Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-08-24 · Heft 34 (24.8.1911) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 34 (24.8.1911)
Date
1911-08-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448838--66847-2495029
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Das jüdische Leben, wie es sich hier bei den Chassidim vollzieht, unterscheidet sich in gar keiner Weise von dem Lebensregime des SchulchanAruch, wie es bei der jüdischen Orthodoxie zum Ausdruck-kommen sollte. Die verschiedenen Variationen im Wortlaut der täglichen Gebete sind im Vergleich zu der sonstigen Conformität von ganz untergeordneter Bedeutung. Sic sind auch keine spezifisch chasfidifche Eigentümlichkeit, da sie in den alten deutschen Gemeinden wie Worms, Frankfurt, Metz und vielen anderen ebenso vertreten sind., Viel wichtiger erscheint eine andere Verschiedenheit. Wenn man sich einmal die Mühe nehmen wollte, das praktische tägliche Leben bei dem Gros der jüdischen Orthodoxie in Deutschland und dasjenige der hiesigen Chassidim mit dem Wortlaut zunächst nur des 1. Bandes des Schulchan Aruch zu vergleichen, so würde man finden, daß jenes davon viel mehr abweicht, als es bei den Chassidim der Fall ist. Wenigstens bei den hiesigen, die für diese Darstellung allein in Betracht kommen. Gepflogenheiten, wie sie sonst bei Chassidim Vorkommen, z. B. daß die Tischgäste darauf bedacht sind, von den Speisen des Rabbi zu genießen, — — kennt man hier nicht.*) Dagegen ist die Verehrung, die dem Rabbi persönlich entgegen gebracht wird, eine ganz außerordentliche, von Klein und Groß, von Reich und Arm, von Juden und Nichtjuden. Daß diese Verehrung eine wohlverdiente ist und daß man sie teilen kann, ohne zu den Chassidim zu zählen oder irgend ein Jntellekiopfer zu bringen, sollte hier zunächst festgestellt werden. Dadurch ist für den vorurteilslosen Leser dieser Erlebniste und demjenigen, der sie gesammelt hat, ein gemeinsamer Boden gesichert, von dem aus sie leichter Verständnis und Würdigung erwarten dürfen. Ich laste hier nur einen einzigen Fall folgen, der für diese Verehrung typisch ist und dessen Zeuge ich ganz zufällig war. Der Sohn des Hauses, in welchem ich hier wohne, teilte mir mit, daß er im Begriffe sei nach Minsk zu verreisen um sich dort zu verloben. In freudiger Erregung berichtete er mir, daß bereits alle ein- *) Biele, die über diesen Brauch nicht hoch genug die Achseln zucken können, dürsten sich dabei vielleicht einige Reserve auferlegen, wenn fie erfahren, daß ihn schon Rabbi Jochanan in Ehren gehalten bat. Ich lasse deshalb die betr. Stelle im Talmud Jeruschalmi hier im Wortlaut folgen, nro mn mwü pnr ran "jöki inrrfi öpba mm unttmsb mwan «an j’bsfcH s'^'rr er kjt Jttp 1218fi-of'cr Stimme, nur manchmal traurig-ergriffen, wenn sie die toten Eltern nennt, spricht sie von ihrer Kindheit und ihrem Leben. Ter Gast horcht und nie gestillte Sehnsucht ist in seinen Äugen. Und erzählt: „Michel ist ein Jahr älter als ich; zusammen gingen wir in die Schule -drüben und unsere Kindertage verlebten wir miteinander, nicht wie sonst Bruder und Schwester. Er führte mich zum Waldrand und kollerte mit mir die Wiese hinunter bis mieden klaren Bach. Blumen Pflückten wir und singen Schmetterlinge, er suchte runde unb glänzende Stelnchen im Wasser und aus der Straße, die ich in der Schürze heimtrug. Am Morgen gingen wir Hand in Hand zur Schule, am Mittag zusammen heim. Am Sonntag geleiteten wir den Vater ein Stückchen vors Dorf hinaus und weinten, wenn er im grauen Tunst der Landstraße verschwand. Und am Freitag mittag standen wir jedes Mal vor dem anderen Ende des Dorfes und warteten, bis er, tiefgebückt von dem schweren Packen des Torfgehcrs, daherkam. Lachend liefen wir ihm entgegen uud führten ihn zur Mutjer, die hier am Zaune stand und winkte. Ta hieß, es gleich: Michel, Mirjam, nehmt dem Vater den Packen ab! Kaum war es gesagt, lag die Bürde im Grase und mit vereinten Kräften wälzten wir die,Last in den Hausflur. Urrd voll freudiger Erwartung standen wir dann im Zimmer, bis der Vater allerlei Kleinigkeiten aus der Tasche hervorzog, die er uns mitgebracht hatte. Für den Bruder ein Schulheft, einmal ein Messer oder einen Farbstift, für mich einen bunten Stofs, ein farbiges Band, immer etwas, das uns Freude machte. 'Es begann der Sabbath: jedes Mal sang die Mutter init lieber Stimme die Sabbathliedec und der Vater summte und brummte mit, bis David, unser Nesthäkchen, einschlief/ Er war damals noch so klein und .. 'rrl'fr'1' •" — ■■■ — ' " -- ' leitenden Formalitäten erledigt seien, er habe nur noch, nicht den Rabbi sprechen können, um seinen Rat und seinen Segen für diesen Schritt zu erbitten. Für heute Abend um neun habe ihn der Rabbi zu sich beschieden, er muß aber spätestens schon um sieben Uhr abreisen und sei unentschlossen was er tun solle. Ich riet ihm die Reise deshalb nicht aufzuschieben, der Segen des Rabbi fei ihm auch nach seiner Rückkehr sicher, und er trat in der Tat die Reise anzwanzig Kilometer per Wagen und 10 Stunden Bahnfahrt. Zwei Tage später traf ein Telegramm ein, welches die Mutter nach Minsk berief, damit sie beim Tenoim-Schreiben — so bezeichnet man hier die ofsizielle Verlobung — zugegen sei. Die Frau reiste ab und nach achttägiger Abwesenheit kam sie zurück. Ich wollte den jungen Mann als Bräutigam beglückwünschen, dieser wies aber eine Gratulation mit dem Bemerken zurück, die Sache sei noch nicht fertig. Sie seien zwar beiderseits vollkommen einig und hätten sich auch bereits gegenseitig das Jawort gegeben, er habe aber seine definitive Entschließung von der Zustimmung des Rabbi abhängig gemacht. Im Augenblick der Entscheidung sei es ihm zu schwer aufs Herz gefallen, daß er sie ohne Wissen des Rabbi treffen solle, er müsse also noch einmal nach Minsk fahren. „Und wann werden Sie fahren?" „Wenn der Rabbi sogt." Spät am Abend des folgenden Tages kam der junge Mann mit freudiger Aufregung auf mein Zimmer. „Er komme soeben vom Rabbi", sagte erer ist mit allem einverstanden und hat gesagt, daß das ein sehr guter Schidduch ist, ich solle ihn ohne Bedenken tun und er hat mir Masol und Brochoh dazu gewünscht,' gleich nach Jomtof werde ich fahren". Als der Rabbi kurz vor Peffach von seinem Kurgebrauch nach längerer Abwesenheit zurückkehrle, wurde er von der jüdischen und christlichen Bevölkerung unter vielen Ovationen, mit Fackelzug und herzlicher Begeisterung empfangen. Aber die Handlungsweise dieses jungen Mannes ist mir ein sicherer Gradmesser für die Verehrung des Rabbi in allen Schichten des Volkes, als die vielköpfige Spalier bildende Masse und ihre Empfangsfeierlichkeiten. (Fortsetzung folgt.) winzig. Aber bie Mutter starb, bevor er lausen konnte. Es war kurz nach Michels Barnrizwah. Ich weiß noch, wie luftig und fröhlich wir alle waren, als Michel Barmizwah hatte und mit dem Vbter damals uns der Schul' heimkam. Schwuoth ivar's und überall grün und sonnig. Tie Mutter hatte gebacken und gebraten und empfing unseren Michel wie einen großen Herrn. Tenn mit jenem Tage war er ein Manu geworden, und als der Festtag zu Ende ging, da übergab ihm der Vater ein ganz neues Bündel uud einen fester! Stock; und in dem Bündel waren bunte Kopftücher und wollenes Stofszeug und Bänder für die Bäuerinnen: damit zog denn unser dreizehnjährige Michel am nächsten Morgen ans und war von Stund an ein Torfgeher. Mb er ehe er das erste Mal von seinem Gange heimkehrte, starb unsere Mutter au eiuem hitzigen Fieber. Sic begruben sie und in jenen Tagen lernte, ich das bittere Alleinsein kennen .... Mur David war bei mir, den ich lausen lehrte und dessen unschuldiges Lachen mir über den wildesten Schmerz hinweghals.' Toch auch der Vater kränkelte und bevor noch der Winter einzog, schlich Michel hinter seinem Sarge und legte ihn neben die Mutter. Ärrs dem warmen, sorglosen Nest waren wir gefallen, wo wir standen und gingen, war's trostlos leer . . . ." (Fortsetzung folgt.) (Joses Israels und der marotk-nischc Jude.) Vor zehn Jahren etwa schrieb Israels über eine Meise, die er auf spanischem Gebiete unternommen, ein Buch voll frappierender Beobachtung. In Marokko geriet er in ei» finsteres Hänschen, in dem er nicht weiter zu schreiten wagte. „Als ich unentschlossen «r. 34. Sette 5 orrespondenzen und Nachrichten. gmtrdje« itetdf» Akt«««, 20. August. Herr Dr. med. Möller schreibt uns: In meinemvorwöchentlichen Propaganda-Artikel für die Moria lag es mir hauptsächlich am Herzen darzulegen, daß im heiligen Lande ein neuer Arbeitsmodus statthaben muß, damit den Einflüssen der Neologie mit dauerndem Erfolg entgegengetreten werden könne. Keineswegs habe ich jemals verkannt, daß die Chalukah für die Konstituierung des 2W'n Gewaltiges geleistet hat, und niemals habe ich daran gedacht, daß die Chaluka in der nächsten Zeit entbehrt werden könne. Ich würde tatsächlich wenig Gewissen besitzen, wenn ich 60000 Menschen wegen eines Zustandes, an welchem sie schuldlos sind, dem Hunger preisgeben wollte, bis mein neues Heilmittel gewirkt habe. Aber es heißt, das eine tun und das andere nicht lassen. Wenn Palästina wieder ein Stolz der Judenheit werden soll und damit ein yn ttrnp so muß das von unseren Weisen yt hochgepriesene Prinzip rotoo Dy min mit Kraft und Bewußtsein durchgeführt werden. Gerade aus der Erkenntnis der historischen Tatsache heraus, daß die gemeinsame Kraft der Orthodoxie die Erhaltung der jüdischen Bevölkerung Palästinas ermöglicht hat, dürfen wir das Selbstvertrauen schöpfen, daß es unserm ernsten Willen gelingen wird, dieser Niederlassung zur Gesundheit zu verhelfen und hier ein neues Abflußgebiet für die russischen Flüchtlinge zu schaffen, welches sie nicht entjuden, sondern zu Volljuden machen soll. Um ein solches Riesenwerk zu ermöglichen, müssen alle Schranken fallen, welche die Gesetzestreuen bisher trennentik Dsr» "inK W mönmi nm eines Sinnes, mit gemeinsamer Kraft und unermüdlichem Eifer muß gearbeitet werden. Hier kann mehr geleistet werden als die gemeinsame Arbeit eventuell in Europa und Amerika leisten kann, weil mannigfache politische Schwiestand, erzählte er, hörte ich einen "Anruf in hebräischer Sprache. Ta ging ich weiter und gab mich — gleichfalls hebräisch — als holländischen Juden zu erkennen. Ich war eingetreten in einen dunklen Raum, erleuchtet durch ein kleines, längliches horizontal liegendes F-errsterchen, will heißen ein viereckiges Loch, das nachts oder bei Unwetter verschlossen roerdeik konnte. Grell schien das Licht durch das Viereck und zeichnete sich auf dem Steinflur ab. In der Nähe dieser Oeffnung stand ein langer Tisch mit schiefen Beinen und darüber lag ein großes tveißes Pergament, das beinahe den ganzen Tisch bedeckte u»ld mit einer Rolle nach unten hing. Ta saß hinter dem Tisch der jüdische Gesetzrollenschreiber, beide Arme aus das Pergament gestützt und wandte sein fürstliches Haupt mir zu. Es war ein prächtiges Gesicht, fein und durchsichtig, bleich wie Alabaster, Falten, kleine und große, liefen um die Augen und die große gekrümmt« Nase. Ein schwarzes Käppchen bedeckte den weißen Schädel und ein langer weiß-gelber Bart lag in großen Strähnen über das beschriebene Pergament. Er saß in einer Art Lehnstuhl ohne Rückenlehne, und zwei Krücken lagen neben ihm aus der Erde. Ans diesen humpelte er mit mir nach dein offenen flachen Sache. Hier lagert Matten, woraus er sich niederli ß und nlich ersuchte, mich neben ti>n zu setzen. So sitzend, das fremde Laad vor mir, neben mir den tangbärtigen Alten, auf den Matten d.S flachen Daches von Marokko übertam mich das Gefühl, als ob ich in diesem Augenblicke in einer Welt lebte, von der ich einmal geträumt hatte." Tas schreibt Josef Israels. Und mau hat ein Bild vor Angen, als ob ein großer Künstler rs gemalt hält ', nick der Jnbrust eines iinaiissckftipslicheii Herzens.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.