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Der Israelit · 1911-08-10 · Heft 32 (10.8.1911) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 32 (10.8.1911)
Date
1911-08-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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»11 t hat, 10. August 1911. iststört t aus tifte x, j,aru! etung i des Mar- : einiletchmeh" : vere der seine ollen Geirän- »ffen- Wpf- >PPovielugen aufwisch olche Aber der Auf- Eile, eseni es recht das mit nden nten llata tliche und nger kon- Kren rhen rum sallinen zerlera äsen zu ersnigsere den lstel das am lcht, bei als der rem lter des wt. lnrns en, des Schicksals, als unabwendbare fatale Bestimmung auf und verharren weiter bei unserer Indolenz, bei unserer resignierten Untätigkeit. An unserem „Kismet" gehen wir Türken zu Grunde." Der junge Mann war felsenfest davon überzeugt, daß alle diese katastrophalen Feuersbrünste, von denen Konstantinopel seit Beginn der neuen Aera so unheimlich oft heimgesucht wird, bestellte Arbeit der reaktionären Opposition sind: „Erst die Vorstadt von Chtrrhir in Stamboul, dann das prächtige Parlamentspalais „Tschiragan", dann die Hohe Pforte, die Judenstadt Cousgoundjouk, die Türkenstadt Skutari, vorige Woche endlich Stamboul und einen Tag darauf die Judenstadt Balat! Und bas alles, seitdem wir die Revolution durchgeführt haben! Liegt da nicht ein System, ein klar und deutlich erkennbarer Plan vor!" Eine Erklärung erscheint hier am Platz: Die „Dönmehs", von denen jetzt viel und oft gesprochen wird, sind die Nachkommen jener Juden, die zugleich mit dem sonderbaren Schwärmer Sabbtai Zewi und als dessen Anhänger vor etwa zweihundert und zwanzig Jahren den Islam angenommen haben. Sie leben jetzt, in drei Untergruppen geteilt, größenteils in der Judenstadt Saloniki, vermutlich weil sie sich dort am sichersten fühlen. Ihre Gesamtzahl dürfte kaum mehr als 5—6000 Seelen betragen. Es sind merstens reiche Leute, unter ihnen gibt es sehr dedeutende Großhändler, Advokaten und viele europäisch gebildete Männer im allgemeinen. Von den übrigen Türken werden sie als ketzerisch gemieden, wegen ihrer hervorragenden Intelligenz und Anpassungsfähigkeit an westeuropäische Verhältnisse und Ideen beargwöhnt und angefeindet, wohl auch gehaßt und gefürchtet. Kein echter Türke gibt seine Tochter einem „Dönmeh" zur Frau. Dessenungeachtet sind sie aber die besten und tüchtigsten Patrioten, sie sind vielleicht unter allen Muselmanen die einzigen, welche das Wesen der neuen Situation richtig begreifen. Jedenfalls meinen sie es mit der Modernisierung und Regeneration der Türkei heilig ernst und aufrichtiger als die Mehrheit der anderen Türken, welche dre Worte „Verfassung", „Freiheit" und „Gleichheit" im Munde führen, in Wirklichkeit jedoch nichts davon wissen möchten, vielmehr beim Gedanken erzittern, daß sie jemals aufhören könnten, das einzig dominierende Element, das Herrenvolk im Lande zu sein. Wir schritten beim Morgengrauen die steilen krummen Gäßchen von Stamboul hinauf bis zur neuesten Brandstätte in der Nähe der Bayazidmoschee. Diesmal war es nichts mit dem Brand von Ostrom. Drei oder vier türkische Holzhäuser waren bis auf den Grund niedergebrannt und bildeten jetzt einen kolossalen Gluthaufen, dem man sich nicht nähern konnte. Das war alles. Ein ganz kleines Ereignis also, nicht wert, in der furchtbaren Feuerchronik von Konstanttnopel verzeichnet zu werden. Was bedeuten vier Häuser gegen siebentausend Gebäude in Stamboul und eintausend jüdische Häuser in Balat, die in der verflossenen Woche in Flammen aufgingen! Diesmal war der gefährliche Nordost barmherziger als am 23. und 24. Juli, am verhängnisvollen dritten Jahrestage der großen türkischen Revolution. Hie und da rennt ein barfüßiger „Tulumbadje" in Flanellhemd und Unterhosen keuchend und schwitzend wie ein gehetztes Wckd an uns vorbei. Diese „Tulumbadjis" bilden ein Mittelding zwischen städtischer und freiwilliger Feuerwehrmannschaft. Es sind Gestalten wie aus einem Munkaezy'schen Gemälde herausgeschnitten, verwegene leichtfüßige Gesellen, die früher den Schrecken von Konstanttnopel bildeten. So oft Feuer ausgerufen wird, rennen sie wie besessen durch die Strafen, schaffen sich Bahn mit Fäusten und Ellenbogen, rennen jeden nieder, der ihnen im Wege steht. In der Mitte ihrer Gruppe tragen acht oder mehr Mann ein eigenartiges Riesenspielzeug auf den Achseln, dessen Metallteile in der Sonne glitzern. Es ist eine Mtniatur- Der Mvrettt. spritze, die demonstrativ wie ein Schaustück durch die'Straßen getragen wird. Die vom Brande Betroffenen fürchten die Gesellen mehr als das verheerende Element, denn was das entfesselte Feuer barmherzig verschont, wird von ihnen weggetragen. Unter der Schreckensherrschaft Abdul Hamids, des „roten Sultans", waren diese Burschen eine wahre Geißel für das arme Volk. Sie hatten Beziehungen zu den Spionen und Angebern des Sultans, durften mithin nach Herzenslust plündern und brandschatzen. Jetzt geht es ihnen nicht mehr so gnt. Das neue Regime hat auch ihnen das Handwerk gelegt. Sie sind mit der Wendung der Dinge nicht zufrieden. „Kismet"'., Schicksalsfügung'? Wir befanden uns in der Nähe des Kriegsministerium und wollten die kolossale Brandstätte vom 23. Juli näher besichtigen. Eine ganze Welt in Asche, in Trümmern und Ruinen ragte gespenstisch hervor. Alles was brennen konnte, war dem verheerenden Element zum Opfer gefallenvon Dächern, Türen und Fensterverkleidungen war nichts zurückgeblieben. Nur hohe Mauern, Schornsteine und ein Gewirr von eisernen Gittern, Traversen, Trägern und Rohren haben der Glut widerstanden und sind verbogen und verdorben zurückgeblieben. Rings umher hohe Berge von Schutt und Trümmern, aus denen hier und da verräterischer Rauch aufsleigt,' kleine Flammen lecken noch im Ersterben gierig aus dem Schutt hervor. Ein unangenehmer brenzliger Geruch verunreinigt die würzige Morgenluft. Ein breiter greller Lichtstreifen huscht über uns hinweg, um in einer kreisrunden Bewegung in der Ferne zu verschwinden. Es ist der Scheinwerfer eines Kriegsschiffes, der vom Marmarameer aus auf die Brandstätte hinüberspielt, um etwaige Diebe zu verscheuchen. Plötzlich tritt uns ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett entgegen: „Uassak!" ruft er uns zu. Es ist verboten, vor Sonnenaufgang die Brandstätte zu betreten. „So sind wir Türken," sagte fast bitter mein Gefährte. „Solange etwas zu bewachen und zu bewahren ist, sind wir nicht zur Stelle. Erst nachdem das Unheil geschehen, wenn nichts mehr vorhanden ist als Schutt und Asche und Ruinen, werden wir pflichteifrig und umsichtig und wachsamdies dauert aber auch nur einige Tage. Der alte türkische Schlendrian überkommt uns wieder von Neuem und verläßt uns nicht, bis eine neue schreckliche Katastrophe uns wieder aufrüttelt. Dann heißt es neuerdings „Kismet!" Im Osten geht die Sonne goldig auf. Hinter den Grabsteinen im Hofe einer kleinen Moschee rührt es sich: schattenhafte Gestalten bewegen sich hin und her, kleine Kinder weinen. Ein alter ehrwürdiger Türke facht ein Kvhlenfeuer an, an dem er seinen schwarzen Morgenkaffee kochen will. Es sind Abbrändler von Stambul, die man hier im Friedhof unter freiem Himmel untergebracht hat. Wir sprechen den Alten an. Er war Hufschmied, hat sein Haus, sein ganzes Hab und Gut beim Brande verloren, konnte von seiner Werkstatt und von seinem Hauswesen absolut nichts retten. „Was gedenkst Du anzufangen, alter Mann?" „Gott wird mir raten und helfen." „War Dein Haus versichert?" Er schaut uns fragend an. Er weiß nicht einmal, was eine Feuerversicherung eigentlich ist. Dann sagt er, die Augen hoffnungsvoll erhebend: „Kismet!" Die herrliche Suleimaniehmoschee ragt stolz und erhaben im Sonnenlicht auf wie ein Bild aus „Tausend und Eine Nacht." Das Goldene Horn und das Marmarameer bilden einen Rahmen um die Brandstätte, der wie ein Meer von Smaragden leuchtet und glitzert. In Stambul herrscht wieder buntes, reges Leben. Mein Gefährte verläßt mich bei der Brücke, um ein Schiff zu erreichen, das ihn wieder nach Asien hinüberträgt. Ich besteige ein anderes Schiff, um nach Balat, der ntedergebrannten Judenstadt, zu gelangen. (Schluß folgt.) _No 32. Sette S Rabbi Jaftob JTIeir unfl Balm Naboum. Saloniki, 1. August. Wie bereits gemeldet, hat sich Rabbi Jakob Meir aus erneutes Ansuchen der Gemeindevertretung entschlossen, bis aus Weiteres in seinem hiesigen Amte zu verbleiben. Wie es aber den Anschein hat, befriedigt diese Wendung der Dinge den Rabbiner aller Rabbiner in der Türket, den Chachambafchi Harm Nahoum, keineswegs. Dies geht aus dem Verhalten des „Ttempo" gegen Jakob Meir hervor. Dieses Blatt, das seit einiger Zeit wieder der Gradmesser der Stimmung am Hofe des Chachambafchi ist, hatte, da die Abreise Jakob Meirs noch „feststand", nicht genug Worte des Lobes für diesen bedeutenden G.lehrten und tatkräftigen Mann, der dazu berufen sei, die Verhältnisse in Palästina zu reorganisieren und das dortige geistige Leben in gesunde Bahnen zu leiten. Besonders nach dem bekannten Telegramm des Rabbi Jakob Meir gegen den Zionismus häuften sich die Lobeshymnen auf diesen Rabbi im Organe des Herrn Fresco in ganz unheimlicher Weife. Nun, da Jakob Meir bleibt, hat sich der Wind auf einmal vollständig gedreht. Jetzt kann man wöchentlich im „Ttempo" Schand- und Schmäh- Arttkel gegen Rabbi Jakob Meir lesen. Es wird ihm Pflichtverletzung und Wortbrüchigkett vorgeworsen. Er habe alle die Dispofittonen, die für eine Reorganisatton der palästinensischen Juden vorgesehen waren, über den Haufen geworfen u.s.w. Dagegen wendet sich Rabbi Jakob Meir in einem Saloniker Blatt, in dem er nachweist, daß die Initiative zu seiner Berufung nach Jerusalem gegen seinen eigenen Wunsch von vornherein aus gewissen polittschen Gründen von Haim Nahoum ergriffen wurde, und daß der Chachambafchi ein Interesse daran habe, ihn, Jakob Meir, auS seiner Nähe zu schaffen. Jetzt aber veröffentlicht das Großrabbinat in Konstantinopel Briefe des Rabbi Jakob Meir, auS denen hervorgehen soll, daß er selbst den Wunsch gehegt hätte, uach seiner Vaterstadt Jerusalem zu gehen. So geht der Streit lustig weiter, aus dem nur das eine mit Klarheit hervorgeht, daß man in Konstanttnopel es doch lieber gesehen hätte, wenn Rabbi Jakob Meir wirklich gegangen wäre. Rumänien. RilualmorSbebe in Rumänien- Bukarest, 3. Aug. Die Zeitung „Viktorul", ein führendes Organ der liberalen Partei, veröffentlicht in ihrer Nummer vom 29. Juli die Nachricht, ein Bukarester Jude namens Ftnkelstein habe einen Christenknaben in sein Haus gelockt und ihm Blut abgezapft, um „sich desselben zu Zwecken des mosaischen Ritus zu bedienen." Das Blatt fügt hinzu, daß es nicht mehr sagen könne, um den Fortgang der Untersuchung nicht zu stören. Es habe aber das Vertrauen, daß „die Justiz ihre Pflicht erfüllen, und daß das Scheusal von einem Angeklagten die wohlverdiente Strafe erhalten" werde. Es ist bezeichnend, daß das Organ der liberalen Partei, das notorisch von dem Chef dieser Partei, dem früheren Ministerpräsidenten Bratianu, inspiriert wird, sich zur Verbrettung des Ritualmordmärchens hergibt. Das Blatt verfolgt mit der Verbreitung derartiger Schändlichkeitn offenbar den Zweck, durch Hetzereien gegen die Juden der gegenwärtigen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten. Und um dieses Ziel zu erreichen, schrickt das „liberale" Blatt und schrecken seine Inspiratoren nicht davor zurück, die niedrigsten Instinkte des unwissenden Pöbels wachzurufen und eventuell ein kleines Pogrömchen anzuzetteln. Bukarest, 26. Juli. Rumänien darf Rußand im Punkte Judenverfolgungen nicht nachtehen. In Rußland gibt es Judengefetze, hier Fremd enge setze. In Rußland ist die Luft wgromschwanger. In Rumänien geht es bereits los. Besonders im Norden scheint wieder eine

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