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Der Israelit · 1911-08-31 · Heft 35 (31.8.1911) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 35 (31.8.1911)
Date
1911-08-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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schon längere Zeit verlassen hatte, feierte seine Verlobung im Hause des Rabbi. Alle Hörer der Jeschtba nehmen an diesem A^kt freudigen Anteil, der mit einem Festmahl schloß, zu dem ein kleiner Kreis von Gästen eingeladen war. Diese liebende Fürsorge der Anstalt und ihres Leiters, welche ihre Zöglinge ins Leben begleitet, wird von diesen durch eine treue Anhänglichkeit an den Geist und an die Prinzipien erwiedert, in welchen sie hier erstarkten und die sie nun in die Gemeinden tragen, in welchen sie zu leben und wirken berufen sind. Diesen Geist lernte ich kennen, als ich am folgenden Tage den großen Hörsal der Jeschtba zum erstenmale besuchte. Schon in der Ferne hörte ich die trauten Stimmen der laut ihr Pensum recitierenden Talmud-Jünger, deren Hall den ganzen Tag bis in die Nacht hinein durch die Straßen klingt. In dem Saal traf ich ca. 100 junge Leute im Alter von 16—24 Jahren über ihre Folianten gebeugt, von welchen je zwei zusammen einen und denselben Gegenstand des Talmud und der Poskim studierten. Es ist die höchste Klasse, die bereits selbständig dem Studium obliegt und in besonders schwierigen Fällen sich an den Oberlehrer wendet, der auf einer Empore mitten im Saale seinen Sitz hat. Es werden hier sämtliche Teile des Talmud und der Poskim auf die jungen Leute verteilt und über das Pensum der Einzelnen genau Buch geführt. Jedes halbe Jahr besucht eine talmudische Kapazität der russischen Rabbiner die Jeschtba und prüft einen Monat hindurch und länger die jungen Leute, wobei denjenigen, welche die erforderliche Reife besitzen, die Autorisation als Rabbiner — Semicha — erteilt wird. Betroffen blieb ich vor dem Anblick, der sich hier mir bot, an der Türschwelle stehen, von welcher ich den ganzen Saal überblicken konnte, ohne daß ich selbst von den Studierenden gesehen wurde. Diese Hingebung, der Eifer, das Feuer, die Verve, mit der hier die Jünglinge dem Studium der Thora obliegen, hatte ich noch nie gesehen. Zunächst verstand ich in dem lauten Stimmengemisch auch nicht ein einziges Wort und wunderte mich, daß die Studierenden sich in ihren Gegenstand so intensiv vertiefen konnten, ohne von der lauten Lebhaftigkeit ihrer Umgebung irgendwie gestört zu werden. Erst nach einigen Tagen hatte ich es ebenfalls so weit gebracht und konnte aus eigener Wahrnehmung den Erfahrungssatz der Weisen bestätigen, nach welchem, auch mehrere gleichzeitig ertönende Stimmen verständlich sein können, wenn sie ein Ohr treffen, das ihnen liebende Wertschätzung entgegenbrtngt. yumn ^arri In einem kleinen Saal nebenan trug der Rosch Jeschiba vor einem Auditorium von 50 bis 60 Schülern im Alter von 14—.16 Jahren glstchzeitig die unter dem Stichwort 11- 'Un bekannte äußerst schwierige Partie aus dem 4. Perek in Baba Mezia vor. Ich wußte nicht, ob ich mehr die lichtvolle Art des Vortrags anstaunen sollte, welche es verstand, die verwickelte Materie so durchsichtig klar seinen jungen Hörern darzustellen oder die schnelle, leichte Auffassungsgabe, mit der sich die Schüler den komplizierten Gedankengang anetgneren und ihn Wiedergaben. Aber das war mir klar, daß es auf unseren Handelsschulen keine Disziplin gibt, die ihren Zöglingen einen solchen Lehrstoff zu bieten vermag, der sie durch Schärfung des Geistes und Anspannung aller Seelenkräfte so für ihren künftigen kaufmännischen Beruf vorzubilden geeignet ist, wie es hier geschieht. Welches Verständnis muß ein junger Mensch für die verschlungensten Probleme z. B. der Gold- und Silberwährung mitbringen, der mit der Klarheit und Gründlichkeit den Gegenstand sich angeeignet hat, mit dem ich in einer anderen Klaffe jüngerer Schüler den Anfang der 4. Perek von Baba Mezia rpsn n# rmp anrn vortragen hörte. Der Rabbiner einer großen russischen Gemeinde, der ebenfalls für einige Tage zu Gast hier war, erzählte mir, daß sein Sohn nach vierjährigem Besuch der hiesigen Jeschiba in ein großes Geschäft eintrat und heute bereits ein Jahresgehalt von 5000 Rubel bezieht. Das kam mir anfangs ganz unglaublich vor, als ich aber die Schärfung des Geistes kennen gelernt hatte, mit dem die Jeschiba ihre Jünger ausstattet, begriff ich es. Der Unterricht an dieser Lehranstalt beginnt mit 10jährigen Kindern, die kaum die ersten Elemente des Talmudunterrichts inne haben und bildet sie aus bis zur vollen Vertrautheit und Beherrschung des ungeheuren Lehrstoffes. Man stößt bei den Kindern und Jünglingen auf mehr und weniger intelligente, mehr und weniger sympatische Physignomien. Sobald sie aber den Mund zum „Lernen" öffnen blitzt ein Feuer aus ihren Augen, klingt ein Schmelz aus ihrer Stimme, belebt sich jeder Zug des Gesichts, ergreift den ganzen Körper eine Bewegung die auf den Zuhörer und Zuschauer übergeht und ihn derart fortreißt, daß er Auge und Ohr nicht mehr abwenden möchte. Ich habe den größten Teil des Tages in diesem Kreis verbracht, weil ich weiß, daß ich das an keinem Orte wiederfinden werde, nicht nur nicht in Deutschland und im Westen Europas, sondern selbst in Rußland nicht. Es fehlt G. s. D. in Rußland nicht an Pflanzstätten der Thora, die, was die Quantität und Qualität der Thorakenntntsse betrifft, womit sie ihre Jünger ausstatten, der Jeschiba in Lubawitsch nicht nachstehen. Was die letztere aber von ihren Schwesteranm 35, ecu» 5 stalten auszeichnet, dürfte sich durch folgende fünf Punkte präzisieren lassen. 1. Die Jeschiba in Lubawitsch beginnt, wie bereits bemerkt, ihren Unterricht nicht wie anderwärts mit Jünglingen, sondern mit zehnjährigen Knaben und legt damit den Grund ihrer Erziehung im zarten Kindesalter, in welchem Geistx und Gemüt empfänglicher für alles Ideale sind. Es ist von den ablenkenden Einflüssen des Lebens noch unberührter Boden, in den hier die Saat alles Guten und Wahren gestreut wird. Das Wort der Thora, das über die Lippen dieser Kinder geht, ist NDH 13 s'tw 'S -3N, ift frei von jedem Hauch von' Schuld und Sünde. Die Tendenz der Anstalt, die darauf bedacht ist, diese Reinheit der Gesinnung aus dem Kindesalter in die Jünglingsjahre hinüber zu leiten und sie dauernd zu erhalten, hat ihren Gründer wohl bestimmt ihr den Namen:Tomche Temimin zu geben. 2. Die Leitung der Jeschiba ist, wie ebenfalls bereits bemerkt, darauf bedacht, ihren Schülern, auch wenn sie bereits aus dem Leben der Schule in die Schule des Lebens getreten sind, mit Rat und Tat fördernd zur Seite zu stehen. Sie ist ihnen behilflich zur Erlangung von Stellen als Rabbiner, Lehrer, Schochtim, Soferim und Kaufleute, je nach der Qualifikation und Neigung der jungen Leute Sie unterstützt sie materiell und moralisch bei der Wahl ihres Lebensberufes, bei Ableistung ihrer Militärpflicht, bei der Gründung ihres Hauses und in allen schwierigen Lebenslagen. 3. Sie läßt sich die ethische und moralische Ausbildung und Vervollkommnung ihrer Schüler ganz besonders angelegen sein. Ihr werden täglich mehrere Stunden gewidmet durch das Studium von Religionsphilosophie und besonders durch allwöchentliche Vorträge des Gründers und Leiters der Jeschiba. Die Bezeichnung „Religionsphilosophie" bringt das, worum es sich hier handelt, nur unvollkommen zum Ausdruck. Die Eigenart der Disziplin erforderte ein besonderes Wort, das jedoch noch zu prägen ist. Da sie die menschliche Seele, ihren Ursprung, ihre Beziehungen zu Gott und Welt, ihre Fähigkeiten und Kräfte zum eigentlichen Gegenstand hat, immer im Hinblick auf die Veredlung des Tierischen im Menschen und' auf Vergeistigung seiner materiellen Sette, so würde man sie vielleicht zutreffender Religions- Psychologie nennen. Für die Chasfidim ist die hingebende Pflege dieses Studiums und die praktischen Konsequenzen, die sie daraus für ihre . Selbsterziehung und Vervollkommnung ziehen, dasjenige, was sie glattweg „C h a s s i d u s" nennen. Es ist unmöglich im Rahmen dieser Darstellung dieses eigentliche Chassidus und seinen ungemein veredelnden Einfluß auch nur flüchtig war's mehr als ein guter Zufall, vielleicht ist es ein höherer Wille, der es mit Euch gut meint . . . Trüben in dem Torfe — das nächste ist es bei unserem —, wo der Wald die Straße berührt, steht jetzt ein leeres Haus. Lein Besitzer starb und hinterlietz keinen Lohn, der die alte Stube mit neuem Leben aussiMen könnte. Er war ein Altwarenhändler und ernährte sich gut und redlich von seinem Handel. Er hatte ein Pferd und einen Wagen und war in der ganzen Gegend bekannt. Ihr braucht kein Eeld dazu, keine Kenntnisse, keinen schweren, sorgenvollen Anfang. Es ift alles da und in ein paar Jahren kann das Haus mit Pferd und Wagen Euer sein. Was Ihr braucht, das ist der Wille zu bleiben, der Entschluß, das Draußen, Euere groß. Welt anszngcben! Ihr sagtet gestern, daß ein solches .Haus, wie das unseres auch für Euch stärker sein könnte, als das freie Leben, dem Ihr zustrebt . . ., da fiel mir's ein, ob es nicht möglich wäre, baß Ihr hier bleibt. — Seht. Rebb Ascher, wir wären nicht mehr allein, es gäbe wieder ein Indenhaus in unserer Nähe, oft würden unsere Wege die gleichen sein und der Sabbath wäre schön und dreifach gesegnet, wie dieser, an dem Ihr u,nser East seid. Kein East mehr, nein, mein Freund wäret Ihr, unser aller Freund, Davids und Mirjams . . (Schluß folgt) Uns der Sommerfrische eines „weltverlorenen“ Taunus- Mens. Mein reizende, von prachtvollen Waldungen umrahmtcs Taunusfleckchen ist in der Sommerftische der Sammelpunkt vieler ruhe bedürftiger, dem städtischen Treiben und beruflicher Abspannung entrinnender, auf Kräftigung ihrer Gesundheit bedachter Menschenkinder. Und wenn je daS geflügelte Wort von der Rückkehr zur Natur Geltung hat, w ist eS hier der Fall, wo Alt und Jung, Bornehm und Gering im gemeinsamen Genuß der herrlichen Natur« gaben, LeS blauen Himmels, der reinen Luft, deS WaldeswebenS, der reizenden Wiesengründe, Gesundheit GlseUtgkett atmet und Zeugnis ablegt von der Wertlosigkeit der sonst alS notwendiges Ingrediens eines Kuriebens erachteten Genüsie, wieRöunion, Spiele, Konzerte, Illumination usw. Daß unter den Besuchern deS schönen, jedoch abietts gelegenen Tauriusörtchens das jüdische Element überwiegt, macht chtese Tatsache gegenüber den an anderen Welt- und Luxusbädern gemachten Erfahrungen noch zu einer bemerkenswerten und angenehm auffälligen. Zerstreut in den Wäldern, in Hängematten oder behaglichen Lagerungen dem süßen Nichtstun hingegeben, sowie auf Ausflügen in die reizenden, malerisch gelegenen Höhen, Ausfichtspunkte und schmucken Oertchen der Umgebung, oder in den . gastlichen Räumen der jüdischm Pension, überall erblicken wir daS stumme Bekenntnis '33K 'iai?/ nicht aufdringlich und Luxus entfaltend, sondern familiär, froh vereint, natürlich und Natur ge nietzend und StandeSunterschtede — wenn auch unfreiwillig — unterdrückend. Das infolge der geringen Mttgltederzahl außerhalb der Sarson nur zu oft dem Mtnterschlafe verfallene ländlich jüdische Gemeindeleben erstarkt in den Ferienmonaten des Sommers, genährt durch anregende Kräfte aus allen Teilen des Reiches, mächtig zu imposanter Fülle. Die Räume deS kleinen, aber einladenden Gölte.'. Hauses vermögen am natP kaum die Schar der Besuche^ zu fasten. Die am Freitagabend nach Begrüßung des J“nE7 vor den gastlichen Hallen der Pension UN Hochgefühl deS verklärenden fQV'Friedens sich ansammelnden Menge, die von vielen Tischm erschallenden begeisternden jnbtfön TSf Klänge und stimmungsvoll vorgetragenen Weisen des Tischgebets — alles zeugt von der Herzlichkeit, aber auch von der hier im jüdischm i Empfinden geeinten geschlossenen Gastfamüte, deren Zauber fich auch diejenigen nicht entziehen können, welche zu Hause nichts von der beseligenden Wethe echt jüdischen , Familienlebens verspüren, oder an den lichtvollen Gesiiden herzerfreuender j-QV'Ruhe und beglückender Geistes- und HerzenSrrhebung oorbetwandeln. Trotz aller Gemeinsamkeit im Genuß der natürlich« Reize der herrlichen Umgebung und oes gerade in der jetzigen Gl« doppelt ftoh empfundenen schattigen Kühle der erfrischenden Wälder, hat auch hier die Wahrheit deS "HsS DP p nicht ihre Berechtigung verloren. Denn trotz des abjeitS von der Heerstraße gelegenen Oertchen« 1 und nicht unerheblicher Rerfeschwirrigkeiten dahty, hegen i dennoch alle Besucher den Wunsch, daß die modernen Berkehrsmittei fich nicht so schnell Bahn brechen möchten, um von dem Getriebe aentevender Gesellschaft mir allen geräuschvollen Begleiterscheinungen verschont zu blechen. Fauchend und pfeifend unterbrechen zwar auch hier ,.. die modernen Ungemme der Landstraße die Walbestzillr, alles in Staub hüllend und mit Staub füllend, aber fi« lagern nicht und verkästen da« Dorf mit unheimlicher, doch uns willkommener Schnelligkeit s Dennoch wlll ich nicht sagen, daß der gesellschaftliche j Humor drese Sommerftische flieht. Nein, leben- "'f sprudelnd und ftcadebrmgend erfüllte er die Wälder und ,| belebt die r tzvollon Tag- und Rachtpartten auf die I ragende, sagenumwobene TaunuSkupPel, den Feldberg, 1 unter Führung eines ewig jungm, unermüdlichen Krank-

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