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Der Israelit · 1911-09-07 · Heft 36 (7.9.1911) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 36 (7.9.1911)
Date
1911-09-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Ser JLraelU. 7. September 1911 Sette 2. Nr. 36 ist klar genug. Ich finde die Vorrede des Herrn Sombart, namentlich in den eben zitierten Stellen, zu sehr auf — Sensation zugeschnitten^ zu — reklamehast. Man glaubt förmlich in manneshohen Lettern angekündigt zu sehen: 5 00 Seiten Judengeschichte, kein Lob und Tadel, nur Wahrheitsberichte! Man stürzt hin, man kauft, man liest, um zu prüfen, — ob's stimmt. Ich meine, eine Vorrede soll eine Art Ouvertüre sein, die den Leser in die Gemütsstimmung versetzen muß, die der Verfasser für das Verständnis seines Buches am geeignetsten hält. Für den Durchschnitt der Leser wird aber diese Vorrede geradezu eine aufreizende Wirkung haben. Und das ist bedauerlich. Es scheint beinah, daß Sombart, der sich Jahre lang mit den Juden beschäftigt hat, von diesen, die er für die Väter der Reklame hält, ein wenig gelernt hat. Schlechter Verkehr verdirbt eben gute Sitten. So sehr ich daher auch den Willen Sombarts, objektiv über Juden zu schreiben, anerkenne, so wenig kann ich mit der Art der Verlautbarung dieses Willens mich einverstanden erklären Arme Juden! Will einer einmal objektiv über sie schreiben, verkündet er's mit schallender Stimme und rechnet sich's zu besonderem Verdienst an, ohne zu bedenken, wie sehr er durch diese besondere Ankündigung und diese besondere Ruhmesvindikation bereits jede Objektivität — überschritten hat. Ueberhaupt Objektivität! Sombart äußert sich in seiner Vorrede recht ausführlich über die Grenzen, die sein Objektivitätsbestreben ihm nach seiner Ansicht auferlegt. Es ist die Bewertung des für wahr erkannten, die hiernach strengstens ausgeschlossen sein soll, da jedes Werturteil notwendig subjektiv sei. Die kausalen Zusammenhänge, die sich zwischen den Juden und dem Wirtschaftsleben Nachweisen lasten, sollen aufgehellt und zur Diskussion gestellt, ebenso soll erörtert werden, warum gerade die Juden geeignet waren, Ausgangspunkte derartiger Wirkungen zu seinunbesprochen aber soll bleiben, welcher Wert diesen Wirkungen zuzuerkennen sei. Es fragt sich nun, ob in der Tat ein in diesen Grenzen sich bewegendes Buch als „wertfrei" anzusehen ist. Es soll nun hier nicht auf die erkenntniskritische Erwägung eingegangen werden, daß schon die bloße Verknüpfung zweier Erscheinungen nach der kausalen Kategorie nichts anderes ist, als eine Bewertung dieser Erscheinungen, daß wistenschaftliche Erkenntnis überhaupt nichts an deres darstellt als Werturteil bestimmter Art. Ebensowenig soll der überaus nahe liegende Einwand mehr als angedeutet werden, daß, wie Sombart ohne weiteres zugibt, bei der Entwicklung des modernen Wirtschaftslebens selbstver- * Klein« euilleton Jur unsere Kinder. Neuerscheinungen des Bolksschriftenverlags. Wir leben im Zeitalter des Kindes. Davon merkte man bisher in der jüdischen Welt nicht viel, wiewohl gerade das Judentum, die Religion, die das ^'32? 0*132271 als ihrer festesten Grundlagen eine kennt, mit der ganzen ihr innewohnenden Sonnenwärme das geistige Wacl)stum des werdenden Juden zn beeinflussen suchte. In schweren Zeiten des harten Ringens um Brod und Recht blieb im Ghetto nicht viel Zeit übrig, das jüdische Kind, das man für die ernste Seite des Daseins nicht genug rüsten konnte, auch für die farbenreichen Schönheiten der Welt genügend empfänglich zu machen. Auch in die jükische Kinderstube — eine schwere Golustragik — schlich sich die Sorge ein und lastete schwer und druckend ans dem zarten Gemüte und malte jenen Zug auf das blasse liebe Gesicht, der den Künstlern als der Gesichtszng des Judcukiudes bekannt ist ... Doch die Welt ist von Schönheit erfüllt und aus der nach allen Seiten offenen Judengasse des neuzeitlichen Westens ist schon so mancher Jüngling, manche Jungfrau hinausgestrebt, um in der farbenschillernden großen Welt auf Kosten ihrer heiligsten Güter, ihres inner« Glückes ihren Schönheitshunger zu stillen, dieweil mwit es in ihrem jüdischen Kreise verabsäumt hatte bei der Pflege dieser zarten Menschenpflanzen auf das stäudlich eine große Fülle ursächlicher Zusammenhänge bestehn, von denen das Wirken und Schaffen der Juden nur ein Glied bildet, und daß bei konkurrierendem Verursachen nur eine Bewertung der einzelnen Ursache, sage der Juden, im Verhältnis zu den gesamten übrigen Ursachen ihre wahre Bedeutung für das Wirtschaftsleben aufhellen kann. (Welche Art von Bewertung Sombart daher in seinem Buch auf fast jeder Seite vornimmt, indem er etwa die Juden nickt nur als eine Ursache, sondern geradezu als „Väter" der Börse, des Terminhandels, der Reklame, ja kurzweg auch als Väter des Kapitalismus überhaupt bezeichnet und somit — bewertet.) Was aber ganz energisch unterstrichen werden soll, ist dieses: So sehr man auch zugeben kann, daß über die h ö ch st e n Wertmaßstäbe keine Einigkeit unter den Gebildeten der Gegenwart herrscht, diese Maßstäbe vielmehr je nach den Idealen, zu denen man sich bekennt, verschieden sein mögen, so folgt hieraus nur, daß es sehr schwer, wenn nicht unmöglich sein wird, in objektiver, d. h. allgemeingiltiger Weise solche Werturteile abzugeben, die nur durch Anlegung eben der höchsten und letzten Wertmaßstäbe zustande kommen. Ein zusammenfassendes Werturteil über das Wirken eines ganzen Volkes als geschichtlicher Erscheinung wird nun allerdings regelmäßig in die Gruppe solcher Werturteile gehören. Ein solches Urteil hat in der Tat Sombart zu fällen sich wohl gehütet. Allein es geht mit den Werturteilen genau so, wie mit allen anderen wissenschaftlichen Urteilen: Die letzten Prinzipien sind freilich unendlich bestritten und problematisch, aber gleichwohl läßt sich auf der mittleren Linie, gewissermaßen für den alltäglichen Hausbedarf sehr wohl in weitgehender Uebereinftimmung auskommen. Es sind nur meist die erlesenen, die radikalen Geister, die die Unsicherheit des Fundamentes nicht zur Ruhe kommen läßt und dämonisch dazu antreibt, um das Fundament zu prüfen und zu festigen, das ganze Haus schonungslos einzureißen. Man mag über die letzten Grundbegriffe ethischer Wertung, man mag über die kritische Klarstellung der Begriffe Gut und Böse noch so unsicher sein, so wird gleichwohl die große Menge der Gebildeten niemals anstehen, den Mord, den Diebstahl, den Betrug rc. einhellig zu verwerfen, obzwar dieses verwerfende Werturteil eigentlich nur eine Einzelanwendung der Allgemeinbegriffe Gut und Böse darstellt. Mit anderen Worten: Die Welt ist immer noch nicht mit lauter „Umwertern" angefüllt und die Einzeltatbestände, die nicht ein unmittelbares Zurückgreifen auf letzte Werte erforderlich machen, werden von dem ethischen Gesamtbewuhtsein der Gebildeten mit ziemlicher Einhelligkeit . gewertet. Solche nötige Maß von Sonnenglanz und Herzenswärme zu achten. Bilder, Blüten und Blumen, frohe Farben und bunte Lichter, die das Auge erfreuen und das Herz erwärmen, das sind die treffsicheren Erziehungsmittel, die in der großen Welt schon lange das innige Verhältnis zwischen K u n st und Kind hergcstellt, die in der jüdischen Welt mit Erfolg anzuwenden erst dem I ü d i s ch e n V o l k s s ch r i s t e n v e r l a g Frankfurt a. M. Vorbehalten blieb. Dieser rührige, seiner idealen Ziele sich voll bewußte Verlag, der unseren Kindern die Lchwab'schen „ K i u - der'träuin e" und die reizenden Speierschen Märwenbüchlein „Daheim und Draußen" geschenkt hat, hat wiederum zwei prächtige Gaben auf den Tisch unserer Kleinen und Allerkleinsten gelegt: Ein Bilderbuch von Adele Sandler (Preis 3 Mk.) und einen Jüdischen I u g e n d k a l e n d d r 5672 (Preis 60 Pfennig). lieber das Bilderbuch möchte ich einen Berufeneren und jedenfalls Fachkundigeren urteilen lassen: mein K i n d selbst. Es kann seine Eindrücke noch nicht in wohlgesügte Sätze fassen, es hat überhaupt die schwarze Kunst des Lesens noch nicht erlernt, dieses Kind, aber gleichwohl sagt es jedes Sprüchlein unter den Bildern, in der Art wie man es ihm einmal vorgelesen hat, geläufig daher So mächtig sprechen die (Gestalten aus dieser Welt der Farben und Freuden zu seinem Kindesherzen. Ta grüßt uns gleich aus. dem ersten Blatte, ganz in roten Purpur gehnttr, König Salomo, die zackige Krone tief ins lachend gravitätische jkindergesicht gedrückt. Wie stramm sich der blaurote Pikkolo vor den Stufen oes Thrones in seine Kanzlerrolle findet und wie diensteifrig der Bleihusar das königliche Räderpferdchen sattelt! Großmamas Sessel und Mamas roter Einzeltatbestände feststellen, heißt daher im allgemeinen auch schon, sie ethisch bewerten, ob bas nun expressis verbis geschieht oder nicht. Feststellen, daß jemand ein Mörder ist, heißt im allgemeinen auch ohne weiteres, ihn als ethisch zu mißbilligendes Individuum bewerten, und man wird im allgemeinen nicht leicht auf den Gebanken kommen, daß der festftellende Beobachter mit seiner tatsächlichen Feststellung vielleicht ethisch sich noch gar nicht äußern wollte und etwa die „blonde Bestie als Ideal vergöttert und nach diesem Maßstab den Mörder als ethisch überaus wertvoll erachtet. (Fortsetzung folgt.) MochrurimWa«. „Rebbe“ un9 Rabbiner. Eine öffentliche Erklärung in nur vier wuchtigen hebräischen Sätzen, die dieser Tage durch die hebräische Presse des Ostens ging, erscheint uns so bedeutsam, daß wir sie nicht unbeachtet lassen möchten. Sechs angesehene polnische Rabbiner, an deren Spitze Rabbi Chaijm S o l o w e i z i k aus Brisk, erklären öffentlich, daß die vielfach von rettqionsfeindlicher Seite gegen die Chassidimrabbis erhobenen Anklagen, als hätten sie in letzterer Zeit zumZweckethrer Sonderbestrebungen und zur Befestigung ihrer Gewaltherrschaft über die Rabbiner wiederholt Sitzungen und Versammlungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit abgehalten, aus der Luft gegriffen feien. Sie, die „benachteiligten" polnischen Rabbiner, deren Recht man auf der linken Sette verteidigen zu müssen glaubt, bezeugen, daß die Versammlungen unter ihrer Mitwirkung stattgefunden haben und in der Hauptsache die Gefahren, die dem Sabbat vom Sonntagsruhegesetze drohen, zum Gegenstände der gemeinsamen Beratungen hatten: .pwr *6i pw *6 >di"63 k*?i ortib vb s«2 p* bvnw' ri2iv*? no'ism non mi2r Ein schöneres Dokument der Eintracht und eine wirksamere Kundgebung des gemeinsamen Arbeitswillens im Dienste der jüdischen Sache hätten uns die Führer beider gesetzestreuen Morgenrock sind zu^königlichen Würden gelangt. Werden es teuer zahlen müssen! Und nun grüßt uns das Freitagabendglück einer jüdischen Famil'e, wie wir es schöner und zu kleinen und großen Herzen sprechender aus Papier oder Leinwand noch nie gesehen. Mein Kmd erkennt sich, seine kleinen Hoffnungen und Freuden in dieser Farbenpracht wieder. So, ganz so wie hier das Mädchen im weißgetupften Kleidchen, steht es verklärt und voller froher Erwartung da, wenn, wie hier, auf dem weißgedeckten Tische die Sabbatkerzen flackern, den Blumenstrauß und — die vielverheißcnde Torte beleuchtend, und das Schwesterlein im Arm der Mutier ihren schelmischen Sabbattam aufführt. So, gerade so: „Run warten alle auf Papa. Gut Schakbos! rufts, da bin ich ja!" Ein bunter Zug schreitet mit lustig wehenden S i m ch a s t h o r a s a h n e n an uns vorüber; man hört fast die schallenden Onogesänge aus den weit geöffneten Klnderrnündchen. Dünn steht das goldige Rutchen und reicht ihren verlockenden Kuchen, an den» eben noch all ihre «inne hingen, dem kaftanbekl erdeten müden. Wanderer hin: „Lieber Mann, beiß nur hinein, Mamas Kuchen schmecken fein!" Jetzt gibt es Tränen. Haman in seinem gelbweißen Dominokostüm weint und bittet flehentlich um Gnade, während König Ahasveros im weiten Hermelinmantel — MamaS Reformkleid wird daran glauben müssen — Esther und der fast ganz in Papas Zylinder steckende Mordechai um ihn einen Freudentanz aufführen. Bald aber sind die Tränen versiegt und die traurige Rolle abgelegt. Lili tanzt jetzt, alles Leid vergessend, seinerseits einen fröhlichen Hopsasa, weil der Bruder den Baukasten aufgetan und, ausgerechnet, Jeru-

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