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Der Israelit · 1911-08-17 · Heft 33 (17.8.1911) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 33 (17.8.1911)
Date
1911-08-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Ter Referent appelliert an die jüdischen Organisationen, sie möchten die jüdische Auswanderungsfrage tiefer behandeln und für die Regelung der jüdischen Emigration mehr Sorge tragen, als bisher der Fall wra. Er stellt den Antrag: Der zehnte Zionistenkongreß stellt fest, daß die bisherigen Versuche zur Regulierung der Emigration ungenügend sind und daß es Aufgabe der Zionisten ist, sich mit der jüdischen Auswanderung zu de fassen, insbesondere mit der Einwanderung in Palästina. L. Motzkin kritisiert die bisherige Methode der jüdischen Auswanderung, die nur zur Zersplitterung der Kräfte führe. Diese Methode habe dem jüdischen Volke große Schäden gebracht, selbst wenn sie einzelnen oder Gruppen zugute kam. Ferner kritisiert der Referent das Verhalten vieler großer jüdischer Korporationen zu der jüdischen Auswanderungsfrage, die nicht in ihrer ganzen Größe und Tiefe aufgeworfen wird. Er spricht für die Einberufung eines Emigrationskongresses. Davis Trietsch meint, der Zionismus habe sich Wohl mit. Emigration, aber ausschließlich mit der Auswanderung nach Palästina zu befaßen, die mit bedeutend weniger Kosten verbunden sei, als die Emigration nach Nordamerika. Zu diesem Zwecke stellt er folgenden Antrag; „Ter Kongreß beschließe die Schaffung eines zionistischen Emigrationskomitee mit dem Sitze in Berlin, und mit folgenden Zwecken: a) Sammlung informativer Materialien über alle ' Möglichkeiten jüdischer Einwanderung nach Palästina und anderen (vorzugsweise den nächst gelegenen) Gebieten des Osmanifchen Reiches, d) Verbreitung dieser Information. Realisierung (resp. Beihilfe zur Realisierung) der gefundenen Möglichkeiten." Die Anträge Motzkin und Trietsch werden einer achtgliedrigen Kommission zur Prüfung überwiesen. Der eigentliche Kulturkampf kommt Sonntag nachmittag zum Ausbruch, in einer Sitzung, die ganz der hebräischen Sprache und der „geistigen Renaissance" gewidmet war. Die Verhandlungen wurden unter dem Präsidium dks Hrn Ussischkin in hebräischerSprache geführt. Das Referat hatte Nachum So ko low. Er schildert die Wichtigkeit der Sprache für die Gestaltung des Geisteslebens des Volkes, entwirft dann ein farbenreiches Bild vvn der Glanz- und Blütezeit der hebräischen Sprache und gelangt zu folgenden Anträgen: 1. „Ter 10. Zionistenkongreß anerkennt die Notwendigkeit, einen hebräischen Schulverein zu gründen, der die Wiederbelebung der hebräischen Sprache als gemeinsame Nationalsprache des jüdischen Volkes bezweckt. 2. Ter Kongreß möge die Initiative ergreifen zur Gründung eines Allgemein hebräischen Sprachvereins und einer Sprachakademie. 3. Ter Kongreß beschließe die Schaffung eines hebräischen Ressorts am Zentralbureau." Die Debatte über diesen Vortrag nimmt einen ziemlich erhitzten Charakter an. Der Misrachi, aber auch viele, die ihm nicht angehören, wissen aus Erfahrung schon stm voraus, wes Geistes Kinder all die zu gründenden Kultur- und Sprachvereine sein werden und wehren sich tapfer. Zunächst wünscht Dr. Nacht, daß über der Sprache der Inhalt des Judentums, die Religion, nicht vernachlässigt werde, eine Forderung, die mit Rücksicht auf gewisse Erscheinungen in der heutigen hebräischen Literatur ihre vollrBerechtigung habe.Auch diebeiden HerrenD aich e s - London, die nacheinander das Wort ergreifen, verlangen, daß in den Thesen die Pflege der Thora und der alten rabbinischen Literatur mehr betont werde. Da die Gemüter sehr erregt sind und die Rednerliste fich immer mehr vergrößert, werden vier Generalredner gewählt. 'XiL lßi&tii* Ho 33. Sette s Für Misrachi spricht hebräisch Herr Redakteur M. Berlin. Er teilt zunächst mit, daß es gelungen sei, das Grundkapital der Tachkemonischule aus Mk. 125,000 zu erhöhen und beantragt dann nach einer Desinition des Begriffes jüdische Kultur, den einzelnen Fraktionen in ihrer kulturellen Arbeit vollständig freie Hand zu lassen. Es sprechen dann Syrkin und Slatopolski für die Schaffung eines Kulturressorts. Chasonowitsch „bedauert" im Namen der Poalezionpartei, in dieser Sache einig mit Misrachi gehen zu müssen. Auch seine Partei lehnt jede hebräischeKulturarbeit grundsätzlich ab, da die Hebraisten eine aristokratische Politik gegen die jargonsprechenden unteren Schichten treiben usw. (?) Unter heftigen Protesten seitens des ganzen Kongreffes bezeichnet er die ganze Kulturbewegung als „Rache für Czernowitz". Da eine Einigung über diese bedeutungsschwere Frage nicht zu erzielen ist, wird die Abstimmung über die Sokolowschen Anträge vertagt, um so den verschiedenen Richtungen Gelegenheit zu wetteren Unterhandlungen zu bieten. Bei Beginn der Montagssttzung war das Schicksal der Kulturftage noch nicht entschieden, da trotz eifriger Nachtsitzungen der verschiedenen Gruppenvertreter eine Einigung nicht erzielt war. Misrachi hat inzwischen seine Forderungen über die bescheidenen Wünsche seines Generalredners hinaus erweitert, während die Sokolowpartei nicht nachgibt. So wurde vorerst mit dem Referate des Frl. Pros. Schach über „Frauenarbeit im Zionismus" begonnen. Rednerin meint, die jüdische Frau eigne sich am besten dazu, in der nationalen Erziehung zu wirken. Eie müsse das Haus nationalisieren und hebräisieren. Rednerin wünscht zum Schluffe den Zusammenschluß der zionistischen Frauen und die Errichtung einer Zentralstelle für zionistische Frauenarbeit. Dr. Emil Margulies, Referent der!Dv*> ganisationskommission, erstattete einen Bericht über das neue Organisationsstatut. Es bespricht die verschiedenen Versuche einer Verbesserung des Statutes und behandelt die Frage der Landesorganisationen und Sonderverbände. Das leitende Organ der Bewegung soll ein Kollegium von 5 oder 7 Mitgliedern bilden, deren Mehrzahl an demselben Orte wohnen soll. Dieses Organ soll einem Aktionskomitee von 25 Mitgliedern verantwortlich sein. Diese Mitglieder sollen die Möglichkeit haben, öfters zwecks Beratung zusammenzukommen und ein Zentralkomitee, aus Vertretern aller Landesorgantsationen bestehend, soll einmal im Jahre zusammentreten. Nach längerer Diskussion wird der Organisationsentwurs mit einigen Aenderungen en bloc angenommen. Montag ^a^^mittag fiel bie Plenarsitzung zu Gunsten der Generalversammlung der Kolonialbank aus. Dienstag Vormittag werden zunächst vom Referenten der Palastinakommission die Beschlüsse der letzteren mitgeteilt. Die Kommission wünscht 1. den Argwohn der türkischen Regierung und der Araber durch praktische friedliche Arbeit zu widerlegen, 2. eine bessere Ausbildung der jüdischen Frauen in Palästina für den Kolonistenberus anzustreben, 3. für Ansiedlung Nicht¬ oder Minderbemittelter zu sorgen, 4. das hebräische Wörterbuch des Ben Jehuda, ebenso die Kultur- und Schulanstalten in Palästina, besonders das Gymnasium in Jaffa zu unterstützen. Nach kurzer Diskussion, in deren Verlauf Dr. Benderski von der Gründung einer zionistischen Aerztekommission zur Hebung des Sanitätswesens in Palästina Mitteilung macht und Dr. Möller im Namen des Misrachi gegen die verftühten und unberechttgterweise gefaßten Kulturbeschlüfse der Kommission protestiert, werden alle Anträge des Palästinaausschusses angenomment Heftige Debatten ruft der gedruckt vorliegende Entwurf zur Geschäftsordnung des Kongresses hervor, die den Rest des Vormittags und den ganzen Nachmittag in Anspruch nehmen. Der Referent Dr. Margulies mottviert und verteidigt Satz für Satz des Entwurfes. Besonders heiß kämpfen die Vertreter der kleineren Landsmannschaften gegen die Bestimmung, den Permanenzausschuß ausschließlich aus den Landesgrnppen zusammenzusetzen, die eine gewisse Anzahl von Delegierten aufwetsen, und erringen den Sieg, daß die Zahl der zu einer Vertretung im Permanenzausschuffe berechtigenden Delegiertenzahl auf 4 reduziert wird. Nach einer etwa fünfstündigen, tellweise äußerst stürmischen Debatte wurde der Entwurf mit unwesentlichen Aenderungen angenommen. Auf eine Jnterpellatton des Abg. S t a u d erklärt Präsident Wolsssohn, daß er mit einer im Lause der Verhandlungen gemachten abfälligen Aeußerung über die innere Landespolitik der galizis'chenZionisten die letzteren nicht beleidigen wollte, worauf Motzkin für den Emigrationsausschuß dessen Beschluß mitteilt, den geplanten Emigrationskongreß von zionistischer Seite zu unterstützen. Sodann wird in die Budgetberatung 191 1/12 eingetreten. Der Voranschlag balanziert mit 170000 Mk. Für Agitation, Presse, Drucksachen usw. find insgesamt 72000 Mk. vorgesehen, für Subventionen und Unvorhergesehenes 10600 Mk. Die Debatte dreht fich um die Besteuerung der zionistischen Institutionen die ab ge lehnt wird. Das Budget wird en bloc angenommen. Lebte Atzung. Basel, 15. Aug. Der Kongreß drängt seinem Ende zu. Die Nachmtttagsitzung geht ohne Pause in eine Nachtsitzung über, da die zwei wichtigsten Fragen: Die Kulturfrage und die der Leitung noch ihrer Erledigung harren. Bei gefülltem Haufe und unter allgemeiner Bewegung teilt der Referent der Kulturkommission Dr. Sirkin gegen 9 Uhr mit, daß die Kommission entgegen den Wünschen des Misrachi auf ihrer Forderung beharrt, „dasA. C. solle die jüdischeKultur in Palästina und im Oriente zentralisieren und organisieren, wobeinichts gegen die Religion zu unternehm en ist. Den v erschiedenen Föderationen und Landsmannschaften wird zur Pflicht gemacht, für die Kultur und zwar in einer ihren eigenen Verhältnissen entsprechenden Weise, zu arbeiten." Ein Antrag Dr. Daiches: „die Kutturfrage auf den nächsten Kongreß zu verschieden,^ wird abgelehnt. Nun ergreift Hermann Struck das Wort und stellt im Namen des Misrachi den Antrag, die Kulturresolutton ohne Debatte dem A. C. zur weiteren Prüfung zu überweisen. In seiner Begründung hebt er die allezeit treue Mitarbeit des Misrachi beim Zionismus hervor. Auf dem Gebiete der Kultur könne jedoch Misrachi dem Zionismus aus schwerwiegenden Gewissensgründen keine Gefolgschaft leisten. Die Kultur müssen den einzelnen Gruppen überlassen werden, und man könne dessen sicher sein, daß der Misrachi die von ihm begonnene Kulturarbeit in seinem Sinne sorlsetzen werde. Wird der Kulturantrag vom Kongresse angenommen, so werde der Misrachi die Konsequenzen daraus ziehen.... Die Verantwortung, für den Bruch treffe dann nicht ihn, den Misrachi, sondern diejenigen, die ihn zu diesem Schritt zwingen. Redner appelliert in bewegten Warten an den Kongreß, den gemeinsamen Boden,, aus dem fich alle finden können, nicht auszugeben. Auch Dr. Friedemann-Berlin schließt sich» dem Antrag Struck auf debattrnloje Ueberweisung.

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