Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1911)
- Date
- 1911-09-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 9h. 36 Der gs-raütt. am Machsor für die D^TDn D^X) t«k2N YZ/ IV. abn ma '-['tob wkbw rrvn bv m nxaina ytob uxvNV «ton bpi Für die Sü nde, die wir vor Dir begangen durch (sündiges) Sinnen des Herzens. Für die Sünde, die wir vor Dir begangen durch Kränkung des Nebenmenschen. Man sollte glauben, daß unserem Wissen wie nichts sonst die Macht innewohnen müsse, unser Wollen zu zügeln. Das ist auch in der Tat der Fall. „Wenn aber unser Wissen durch den ihm beigemischten Trug, seinen reinen Charakter verloren hat, so hat auch damit der Kopf die Herrschaft über das Herz verloren und zbn mmn, sündiges Sinnen des Herzens ist die nächste Folge von rrü^öl DP*!. In dieser Verbindung führt bereits das Gotteswort beide Verirrungen nach der Deutung der Weisen auf, indem es uns verbietet dem Verlangen des Herzens und Augen zu folgen.') Dieses Verbot wacht nicht nur über unsere Tat und unser Wort, sondern es untersagt (auch alle Gedanken und Vorstellungen einer sinnlich lüsternen Phantasie, die auf Befriedigung körperlicher Genüsse gerichtet ist. Diese Wahngedanken können sowohl geistige als auch sittliche Verirrungen zum Gegenstand habenwer sich ihnen hingegeben hat, bekennt am Jom Kippur die Sünde, die er durch Sinnen des Herzens begangen. Wer sich ihnen hingegeben hat! Wo ist aber derjenige, der sich davon frei weiß, wo ist derjenige, der vor Gott sich keiner unlauteren Regung und Gesinnung anzuklagen hätte? Wenn unsere großen Meister und Lehrer von den Versündigungen, welchen jeder Mensch, jeden Tag unterliegt, diejenige von map mmrr als die allererste herausgreifens), so haben wir darin einen Maßstab für den Umfang, den diese Verirrung in unserer Zeit angenommen haben mag, in unserer Zeit, weiche die Verunlauterung der Phantasie und die Aufstachelung aller tierischen Triebe durch eine ganze Literatur, durch öffentx) Fortsetzung von Nr. 40 des vorigen Jahrgangs. *) Berachoth 12. '-,^81 ftirö 11 B3aS$ nriK map nimn 11 oaw 3) Baba Bathia 164. 2"! 1DK O1VP 31 *1ÖK *iirnn,vi' baa pa biaro d^tk px nrrap vbv mn ng?bi; nbsn p'pi marliche plastische Darstellungen, sowie durch Wort und Bild geradezu systematisch betreibt. Es gehört ein starker Wille und eine eiserne Energie dazu, sich unter allen diesen Verlockungen einer unsauberen Phantasie die Reinheit des Herzens und die Lauterkeit des Charakters zu wahren und sie wieder zu erlangen, wo sie im Kampfe mit der Sinnlichkeit unterlegen sind. Der erste Schritt zur Entfaltung dieses energischen Willens ist die Kenntnis des Unrechts, die vielen abgeht, weil sie darin geboren und erzogen sind, und weil diese Verirrung von vielen gar nicht als solche erkannt wird. Die große Menge glaubt die sinnlicher Leidenschaft gezogenen Schranken erst übertreten zu haben, wenn es durch eine Tat geschehen ist. Dasselbe gilt auch von geistigen Verirrungen. Die Aneignung von Gedanken, durch schlechte Gesellschaft und schlechte Schriften, welche die Sittlichkeit, die Unterordnung unter Gott und dann Gott selber bezweifeln, belächeln und schließlich vollständig aus dem Leben streichen, ist die erste Etappe auf dieser abschüssigen Bahn, auf der so viele dem Abgrunde zutreiben. Solche Gedanken abzuweisen und nicht in unser Denken und Wollen eindrtngen zu lassen, ist schwer in einer Atmosphäre, die davon durch und durch insiciert ist. Der sinnliche Verstand und seine zahllosen Wortführer, die er auf Kathedern und Kanzeln, in Versammlungen und Wirtshäusern, sowie fast in jedem Zeitungsblatte hat, sagen uns laut und leise: Wissen müsse man alles, selbst das Gemeine und Schlechte, wenn auch nur, um es meiden und bekämpfen zu können. Und doch ist das eine große, verhängnisvolle Täuschung! Man muß nicht alles wissen, so wenig man jedes Gift in sich aufzunehmen braucht, um es zu kennen und sich dagegen zu schützen. Das wäre ein wunderlicher Schutz, ein Heilmittel, schlimmer als die Krankheit! Wer seinen Wissenstrieb für die Neigung, das Gefährliche, Schlechte und Gemeine kennen zu lernen, vorschützt, der möge sich doch einmal fragen, ob er denn das Gute, Edle und Wahre durch Lektüre und Verkehr so erschöpfend sich bereits angeeignet hat, daß ihm zur Befriedigung seiner Wißbegierde nur noch die Kenntnis des Schlechten übrig bleibt. Uno wäre dies selbst der Fall, so ist uns die Lektüre solcher Schriften dennoch durch göttliches Verbot untersagt. Lassen wir nur flüchtig die Götzen des Tages Revue passieren, den Pessimismus. Materialismus, Atheismus, Pantheismus, Nihilismus und wie die Jsrnuffe alle heißen, die unter dieser fremdsprachlichen, gelehrt scheinenden Flagge ihre Contrebande in die Geister und Gemüter schmuggeln und vergleiche damit das Verbot der Thora, welches uns vor dem Jammer bewahren 7. September HU: will, den die Wortführer dieser Jrrtümer durch ihre Schriften in den Herzen und Köpfen ihrer Leser angerichiet haben, nm zu ahnen, was dem Juden der Gegenwart durch die Seele geht, wenn er sich am Jom Kippur mutig auf die Brust schlägt und sich bekennt: abn "iimna Taab urMno x»n bp. , Flache Weitlinge mögen das Meiden solcher Lektüre als rückständige Feigheit verlachen. Wer von der Höhe, auf die ihn der Jom Kippur hebt, auf die vernichteten Existenzen herunterschaut, die durch Eingehen auf diese Jrrgänge des Denkens und Sinnens ihre Reinheit, ihren Charakter, ihren Gott und selbst das Leben verloren haben, der ahnt die Tiefe der Mahnung, welche Rabam, (Hilchot Akkum II, 2, 3) in die Worte zusammenfaßtr „Biele Bücher haben Götzendiener über ihren Kult geschrieben, über sein Wesen, seine Handlungen und Vorschriften. Uns hat der Heilige gesegnet sei Er, geboten, nichts von diesen Schriften zu lesen, nicht darüber zu sinnen und über keines ihrer Anliegen.- — Und nicht der eigentliche Götzendienst allein ist es, dem in Gedanken sich zuzuwenden uns verboten ist, sondern wir dürfen auch keinen »eit Gedanken, der dazu führt, eine der lagen der Thora auszuheben, in unserem Herzen aufkommen lassen. Wir dürfen unser Denken nicht darauf richten und dem Sinnen unseres Herzens nachhängen, weil diemenschliche Einsicht beschränkt ist und nicht jede Einsicht die Wahrheit in voller Klarheit zu fassen vermag. Wollte Jeder dem Sinnen seines Herzens nachhängen, so könnte er mit seiner beschränkten Einsicht die Welt zerstören. So könnte Jemand in Forschungen über den Götzendienst sich ergehen und ein anderes Mal über die Einzigkeit des Schöpfers Nachdenken, ob sie wohl wirklich existiert oder vielleicht nicht. Er denkt nach über das, was uns in der Höhe, in der Tiefe, was vor uns und hinter uns liegt und gerät in Zweifel, ob es wirklich eine Prophetie, ob es eine von Gott offenbarte Thora gibt, oder ob es vielleicht nicht der Fall ist, weil er die Regeln nicht kennt. Auf diese Weise gelangt man zur Freigeisterei. Mit Rücksicht darauf mahut uns die Thora: Geht nicht nach euren Herzen und nach euren Augen, welchen nachfolgend ihr in Ausschweifung verfallet. Das will sagen: Keiner von euch folge seiner beschränkten Einsicht und glaube, daß sein Denken die Wahrheit zu erfassen vermöge. So sagen die Weisen: Euren Herzen folgen, das ist geistige, Euren Augen folgen, das ist sittliche Ausschweifung.-" Der ganze Zug der Zeit steht in vollem Wieder sitzen die Geschwister mit Ascher um den runden Tisch. Ter Gast ist schweigsam geworden, Michel lieft im Chumesch, Mirjam baut dem kleinen Bruder aus bunten Steinen ein Haus um's andere. Ein Abglanz der untergehenden Sonne liegt über der stillen Stube und goldene Strahlen dringen aus tveiter, weiter Ferne bis auf den Tisch, auf dem Aschers Blicke ruhen. Sie grüßen und bringen ihm Kunde von einer anderen Welt, von der lärmenden, tiefbewegten, rastlosen Stadt, von einem hohen Saale, in dem Hunderte sich drängen, wo fleißige Schüler den Worten des Lehrers lauschen und alles Ringen der Jahrhunderte, alles Siegen üNd Unterliegen des menschlichen Geistes, aller Ruhm und altes Vorwärtsstürmen begeisterte, mitfühlende und mitkämpfende Herzen findet ... Er sieht sich selbst in seiner Kindheit, wie er ntemlos den Wundern horcht, die ihm der Mund des alten, zitternden Chederlehrers enthüllt, und sieht sich in seiner finsteren, niedrigen Kammer über großen Folianten, suchend und forschend auf den alten Wegen seiner ewigen Wissenschaft. Tann dringt ein Licht zu ihm und führt ihn auf neue Wege. Und sinnend forscht er weiter in der Vergangenheit. Gab es je einen Tag für ihn, der anderes verhieß und anderes wollte als neues Wissen? War je ein anderer Trick in ihm als der Drang nach neuer Erkenntnis, nach neuem Begreifen? Kannte er früher ein anderes Ziel als Wissen und Verstehen der Welt? Er erinnert sich, wir emsig er über seinen Kommentaren saß, über Mischna und Gemarah, vor den tausend unvergänglichen, flammenden Höhenfeuern seiner jüdischen Wissenschaft. Hatte er nicht glücklich und zufrieden daber gelebt, hatte es ihn nicht mit tiefer Befriedigung erfüllt, wenn er auf neue Wege stieß, auf neue Wahrheit, auf Gold und Edelstein? Und nochmals blickt er in die Zukunft, wie er sie oft und oft sich ausgemalt und erträumt hatte. Wie ein Schüler im Eheder wollte er anfangs«, horchend und lauschend aus die sprudelnden Quellen der Weltwissenschast. Groß dünkte es ihm, ein Arzt zu werden, den Leiden der Menschen nachzuspüren, zu Helsen, zu retten, ein Heiler zu sein für Schmerzen und Qualen. Oder ein Kaufmann, der allem Verkehr die Wege bahnt, der durch seine Arbeit die Menschen näher bringt, von Land zu Land Brücken schlägt und auch ein Heiler ist für Unbildung und Unverstand, ein Lichtträger für verlassene Menschen, ein Retter aus Armut, Hunger und Not, die nicht weniger schmerzen, als die Krnakheiten des Arztes. Was will dieser eine, stillruhende Sabbath in' seinem rastlosen Leben, ein Tag, ein einziger verwirrender, gegen tausend planvolle, zielbewußte, zweckerfüllte? In der Stube des Judenhauses ist es mit einem Male dunkel geworden. Mirjam stellt den Becher Wein aus den Tisch, die Kerze und die silberne Büchse mit riechenden Gewürzrn. Unter Michels Händen entflammt das Licht, er murmelt den Spruch, er reicht das Büchschen umher und verlöscht dann die Kerze im Weine. Werktag ist es wieder und die drei Menschen stimmen ein Lied an, das David einst sang: „Gepriesen sei Gott, der meine Hände tüchtig machte für den Kampf und meine Finger stählte .für den Krieg . . T«§ ist der Werktag. Draußen im Hausflur bereitet Michel seine Ware vor und packt sein Bündel. Mirjam hilft ihm. Bevor sie sich zur Ruhe begeben, gibt Michel der Schwester Weisungen für die Woche: er ermahnt sie, auf, den Bruder zu achten, das Haus zu hüten, das Dorf zu meiden. Tann legen sic sich schlafen, da der Sonntaasmorgen mit seiner ersten hellen Stunde den Dorfgeher zu seinem Tagewerk ruft. Bald schweigt das Judenhaus und atmet mit den tiefen Zügen seiner Bewohner. Nur Ascher findet keinen Schlaf. Das Lied, das er mit den anderen sang, klingt in ihm weiter. „ .... der meine Hände tüchtig macht fii r den Kamps und meine Finger stählt für den Krieg . . .", so beginnt die Woche des Juden. Kann es noch einen Zweifel für ihn geben? Ties war der. Sabbath, in aller seiner Ruhe und Friedlichkeit zog er an ihm vorüber und häufte Schönheit auf Schönheit. Aber der Sabbath ist die Krone des Werkes, die Vollendung des Lebens, das höchste, letzte Ziel allen Strebens. Vor ihm liegt noch die Woche, die Arbeit, das heiße Ringen und Mühen; noch ist sein Tagewerk nicht getan, noch ist es für ihn nicht Sabbath geworden. Noch muß er den Schöpfer preisen, der ihm Kraft gab für den Kampf, noch darf er d e n nickt loben, der den Sabbath heiligte für die Menschen. Und in der Stille der Nacht wird sein alter Wille lebendig und hebt ihn über jeden Zweifel hinweg. Das „Morgen" muß er erfüllensein Ziel anstreben und erreichen, kämpfen, arbeiten auf seinem Wege. Aber ein neues „Morgen" ersteht vor ihm und wird groß in seiner Seele, ein neues Ziel erscheint vor seinem Geiste, dem er nachringen kann, in weiter Ferne zwar, am Endpunkt der schweren Arbeitstage: Ter Sabbath, die Vollendung, die Krone. Ein „Morgen" umstrahlt von dem Feirrglanze der Ruhe, von dem friedlichen Leben im eigenen Heim, verschönt von der blühenden Lieblichkeit eines Mädchens .... In der frischen, kühlen Ouft des Sonntagsniorgens stehen Michel, Mirjam und Ascher. Weit zieht sich die Straße und die Sonne liegt auf ihr wie eine Verheißung. Auch Ascher stützt sich ckuf seinen L * 0-V. ü LI