als mögliches, aber bezweiselbares Faktum? In der Profangeschichte gilt jede subjektiv geschriebene Chronik als „Geschichtsquelle" — die Tauroh aber, die hundertfach den Stempel der Wahrheit an ihren' geschichtlichen Berichten trägt, in ihr dürften wir nicht die Objektivität der Geschichte und des Gesetzes erblicken?’) Wir irren nicht, scherzen nicht, wenn wir behaupten, die Tauroh kennt kein Dogma. Auch D'ocm P2 mm die Offenbarung am Sinai ist kein Dogma. Sie ist eine geschichtliche Tatsache, erhärtet durch die Zeugens chaft ein es ganzen Volkes. Auch D'pa *TO lVVUrn die Schöpfung ist kein Dogma, ist bezeugt durch die Geschichte der Natur und der Menschen. Doch darüber ein anderes Mal. Wir haben wahrlich nicht die Authentie und die Göttlichkeit der Tauroh mit der Ablehnung eines „Dogmenglaubens" geleugnet, sondern im Gegenteil beides aus der Sphäre der Ungewißheit zur klaren historisch erlebten Bestimmtheit erhoben und wissen uns darin mit Maimonides einig. Innerhalb dieser Grenzen der „Objektivität der Geschichte und des Gesetzes" ist der Subjektivität des Forschens noch so viel Spielraum gegeben, daß wir nicht zu fürchten haben, daß durch die Anerkennung der gegebenen Wahrheit die Lebendigkeit des Strebens erlahmen muß. Die empfangene Vollkommenheit des Ideals stellt uns vielmehr eine so große Lebensaufgabe der Erfüllung, daß ein reges Leben in der Brust desMenschenundderMenschheit gewecktwirb. Möchte unser verehrter Freund auch seine» „Glauben" revidieren und sich zu unserer „Ueberzeugung" bekennen. Möchte er mithelfen, in ausgeführtem Sinne den alten „Glauben" endlich zu begraben und das neue „Wissen" aufzurichten in unserer Zeit der Wissenschaft, auf daß . die Lauroh nie veraltet, immer jung erscheine y und Phönix gleich aus der Asche der überwuti- 9 Brgl. unseren Aussatz: „Liberales Judentum und liberales Christentum" in Nr. 7.

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