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Der Israelit · 1911-08-24 · Heft 34 (24.8.1911) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 34 (24.8.1911)
Date
1911-08-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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GM 2 Rr.Ä4 Ach schlage nun den deutschen Gesrtzestreuen vor, die Zahl derer z. B. festzustellen, die den Sabbat heiligen, atoor ta möglich vielen Orten und zu bestimmten W, Ich bin allerdings überzmgt, daß dabei stch gd Berhäjltntffe ergeben werden speziell über den WrMg wachsende» Abfall vom über lieferten Judentum«. ,Mach alten Anzeichen birgt die Zukunft *** * s ch *.*■ A u den heit in ihren größten T^tlr» y.tcht bet der Orthodoxie. Und wenn sie nicht zur Lhora zurückkehrt, dann soll und darf ste -Mohl'untergehm? > - -Nu» ist aber, »och die Frage zu beantworten: Würde bet ttner, angenommenen Rückkehr der deutschen Juden Mr Tradition wirklich daS schwere wie größte Problem, Uämllch die' Unfruchtbarkeit der Ehen behoben?; Undda muß ich auf etwas Hinweisen, was ich in .Einem Buche absichtlich nicht angeführt habe. Ich schrieb vft Lobeswotte auf die guten gesetzestreuen Juden (obwohl, mir gerade diese Anerkennung absolut hier nicht gurgeschrtebe» wirb), ich zitierte z. B. ausdrücklich Sombart, wonach Rellgiott und Inzucht die eisernen Reifen deS Judentums waren. Was ich aber nicht vermerkte, ist die Bemettung, haß die Fruchtbarkeit heute und zwar in den letzten Jahren auch in den orthodoxen Kreisen um ein ganz bedeutendenachgelassen hatt. Da ich weiß, daß folche Statistiken von der anderen Sette nicht beliebt sind, - so will ich auch mit einigen Beispielen dienen, -Ad l) persönliche Beobachtungen in verschiedenen Städten und Orten und Mitteilungen von Rabbtnen und Privaten, Ad 2) Studien in Unterfranken, wo z. B. die Geburtenziffer in Gegenden, die noch recht religiös anzusehen sind, ganz rapid zurückgegangen ist. So hat z. B. Rabbiner Dr. S t e t n, der einen noch zum guten Test konservativ stch gebenden jüdischen Bezirk vertritt, wir die Angabe bestätigt, daß auf dem Dorfe und in der Stadt auch bet religiösen Familien die Geburtenziffer eine niedrige bleibt. Sollte mir der Münchener Verein für Statistik der Juden oder daS Berliner Büro für Statistik der Juden wer sonst irgend eine Körperschaft etwas behllflich sein, so will tch^erne auch streng wissenschaftlich diese Frage be- , handeln und bin auch nicht böse, wenn ste von anderen -üaH gelegt wird. Der Fall liegt also gar nicht so glatt, daß, wenn die dmtschen Juden in der überwiegenden Majorität wieder; orthodox würde, fie der Gefahr der Unfruchttgkett entgeh«» würde. Im Gegenteil! Ich glaube, daß auch die Orthodoxie «ich! au« Interesse am Alljudmtum, sondern aus vitalem eigenen sich mit der Frage wird befassen müssen. ' Nun möchte ich zum Schluß noch z«M Frieden reden. Jeder, der mein Buch gelesen oat, steht, oaß ich mich tticht auf Theorien verschworen habe. Ich will nicht das Mische Volk unter Maximen beugen, sondern ich stehe auf dem Standpuntt, daß die Maximen für das Bolk da find. Erbringt die deutsche Orthodoxie den Beweis, daß fie die jüdischen Massm wieder in ihren Bann schlagen kann und ferner, daß unter ihrem Banner wirklich die alte Fruchtbarkeit gedeiht, ich will dann die Sr Lat gerne anerkennen. Solange aber die deutsche odoxte keine merklichen Erfolge in der Zurückgewinnung der breiten Massm macht und solange auch die Frage der Forchfianzung in ihren Reihen von heute nicht völlig einwandfrei als günstig beantwortet ist, mutz ich die opttmisttfche Beschaulichkeit der Situation als völlig unangebracht bezeichnen und die Ablehnung einer Beteiligung an einer gemeinsamen Aktion zur Nattonalisterung der Gemeinden, gegen die Taufe und Mischehe, für die körperliche und geistige Regeneration der dmtschen Juden, für eine gesunde Geburtenpolittk, für eine Eugenik re. re. Alein« Feuilleton. kinärücirr vom io. ZionUteii- »oitgttS. Wegen Raummangels verspätet.) Bafel, 15. August. »Der Zionismus ist keine Sensation mehr!" sagte Wolffsohn. Das stimmt auch in einem anderm Sinne. Ob er dauemd „feststehende" Tatsache ist, das wird die Zukunft zeigen. Aufjeden Fall ist der 10. Zionistenkongreß vor allem ein ArbettSkongreß. Das studentische Element, das Ionst. dem Safinovtertel das Aussehen eines brodelnden keffelS verlieh, fehlt fast gänzlich, und vorherrschend find die ruhig abgeklärten stillen Leute, die mit ihren festen Entschlüssen und Grundsätzen dem Kongresse einen früher nie gekannten ernstschweren Charakter geben. Kam mim früher, besonderunter r erzl, nach Basel, um das große erlösende Wort zu vernehmm, «meiner „nationalen Offenbarung", auf die schon Monate vorher die offizielle Presse in mystischen Andeulungm vorbereitete, teilhaftig zu werden, um von dm Besuchen beim Sultan, beim Papste, bei dm anderen Potentatm zu hören und womöglich gleich bei der Eröffnung den Charter in Empfang zu nehmen, so wissen doch jetzt alle, die hierhergekommcn sind, um waS eS sich handelt, richtiger um WUSes sich nicht handelt, nicht handeln kann. Die Finanzlage ist nicht günstig, die weiten . _ Mer JSraeV^_■ (Näheres darüber in meinem Werke), alS verfehlt und etgenvrödlertsch bezeichnen. Ich kann auch nur auf eine tatkräftige Besiedelung Palästinas alS ein glänzendes Reservoir der Judmhett Hinweisen, wo die Orthodoxie leider stch.auch in einen eigenen jüdischen Turm etnschlirßt und «tue Beteiligung an einer einheitlichen Politik ablehnt. Ich kann nur noch einmal dazu raten, den Augenblick nicht zu leicht zu nehmen. „Wäget und waget! Die Stunde der Entscheidung hat geschlagen. Ihr steht an der Wende des Geschickes! Bedenket,' batz alleauf dem Spiele steht und daß eS alles, allezu gewinnen gilt! Segen und Fluch, Leben und Tod hat dar Schicksal in eure Hände gegeben! Wählet den Segen, wählet das Leben " (Dr. Joseph in „Der Untergang der deutschen Juden", S. 156). Wir haben diese Entgegnung trotz ihres zum Teil recht ungehörigen Tones ungekürzt veröffentlicht, weil das Thema nicht ohne Bedeutung ist. Unsererseits ist darauf folgendes zu sagen: 1. Es ist uns nicht in den Sinn gekommen, Theilhabers Schrift mit den Machwerken Fromers auf eine Stufe zu stellen. Nicht jenem, sondern Zollschan, dessen Werk allerdings ungleich bedeutender ist, haben wir ihn zugesellt, und wenn wir die Arbeiten beider unter den Sammelnamen „Auflösungslitteratur" rubrizierten, so liegt die Begründung dafür in der Tatsache, daß eben beide den Untergang der deutschen Juden (Zollschan sogar der Juden überhaupt) als ein naturnotwendiges Ereignis darstellen, ohne die das jüdische Bolk tragenden transzendenten Faktoren in Rechnung zu stellen. Daß Theilhaber diesen Untergang nicht will, daß er — nach unserer Ansicht unzulängliche — Mittel zur Verhinderung des Auflösungsprozesses angibt, ist in dem Artikel deutlich zum Ausdruck gebracht. 2. Wir haben behauptet und behaupten, daß die traurige Situation der westeuropäischen Judenheit ausschließlich durch die Abkehr vom geschichtlichen Judentum, d. h. von Thora und Mtzwoth, herbeigeführt ist. Diese Tatsache springt so sinnfällig in die Augen, daß es nicht etwa nur ein religiöses, sondern ein wissenschaftliches Manko bedeutet, wenn ein Autor, der den Untergang der deutschen Juden verkündet, nicht in aller Gründlichkeit und Objektivität diese sittlich-religiösen Ursachen der Erscheinungen erörtert und die Konsequenzen daraus zieht. Dieses Manko mag in der Weltanschauung des Verfassers begründet sein, die ihn den religiösen und ethischen Problemen wie der Gedankenwelt des überlieferten Judentums und seiner Vertreter mit wesentlich geringerem Verständnis gegenüberstehen läßt als den sozialen und wirtschaftlichen Triebkräften der Völkerbiologie. 3. Die ganze Tendenz unseres Artikels war die Klarstellung eben der Tatsache, die der Verfasser in seiner Entgegnung als etwas ganz Unjüdischen Kreise noch nicht für die Idee gewonnen, dagegen wird der Zionismus als enorme Macht geschätzt, gefürchtet und verfolgt — in Rußland und in der Türket". — Ei« nüchternes Fazit, daS die große nationale Phrase nicht recht auskommen läßt. „Kein Anlaß zum Jubel!" sagte Nordau und „Sine Sensatiion ist der Zionismus nicht mehr." Darum hat der 10. Kongreß in seiner nüchternen, trockenen Art einen sympathischen Zug Bon den großzügigen Zukunftsplänen auf die reale Gegenwartsarb ett verwiesen, ist es vornehmlich die Pal äst inaarbett und die hebräische Kultur, die das Programm erschöpfen. Äon letzterer spricht man — wenig»enS im Plenum — sehr ungern. Aber unter der scheinbar ruhigen Oberfläche zittert und gährt es, keine Sitzung vergeht, in die nicht die „Kultur", dieses Vieldeutige Wort, an dem stch die Geister scheiden, etndrtngt und eine Kluft zeigt, die zu überbrücken, auch der geschicktesten Leitung nicht gelingen dürfte. Die hebräische Sprache. Noch nie ist so viel und so gut hebräisch gesprochen worden wie auf dem 10. Kongresse. Ganze Dauersitzungen mit ihren Referaten und Diskusfionen, mit ihren Entgleisungen und Ordnungsrufen werden von Anfang bis zu Ende in hebräischer Sprache durchgeführt. Man streitet und räsoniert auch außerhalb des Kasino, stößt Beleidigungen aus, bittet um Entschuldigung und schimpft auf das schlechte Essen — alles in klassischem Hebräisch, und stundenlang vergißt man, daß diese weiche, so wohl- und warmlautende Sprache von der großen Welt als lebendige Verkehrssprache nicht anerkannt ist. Und doch kann auch die Sprache ihren Goluscharakter nicht ganz verleugnen. Besser geht eS bet den Palästinensern, die auch hebräisch denkenbei den Europäern, auch bei dm Russen, will stch doch daS hebräische Wort noch '; - _ 24. August 1911 geheuerliches nur schüchtern mlt Fragezeichen anzudeuten wagt: „Und wenn sie nicht zur Thora zurückkehrt, dann soll und darf ste wohl untergehn?" Nicht „soll" und „darf", wohl süer „wird"!! Die deutsche Judenbeit, das ist der Schluß, den wir aus den Ziffern ziehen, wird, trotz Geburtenpolitik und Nationalismus, Mit tötlicher Sicherheit untergehn, wenn sie nicht zur Thora zurückkehrt. Weil dieses nüchterne Ergebnis der empirischen Betrachtung in geradezu wunderbarer Weise mit der überlieferten Lehre übereinstimmt, die von vornherein das Leben des jüdischen Volkes von der gewissenhaftesten, hingebungsretchsten Verwirklichung des Gesetzes abhängig gemacht hat, darum liegt in dem Kassandraruf der Statistik für den echten Juden bei allem düsteren Ernste ein mächtig erhebendes Moment! Derselbe Gott, der die Existenz seines Volkes an seine Gesetzestreue geknüpft und ihm die Alternative gestellt hat, für die Thora zu leben oder unterzugehen, er hat uns auch die tröstliche Verheißung mit auf den Weg gegeben, daß „Gott sein Bolk nicht fahren läßt und sein Erbe nicht preisgibt", hat mit absoluter Sicherheit sein: „Am Ende der Tage kehrst du zurück zu Gott deinem Gotte und gehorchest seiner Stimme" in das Wanderbuch des jüdischen Volkes hineingeschrieben, und je glänzender der Verlauf der geschichtlichen Entwicklung, je glänzender die Statistik jene düstere Alternative als wahrhaftiges Gotteswort bewährt, desto gewisser dürfen wir sein, baß auch die vom Weltenschöpfer gewährleistete endliche Gewinnung des Gottesvolkes für seine Thora, allen tausendjährigen Irrungen zum Trotz, stch endlich als geschichtliche Tatsache realisieren wird. Das ist die Quelle unseres Optimismus, der wohl mit dem Untergang der deutschen Juden rechnen kann, nimmermehr aber mit dem des jüdischen Volkes. - 4. Im Lichte dieser Betrachtungsweise — und eine andere ist auf dem Boden des Judentums nicht möglich — beantworten stch die Fragen, die der Herr Verfasser an uns richtet, von selbst. Ob die deutsche Judenheit in größerer Masse zum Judentum (der Verfasser nennt das „Orthodoxie") in den nächsten Jahren zurückkehren wird, ist eine Frage, die für uns gewiß theoretisch das ernsteste Interesse hat, die aber unser praktisches Verhalten, soweit dafür Gewissensfragen in Betracht kommen, in keiner Weise bestimmen darf. Bestimmend ist für uns als Juden nicht der Ausblick auf den Erfolg, sondern auf die- Gesetzmäßigmcht immer mit der gewünschten Promptheit für den russischen oder deutschen Begriff einstellen, und dann bekommt die Sprache, wenn nicht eine kleine Verstümmelung, doch etwas Gekünsteltes und Geziertes. Wenn ll s s t s ch k i n, einer der gewandtesten hebräischen Wortführer, in der Hitze des Gefechtes wiederholt von der Tribüne herab bekannt gibt, daß diese oder jene Sitzung noch stattfinden wird, so ist eS doch klar, daß er nicht an d e n immer männlichen hebräischen Tib'b gedacht hat, sondern an die deutsche Nacht. Und Sokolow, dieser unheimlich produktive, allwissende hebräische Schriftsteller, legt, tm Bestreben, einen weicheren, orientalischen Tonklang zu erzielen, den Schwerpunkt aller gesprochenen Worte konsequent auf die Endsilbe, auch derer, die nach den Regeln der Grammatik nur b'Vbfo gesprochen werden müssen. Und doch ist die Sprache bereits fo parlamentfähig, daß man in ihr auch recht »»parlamentarisch werden kann .. . Das zeigt manche heiße Auseinandersetzung im Saale, manche Szene vor dem Kasino, wo harmlose Schweizerftauen Obst und Gemüse feit halten und neugierig in den wildbrauseaden Trubel htneinschauen . . . Und hört man genauer auf die gesprochenen heiligen Laute hin, so kann eine reine Freude Über diesen Aufschwung der Prophetensprache schon gar nicht auskommen. Die hebräisch-sprechenden Russen und Palästinenser teilen stch in der Hauptsache in zwei Gruppen. Die einen, die Jüngeren, fordern laut und offen statt jpn als Inhalt des jüdischen Lebens, die anderen, die Aelteren, „b e d a u e r n", baß die rtflöX ihre Kraft eingebüßt habe, das Räderwerk des jüdischen LebenS noch weiter zu bewegen und mmdiesen Platz allein einraumen muß. Daß es vielleicht noch darin anders werden könnte, daß man die Thora m ihrem alten

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