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Der Israelit · 1911-08-24 · Heft 34 (24.8.1911) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 34 (24.8.1911)
Date
1911-08-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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'■ '•v*rv.y*JMe v* 3g?*.-. * " . 34 des „Jsrasli?^ euilleton. Lisd. Historischer Roman von Sara Gugerrheirner. (Jortsetzung.) Noch zwei Stufen hatte sie hinunter zu steigen, dann zwei Schritte gradeaus und dann befand sie sich vor der eisernen Tür deS Kerkers. Jetzt vernahm sie das laute hastige Atmen des Gefangenen, doch keines von ihnen sprach ein Wort. Nicht ohne Mühe hatte sie das Schlüsselloch gefunden und den Schlüssel hinein gesteckt, nicht ohne Anstrengung drehte sie den schweren Schlüssel und schloß das Schloß auf und öffnete die Kerkertür. die sich ächzend in ihren Angeln drehte. — Einen Moment stand sie wie erstarrt, Herrgott im Himmel, wenn das im Kloster gehört worden wäre? Doch wer hätte es hören sollen? und wenn man es gehört hätte? — Nein, nein, sie hatten nichts zu fürchten, sie wußte es, Gott würde ihnen helfen. „Gebet mir eure Hand" sprach sie flüsternd, indem sie den Arm vorwärts streckte „und fürchtet nichts, ich führe euch sicher in's Freie." Sie fühlte ihre kleine weiche Hand von einer grvßen knochigen Männerhanb umklammert, es machte sie unwillkürlich erschauern, dennoch umfaßte sie seine Hand und nun ging es rasch aufwärts trotz der Finsternis ringsum. In weniger als einer Minute hatten sie den Klosterhof erreicht, der im hellem Schein des Mondes vor ihnen lag. Einen Moment blieb das junge Mädchen stehen und blickte wie überlegend um sich und da sie die Hand des Mannes noch immer umfaßt hielt, so mußte auch er stehen bleiben, doch nur einen Moment, gleich darauf führte sie ihn weiter, doch nicht den kürzesten Weg, grade aus über die erhellte Fläche des Hofes, sondern längs der Mauer zog sie ihn mit sich, sodaß ihr Schatten in den Schatten der Mauer siel. Jetzt hatten sie die Stelle erreicht, wo ein Stück der Mauer ausgebrochen war und wohin sie bereits abends die Leiter gestellt hatte. „Hier müffen wir hinüber" flüstette sie, indem sie seine Hand freigab, dann lief sie wie ein Eichkätzchen die Leiter hinauf und sprang an der anderen Seite leicht hinunter. Er folgte langsam, dem einst so kräftigen Manne hatten die im Kerker verbrachten Jahre zu einem nahezu kraftlosen Greise gemacht. Er war von der Mauer weniger hinunter gesprungen als gefallen, ohne Liahs Hilfe wäre er schwerlich imstande gewesen, sich aufzurichten. „Es wird nicht gehen" stammelte er „ich komme nicht weit." „Es wird schon gehen" tröstete sie „stützet euch nur auf mich, wir haben nicht weit, nur bis dorthin, bis zum letzten Haus am Fluffe." *- „Dort soll ich bleiben?" flüsterte er angstvoll „dort werden sie mich finden und —" „Nein, nein, fürchtet nichts, ihr sollt nicht dort bleiben, ihr brauchet nicht einmal dort hinein zu gehen, ihr könnt gleich hinunter in den Kahn, während ich allein in das Haus gehe und hole, was wir mitnehmen müffen. — Ich bin nämlich der Fischerbub" fuhr sie fort, indem sie langsam wetter gingen „meiner Muhme hat das Haus dort gehört, mit allem, was darin ist . und auch der Kahn und die Fischereigeräte. Und seit die Muhme gestorben ist, gehört mir' das alles — Und zu fürchten braucht ihr euch gar nicht, ich bin schon oft mit der Muhme aus den Fischfang, gegangen. Und gestern habe ich den Nachbarn erzählt, daß ich heute wieder frühzeitig fortfahren werde, vm Fische zu fangen, und als sie mich gefragt haben, ob ich allein gehen werde, habe ich gesagt, es wäre möglich, daß ttner von den Klosterbrüdern mitkommen würde. — Also wenn euch auch jemand sehen würde, saget nur, ihr fahret mit dem Fischerdick auf den Fischfang." Mit dankerfülltem Staunen blickte der Mann auf den Knaben, der mit solcher Umsicht und Einsicht seine Rettung vorbereitet hatte. Sie hätten inzwischen die Stelle des Ufers erreicht, an der der Kahn angekoppelt lag, Liah zog ihn gewandt etwas näher an das Ufer und half dem Mann beim Einftetgen. „So, da setzet euch nur ruhig hin, und wenn jemand kommen, und euch fragen sollte, was ihr da machet, so saget nur, ihr wartet auf den Fischerbub, der um die Netze gegangen ist. — Und fürchtet euch nicht, saget nur immer: Lischuos’cho kiwisi baschem; dann wird einem ganz anders zu Mut — ihr werdet es sehen — und gleich bin ich zurück." Wie eine Gazelle lief sie das Ufer aufwärts zu ihrem Häuschen, schloß die Tür auf und kam gleich darauf mit einem großen, ziemlich schweren Korb zurück, den sie schon nachmittags mit Mundvorrar voll gepackt hatte. Vorsorglich hatte sie ein Netz darüber gebreitet, falls sie gesehen werden sollte — doch die Vorsicht erwies sich als überfiüfftg, kein lebendes Wesen hatte sich gezeigt Dann lief sie wieder zurück, holte auch den zweiten Korb und einen Krug mit Milch und reichte beides dem Manne hinüber und nun endlich machte sie den Kahn los, schwang sich hinein und setzte mit wenigen leichten Ruderschlägen daS Fahrzeug in Bewegung, das leicht und nur wenig sich schaukelnd mit der Strömung dahinglitt. „Seht ihr, daß ich recht habe" rief sie frohlockend „Gott steht uns bei, wir haben nichts zu fürchten. In dem Angesicht des Mannes zuckte es wie von maßloser Erregtheit, er schien sprechen zu wollen, doch kein Laut entrang sich seiner Brust. Er blickte Liah verständnislos an und schüttelte staunend den Kopf. „Wie seid ihr so gut — und an alles habt ihr gedacht — und seid doch noch so jung —" „Jung" wiederholte sie gedehnt „gar so jung Lin ich doch nicht mehr, ich bin im Frühling schon sechzehn Jahre alt geworden." Ein mattes Lächeln zuckte um die Mundwinkel des Mannes, sicherlich das erste seit einer Reihe von langen Jahren. Aber er erwiderte nichts, nahm den Becher und leerte ihn mit sichtlichem Behagen. „Das hat mich in Wirklichkeit erquickt" flüsterte er tief aufatmend. „Das habe ich gewußt, daß auch die warme Milch gut tun wird. Aber jetzt zögert nicht, kleidet euch um, alles, was ihr anhabt, werfet ihr in den Fluß und hier habt ihr einen vollständigen Anzug, nichts fehlt, es sind die Sonntagskleider des Mannes der Muhme, sie werden euch Paffen, die Muhme hat immer gesagt, ihr Mann wäre um einen halben Kopf größer gewesen als ich bin und ihr werdet auch um so viel größer sein." Sie hatte bei diesen Worten die Kleider aus dem Korb genommen, ein Freudenlaut entfuhr einen Lippen als er die sauberen Gewänder erblickte. „Wie soll ich euch danken I" stammelte er. „Dadurch daß ihr nicht so viel Wesens aus allem machet, sondern rasch tut, was ich sage." Wie das junge Mädchen kommandieren konnte, das hatte sie selbst nicht gewußt, aber sie hatte einen Unglücklichen vor stch, für den ^ie sich in gewisser Beziehung verantwortlich fühl Es war eine wunderbar schöne Sommernacht kein Lüftchen regte sich, Liah hatte-die Ruder bei Seite gelegt, ohne sich zu bewegen ließ sie sich von den glitzernden Wellen schaukeln, aus denen ihr das Spiegelbild des Vollmonds entgegenstrahlte. Sie fühlte sich so-froh, so glücklich, daß es ihr gelungen war, einen Unglücklichen zu befreien, nun zweifelte sie auch nicht/ daß ihr das Wettere gelingen würde, daß sie Glaubensgenoffen finden und fortan unter Juden leben würde. Aber es war die zweite Nacht, die sie schlaflos verbrachte, sie mußte ernstlich kämpfen gegen den Schlaf, denn ihr Schlaf hätte den raum Befreiten wieder ins Verderben bringen können, sie durfte nicht schlafen, um keinen Preis. Sie neigte sich seitwärts über Bord, schöpfte mit den hohlen Händen Waffer aus der Flut und ließ es wiederholt über das Angesicht rinnen, das machte sie wieder frisch und dann füllte sie auch für sich einen Becher mit Milch. Jetzt fühlte sie sich vollkommen restauriert. Eben dachte sie,, daß es wohl an der Zeit wäre, die Fahrt sortzusetzen und griff nach den Rudern als sie ihren Namen halblaut rufen hörte. Gewandt lenkte sie den Kahn zum Ufer hin und blickte staunend hinüber auf den stattlichen Mann, der mit Leichtigkeit hinunter in das Fahrzeug sprang. „Fürwahr, wenn ich nicht wüßte, daß ihr es seid, erkannt hätte ich euch nimmer. Ich glaube, ihr könntet unbedenklich in's Kloster zurückkehren ohne fürchten zu müffen, erkannt zu werden." „Meint ihr? aber ich möchte den Versuch doch lieber nicht machen." „Nein, gewiß nicht, jetzt fahren wir gleich weiter, und wir haben einen leichten Wind im Rücken, da geht's prächttg vorwärts." Es war in der Tat leichtes Fahren stromabwärts und mit günstigem Wind, pfeilschnell glitt der Kahn dahin, Liah hatte die Ruder aus den Händen gelegt, im Augenblick waren sie nicht vonnöten. „'Es ist zwar noch Nacht" sagte sie „aber wir könnten doch schon frühstücken. Mich hungert und euch vermutlich auch, namentlich nach dem kalten Bad, obgleich es euch sehr erfrischt zu haben scheint." „Das hat es" sagte er tief aufatmend „ich fühle mich doch schon wieder als Mensch, obgleich es kaum drei Stunden sein werden, seit ich den Kerker verlassen habe — durch eure Güte — durch eure Umsicht — durch —" Er hatte sehr leise gesprochen, jetzt aber versagte ihm die Sprache vollends. „Ihr seid doch noch sehr schwach, ihr müsset euch stärken. Hier, nehmet und effet, es wird euch gut tun." Sie hatte ihm bei diesen Worten ein-Brod «reicht, nachdem sie es zuvor mit Butter bestrichen atte, ein glükliches Lächeln umspielte ihren kleinen Mund als sie sich dachte, daß sie ihm etwas reichte, das er seit Jahren entbehrt haben mochte. Er erwiderte nichts, aber .er entsprach ihrer Aufforderung, sie setzte sich ihm gegenüber, nahm gleichfalls ein Stückchen Vrod und ein wenig Milch zu sich und gewahrte mit inniger Genugtuung wie es ihrem Gegenüber mundete und wie er, je länger er aß sich desto strammer aufrichtete. „Wenn ich nur wüßte, wie ich euch danken könnte" sprach er mit leiser bebender Stimme, indem er die kleinen Hände drückte, als wolle er sie zermalmen, „Ihr habt soviel, so unendlich viel für mich getan — nie werde ich das vergessen — Doch nun ist's genug, ich fühle mich wieder kräftig, ich darf euch nicht länger zur Last schon zu weit von der Stadt entfernt, um meinetwillen — ich hätte es nicht zugeben dürfen, denn jetzt müsset Ihr stromaufwärts fahren — ob Ihr noch vor Mittag zu Hause sein werdet? —" (Fortsetzung folgt.) 1 Ir, age ff das A oomT ostafri (Preis seinen. 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