Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1911)
- Date
- 1911-09-07
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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^-Jahrgang.;-.'•%■ -Z"?^ M 9. üdtscber Volfeefreund Monsts-Seilage zan „israelir tw#rttfdM lUdaktfomt Rabbiner Dr. B. Qlotf ta Rdtn moderne Aeiianscbaunng und Traditionen. V. Der Elulmonat unS Das Margengebet %on Dr. Ät. Neuwlrth in Berlin. Die Thora berichtet uns von dem dreimaligen Aufenthalt Mofes auf dem Berge Sinai, der jedesmal vierzig Tage währte. Die jeweilige Abwesenheit des Gottesmannes hatte ihren besonderen Zweck. Thorahtage, Bettage und Tage zur Gesetzesvorbereitung.- so ließe sich kurz die dreimalige Abgeschiedenheit des Lehrers von seiner Umgebung charakterisieren. Zuerst hatte Moses die zwei Tafeln und die übrige Thorah erhalten, dann hat er für das Volk, das sich am goldenen Kalbe versündigt hatte, vor Gott gebetet und schließlich sich vorbereitet, zum zweitenmal die Gesetzestafeln zu empfangen. Den Abschluß der wiederholten Abwesenheit Moses kennzeichnet ein Denkmal, welches für Israel für alle Zeiten aufbewahrt blieb, ein Merkslein, der weithin leuchtet und seine Strahlen noch in unsere Gegenwart sendet. Mit der Zertrümmerung der Gesetzestafeln endeten die ersten vierzig Tage und jährlich beweinen wir am 17. Tamus die Sünde, die zu diesem traurigen Ereignis führte. Mit der frohen Botschaft Tiri?D „Ich habe vergeben", stieg Moses den Sinai zum zweitenmal herab. Ein ewiges Wahrzeichen, daß, wie tief der Mensch auch gefallen sein mag, er beim himmlischen Vater Erhorung findet, so er nur aufrichtig sich zu Ihm wendet. Die zweitmalige Bundesschließung krönte die letzte lange Abwesenheit des Propheten; am Bersöhnungstage fand sie ihren Abschluß, am Tage, an dem die Tafeln dem Moses zum zweitenmal gegeben, zum zweitenmal Israel auf Grund der Thorah ein Bündnis mit Gott erlangte, und an diesem Gesetzgebungstag empfängt Israel jährlich seine Versöhnung und seine Verjüngung. Und immer mit dem Beginn des Elulmonats werden wir durch die drei verschiedenen Töne des Schofars auf die dreimal vierzig Tage, deren Bedeutung jede für sich eine verschiedene war, hingewiesen. Mit dem geraden Tone der Gesetzgebung beginnend (vergi. Exod. 19, 19), folgen zwei verschiedenartige gebrochene Stimmen, an die Zertrümmerung der beiden Gesetzestafeln erinnernd, um dann mit einem neuen geraden Thorahton zu enden (vergl. Levit. 25, 9). Die Töne sind es somit, die uns durch ihre Berschiedenartigkeit zu Gemüte führen sollen, wie Israel und wodurch das sündige Volk den „ersten" Versöhnungstag herbeiführte, die vollkommene Sühne erlangte. Nicht am ersten Elul, an dem Gott sein "'npfjD,, „Ich vergebe" gesprochen, wurde der Bersöhnungstag eingesetzt, vielmehr zugleich mit der zweitmaligen Wiedergabe der Tafeln. ,DaS Gottes wort an den Menschen ist für ihn nur dann von dauernder und nachhaltiger Wirkung, wenn es von einem Gottesgesetz begleitet ist, das der Erdensohn im Leben üben und beobachten muß. Erst durch die Annahme der Thorahvorschristen erhielt Israel seine Versöhnungin unserer Wirklichkeit kann für eine göttliche Willensäußerung, einen sittlichen Ernst, erst dann eine bleibende Stätte errichtet werden, wenn wir in unserem Lebenswandel durch die Tat uns stark und gut erweisen. Wie aber die Erlangung der Sühne nur durch die Tat, nur durch die Befolgung der Gebote erreichbar ist, so bedingt auch die Befähigung und Würdigung, das Gesetz empfangen zu können, erfordert die Vorbereitung zur Gesetzesoffenbarung ebenfalls die Gesetzestat, die genaue Beobachtung der göttlichen Vorschriften. Zweimal bereitete sich Israel zur Entgegennahme der göttlichen Gesetze: vor dem Schowuotfest und vor dem Versöhnungstag. Vor dem Offenbarungsfest hatte Israel nur sehr wenige Pflichten beobachtet, nur sehr wenige Gesetze hatte es zur Versittlichung des Lebens, zur Veredelung der Sinne, und man bemerkt bald, daß selbst die göttliche Offenbarung am Sinai bet den wenig in Pfl'chten Geübten und eben daher noch immer mit einer materiellen ägyptffchen Gesinnung Behafteten von keiner dauernden Wirkung, von keinem nachhaltigen Eindruck war, denn noch vor dem Gottesberge beugte Israel sein Knie vor dem Götzen. Und in Erinnerung an diese Sünde verzeichnet die Thorah den Tag dieser ersten sinaitischen Offenbarung nicht ausdrücklich, und nur durch die Tradition erfahren wir, an welchem Tage diese stattfand. Eine zweite Vorbereitung war notwendig gewordenaber diesmal konnte sie schon durch Pflicht, durch Gebote, mittels der göttlichen Gesetze geschehen. Und der Tag der zweiten Gesetzgebung ist zum höchsten Feste erkoren, zum heiligsten Tage, an dem Israel auf Grund der Thora sein Bündnis mit dem himmlischen Vater erneuert, seine sittliche Verjüngung erlangt, seine Sühne von Gott empfängt. Also auf Grund von Thorah und Mizwoh hat das sündige Volk seine Versöhnung erlangt, die zweite Gesetzgebung herbeigesührt. Dies ist der Gedanke, die jeden Jehudi von Anfang Elul beseelen muß. Aber nicht nur die Taten der Väter können und sollen für die Nachkommen vorbildlich sein, wie sie und wodurch sie sich zum Versöhnungstage vorbereiteten, sondern auch die Anzahl der Tage, in denen sie die Versöhnung vorbereitet, ist dazu geeignet, uns die Art und Weise zu zeigen, wie wir zu Werke gehen sollen. Wir bemerken, daß die Abwesenheit Moses immer vierzig Tage währte. Nun bestimmt eine talmudische Wahrnehmung die physische Entwicklung beim Menschen ebenfalls auf vierzig Tage. Die Vorbereitung zur geistigen Verjüngung des Jndiaidiums geschehe mit solcher Ursprünglichkeit, wie die physische. Dann erst vermag auch die geistige Verjüngung die physische Neubelebung zu bewirken, denn das Bewußtsein, vor Gott sittlich rein dazustehen, verleiht dem Jehudi neue Kraft. Der neue Mensch erstehe. Die Hauptbedingung, wodurch wir die sittliche Reinigung am Versöhnungstage vom himmlischen Vater als Geschenk empfangen, geschieht somit durch die vierzigtägige Vorbereitung mit Thorah und Mizwoth. Diesen Grundgedanken, daß eine Vorbereitung nur einzig und allein durch die göttlichen Gebote und sinaitischen Gesetze geschehen könne, bemerken wir so deutlich und klar bei unserem täglichen Morgengebet. Ein Grundzug, der das Wesen unseres Morgengebets charakterisiert, ist seine Absicht, uns gegen die sittlichen Gefahren des Tages zu rüsten, gegen die religiösen Schwankungen, denen ein jeder tagtäglich ausgesetzt ist. Unsere Tesilloh will den ganzen Menschen für diesen Kampf wappnen, will unS lehren, nicht gedankenlos durchs Leben zu gehen. Welche inhaltreiche Lebensphilosophie hat der Jude schon durchdacht, bevor er den ersten Biffen zum Munde führt, die Hand zum Tagewerk erhebt. Sagen wir uns mit Bewußtsein diese edlen Gedanken über Mensch und Menschheit täglich vor, dann kann der Erfolg nicht ausbleiben, dann muß ja der frommste Jude der edelste Mensch werden, dann liegt ja in jedem Juden schließlich das Zeug, ein Menschheitserlöser zu werden. Aber Lippendienst darf es nicht sein, Herzensdienst muß es werden. Schon die ersten Bewegungen des Morgens sollen durch einen Segensspruch verklärt werden - über däs Schuhwerk und die Kleidung sprechen wir tagtäglich einen Segensspruch, für den ersten Schritt, den der Jehudi des Morgens tut, wird Gott gedankt, ob des Erblickens des Morgenlichts wird Gott sogleich beim Aufstehen gepriesen. Kurz gesagt: das jüdische Morgengebet stellt die ersten Regungen, die ersten Bewegungen, das erste Unternehmen und das erste Tun und Lasten in den Dienst Gottes, es fordert vor der täglichen Arbeit eine sittliche Kräftigung des ganzen physischen Lebens, all unsere Glieder sind sittlich gestärkt, bevor wir den täglichen Kampf aufnehmen. Erst nachdem diese Vorbereitung vollendet, erstehen wir von Gott die täglichen Bedürfnisse, erbitten wir seinen Segen. In diesem Sinne und aus diesem Grund verbietet das Judentum, jegliche Arbeit und jeden kräftigenden Genuß' vor dem Betenjedes Beginnen, das unsere Gedanken von unserer sittlichen Pflicht ablenken könnte, denn zuerst müffen wir unser ganzes Wesen, unser Ich sittlich stählen. Aehnlich somit, wie bei der Elulvorbereitung die Mizwoth das ganze menschliche Leben versittlichen sollen, so die Berochoth die Segenssprüche, das alltägliche Leben erheben, sittlich heben, um, so vorbereitet, das Tageswerk aufnehmen zu können. haben wir Dogmen? Ein Freund schreibt uns: „In Ihrem Aufsatz ,Der Pfarrer ohne Talar' sagen Sie: .Wir kennen keine Dogmen/ ,Ein Dogmenstreit entsittlicht/ ,Der Subjektivität ist der weiteste Spielraum gegeben/ „Ein offenes Wort: Ist das Ihr Ernst oder scherzen Sie? Seit wann leugnen Sie die 13 Glaubenslehren? Seit wann halten Sie es für unwesentlich, wenn jemand v'vV.i p min bestreitet, äla Jatho die Göttlichkeit, Authentizität, Wahrheit der Bibel und Ueberlieferung leugnet, Wellhausenianer ist?c. rc." Soweit unser gelehrter Freund. Wie hat er uns mißverstanden und wie viele wohl mit ihm l Wir sind ihm . daher von Herzen dankbar, daß er uns Gelegenheit gegeben hat, uns näher zu erklären. '.