Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1911)
- Date
- 1911-08-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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gelte 4«c. 34 sragr, sämtlich einstimmig gefaßt waren. Herr Rabbiner Rabbinowitz, Liverpool, der sich auf dem Kongreß in Gegensatz zum offiziellen Wortführer des Misrachi aussprach, fei weder Delegierter noch Mitglied des Misrachi gewesen. * * * Ferner erhalten wir von .Herrn .Hermann Struck folgende Zuschrift: 1. Ich habe auf dem 10. Zionisten-Kongreß den Antrag gestellt: „In Bestätigung früherer Beschlüsse erklärt der Ko n greß,: Das Direktorium des N. F. hat dafür zu sorgen, daß in der Leitung und Verwaltung der Nationalfonds- Besitztümer die j ü d i s ch e n Gebote respektiert werden." Ich gab sodann, da es kurz vor Beginn des rairr war und eine Abstimmung nach Tfchilenows Rede mir überflüssig erschien', folgende Erklärung unter dem Beifall des Kongresses ab : „Nach der E r k l a r u n g, d i c d e r P r ä - sident des Kongresses und der Direktor des Nation also n d s mit Zustimmung des Kongresses abgegeben haben, daßsiemitunsercr Forderung e i n v e r st a n d e n s i n d, verzichte ich «ruf die Abstimmung über den Antra g." Das bedeutete kein „Zurückziehen" des Antrags, sondern die Feststellung der Tatsache, daß der ganze Kongreß mit demselben e i n v e r - st and e n war. Zu einer Enttäusch» n g glaube ich also keinen Grund gegeben zu haben. 2. Die sogenannten Kultur - Resolutionen, welche der Misrachi bekämpfte, wurden nur infolge des Auftretens der vom Misrachi nicht autorisierten.Herren Rabbiner Reines und Rabbinowitz angenommen; sie wurden nicht mit allen gegen die Stimmen des Misrachi, sondern nur mit freilich großer Majorität angenommen; eine große Minorität e n t h i e l t s i ch d e r A b.st i m m u n g, nachdem die Mehrheit ihre Hand für die Beschlüsse erhoben hatte. Inzwischen weiß che „H az c f i r a h" — wobei wohl der Wunsch Vater des Gedankens ist — bereits von einem Rückzüge des „Misrachi" zu berichten. In ihrer Nummer vom letzten Montag wird nach einigen recht hämischen Bemerkungen über „die Taktik des „Misrachi" eine Aeußerung des Herrn Struck tvicdcrgegeben, nach welcher er persönlich die Möglichkeit für Misrachi, i n d e r O r g a n isation zu verbleiben, für gegeben halte. Er rechtfertige diese Taktik damit, daß denes Herz, dieser eiserne Marmoreck, und eine glühende Liebe zu alten Rabbinern — die unter allen Umständen tm Zionismus bleiben wollen . . . Für ste hören alle Schranken auf. Ste dürfen nach Herzenslust reden — auch von Sabbatwethe, wenn eine Kulturresolution auf der Tagesordnung steht . . . »er Zabbawgan Von Oskar Stein. (Fortsetzung.) Später, viel später erst, als die deutschen Bücher im verstecktesten Winkel meines Zimmers sich häuften, erfuhr ich, wer diese Verse schrieb: der Dichter «Ud Feuerkops Schiller. Und ich bin dadurch auf meinen neuen Weg gewiesen worden. Frei sein, das war und ist für plich alter Wunsch! Nicht seine eigene Art abschüttetn, nein, das nicht! Sondern ein guter Jude bleiben, wie im Ghetto, und sein eigenes Ich dabei hjnauszutragen in die große Welt und es dort eintzflanzen als bodenberechtigten, lebenskräftigen Baum, der mit starken Wurzeln in der Erde fußt, aber nicht mit den schweren Ketten herzloser Grausamkeit an sie geschmiedet ist. Solche Ketten brechen, die drücken, Mauern stürmen, die die freie Aussicht hindern, ein Teil der großen, Hellen Welt werden, aber nicht eine kleine Welt bleiben, die lichtarm ist, weil vergangene.Jahrhunderte uns das Licht raubten! Sv denke ich mir meinen Weg!" Ascher schweigt verwirrt unter dem großen Blick, den Mirjam auf ihn wirft. Ein kindlicher Glaube liegt in ihrem Begreifen und ein gutes Stück Sehnsucht, mitzugehen. Nur Michel versteht nicht; in seiner ungelenken Art widerspricht er: „T«s ist freilich anders, ganz Der MraeM. __ er offiziell vom Austritte nicht gesprochen habe, .sondern nur davon, baß Misrachi die K o n s c q u e n z e n aus der Kulturresolution ziehen werde, die ja auch anderer Art sein können. So könne beispielsweise Misrachi alle „Verantlvortung" für die Kulturarbeit, an der er jede Beteiligung ablehnt, der Leitung zuschieben. Misrachi könne sich auf die Unterstützung der T a chkem on is chu l e und die Verwirklichung seines eigene n >t u l t u r p r o - g r a in in s beschränken, dabei aber ruhig in der zionistischen Bewegung bleiben, um diese nicht zu schwächen. Es liege aber nahe, daß Misrachi nun auch Mitglieder aus den Kreisen der Nichtz i o u t ft e n - derer, die keinen Schekel zahlen — ausnehmen werde, die dann nur zu einem Teile — nach der orthodox-killturellen Seite — Misrachiften sein werden, analog der Poalezionpartei, die ja auch antizioniftische Sozialisten zu ihren Riitgliedern zähle. Der Rest des Artikels enthält noch einige Liebenswürdigkeit an die Adresse des „klerikalen Misrachi", der durch seine „unwürdige Einschüchterungspolitik" den denkbar schlechtesten Eindruck gemacht hätte uitb es mir dem mannhaften Worte des Rabbiner R a b b i n o w i tz danke, daß ihm nicht alle Sympathien verloren gingen. — Es wird ferner int Artikel von einem „G a n g n a ch K a n o s s a - F r a n k s u r t" gesprochen, vordem der Kongreß bewahrt ivurde und die lieberzeugung ausgesprochen, daß die Kulturbes ch l ü s s e nicht aus dem Papiere b leiben, sondern in lebendige Taten umgesetzt werden — selbst wenn, „um niemand zu erzürucn", die Gymnasien nicht unterstützt werden. — — Qui vivra, verra. Bei den £ba$$idim. III. Als ich im Kreise meiner Bekannten die Absicht mitteilte, zum Rabbi nach Lubawitsch zu reisen, trugen sie mir aus Hamburg, Altona, Frankfurt a. M., München, Berlin und selbst aus dem Heilgen Lande für verschiedene, teils persönliche teils allgemeine Anliegen die Bitte auf, den Rabbi um seinen Rat zu ersuchen. Ich habe mich dieser Aufträge in wiederholten Besprechungen mit dem Rabbi entledigt, ohne daß mir Geld abverlangt wurde, und ohne daß ich solches an geboten hätte. Wie ich gerade nach dieser Seite hin den Rabbi kennen zu lernen Gelegenheit hatte, hätte ich mich in die Seele hinein geschämt, ein solches Angebot zu machen. Vor ungefähr Jahresfrist verlangte eine zu seiner Kenntnis gelangte große Kalamität zu ihrer Abwendung sofort eine sehr große Summe. Er telegraphierte seinem Sohne nach Hause, er anders . . . Ich, wenn ich Tag lind Nacht in den Dörfern bin, mitten drin in Euerer gepriesenen Welt, und rilich umschaue, so sind gewiß auch gute Menschen dort. Ordentliche, rechtliche, fleißige Menschen. Und ich kann nicht sagen, daß unser Brot hier leicht und ans der Straße zu jiubeu ist. Es gibt sicher reichere Leute in der Welt draußen, das weiß ich. Auch schönere Häuser, festere, mit Grund und Boden, (Karten und Feldern. Aber trobbrm, so lange ich nicht in meinem kleinen Hause bin, bin ich gedrückt und beengt und hart liegt es mir auf der Brust. Und wenn ich am Sonntag meinen Weg antrete, gehe ich schwerer wie in Ketten. Aber heim, heim, in diese winzige, arme Stube, in das Jndenhaus, von dern die Welt verächtlich spricht, da lause ich wie ein Freier, mit dreifacher Kraft, trotz aller Müdigkeit. Ihr seht es ja selbst, was für einer ich hier bin. Es ist meine Welt, wo ich nach meinem eigenen Willen lebe, wo ich wachse und werde und alles genieße, was Gott mir gibt. So oft ich draußen bin, ziehts mich hierher zurück — und ich glaube, es wird Euch einst auch so ergehen!" Ter Gast lächelt vor sich hin: „Es mag hier schön sein. Gewiß. Ein Hänschen mitten drilt und doch nicht dazu gehörig — vielleicht könnte dies stärker sein, als die große Welt! Aber seht, bei uns in Polen ist die Jiidcngasse „draußen", hier ist es die Welt. Das ist der Unterschied! Versteht Ihr mich? Ich will hineinkommen, hinein in ein Heim, in ein solches Hänschen, aus dessen Fensterte man hinausschauen kann, wo man im ruhigen Frieden sich im Herzen der Welt fühlt. Deshalb verließ ich bei Nacht rurd Nebel heimlich mein Ghetto, und so weit ich seitdem umherzog, es ist nur gewisser in mir geworden, daß ich finden werde, was ich suche." Die Kerzen verlöschen mit prasselndem Flackern i __ 24. August 1011. möge alle Werkgegenstände verkaufen und den Ertrag für diesen Zweck bereit halten. Es dürfte unter den Kritikern des Chassidismus nicht allzuvtele geben, die dieser Selbstlosigkeit in solchem Maße fähig wären. Als solchen Charakter kennen und verehren seine Anhänger ihren Führer. Sie wißen, daß sie keinen besseren Verwalter und Verwender für das Geld finden können, das sie edlen Zwecken zuwenden möchten und stellen es ihm daher jederzeit gern und reichlich zur Verfügung. In dieser Charaktergröße liegt der faszinierende Einfluß, den der Mann auf seine Anhänger, die sich auf ungezählte Tausende beziffern, ausübt. Dazu kommt noch die große Welt- und Menschenkenntnis und eine ungewöhnliche Lebensklugheit, die jede Situation sofort richtig ersaßt und beurteilt. Als solchen Weisen erkennen ihn die hervorragendsten Führer der russischen Judenheit an. Als sie vor Jahresfrist in St. Petersburg im Aufträge der Regierung versammelt waren, um die inneren Angelegenheiten der russischen Juden^it zu regeln, war Rabbiner Schneersohn stillschweigend die leitende Kraft. Bor wenigen Wochen traten die ersten Rabbiner in Warschau zu einer Beratung über dringliche Angelegenheiten zusammen. Rabbiner Schneersohn, der zur Stärkung seiner angegriffenen Gesundheit in Deutschland verweilte, war verhindert teilzunehmen. Darauf beschlossen die Herren bis zu seiner Rückkehr die Versammlung zu verschieben. Zwei Stunden nach seiner Ankunft in Warschau wurde sie eröffnet. Dieser Mann lebt nun Tag und Nacht ununterbrochen dem Studium der Thora und der peinlichsten Erfüllung ihrer Vorschriften. Einer der Vorzüge, mit dem die Thora ihre treu und selbstlos sich hingebenden Jünger ausstattet, ist die Fähigkeit )2Qv pnn, einen guten Rat zu erteilen. Man braucht daher noch, kein Chosid, man braucht nur von der Wahrheit der Worte unserer Weisen überzeugt zu sein, wenn man bei einem solchen Mann einen guten Rat sucht. Der sechste der Pirke Aboth, der diese Vorzüge aufzählt, ist um einige tausend Jährchen älter als unser heutiger Chassidismus. Dasselbe gilt von dem Gebete und dem Segen eines p'HX, über dessen Bedeutsamkeit unser heiliges Schrifttum so viele Aussprüche enthält, daß ihre Aufzählung im Rahmen dieser Zeilen unmöglich ist. So naheliegend und selbstverständlich dies alles ist, so scheint bei dem vielfach tief eingefressenen Vorurteil es doch notwendig, gerade aus das Naheliegende und Selbstverständliche immer wieder und wieder zu verweisen, um sich die Tatsache präsent zu erhalten, daß es sich hier um bloße Wortgespenster handelt. imi> ber Mond gleitet über die Dielen zu den drei Menschen, die in heiliger Ruhe beisammensitzen und noch allen Leiten Umschau halten in ihrem Leven. Der eine, ein Knabe, p.en der schwere Packen des Dorfgehers und viele, viele harte Wege ums Brot lehrten, in dem armseligsten Jndenhaus die Erfüllung feiner Wünsche All sehen und sein Glück in der Ruhe seines Sabbaths zu finden; der apdere, weitgewaudert und immer auf der Suche nach neuen Wegen, die ihm die Welt öffnen, ein Mann, der sich ans dem hergebrachten, erzwungenen Leben seirlcr Väter hcrausriß, um sein heißes Verlangen nach dein verwirrendeir Lärmen und befreienden Klingen zu stillen, das ans den Worten eines Dichters zum ersten Male zu ihm drang; und dazwischen Mirjam, zwar wurzelnd im Leben des Bruders, das ihr eigenes bisher ist, und doch nahe dem fremden Manne und seinen Zielen, nahe durch ihr Verstehen, aber weltenfern durch ihr Empfinden. Ein Weilchen sitzen die drei bewegungslos tut blauen, schwimmenden Mondlichte, dann erhebt sich Mirjam tlnd geht mit leisem Gruß in die fensterlose Kammer, die rückwärts an den Vorraum des Häuschens grenzt, nni dort ihr Lager aufzusnchen. Michel legt sich zu dem kleinen Bruder, während der Gast in dem breiten, weichen Bette, das ihm seine Wirte cinränmtcn, in tiefen, wohligen Schlaf versinkt. Den Sabbathmorgen begrüßen tausend frohe, jnbeltkdc Vogelstimmen. Die Sommernacht ist aus ihren Träumen erwacht, der Wald reckt und dehnt sich wie ein junger Riese, bis inden blauen Himmel greisen seine verlangenden Arme. Alle Aehrcn am Felde singen und tanzen, von der sanften Melodie des Windes bewegt, leuchtend und groß prangt die Sonne über der Erde. Am grünen Zaune steht wieder das Mädchen und der Fremde ist neben ihr. Mit