Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1911)
- Date
- 1911-09-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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■IM^■'rga? '•• '• ' ■' " Gegensatz zu diesen Anforderungen. Seiner eigenen Einsicht zu folgen, sie nicht als beschränkte sondern als Ausbund aller Weisheit anzusehen, das ist die Forderung des Tages, die man als das Recht der Individualität, als das Recht sich „ausznleben" verkündet. „Auszusterben" wäre dafür ein viel passender Ausdruck, wenn man an die zahllosen, vernichteten Existenzen denkt, die dieser Eintagsweisheit bereits zum Opfer gefallen sind und noch täglich fallen. Daß diese Leute, die das was gerade ihr Herz sinnt, den gesunden Menschenverstand nennen, ohne von der Fragwürdigkeit seiner Gesundheit eine Ahnung zu haben, daß sie ihren simplen sinnlichen Verstand als alleinigen Richter über Moral und Sittlichkeit, über Gott und Ewigkeit erklären, daß sie ihren Schopenhauer, Nietzsche und Häckel unverdaut im Kopfe liegen haben und in Folge dieser Unverdaulichkeit, zerüttet an Körper und Geist mit einer Kugel durch den Kopf enden, das ist noch nicht einmal das Schlimmste bei der Sache. Aber sie ruinieren nicht nur ihre Persönlichkeit, sie zerstörten die ganze Welt, wenn ihre Denk- und Sinnesweise Gemeingut der Menschen würde. mnö m raume m# din *?d -jVw oni injn ixip ’ßD n«, wie Rambam in der angeführten Stelle treffend bemerkt Die Selbsterhaltung, die Eigenliebe ist der mächtigste Trieb, den Gott in jede Menschenbrust gesenkt hat. Wenn derjenige, der blindlings dem Sinn seines Herzens folgte, nicht einmal vor der Rücksicht auf sich selber Halt macht, was sollte ihn zur Rücksicht gegen seine Umgebung bestimmen? Deshalb folgt auf 37n n.nn, auf die krankhafte Ueberschätzung der eigenen Individualität die kränkende Mißachtung jeder anderen, jn nwin, die Kränkung des Menschen Nebenmenschen? Es gibt heutzutage eine starke Strömung, die nur noch Ueber- und Untermenschen kennt, die die Menschheit zur Herde und das einzelne Individuum zum Herdentum degradiert und es in der „Umwertung aller sittlichen Werte" bereits so weit gebracht hat, daß sie statt der Rücksicht aus andere und vor allem statt des Schutzes der Schwachen, einen Schutz der Starken fordert, weil die Fürsorge für Hilfsbedürftigen zur Entartung der Menschheit führe. Den Starken müffe wieder das gute Gewissen zur rücksichtslosen Macht anerzogen werden, „so wie die Raubvögel mit gutem Gewtffen die zarten Lämmer verzehren." Das Gewissen, das sich gegen diese Ungeheuerlichkeit aufbäumte, sei nichts als der „Aufstand" der Zurückgebliebenen und Schwachen, die ihr Bedürfnis nach Hilfe zum obersten Maßstab der Wertung f kt $tacttL m 36. gelte 6 alles menschlichen Handelns machen. Dieses Gewisien müffe deshalb vernichtet werden. Es ist nicht schwer den Vertreter dieser Brutalitäten — Nietzsche — zu widerlegen, sagt ein tiefer, moderner Denker, der diesen und ähnlichen philosophischen Extravaganzen mit vielem Geschick und Erfolg entgegentritt 0- „Weit wichtiger ist es zu verstehen, wie ein so edel angelegter Mensch zu solchen Folgerungen kommen konnte. Nietzsche wollte gewiß nichts Gemeines, aber in Wirklichkeit gibt es keine Seele, die seine Weisungen befolgen könnte, ohne verloren zu gehen. Und dies ist wohl das Charakteristische aller modernen Reformen der Lebensanschauung: ihre Seele ist noch tief beeinflußt von dem geistigen Adel der Tradition, ste stellen uns kein niedriges Ziel vor Augen, ja sie wollen sogar alles übertreffen, was bisher an menschlicher Seelengröße erreicht wurde — aber ihre Philosophie stammt nicht aus gesunder Selbsterkenntnis und schlichtem Wirklichkeitssinn, sondern aus Abstraktionen — 37N -nmn —: darum müssen alle ihre Vorschläge und Lehren zu dem Gegenteil von dem führen, was sie selbst in ihren letzten Stunden gewollt haben." Uns aber, wenn wir je in einer schwachen Stunde diesen Einflüsterungen Gehör geschenkt hätten, hebt die sühnende Kraft des Jom Kippur über die Verirrung hinweg zu der lichten Höhe, in welcher uns Gott wieder als unser Vater und alle Menschen als Brüder und Schwestern erscheinen. Schwerer als sonst fällt gerade am Jom Kippur uns das Unrecht auf die Seele, das wir gegen Menschen geübt. Nicht nur die Tat, mit der wir die Entfaltung und das Gedeihen eines Menschenlebens beschränkt und verkümmert haben, sondern auch das bloße, verletzende, kränkende Wort, das unverziehen auf uns tastet, nimmt dem Jom Kippur seine sühnende Kraft. Was wir unmittelbar gegen Gott gefehlt haben, sühnt der Jom Kippur mit dem festen Entschluß das Unrecht von nun ab zu meiden. Was wir gegen Mitmenschen gefehlt haben, sühnt der Jom Kippur nicht, so lange wir das blutende Herz, das von uns verletzte Gemüt nicht vorher zufrieden gestellt haben. Während eine kalte, harte, dem Menschenleben und der Menschenliebe abgewandte Philosophie die Schwachen unter den Mitmenschen ihrer Hilfslosigkeit preiszugebcn verlangt, dringt das Gottesgesetz in erster Reihe auf Schonung, auf Rücksicht für den Fremdling die Waisen und Witwen, also für die Schwächsten unter den Schwachen. Und so ziehen sie alle *] Dr. Fr. W. Förster, in seiner Fugendlehre, S. 556 und 561. im Geiste an uns vorüber, die Glieder des Hauses, alle mit welchen wir im geschäftlichen und gesellschaftlichen Leben während des Jahres zu verkehren Gelegenheit hatten, der Fremde, die Waisen, die Witwen, die Armen, die Abhängigen, die Dienstboten, um ihnen für jedes kränkende Wort, das ihr Gemüt verbittert und das Herz verwundet hat, Abbitte zu tun. (Fortsetzung folgt). Lfe**. und Aachrichten. Setttföt* Irankfurl a M., 6. September. Der in voriger Nummer veröffentlichte Artikel des Herrn Rabb. Dr. Cohn-Basel „Die Forderung des Tages" hat sowohl dem Verfasser als uns eine große Zahl von Zuschriften beifälligen z. T. begeisterten Inhalts eingetragen. U. A. zeichnete ein Leser unseres Blattes nach der Lektüre des Artikels telegraphisch tausend Mark als „erste Spende für die zu begründende Welt-Organisation der gesetzestreuen Juden". Von einflußreichen und ho Ungesehenen Männern des praktischen Lebens wird insbesondere daraus hingewiesen, daß es! nach dem zu erwartenden Austritt des „Misrachi" und dem dadurch bedingten Freiwerden der bisher gebundenen Kräfte eines Teiles der gesetzestreuen Judenheit, vor allem gelten werde, eine wirkliche Einigung aller in Betracht kommenden Kreise und Gruppen auf breitester Basis herbeizuführen. Es ist zu hoffen, daß Einsicht und guter Wille hierfür allseitig vorhanden sein werden, und wo ein Wille ist, da zeigt sich auch ein Weg. Berliner Brief, n. (Bim unseren Korrespondenten.) E. B. Merk«, im August. Die prinzipiellen Streitpunkte waren in diesem ersten Halbjahre nicht sehr zahlreich/ immerhin Korrespondenzen Wanderstab und spricht mit fester Stimme zu seinen Wirten: „Ich danke Euch, Ihr beiden, für diesen Tag, der mir viel, viel gab. Er war ein Sabbath — Doch der Sabbath ist zu Ende; auch vor mir liegt die Woche, der Werktag der Arbeit. Ich muß weiter, denn mein Herz verlangt es, mein Sinn .steht nach der Welt, nach Kamps und Krieg, nach meinen Zielen. Lebt wohl, Mirjam, grüßt mir David, den kleinen . . . Und dann schüttelt der Sabbathgast die darg.- botene, kleine, liebe Hand des Mädchens, er drückt die Rechte des jungen Dorfgehers, lüftet den Hut und grüßt mit den Augen. Ein Weilchen noch, und während Bruder und Schwester dlbschied nehmen, wird die Gestalt des ausschreitenden Gastes kleiner und kleiner. Er entschwindet dem Ohr und den Augen. Nur die Vögel, die singend seinen Weg kreuzen, und die Sonnenstrahlen, die ihn streifen und verhüllen, hören die Worte, die Aschers Mund murmelt: „Mirjam, du Blume am Wege, blühe, blühe, bis mein „Morgen" kommt, mein Sabbath, au dem ich wiederkehre . . . ." Von diesem Augenblicke an ist er wieder der Wanderer, der gegen Prag zieht, ins ringende Leben, in die große, mit tausend Stimmen schreiende Welt. La seltenes Ittecbsor. Von A. Mannheimer, Dellelbach. Man muß noch nicht gerade Altertumsforscher und Antiquitäten! ebhaber sein, um einen besonderen Reiz an alten Ssorim zu finden. Wem würde das nicht schon bewußt geworden sein, wenn er beispielsweise aus einem alten Siddur, aus einem Machsor betet, das die Spuren langjähriger Vergangenheit aus allen Seiten an fich ttägt und so sehr in Druck, Format, Papier und äußerer Ausstattung absticht von den Erzeugnissen der Gegenwart? Eigenartige Gedanken vermag so ein Buch auszulösen! Sein Entstehen unter zumeist wenig günstigen äußeren Lebensverhältnissen unserer Ahnen zeugt an und für sich von einem Idealismus, dcn kein sozialer Druck ersticken konnte. Sodann die meist nicht wörtliche, sondern mehr kommentierende Uebersetzung, in mittelhochdeutscher oder „jüdischer"' Mundart, die zahlreich eingestteuten D,3,"T/ die kurzen, kernigen Inhaltsangaben bei den einzelnen Gebetsabschnitten, die frommen Mahnungen an den Beter: Dies alles zeugt von einer innigen, ttesreligiösen Lebensauffassung, von einer warmen Herzensandacht, die man aus den zierlichen, bequem handlichen Goldschnittexemplaren moderner Gebetbücher ohne weireres nicht herausfühlen möchte. Und wie viele Thränen, von Schmerz und Freude geweint, mögen jene Blätter genetzt haben.' Könnten ste reden, sie wüßten so manches Lehrreiche zu erzählen. ES ist sicher schade, daß man mit „alten Ssorim" so leichtfertig verfährt und sie in jedem Kasten und Winkel ihrem Schicksale kalt überläßt. Ein wenig Pietät, ein wenig Verständnis für unsere große Vergangenheit könnte so vieles retten, was htswrifch wertvoll und interessant ist und bleibt! Heute möchte ich auf ein Machsor Hinweisen, das gewiß vielen unbekannt ist und sich nur in den Händen weniger befinden dürfte. Es ist eine italienische Ausgabe, gedruckt 1711, also vor 200 Jahren in Venedig. Bor mir liegen zwei stattliche Fottobände mit Holzdeckeln und starkem Lederband, jedenfalls Originalband. Die Blätter gleichen eher Pergament als Papier, die Lettern sind groß und exakt, ebenso tiefschwarz. Alles ist so gut erhalten, als habe es eben die Presse verlassen. Der Eindruck des Altrrtkvnlichen ist hierin eigentlich beeinträchtigt. Der erste Band enthält die Gebete für Werktag, Sabbat, Neumond, die Einschaltungen für die für die „besseren" Sabbate, für Purim, die für Pesach und Schovuaus, endlich die Kinnaus für den 9. Av. Der zweite Band bringt außer den Werktag- und Sabbatgebeten die die Festgebetr für ijbz pn jioid irwwn psn und rmr '2'yv. Als Ha.ptkommentar ist der bekannte oeigegeben, die äußere Umrahmung bildend. ' Auf dem Tittelblatt, dessen Vignetten sich nicht an biblische Ereignisse anlehnen, sondern der freiwaltenden Phantasie entsprangen, wird bemerkt, daß das mTnö nach dem Mtnhag der Q’TOttm abgefaßt ist und zwar auf Wunsch und zum Nutzen folgender jüdischen Gemeinden Italiens: - fiOTaaw V'r rrrannp rvhnp nprarb dbi: p"pi /D’MDWK ') teL'3'1 P"p : f.l 1^X1 p"pi 3) forme p"pi p"pi omeo p"pi 5) roiamo p"p*i 4) rrjn’i p pi ai irin Sei n« p"pi öktbsiü Sxop Die nächsten beiden Folioseiten bringen in großen lateinischen Lettern die Drucklizenz. Auf der Seite rechts: Noi Refforma Tori Del Studio Di Padova Concediamo Licenza ä Giovanni de Paoli Stampatore dipoterri stampare il libro intitolalto compendio d’orationi *) Venedig. 5) Mantua. *) Padua. s) Ravenna. 4) Verona.