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Der Israelit · 1911-09-07 · Heft 36 (7.9.1911) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 36 (7.9.1911)
Date
1911-09-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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7. September 1911 Der Sfttacftt 9U. 86. Sette 8 Richtungen in Polen nicht bieten können. Der historische Kampf um Nuancierungen in Auffassung und Ritus muß verstummen, wenn, wie jetzt, die gemeinsame materielle und geistige Not die Vertreter beider aus einer Wurzel erwachsenden und gleichen Zielen zustrebenden Lehren auf dem Kampfplatz zusammenführt, wo es gilt, mit vereinten Kräften heilige Güter nach außen und innen zu verteidigen. Das hat man auf beiden Seiten längst eingesehen, trotz allen lyrischen Ergüssen der neuhebräischen Feuilletonsphilosophen, die den „romantischen" Chussidismus entdeckt haben und ihn im Gegensätze „zum zähen Mizlvojudentum der Rabbiner" ausspielen, trotz allen Hetzereien einer gewissen Presse, die jene willkürlich konstruierten Gegensätze auch auf das politische und wirtschaftliche Gebiet überträgt und Gespenster zeigt, die erst dem Machtspruch der Wahrheit, wie ihn obige Erklärung involviert, völlig weichen müssen. Ja, auch als Protest gegen diese ganze in ihren Gefahren für die östliche Jugend nicht zu unterschätzende romantisch-chassidische Schule, die mit dem alten jüdischen Chassidismus nichts gemein hat, sind die vier schönen mannhaften Sätze der Rabbinererklärung gedacht. Es erübrigt sich, für unsere Leser erst den Nachweis für die Absurdität und die historische Unwahrheit der Ansicht zu erbringen, die Chassidismus und Rabbinertum in zwei weitausetnander liegende Welten teilt, deren eine „das jüdische Gemüt" und deren andere „zäher seelenarmer Thorageist" heiße. Wahr ist, daß schon zur Zeit des sich der Kampf zwischen beiden Richtungen mehr um taktische als um prinzipielle Fragen drehte.*) Im Laufe der Jahrhunderte, nachdem die kleinen Abweichungen in der Gebeteordnung auf chassidischer Seite durch die Zeit zu Traditionen geweiht worden sind, mußten indessen die Gegensätze naturgemäß immer mehr an Schärfe verlieren. Die „gemütsleeren", „seelendürren" Rabbiner! Als ob nicht der selbst bei all seiner unermeßlichen Geistesgröße und Verstandesklarheit auch ein hervorragender Ethiker, ein Pfadwciser in MN'VN 0}iy gewesen wäre, als hätte nicht das lithauische Rabbinertum einen Rabbi Israel Galanter hervorgebracht! Vergißt man etwa in den großen russischen rrta'tP' über der intensiven Pflege des Geistes die der Gemütswerte und Herzensbildung, durch tägliche Mussctr - Stunden, durch NNPDNNI rYDn^nn, Begeisterung für alles Gute *] Siehe Näheres darüber in dem eben im Bolksschrtstenverlage Frankfurt a. M., erschienenen Büchlein Rabbi Elia, der Gaon von Wilna und seine Zeit" von Dr. Jsak Una. Sette 30—31. s a l e m aufbaut. Vollständig in Harmonie und Wohlgefallen ist auf den folgenden Seiten alles in der Kinderstube aufgelöst, aut denen man einmütig und glückstrahlend Kränze für die S u k k o h windet und — was will die Spanne Zeit dazwischen in den pfeilgeschwind der Zeit vorauscilcnden Kinderphantasie bedeuten? — in der fünften Abendstunde ganz verklärt die Wunderlichtlein des Chanukah anstaunt. Und zwischendurck die entzückenden Bilder aus dem profanen Tagesleben des Kindes: die freundliche, gebcfrohe Ob st handle rin, die Neger und Affen, die Kinder unter Großmamas riesigem Schirm mitten im strömenden Regen, der S ch n e em ann und sein Antipode: der schwarze Kaminfeger, und was sonst noch die 18 Seiten, deren jede ihr eigenes frohes Farbenleben in der Seele meines Kindes führt, bringen. — — — Wie jeder Kritiker, d:r ernst genommen sein will, findet auch mein Kind am Bilderbuche etwas auszusetzen. Ein tieftr Forscher, der es liebt, auch in das Innere der "Dinge, die sein Interesse erwecken, einzudringen, möchte es auch hier gar zu gern, hinter die Kulissen schauen und erfabren, was sich zwischen den Bilderserten verstecken mag. Ta hat aber Onkel Vvlksschriftenverlag die Blätter so faustdick und so brrtrerhart gebaut, als gelte es für die Ewigkeit jedem Ansturm der Liebe und des Forschungsdranges trotzig standzuhalten. . . . * Für die etwas reifere Jugend, aber auch die ältere Schuljugend ist der Jüdische Jugendkalender berechnet. Er bringt ein vollständiges Kalendarium und die religiösen Vorschriften des Kalenderjahres in so herzgewinnender Form und mit so viel pädagogischem Geschicke nach den einzelnen Monaten ge- und Schöne in Lehre und Leben des Judentums? Und auf der anderen Seite, wo angeblich die Thora weder im Lehrhaus noch im Leben souverän sein soll? Es genügt, auf die fesselnden Schilderungen aus einer chassidischen Jeschiwoh in der jetzt bei uns erscheinenden Artikelserie: „Bet den Chassidim" hinzuweisen, um zu zeigen, wie es in Wahrheit auch in Chasstdimki eisen heute um das Thorastudium bestellt ist. Es mag manches in diesen feüilletonistischen Skizzen mit den Augen eines nicht ganz objektiv abwägenden Chassidimfreundes gesehen sein — für uns ist die Tatsache wichtig, daß dort, in der Hochburg des Chassidismus gelernt, viel und gründlich gelernt wird, für die Thora, ihre Träger und Jünger in der gleichen intensiven Weise gesorgt wird, wie in den lithauischen Lehrstätten, wo der Geist Rabbi Israel Salanters und Rabbi Jzchok Elchonons 7"ST waltet. Was sollte noch die Führer böider Gruppen trennen, jetzt, da brennende Fragen, vitale Interessen so gebieterisch zu gemeinsamer Arbeit auf den Plan rufen? Nichts von Kluft und Trennung. Die großen Aufgaben, die vielleicht gerade jetzt mehr denn sonst der gefetzestreuen Judenhett harren, sollen in Rußland, soweit Chassidimrabbis und Rabbiner in Betracht kommen, geschlossene und kampfgeeinte Rethen finden: ah) punp ah ,Dnb) sh) omh sh jkd p* htnvr rawh nö’öfii nan rrrop shs pm *):b nrr;,.t 'm Die ORmarhenpolifih und die Juden. Ob der Ostmarkenverein bei seiner deutschen Kulturarbeit im Posener Lande immer zu Nutzen und Frommen der von ihm vertretenen Sache des Deutschtums gewirkt hat, ist eine Frage, über die sich heute die Gelehrten nicht recht einig sind. Der Verein steht gerade jetzt vor einer Krise und hat die Vertreter des deutschen Großgrundbesitzes, aber, wie es scheint, auch die Regierung gegen sich. Bon jüdischer Seite konnte man dem Ostmarkenverein nie besonderes Vertrauen entgegenbringen und es gab deren genug, die in der jüdischen Abwanderung aus den Ostprovinzen mit eine Folge der Politik dieses Vereins sehen, der bei seinem Kampfe gegen das Polentum auch eine exklusive Haltung gegen die Juden einnimmt und die letzteren, die von den Polen als Deutsche angesehen und gemieden werden, durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Boykottierung direkt aus dem Lande drängt. Hat doch vor noch nicht allzulanger Zeit ein dem Oftmarkenverein nahestehender Regierungsbeamter den Nachweis zu erbringen versucht, daß ordnet, daß die jungen Leser bei dieser Unterhaltungslektüre spielend das.gesamte religiöse Kleinleben des Tages erlernen. Von der künstlerischen Vignette, die am Kopfe jeder Seite die besondere Bedeutung des Monats im Religionsleben veranschaulicht, bis zu den Sprüchen aus Talmud und Midrasch, die alle religiösen und kalendarischen Angaben so sinnig und harmonisch umrankcn, atmet alles frohes, frisches jugendgrün:s Leben. Bon diesem lebendigen und lebenweckenden Geiste sind auch die vielen literarischen und lyrischen Beiträge, die den zweiten Teil dieses prächtigen jüdischen Jugendbüchleins ausfüllen, durchweht. Schön und sehr zu Herzen der Jugend sprechend ist das Bild Hirsch Hilde sh e i m e r s gezeichnet. Altbekannten M a ch s o r gebe t e n ist von Tr. I. H e i n c m a n n eine poetisch schöne deutsche Form gegeben. Bilder aus dem jüdischen Leben auf dem geweihten Boden der Väter, von Tr. Moses Auerbach mit kundigem Griffel gezeichnet, leiten in die M ä r ch e n l a n d c hinüber, wie sie Speier dem Kinderange so schön hervorzuzaubern weiß. Ein gewinnverspvechendes Preisausschreib e n über eine Frage, die hier nicht verraten werden soll, wird den jungen Lesern und Leserinnen dieses in der jüdischen Literat.ur einzig dastehenden Jugendbuche? ein gut Teil des Winters" reichlich zu denken geben. Und zu guterletzi auch noch etwas für des Kindes Späherauge. „Wo ist die Hausfrau?" fragt neckisch ein allerliebstes Bexierbild aus der letzten Seite. Ta gab es, bei uns wenigstens, großes Suchen, an dem sich Groß und Klein gleich eifrig beteiligte. Wie, auf welchem Wege und in welch verzwickter Lage wir endlich die Verschollene entdeckten, soll hier nicht verraten werden, um die Finderfreude des jungen Lesers nicht zu beeinträchtigen. I die jüdische Abwanderung gar kein großes Unglück für die Ostmarken bedeute. Wie ein Aufdämmern besserer Ensicht mutet j daher ein in der letzten Nummer? des offiziellen Organes des Ostmarkenvereins unter dem Titel „Die Abwanderung der Israeliten aus den östlichen Provinzen" veröffentlichter Artikel an, inn dem bei Besprechung der deutschen Abwanderungsverluste — sie betrugen im Jahre 1895 um für Posen allein 127.899, für Ostpreußen 146.603 — auch auf das Problem der jüdischen Abwanderung ausführlich eingegangen wird. Es wird festgestellt, daß in den 25 Jahren, von 1871 bis 1905, die jüdische Bevölkerung in den Ostmarken von 194.668 auf 166.970 herabgesunken ist und zumeist nur noch in einem Verhältnis von 9:5 zur Gesamtbevölkerung steht. Als Grund dieser Erscheinung wird — zum ersten Male offen und unumwunden — einerseits das erwachte Nationalgefühl bei den Polen, andererseits aber die wirtschaftliche — und gesellschaftliche — Exklusivität der Deuschen gegenüber den Juden angegeben. Der Artikel kommt zu folgenden Schlüffen. 1. Tie israelitische Abwanderung ist eine Teilerscheinang der deutschen Abwanderung. Tie dadurch entstehenden Verluste kommen in der Statistik als Verluste des Deutschtums gegenüber dem Polentum zum Ausdruck. 2. Ta sie besonders st ark ist, schwächt sie die Stellung des Deutschtums erheblich. 3. Ta ihre Ursachen fortdauern, ist vorläufig ein Stillstand nicht anzunehmen. Eher steht zu erwarten, daß die neuerliche Verschärfung des Nationalitätenstreits in Oberschlesien auch dort zunächst eine etwas stärkere Abwanderung verursachen könnte. 4. Ta die israelitische Bevölkerung gegen früher bereits erheblich abgenommen hat, ist vorauszusehen, daß ihre Abwanderung in absehbarer Zeit relativ zurückgehen wird, d. h. das deutsche Sprachgebiet wird durch die israelitische Auswanderung künftig etwas geringere Verluste erleiden. 5. Dieser Teil der Mwanderung schwächt ausschließlich die st ä d t i s ch e deutsch sprechende Bevölkerung. Las staatliche Ansiedlungswerk vermag hier nur indirekt geringen Einfluß zugunsten der deutschen Stadtbewohner auszuüben. Sollen demnach die Städte, namentlich die kleineren, nicht dem Polentum ausgeliefert werden, so ist eine umfassende Vermehrung und Kräftigung des deutschen städtischrn Mittelstandes unbedingt geboten. Wenn am Rückgang der jüdischen Bevölkerung im Osten Deutschlands auch noch andere Faktoren mitgewirkt haben mögen, so sind doch hier die Ursachen der Judenabwanderung in der Hauptsache erkannt und es ist sichtlich zu wünschen, daß nunmehr auch der Ostmarkenverein darauf bedacht sei, bei seinem Kampfe gegen das Polentum nicht die jüdischen Bürger ganz unschuldiger Weise zwischen zwei Stühle zu bringen. Der Sabvatdgast Bon Oskar Stei«. (Schluß.) Eine tiefe Erregung hat sich der beiden bemächtigt Als Ascher antworten will, fällt ihm Michel in's Wort: „Sagt nicht nein, jetzt wenigstens n'cht! Urberlegt es Euch, denkt darüber nach, erwäget erst, was Euer Herz will. Morgen früh beginnt wieder meine Woche, da könnt Ihr mir Antwort sagen." Und so träumt nun jeder weiter seinen Weg, Michel von der Zukunft, in der der Fremde sein Freund werden und mit ihm leben und arbeiten würde, vielleicht einmal gemeinsam für ein einziges Hans — nur unklar und schüchtern regt sich dieses geheimste Wünschen in ihm, — und Ascher von dem Ziele, das noch gestern sein einziges war und von dem neuen Leben, das nun plötzlich vor ihm ausgebrcitet liegt. Gestern war kein Zweifel in ihm, sein Witte stand deutlich über seinem Streben. Und NUN ein neues Licht, eine neue Botschaft, lockend und rufend: „Komm, Freund, laß ab von dem unnützen Ehrgeiz, bleib' hier in der tiefen sabbathstille, in dem Heim, wo gute Menschen dich umgeben, wo Mirjam, die liebliche, die Blume am Wege, blüht und in reiner Schönheit heranwächst! Wo du immer auch sein wirft, in dem großen Prag, hinter deinen gelehrten Büchern, am Bette des Kranken oder am Schreibtisch, — dieses Tal, dieses Dorf, dieses kleine Judenhaus wird vor deinen Gedanken stehen und dir unvergessen bleiben! Deine Sehnsucht wird sich daran klammern, deiy Herz wird ewig daranch verlangen! Fremd wirst du bleiben überall in deiner großen, heißbegehrten Welt, glücklos, ruhelos ... So kingt es in ihm, wie die Glocke eines fernen Tales.

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