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Der Israelit · 1911-08-31 · Heft 35 (31.8.1911) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 35 (31.8.1911)
Date
1911-08-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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»er tzsr«M. Welle S Nr. 3b drückte ihm das geistige^Vepräge auf. Der Zionismus hat die Kulturarbeit, — und wir wissen, was Sokolow, der im Engeren Aktions-Komitee eine dominierende Stellung einnimmt, unter Kulturarbeit versteht, — ins Programm übernommen. Er leistet dem nationalistischen Judentum Vorspann, das ist ein Judentum ohne Thora und Mizwos, ein Judentum der Kultur und der Sprache, das mit dem Judentum unserer Kater, mit dem Judentum, das wir mit allen Fasern unseres Herzens lieben, wenig mehr gemein hat. Der Misrachi — davon bin ich fest überzeugt — würde aus prinzipiellen Gründen aus der zionistischen Organisation austreten, auch wenn seine Führer auf dem Kongreß nicht in feierlicher Form erklärt hätten, daß sie im Falle der Annahme des Kulturprogramms die Konsequenzen ziehen würden. Er würde auch dann austreten, well seine Liebe zu unserer Thora es ihm nicht erlauben würde, unjüdische thorafeindliche Kultur zu unterstützen. Der Misrachi wird aber, dessen bin ich sicher, nicht aufhören zu existieren. Es harrt vielmehr seiner eine große Aufgabe. Hat er doch bereits ein großes, echt jüdisches Kulturwerk, die Tachkemonischule in Jaffa, geschaffen. Was liegt näher, als daß der Misrachi sich nun selbständig organisiert, um seine Ideale auf breiter Grundlage zu pflegen? Doch die Männer des Misrachi werden auch ohne meine Ratschläge das Schicksal ihrer Vereinigung würdig gestalten. Aber wir und die Gesetzestreuen aller Länder, wollen wir weiter, wie bisher, untätig zuschauen, auch jetzt, da durch die bevorstehende Trennung des Misrachi von der zionistischen Organisation die religiösen Bedenken gegen eine Teilnahme an seinen Bestrebungen dahinfallen? Was sollen wir tun, was ist die Pflicht der gesetzestreuen Juden in dieser kritischen Zeit, in welcher die Orthodoxie vor einer wichtigen folgenschweren Entscheidung steht? Was ist für uns die Forderung des Tages? II. In dem vor einiger Zeit erschienenen Werke «wyoni amen habe ich eine bedeutsame Midrasch-Erklärung gesehen. Als unsere Väter, so erzählt der Midrasch, aus Jerusalem ins Golus geführt wurden, da verboten ihnen ihre Peiniger bei schwerer Strafe zu weinen und zu klagen. So mußten sie bei Tage jeden Ausbruch ihres Schmerzes vermeiden. Nur bei Nacht, wenn ihre Kerkermeister schliefen, konnten sie ihrer natürlichen Trauer und dem schweren und herben Leid, das ihre Seelen erfüllte, Ausdruck geben. Nur Jeremias, der Prophet, der den Sieg der Babylonier und den Untergang des jüdischen Staates vorhergesehen hatte, erfreute sich der Freiheit. Da sprachen zu ihm die Israeliten: Weine Du, o Jeremias, bei Tage, und wir wollen weinen bei Nacht. Gott aber sprach: Ihr weint bei Nacht und Jeremias bei Tage, ich aber werde weinen Tag und Nacht, denn so heißt es: 'Dy na '7-n?y ny'yi OM' roaeo, ty weine Tag und Nacht um die Erschlagenen meines Volkes. Der Tag bedeutet in der Sprache des Midrasch oft das Glück, die Nacht das Unglück. Gibt es nicht für uns Juden, das dürfte der Sinn des Midrasch sein, seitdem wir von der heimatlichen Scholle vertrieben sind, ein doppeltes Golus? Das Volk, das heißt der gewöhnliche Mensch, beweint allerdings nur das Unglück, — welches uns in der Nacht der Leiden trifft. Ihn erschrecken nur die Nachrichten, daß Juden verfolgt, geplündert, gemordert, einem Pogrom zum Opfer gefallen sind. Aber der Jude, der gleich dem Propheten auf einer höheren Warte steht, weint noch schmerzlicher um die Verluste, die Israel im Golus erleidet, wenn die Sonne des Glückes ihm scheint, wenn das Ghetto sich öffnet und Israel, frei von Druck und Plage, geblendet von der Sonne der Freiheit, seinem Glauben, seiner Religion, seinem Volke verloren geht. Steht dem Golus in Osteuropa nicht gleichwertig das Golus in Westeuropa gegenüber, wo unsere Kinder einer fremden Kultur teilhaftig und in vielen, ach in so schmerzlich vielen Fällen der jüdischen Wahrheit und der von Gott ihnen gegebenen Bestimmung entfremdet werden? Während der. Prophet, wie wir jüngst gelesen, die Mutter Zion jauchzen läßt, nx 'y "IT 'v über die Kinder, die sie nicht erzogen und die sie dennoch liebreich umgeben, so muß sie heute schmerzvoll das Haupt verhüllen über die Kinder, die sie geboren und die groß geworden, zu Ansehen und Ehren gelangt, sich lieblos und oft verachtungsvoll und feindselig von ihr wenden. Seufzen aber wir Juden alle, wie wir aus dem Worte ddr Weisen heraushören, unter dem gleichen nur in seinen Formen und Gestaltungen verschiedenen Golus, übt zum Beispiel, ebenso wie die Pogrome in Osteuropa, das Sonntagsruhegesetz in Westeuropa eine verheerende Wirkung aus, indem es die jüdischen Kinder scharenweise dem natP 'JlTn und damit der Verleugnung der Grundwahrheiten des Judentums zuführt, so müssen wir für die gleiche Not gemeinsame Abhilfe suchen. Gewiß huldigen wir dem Optimismus. Das Judentum hat zur Zeit des Hellenismus eine noch schwerere Krisis überwunden, es wird auch aus der jetzigen siegreich heroorqehen. Aber wir S1. «uguft isil müssen das Unserige tun, um feindlichen Mächten, die im Osten und Westen auf verschiedene Art unser Volkstum bedrohen, kräftig entgegenzutreten. Hierzu ist eine Organisation, welche die gesamte auf dem Boden der Thora stehende Judenhett umfaßt, ein wesentliches und starkes Hilfsmittel. Welche Folgen eine solche ideale Organisation hätte, springt in die Augen. Das Gefühl der jüdischen Solidarität, der Bruderliebe und Brudertreue, welche die trennenden Grenzpfähle und die verschiedene Art der Erziehung und Kultur überwindet, würde gestärkt und gefestigt werden. Ein Wechselstrom des Segens würde sich von Ost nach West und ebenso umgekehrt ergießen. Unsere Brüder im Osten würden von uns lernen, daß Kultur, auf dem Boden der Thdra gepflanzt, dem Judentum nicht schädlich und feindlich ist, und wir würden durch die engeren Beziehungen mit den Brüdern des Ostens erhöhte Liebe und Begeisterung für unsere Helligtümer und vertiefte Kenntnis unserer heiligen Thora gewinnen. Unsere Jugend würde sich nichl mehr für fremde Ideale begeistern, sondern um ihren Tatendrang und ihre Schaffenskraft zu betätigen, genug Gelegenheit in unserem eigenen Hilfswerk und seiner Ausgestaltung finden. Und die praktischen Folgen? Könnten wir nicht in großzügiger gemeinsamer Arbeit Kolonien gründen im heiligen Lande, in denen die Verfolgten Zuflucht finden und in welchen jüdisches Leben neu erblüht, könnten wir nicht Schulen schaffen, in denen nach bewährten Prinzipien "p“i Dy min “nD*?h IpN gelehrt wird, können wir nicht die von anderen Organisationen geförderten praktischen Ziele in unser eigenes Programm übernehmen und das, was wir für unser Volk gut und nützlich finden, selbst ausführen? Ist es nicht betrübend, daß in allen großen und weitverzweigten Organisationen die Orthodoxie, die Vertreterin des alten Judentums, welcher der Zahl nach heute noch die Mehrheit des jüdischen Volkes angehört und welche die einzige Hoffnung seiner Zukunft bildet, ein^ untergeordnete Rolle spielt, daß sie für ihre gerechten Forderungen immer nur nnsa 'lya bittend, Hilfe flehend, auf die Einsicht und Toleranz edler und verständiger Menschen vertrauend eintreten kann? Welche bedauernswürdige Rolle spielt die Orthodoxie in der Alliance, die ehedem so Großes geleistet hat, und nun im Sinne und Geiste Reinachs geführt wird! Wie ist sie numerisch so schwach in der Leitung des „Hilfsvereins" ver- Uerrlcke nicbt-die grenze. Bon Ben-Menacheur*. (Bttttt Wochenabschnitt.) Zwei Felder stoßen aneinander. Ein Stein» tief und fest in den Boden pefenft, trennt sie. Er bildet das Merkzeichen für beideNachbarn, denen die Felder gehören, und die friedlich nebeneinander lehen möchten. Jed m das Seine! Die Anerkennung dieses Grund atzes ist schon eäie Forderung des natürlichen Rechtsgefühles. Auch ohne ausdrückliches Thoragebot würde ma" einen Verstoß gegen daS obengenannte SlSJ J’Df) IO als unmoralisch, unrecht, als Benachteiligung beS Besitzes anderer, als Raub und Diebstahl betrachten. Und in der Tat geben unsere Weisen s. A. diesem Verbote eine Deutung, welche über den enqen und eigentlichen Wortstnn hinausgeht. Nach ihrer Auffassung soll damit auch jedes gewaltmäßige Einbringen in den Wirkungskreis und die Lebenssphäre des Nebenmenschen, in besten Existenzbedingungen gegeißelt werden. Selbst wo das einen Schein des Rechts hätte, ist eS als u n m o r alisch verpönt. ES bedarf demnach nicht der plump- *) Wegen Raummangels in voriger Woche zurückgestellt. dreisten Handlung» auch Nicht der heimlichen Tücke, um die „Grenze zu verrücken". Das Feingefühl der jüdischen Weltanschauung betrachtet dieses Gebot von einer höheren Warte aus. Verrücke die Grenze nicht! Wie leicht und gern ist der Egoismus hiezu bereit. Dicht nebenan ist des Nachbarn Teil. Wie verlockend, wie verführerisch l Der Stein ein wenig zurückgestellt und es ist vollbracht Der Nachbar merkt es kaum; er bleibt doch mein Freund. Die Täuschung hält er für Wahrheit. Hat diese Manipulation sich nicht schon hundertmal in Israels Mitte wiederholt? Gab es nicht zu allen Zetten solche, welche kaltblütig offen ober verschämt heimlich die jüdischen Grenzen versetzen? Fast kann man sagen, wie ein roter Faden zieht sich diese Tatsache durch unsere ganze geschichtliche Vergangenheit. Aus der einen Seite die Schaufler, welche zu unserem angeblichen Vorteile die Steine ein wenig Wetter rücken wollen, um dom ntchtjüvtschen Gebiet etwas für sich selbst zu ergattern, auf der anderen Seite die treuen Wächter bet den Marksteinen, welche um keinen Pretp vom Acker des Judentums einen Strich verlieren wollen, aber auch fremdes Gebiet nicht in sträflicher Weise als vermeintlichen Gewinn usurpieren möchten. Schon Abraham, Israels Stammvater, war ein solcher Grenzwächter. Weder Verlockungen noch Drohungen ließen ihn die Grenz: verkennen. Ihm folgten Sohn und Enkel in den gleichen Fußstapfen. Israels Geschichte ist nicht umsonst zuerst eine Familiengeschichte. Das indische Haus bildet eine gewaltige Grenze, ein Bollwerk und einen Wall gegen das Fremde, gegen ntchrjüdtsches Gebiet. Und die Häuser — so sagen die Weisen — bewährten fich auch im ägyptischen Sklavendruck als Schirm und Schulz für jüdisches Wesen: 1KD Wm Immer und immer wieder wMbe in der Folgezeit gewarnt, den Grenzstein zwischen Israel und den Völkern zu beachten. Ammon, Moab, Edom und andere locken euch hinüber; es wird zum Verderben führen. Die Erzählung, wie PtckchnsÄn Whnem^hetligen Eifer wieder den alten Grenzstein in den Boden etnrammte, erregt heute noch unsere Bewunderung und unser Wohlgefallen. Seines Ruhmes würdig erachtet wird Elijahu, welcher in schwerer Zeit fich an die Grenze postierte, bis sie genau erkannt und gesichert war. Und gleich unsterblich bleibt der Ruhm der glaubensmutigen HaSmor aer. Als der greise Mattisjohu in Modin den Abtrünnigen niederstreckte, da stand vor seinem Auge gleichsam der jüdische Grenzstein in seinen alten, leuchtenden Farben und er rief: „Bis hierher, nicht weiter!" Und betrachtet man Mil flüchttgem Blick die folgenden Jahrtausende mit all ihrem schweren Leid und dem unermeßlichen Elend, das sie den Bekennern des alten Judentums gebracht, so mutz man als die größte Lebenskunst die Tatsache erkennen, wie fest und unbeweglich der Stein der Grenze blieb. Israels Große rückten ihn zwar oft ein wenig, aber nicht nach außen, sondern nach dem eigenen Gebiete hin. Ihreihr Jpg Vorsichtsmaßnahmen, welche selbst Erlaubtes untersagen im Hinblick auf Unerlaubtes, dokumentieren jene als echte Weisen, die Propheten gleich mit ungewöhnlichem Schars- und Fernblick ausgerüstet .waren. Nicht ungestraft hat man dort gerüttelt, wo sie Pflöcke eingesenkr. Nicht blieben die Folgen aus, welche f t e so sicher voran ssahen und so sehr fern zu halten suchten. dw nniDtföD) nus-ro D'JDDn nan inx nsno pro mDDK, „Worte der Weisen sind wie Stacheln, und wie etngeschlagene Nägel der Männer der Versammlungen, von Hirten einmütig gegeben." (Pred. Kap. 12, 11.) Da hat man „rabbinische" Vorschriften abgeschafft, angeblich um die „Hauptsachen" besser halten zu können; Gebete gestrichen, um mehr Zeit und Sinn, für die „Hauptsachen" zu gewinnen; dreijährigen Zyklus

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