Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1911)
- Date
- 1911-08-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448803-2448839--66862-2495045- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
81. «UMst 1911 treten, dessen bisher gute Tendenzen nur auf dem verständigen Entgegenkommen, nicht auf der eigenen religiösen Ueberzeugung seiner Führer beruh«. Wie lange noch soll und will die Orthodoxie die Rolle des Aschenbrödels spielen, das von allen scheel angesehen und geringgeschätzt wird, weil ihr wahrer Wert nicht zur Geltung kommt? Wie würde das orthodoxe Judentum machtgebietend und einflußreich dastehen, wenn es eine eigene Organisation, die gläubigen Juden aller Länder umfassend, besitzen würde! Eine solche Organisation ist kein Phantafiestück, brauchte es nicht zu sein. „Wenn wir wollen, ist es kein Märchen!" Wenn die bewährten Führer der Orthodoxie Deutschlands eine solche Bewegung tatkräftig unterstützen, werden ihr, das weiß ich aus dem Munde russischer tpau«/ sich die maßgebenden Rabbiner Rußlands und die von ihnen geführten Gemeinden, und ebenso gewiß diejenigen von Ungarn, Galizien usw. gern und freudig anschließen. Der Zionismus besitzt, wenn man von der Zahl seiner 450 Delegierten schließt, ca. 90000 oder sagen wir rund 100000 Schekelzahler. Diese Zahl könnte eine orthodoxe internationale Organisation leicht erreichen und überflügeln. Wohl ist es wahr, daß die großen Reichtümer nicht gerade in den Händen der Orthodoxen sind, aber 'yp nys ^k, die nötigen Mittel und Kräfte zu gedeihlicher segensreicher Wirksamkeit werden sich schon in unserer eigenen Mitte finden, und wir werden leisten, was wir zu schaffen imstande find. Endlich muß die Orthodoxie es aufgeben, zuzusehen, wie alle großzügigen Unternehmungen von gegnerischer Seite ins Leben gerufen werden. Nicht auf Kritik und Negation, auf positives Schaffen weist uns gebieterisch die Zeit hin. Auf dem 10. Zionistenkongreß hat ein Gegner des Misrachi ihm das geflügelte Wort zugerufen: IVNhN bM W)j „Schaffet und streitet nicht." Dabei dachte ich an das Wort des Dichters: „Lehrt dich der Feind, was du sollst." Ja, das wollen und sollen wir tun! Dem Zionismus mit seinen Kulturbestrebungen wollen wir zurufen: „Geh du linkwärts, laß mich rechtwärts gehen!" Wir wollen nicht einen aussichtslosen Streit führen mit Männern, deren religiöse Ansichten nicht die unsrigen sind, innerhalb der zionistischen Organisation, in der wir immer eine Minderheit bilden würden, weil die Mehrheit der orthodoxen Juden, besonders der Ostländer, sich von ihr instinktiv fernhält, sondern wir wollen die Reihen schließen und aus Der _‘ die eigene Kraft vertrauend selbständig schaffen und wirken. Nicht einen Kampf mit dem Zionismus wird die neue Organisation bedeuten, sondern eine parallele, auf den thoratreuen jüdischen Massen beruhende Tätigkeit zum wahren Nutzen des jüdischen Volkes, eine „Alliance" a u f r e l i - giöser Grundlage", einen Hilfsverein für die Juden aller Länder, einen aus wahrer jüdischer Kultur aufgebauten Zionismus ohne politische Ziele und Aspirationen. Vielleicht wäre es das richtigste, wenn der „Misrachi", der doch eine gewisse Organisation besitzt, die Initiative ergreifen und eine Komifsion ein setzen würde, die mit den Vertretern des „Moria" und den anerkannten Führern der Orthodoxie in Deutschland zusammen ein Programm aufstellen und zunächst einen deutschen, dann einen internationalen Parteitag einberufen würde. Der Elul ruft uns täglich mit seinem Schofar die Einigung ins Gedächtnis, benutzen wir ihn, um die Versprengten unseres Volkes, die in allen Leiden dem Thoraideal treu geblieben sind, zu sammeln zu gemeinsamer und fruchtbringender Tätigkeit. An die Führer des gesetzestreuen Judentums in Deutschland aber ergeht der Ruf, daß sie sich der Forderung des Tages gegenüber nicht ablehnend verhalten, nicht zögern und nicht zaudern, sondern sich zu tatkräftigem Handeln entschließen. „Was du von der Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück". YBD'fc VttOy M DK. Wenn nicht jetzt, wann denn? Koch-nrvnZschau. Iugeiwerkolgungen ln knglanö. Wiederum wird die Alarmglocke gezogen — man scklägt die Juden! Man dringt in den Frieden ihrer Häuser ein, mißhandelt ihre Kinder und Greise, demoliert und plündert, was ihnen redlicher Fleiß und harte Arbeit von Jahrzehnten geschaffen, am hellen Tage, vor den Augen der Hüter des Gesetzes, die zu schwach sind gegenüber der elementaren Gewalt der entfesselten Volksletdenschaft oder zu spät eingreifen _ 86. Seite 8 — diesmal aber nicht im finstern, im Zeichen der Pogrompolitik des schwarzen Verbandes stehenden Rußland, sondern — man möchte es nicht wahr haben und die Feder sträubt sich, es niederzuschreiben— im freien England, dem historischen Orte der Ruhe und des Rechtes für die notgejagten, vom Leben enterbten Flüchtlinge aller Völker und Länder. Wie werden die Purischkewitschs und die Markows aufjubeln! — Rußland macht Schule. Lange hat das „europäische Gewissen" geschwiegen, es schwieg zu den blutigen Vorgängen.in den Jahren 1905 und 1907, es schwieg zu den neuesten blutrünstigen Judenhetzen in Kiew und anderwärts im Lande der Pogrome und Ausweisungen. Nun schweigt Europa nicht länger — es macht frisch und lustig mit... Vielleicht liegen die Dinge nicht gar so schlimm, wiewohl die an anderer Stelle veröffentlichten und uns noch beständig zugehenden Nachrichten aus den Unglücksplätzen über den Ernst der Situation keinen Zweifel zulassen,' vielleicht handelt es sich trotzdem nur um vorübergehende, durch die jetzt verschärften wirtschaftlichen Klaffenkämpfe zu erklärende Erscheinungen, die einen Schluß auf eine Wandlung in der Gesinnung Englands oder gar Europas zu Ungunsten der Juden nicht rechtfertigen. Allein, daß man in gewissen Kreisen die Vorgänge in England so und nur so anfieht und ausschlachtet, dies zeigt zur Genüge das Echo, das sie in der russischen Verbandspresse und der ihr geistesverwandten antisemitischen Presse Deutschlands gefunden hat. Bor allem möchten wir uns nicht die in vielen Berichten gegen die englischen Regierungsbehörden erhobenen Anklagen der Untätigkeit zu eigen machen. Wahrscheinlicher ist es, daß auch sic, die Behörden, von der offenbar von langer Hand vorbereiteten Judenhetze keinen blauen Dunst hatten und . von dieser neuen ungeahnten Form der Stretkunruhen völlig überrumpelt wurden. Dafür spricht auch der Umstand, daß überall, wo es die Polizei in der Hand hatte, mit Hilft des Mllitärs einzugreiftn, den Ausschreitungen, wenigstens vorübergehend, Einhalt geboten wurde. Ungleich mehr perdient ist der Borwurf der teilweisen moralischen Verantwortung für die Vorfälle, der gegen einen Teil der englischen Presse erhoben wird. Erst jüngsthin konnten wir an dieser Stelle ein bezeichnendes Elaborat in der Londoner „Times" beleuchten, in demnachgewiesen werden sollte, daß für die albanesischen Unruhen einzig die Saloniker Juden die Schuld tragen, die auch die ganz unter ihrem Einflüsse stehenden Jungtürken zu einer Gewaltpolitik tn Albanien gedrängt hätten. Trotz allen Erwideunb deutsche Gebete eingeführt, der „Hauptsache" zuliebe/ Feiertage äbgeschafft, Gebete verkürzt, der „Hauptsache" halber,' Chor und Orgel in die Synagoge gebracht, natürlich im Interesse der „Hauptsache". Aber stehe da, durch die vielfache Lockerung des festgefügten Erdreichs wankt der Grenzpfahl: man ist ins Stadium der Tauflisten und „Tempi" gekommen. Man schreibt Ta« stiften, ein Aufschrei des bösen Gewissens. Man will den „Gottesdienst" auf „Tempi" festlegen, eine Blasphemie auf die versagenden Reformmittelchen, ein letztes und glänzendes Zeugnis ihrer — Ohnmacht! Wollt ihr noch immer die Grenzsteine tö», welche die Vorfahren gesetzt, leichtfertig verrücken? Auch die jungjüdische Bewegung, der Nationaljude ist ein bnp JPDÜ er erklärt den Zionisten für „den" Juden schlechthin, schasst neue „Werte", erklärt den alten, wertererprobten Grenzstein sür morsch und verwittert. ES wird fich erst in der Zukunft zu erweisen haben, ob man denn doch nicht wieder die alte Grenzmauer als widerstandsfähiger erachtet und schutzsuchend fich zu ihr flüchtet. An Anzeichen fehlt eS nicht. Wir Juden kennen in allem die Grenze, sollen fie kennen/ somit verfallen wir keinem Extrem. Wir lieben Kunst und Wissenschaft, treiben damit aber keinen Götzenkult. Der Segensspruch beim Anblick eines Weltwetsen gtft nicht diesem, sondern Gott, der bte Weisheit schenkt. Sie hat sür uns eine Grenze. Wir find Kosmopolitiker und doch voll heiliger Liebe und Sehnsucht nach dem Lande der Väter erfüllt. Und der jüdische Bürger wurde nie Chauvinist. „Fremdlinge" behandelte er im Lande wie Einheimische. (5 B. M.) Als Israel auf dem Gipfel seiner Macht stand und Salomo den Tempfel weihte, bat er in seiner großav gelegten Wetherede, Gott möge in dem jetzt vollendeten Heiligtum auch den Nichtisraeltten erhören, der sich an Ihn wendet. Wir lieben nach unserer Thora den „Mchstm wie uns selbst." Die im neuen Testamente gelehrte „Feindeslteoe, mit der man oft pruntt, lehnen wir als unnatürlich, über die Grenze hinauspehend, ab. Niemals hat man auch danach gehandelt. Wir sorgen für unsere Armen aus „Zedokoh", heiligem Pflicht gefühle. Doch Kommunisten find wir nicht. — Wir stellen den Körper in dep heiligen Dienst der Seele; wir achten und vflegen ihn als „Diene r, doch eine „Ertötung des Fleisches" liegt uns fern. Das Judentum will stttltche Heiligung. Gerade deshalb möchte es keine Cölibatäre und hält auf die Heiligkeit der Ehe feit Jahrtausenden. Klösterliche Zurückgezogenheit, selbstgewollte Armut verwirft die jüdische Weltanschauung ebenso wie ausartende Ungebundenbett und Habsucht. Neberall ist uns die goldene Mittellinie als die von Gesetz und Vernunft zugleich gezogene Grenze gegeben. Es ist zu unserem eigenen Heil und Segen, wenn wir uns strikte an das alte Thoragesetz halten: „Verrücke nicht die Grenze!" eines Weuilleton. ver Zabbatbgast Von Oskar Stein. (Fortsetzung.) Mirjam schweigt, bis der Gast ihr stumm die Hand drückt, dann fährt sic fort: „Aber das Leben ging weiter. Eine mitleidige Bäuerin, aus dem Torfe und unser Schullehrer nahmen sich der drei Waisen an und ihrem verständigen Zureden gelang es, unseren Michel aus seinem Schmerze aufzurütteln, daß er wiedev das Bündel auf den Rücken nahm und an des Vaters Stelle durch die Dörfer zog. Weil die Leute unseren Vater als brav und ehrlich gekannt hatten, waren sie freundlich zu seinem Sohne und halfen ihm bei seinem Fortkommen. So fühlten wir die Liebe des Vaters noch nach seinem Tode. Und auch die Mutter war bei uns. 'Bei Den ‘ Nachbarn war sie imm:r wohigelitten gewesen, und die Bäuerinnen dachten an ihre Güte und sorgten für uns, so lange wir noch nicht selbst fest auf unseren Füßen stehen konnten. Aber jetzt geht's längst ohne fremde Hilfe vorwärts. Tie Woche über verkauft Michel in den Dörfern ringsum seine Waren., kauft da und dort. ein altes Stück und nährt sich und uns, wie wenn er seit zwanzig Jahren ein Torfgeher wäre. Ihr seht, wir haben unser altes Häuschen, und was sonst hier hinter dem Zaune liegt, gehört auch uns. Wie einst den Vater, so erwarte ich jetzt am Freitag den Bruder und unser Leben ist glücklich und zufrieden. Sie hält inne, wie beschämt über ihre lange Rede. Aber Ascher ist noch nicht zufrieden mit dem, was er hörte. „Und weiter" fragt er „was wird weiter sein?" „Später, meint Ihr?" entgegnet sie erstaunt. „So wie heute und gestern! Warum sollte es morgen anders werden?" Ascher überhört ihre Worte. Zu tief in seinen Sinnen spricht er alles aus, was ihn bewegt: „Seht, Mirjam, jetzt lebt Ihr verborgen in einem Winkel der Welt. Aber es werden auch für Euch Tage kommen, an denen es in Euch erwachen wird, wo die weite, offen: Welt Euch locken und rufen wird. Klein wird Euch Euer Heim werden, zu klein und zu still, um darin glücklich zu sein. Euere Brüder werden Männer werden, die Kraft ihrer Arme wird wachsen und der Ehrgeiz ihres Herzens wird ihnen