Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1911)
- Date
- 1911-08-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4«r. 35 let MraeNt. 31. August 1S11. rungen und Berichtigungen hält das genannte %■ Blatt diese ungeheuerliche Anschuldigung aufrecht D. und spricht neuerdings — just zu einer Zeit, da die Post täglich von neuen Ueberfällen unserer ff arabischen Vettern auf jüdische Kolonien berichtet fr — von einem zwischen den stammverwandten Juden und Muselmannen geschlossenen Bünde R Segen die Christen. Die gleiche „Times — und pr ein Teil der Provinzpreffe folgt ihr blindlings A, — weiß schon lange von einem „beim englischen f- Volke zunehmenden Groll gegen die jüdische Beb völkerung", die angeblich aus -er kritischen Lage | der Arbeiter Nutzen ziehe, zu berichten. Und W nun, da die Flammen, vielleicht doch mehr als R chr lieb ist, um sich greifen und sie das zweifelhafte Vergnügen hat, von einem Pogrom in England der staunenden Welt kundzutun, spricht die „Times" —und nach ihr fast die gesamte englische und europäische Preffe — von Wohnun gs- und Getreidewucher, durch den die begüter- | ten Juden in Südwales die Wut des Volkes ß heraufbeschworen hätten. P Demgegenüber sei nach authentischen Angaben wahrheitsgemäß festgestellt, daß in Tredegar, wo die Judenexzeffe zuerst ausbrachen, die kleine jüdische Gemeinde aus kleinen Händlern und Ladenbesitzern besteht, die zum Teile in drückender Armut leben, zum Teile sich durch schwere Arbeit notdürftig durchbringen. Mit Ausnahme von zwei oder drei Besiergestellten, die auch Häuser besitzen mögen, befinden sie sich alle in einer kaum beneidenswerten Lage, auch stehen sie allen politischen und wirtschaftichen Kämpfen völlig abseits, so daß sie mit der besten antisemitischen Erfindungsgabe nicht in rgend eine Beziehung zu dem Arbeitertreike und seinen Ursachen zu bringen ind. ■fr Akhnlich verhält es sich auch mit den anderen | jüdischen Gemeinden Südwales, die Schauplätze K der wüstesten Ausschreitungen waren und, wie es scheint, noch sind. j|j Dem lodernden grundlosen Hasie der verhetzten Bolksmaffe gegen die Juden, der einmal da, einmal dort so grausige Formen annimmt, steht Menschenhilfe machtlos gegenüber. Die vollkom-;t‘ menste „Emanzipation", jüdische Minister und L . Oberrichter, jüdische Lordmayors und Offiziere vermögen ja nicht zu verhindern, daß nach dem . Gesetze des „geringsten Widerslandes" jede Er- <,• regung der Volksseele sich zuerst in Entladungen über das unglückliche Haupt des sein Golusgeschick erfüllenden Juden Luft macht, und die r arabischen Ueberfälle auf einem Blatte mit den f englischen Judenverfolgungen senken uns wieder v einmal mit schauerlicher Eindringlichkeit die alte Wahrheit ins Herz rufen, daß wir auf Erden keine Sicherung und keine Heimatstätte haben: .D'DttW sZ-VNy tt*) VW „Rabbi Salomo“ oon Paris. „Es führt der Sieg den Frieden an der Hand, dann kehrt die Freude ein in jeden Busen und sanftere Gefühle wachen auf in allen Herzen." So mögen mit der Jungfrau von Orleans auch die siegesgekrönten Herren der Alliance zu Paris gedacht haben, als sie dieser Tage unter dem Eindrücke ihres Erfolges in der Reinach-Campagne den Beschluß faßten, in der nächstenZett eine neuer!icheExpedition zur Inspizierung der Schulen im Orient zu entsenden. Freilich, so ganz freiwillig ist dieses Friedensopfer nicht gebracht worden, es ist den Parisern während des harten Wahlkampfes vom holländischen Landeskomitee abgerungen worden, und zwar, wie unseren Lesern noch bekannt sein dürfte, infolge einer am 2. Juli in Amsterdam abgehaltenen Bigart-Versammlung, bei welcher Gelegenheit man von der Gegenpartei so allerlei über das Schulwerk der Alliance und über die seiner Zeit von der letzteren in Szene gesetzte Jnspektionskomödie zu hören bekam. Eine damals vom Vertreter des holländischen Komitees, Herrn Machielse, gegebene Zusicherung, sich in Paris für die Entsendung einer neuen Jnspekttonskommission einzusetzen, ist, wie es scheint, von diesem prompt eingelöst worden, und dem entspricht es auch/ daß vom Pariser Beschlüsse dem holländischen Komitee offizielle Mitteilung gemacht wurde, mit dem Ersuchen, die Wahl eines orthodoxen Rabbiners, der an der Expedition teilnehmen soll, nach Belieben zu treffen. Vielleicht gelingt es den Reinach-Freunden mit dieser „großmütigen" Konzession an die Besiegten, mit dieser neuen Jnspektionskommission den Ruf nach einer anderen Kommission zum Schweigen zu bringen, den Ruf nach einer Kommission zur Prüfung der Wahlresultate im Oriente, der eine Zeit lang laut genug ertönte, um im Pariser Zentralbureau eine gewisse nervöse Unruhe hervorzurufen? Viel Zweck hätte ja diese Prüfungskommission so wie so nicht. Wir sagten es bereits an dieser Stelle: Die Alliancevertreter im Oriente, und besonders in Palästina, sind kluge Leute und verstehen es allezeit, bei all ihren Wohlmachenschaften zu Gunsten der „Pariser Obrigkeit" immer noch an der Grenze der Allianeeparagraphen zu bleiben, so daß es wohl schwer fallen dürste, ihnen einen formellen Verstoß gegen den Wortlaut der Statuten nachzuweisen. Ist etwa Mitleid — das man just zur Wahlzeit mit stimmberechtigten Familienvätern empsindet und dem man klingenden Ausdruck gibt — Sünde, oder Dankbarkeit — an die man, wie es Antebi getan, appelliert — Verbrechen? Etwas bedenklicher, aber immer noch nicht strafteif, ist schon, was die „Hazeftrah" in Nr. 162 und nach ihr die palästinensischen Zeitungen (stehe auch nnnn Nr. 133) von der Wahlagitation in Jerusalem zu erzählen wissen. Rief da der spekulative Herr Antebi die nach Hunderten zählenden, völlig weltfremden und durch Armut gedrückten Jemeniten zu einer vertraulichen Versammlung zusammen und hielt ihnen eine kleine akademische Vorlesung über ihren stillen Wohltäter „■jW’n nö?tP zu Paris", von dessen Verbleiben in der Leitung der Alliance ihr — der Jemeniten — Wohl und Zukunft abhänge. (Dabei ist zu bemerken, daß Reinach ein grimmiger Feind der Chaluka in jeder Form ist und jede Beteiligung der Alliance an diesem nicht zu entbehrenden Hilfswerk in Palästina zu verhindern weiß.) Von diesem Rabbi Salomo im weiten Paris wiffen die Söhne Jemens nicht viel, dagegen wissen sie, daß die Hütten, die sie mit ihren Familien bewohnen, zum Teil unter der Verwaltung des mächtigen Antebi stehen, daß sie auch von Zeit zu Zeit eine kleine Unterstützung aus seiner Hand empfangen. Warum also in einer so gleichgiltigen Sache, wie es der ganze Wahlhandel ist, nicht den Leuten zu Gefallen handeln, die so leicht den Brotkorb höher hängen können? So geht man mit dem bereits ausgefertigten Wahlzettel zur Urne und wählt — Rabbi Salomo von Paris. Solcherart vollzogene Wahlen sind aber „ordnungsmäßig und rechtsgiltig" und lassen sich von keiner Prüfungskommission mit Erfolg ansechten. Man spare sich daher die Mühe einer weiteren Wahlprüfung und watte lieber ruhig ab, welche Kunde die neue Jnspektionskommission aus den Schulen des „Rabbi Salomo" im Oriente bringt . . . Lei den €ba$$idim. IV. Am Tage meines Eintreffens in Lubawitsch feierte die Jeschtba,' es war Lag Beomer. Aber gerade dadurch hatte ich Gelegenheit mich von dem Bande zu überzeugen, welches diese eigenartige Hochschule jüdischer Wiffenschaft mit ihren Schülern verbindet, das) auch wenn die Schüler sie längst verlassen haben, nichts von seiner Innigkeit verliert. Ein früherer Schüler, der die Anstalt Flügel geben. Und Ihr selbst . . er scheut sich, das Wort anszusprechen, das ihm vorschwebt, „Ihr selbst werdet nicht immer so jung wie jetzt bleiben! Auch Euch wird das kleine Judenhaus zu eng werden. Was dann? . . . Vor mir liegt immer ein solches „dann". Als ich noch in dem kleinen, polnischen Ghetto lebte und ansing, in den fremden, verbotenen Büchern zu lernen, da fragte ich mich täglich: Was wird daraus? Wohin gehe ich? Und als ich floh und auf der Wanderschaft zuerst scheinbar ziellos irrte, sah ich doch immer einen Bergesgipfel, einen Wafserlauf, ein rotes Dach vor mir, dem ich zustreben Jlutb hier meine Erde. Am Morgen und . am Abend konnte, bis endlich das große Ziel mir inne wurde, grüße ich meine Sonne und freue mich an ihren dem fetzt mein Wollen und Denken gilt. In der gro--/ ßen Stadt, die vor mir liegt, in Prag will ich lernen und mich dort umschauen, wie es Hunderte vor mir taten. Ein Bocher will ich werden, ein Student! Auf dem, was ich kann und mein eigen ne>ne, aus der Wissenschaft, die ich ans den heiligen Büchern meiner Welt schöpfte, auf dem jüdischen (^lehrten will ich einen neuen Menschen aufbauen. Vielleicht wird ein Arzt, vielleicht ein Kaufmann aus mir, vielleicht ist die jüdische Weisheit stärker als alle Hlclehrsamkeit der Welt, — aber es ist ein „morgen", das ich vor mir sehe und dem ich zustreben kann mit aller Kraft! Und so, denke ich, muß es doch auch für Euch etwas geben, das Ihr vor Euch seht . . . Hinen anderen Tag als den heutigen, eine andere Welt, ein anderes Leben!" Wahrend er sprach, hielt Aschcr die Augen gesenkt, wie einer, der mit seinem Herzen Zwiesprache hält; jetzt erhebt er sic wieder mit vollem Blick und sicht Mirjam an, in deren Augen die Sonne ist und deren schwarze Locken dem Winde ein liebes Spielzeüg sind. Das Mädchen aber schaut sich um und um, ihre Blicke tauchen in das blaue Himmelsmeer, schweben über dem Walde und grüßen jedes Blümchen aus der Wiese: sie liebkosen das alte, wettergeprüfte Haus und sind 'heiter und strahlend. Wie mit heimlichem Jauchzen spricht sie und ihre Worte sind Kinder ihres Herzens: „Meine Mutter sagte mir einst, das; das Mädchen wie die Blume wächst. Wo ihre Wurzeln haften und aus dem Schoße der Erde der grüne Keim hcrvorspießt, dort blüht und gedeiht sie am besten: in fremder Erde, fern denr Orte ihrer ersten Sonnenstunde, ist ihr Leben kümmerlich . . . Seht, Aebb Ascher, das ist mein Wald, dort ist meine Wiese Strahlen, die mir lieb und teuer sind. In diesem Häuschen schaffe ich tagaus, tagein, und ich kenn? nur ein Ziel, ein Leben zu führen wie meine Eltern, ein jüdisches Leben. Das Lachen ist bei nur und die Freude — was verlangt Ihr mehr von der Zukunft? Ist dies nicht Welt genug?" Die weiße Tür des Hänschens öffnete sich. Michel führte den kleinen David an der Hand und aus dem dunklen Vorraum treten sie ins morgendlich strahlende Sonnenlicht. Tie Schwester eilt auf die beiden zu und den kleinen Bruder küssend, hebt sie ihn hoch empor und eint ihr glückliches, silbernes Lachen mit seinem kindlich-frohen Jubeln. Ta schweigt der Fremde. Am Nachmittag steigen Michel und Ascher allein zum Walde hinaus, während Mirjam bei David bleibt mkd ihm die alten, lieben Geschichten erzählt. Von Josef, den die bösen Brüder in die Grube warfen und der ihnen allen trotzdem.mit gutem Werke vergalt, als Gott ihn zum Freunde des Königs gemacht hatte, vom kleinen Moses, den die stolze Königstochter im Flusse fand und der später ein großer, berühmter Mann wurde und Israel befreite, von seiner Schwester Mirjam, von dem Hirten David und dem Niesen Goliath, von den tapferen Heldensöhneu Makkabis und von dem Lande, in dem goldene Trauben reifen und Milch und .Honig fließt. Michel führt seinen Gast indessen an den ^Waldrand, wo sie weithin das lichte Band der Straß? überblicken, und nennt ihm „seine" Dörfer, in denen er seinen Handel treibt. Fast stolz erzählt er, wie angesehen er ringsum ist, wie gerne ihn die Bauern sehen und ülit welchem Glücke er fein Geschäft vetrcibt. „Da überall kennt man mich und empfängt mich wie einen guten Freund. Kein .Haus, in dem ich roch nicht weilte, keine Stube, in der ich noch nicht saß, kein Tisch, aus dem noch kein Gläschen Wachhold.nweiii vor mir stand. Keine Bäuerin, die sich nicht mit «reinen Tüchern schmückt und Sonntags beim Kirchgang meine Stoffe trägt. Und da und dort, in jenem roten Gehöfte, in jenem kleinen, weißen Hanse, schlief ich schon manche Nacht in yochschmeilenden, weichen Betten. Altes was Ihr hier seht, wobin Euer Blick trifft, ist mein Heim, mein? Welt!" Der Gast trinkt in vollen Zügen das anmntige Bild. „Schön ist's, Michel", spricht er, „so schön, daß ich selbst ein Weilchen mich daran freuen könnte." Michel betrachtet ihn lang und schweigend, dann fragt er leise: „Und wenn es Euer Heim werdetl könnte, so wie meines, für immer, für's ganze Leben, was dann?" Der Fremde springt auf, unwillkürlich trifft sein Blick das kleine Judenhaus und am Zaune glaubt er die liebliche Mirjam zu erspähen. Aber fast erschrocken wendet er sich wieder zu seinem Begleiter: „Wozu fragt Ihr? Mein Weg führt weiter ..." „Hört mich an, Rebb Ascher," beginnt Michel und holt tief Atem. „Als Ihr gestern kamt, fachet Ihr, daß ein Anfall Euch zu uns führte; vielleicht