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Der Israelit · 1911-08-10 · Heft 32 (10.8.1911) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 32 (10.8.1911)
Date
1911-08-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Nette 8 Ko. 82 Brr 3*rö«itt, u w ,*-.■ \ h öffentlichen Orten energisch zu unterdrücken, zionistische Agitationen nicht zu dulden, zionistische Versammlungen nicht zu gestatten, Geldsammlungen zu saisieren und die Aktien der jüdischen Kolonial-Bank zu konfiszieren usw. Schließlich gibt das Zirkular noch insofern bestimmte Direktiven, daß bei der Bestätigung von für gewiße Stellen in den jüdischen Gemeinden bereits gewählten Kandidaten darauf streng zu achten ist, ob dieselben Anhänger der zionistischen Bewegung sind. Zum allerersten Male wurde diese Frage im Februar 1907 behandelt. Von 12 Senatoren haben sich damals neun für die Kassierung der Verordnung des Lomzaer Gouverneurs ausgesprochen, weil ja durch das Gesetz Rabbinern nicht verboten ist, Zionisten zu sein. Die übrigen drei waren der Ansicht, der Gouverneur habe das Recht, die Wahl eines Rabbiners nicht zu bestätigen und daher fei die Beschwerde zu verwerfen. Die Folge der Meinungsverschiedenheit der Senatoren war die Unterbreitung dieser Frage an die erste allgemeine Kammer des Senats. Diese bestand aus 43 Senatoren und gestaltete sich das Resultat folgendermaßen: 30 Senatoren, darunter auch der Ministergehilfe des Innern Morosow, stimmten für die Abweisung der Beschwerde- 2 befürworteten die Kassierung der alten Verordnung- 11 entschieden sich weder für das Eine noch für das Andere und wollten die Frage wieder ans erste Departement zurückgeleitet wissen. Schließlich äußerte sich auch der Justizminister in dieser Angelegenheit. Er gestand dem Gouverneur das Recht zu, dem Rabbiner Ptnchas die Bestätigung zu verweigern. Doch habe er insoferne nicht richtig gehandelt, als er den Gegenkandidaten bestätigte, der doch in der Minorität geblieben war. Jetzt, nachdem fast drei Jahre darüber hinweggegangen sind, die Welt beinahe an diese Verordnung vergessen und es keinen praktischen Wert hat, über die Entscheidung des Gouveneuers , im speziellen Falle zu diskutieren — jetzt gefällt es dem Minister, auf die Beschwerde überhaupt nicht zu reagieren, sondern er wird die ganze Frage im Wege eines Ukas regeln lassen. England, vom vsllenkongreß. «London, 6. August. Wie bereits in letzter Nummer mitgetetlt, war der Allgemeine Rassenkongreß in erster Reihe als Kundgebung für den Weltfrieden gedacht, als Mittel, die Menschen als solche einander näher zu bringen. Ob die am 26. Juli durch Lord Weardale geleitete und im großen und ganzen harmonisch verlaufene Veranstaltung dieses wünschenswerte Ziel schon im ersten Ansturm erreichen wird, bleibt freilich sehr zweifilhaftes ist überhaupt fraglich, ob alle Teilnehmer an dieser in ethnographischer Hinsicht jedenfalls recht bemerkenswerten Versammlung sich klar darüber sind, was sie eigentlich wollen. Die Versammlung selbst stand im Zeichen höchster Toleranz und bewundernswert war, die auf dem Kongreß sich kundgebende Summe von Geduld und Nachsicht, wenn der Vertreter der einen oder anderen Russe in einem höchst mangelhaften Englisch oder kaum verständlichen Französich in die Debatte einzugreifen suchte. Was die Vorträge anbelangt, hat man das Verständnis jedenfalls wesentlich erleichtert, indem die zu behandelnden Fragen und die Dlssertationett über dieselben bereits früher in Druck gelegt und tn^einkm vom Sekretär des Kongresses G. Spiller redigierten Werke herausgegeben wurden. Ueber die jüdische Rasse referierte der bekannte Schriftsteller Israel Zangwiil. Er sprach mit der ihm eigenen Lebendigkeit sehr fesselnd und benutzte merkwürdiger Weise sein Referat zu einer Art Propagandakundgebung für die nationale Idee im Sinne des Teoritortalismus. Zangwill führte u. a. aus: Die jüdische Rasse lebe in einer außerordentlich kritischen Periode, und zwar sei diese Krisis enstanden, weil die Juden zum Selbstbewußtsetn erwacht seien. Er hätte eine Mitteilung von einem der verständigsten und am nüchternsten denkenden Juden Rußlands erhalten, nach der die Lebensbedingungen der dortigen Juden verzweifelter feien als je zuvor. Sie ständen außerhalb des Gesetzes, und nur die lammähnliche Gutmütigkeit des russischen Volkes sei die Ursache, daß sie noch am Leben seien, denn die Regierungsorgane forderten die Bevölkerung unaufhörlich auf. alle Juden totzuschlagen. Europa sage Ja und Amen zu allem, was die russische Negierung täte und entrüste sich nur über ein paar Albanesen Das Vorurteil gegen das Judentum entbehre der Tiefe, denn in ihm komme bloß der Haß gegen eine andersgeartete Rasse zur Geltung, die, ihrer Bodenständigkeit beraubt, in der Fremde leben muß, wo man ihr das Aufgehen in die Nation der neuen Heimat nicht einmal gönnen will. Darum haben sich die Juden allmählich an den Gedanken gewöhnt, daß es eine Judenfrage wirklich gebe, und seien nun bemüht, die Lösun; des Problems zu finden. Für Juden, die fick nicht assimilieren können, sei es ratsam, ein Land zu erwerben, wo sie wieder ein völkisches Leben beginnen könnten. Diese Erwägung habe zu einer Agitation geführt, die seit geraumer Zeit in aller Welt als Zionismus bekannt sei. Der Zionismus biete aber allen, die sich in ihm betätigen, eine wahre Sisyphusarbeit. Ist eine Schwierigkeit aus dem Wege geräumt, so stelle sich sofort eine neue ein. Die Gebietsfrage scheine unlösbar zu sein. Palästina sei zu einem Zankapfel geworden. Ein vernünftiger Ausweg wäre der, daß Deutschland und England über etnkämen, den Juden Mesopotamien zur Gründung einer Staatskolonie zu überlassen, wodurch nicht nur den Juden geholfen wäre, sondern auch die englisch-deutschen Beziehungen in der Frage' des mittleren Ostens geklärt werden würden. Zu demselben Gegenstände sprach auch vr. I. Zollschan aus Wien, der ausführte, daß auf dem Gebiete des einstigen Palästina eine Kolonie zu gründen wäre, um die jüdische Rasse rein und blübend zu erhalten, was für die ganze Welt vom Vorteil wäre. Keine andere Rasse vermöge den Abgrund zwischen Ost und West so wohl zu überbrücken, wie die der Juden, die Orientalen sind, sich aber in das Leben und die Ansichten des Westens hinein gefühlt haben und deshalb imstande sind, beide Teile zu verstehen. Im Zusammenhänge mit dem Kongresse stand auch eine Ausstellung vonPhvtographien undWerken bedeutender PensönUchkeiten der einzelnen Rassen. London, 6. August. Die eigentliche Trauerkundgebung zu Ehren des Chief-Rabbi Dr. Adler V'^r fand am letzten Donnerstag nach Ablauf der Trauerwoche in der Hauptsynagoge statt. Das Aussehen des Gotteshauses, das schwarz drapiert, und von sämtlichen Lichtern beleuchtet war, machte einen höchst imposanten Eindruck. Die heilige Lade und der Almemer waren, wie an den hohen Feiertagen, weiß behängt. Auf den Ehrenplätzen in den vordersten Reihen saßen viele höhere Staatsbeamte, ebenso der Lordmayor, Lord Rothschild, Minister Samuel, sämtliche Rabbiner und auch einige Bischöfe der anglikanischen Kirche. Ein von sämtlichen Kantoren der Gemeinde gebildeter Chor trug nach dem Mincha-Gebet entsprechende Psalmen vor. Dajan Feld mann rezitierte ein hebräisches Gebet, woraus Dajan H y a ms o n eine warm empfuttdene Gedenkrede hielt, die starken anhaltenden Eindruck auf die Anwesenden machte. Die ganze Veranstaltung war von einer Wethe getragen, die der Trauerstimmung über den großen Verlust vollauf entspricht. Die Frage des Chiefrabbinats beschäftigt die Gemüter bereits sehr lebhaft. Man spricht auch vom Chacham der sefardischen Gemeinde, Dr. Ga st er. Unter der Menge der Versionen ist es jedoch sehr schwierig, Klarheit zu erlangen. Soviel steht aber jetzt schon fest, daß die einflußreichen Leiter der Gemeinde vom starren System des englischen Chiefrabbinats, das in letzterer Zeit zu so viel __10. August 1»11 Unstimmigkeiten und Mißhelligkeiten geführt hat, nicht im mindesten abzuweichen gedenken. ■ Türkei. „Kismet!“ Aus einer brennenden Stadt (Bon unserem Korrespondeten.) Kottstarttinopel, 3. August. 6. Ein langgedehnter klagender Ruf stört die nächtliche Ruhe. Die Schläfer schrecken aus dem Schlafe empor und rennen an die Fenster, auf die Terrassen hinauf. „Yougin waaar“! klagte der biedere Nachtwächter mit Aufbietung aller Stimmittel durch die öden Straßen des Stadtviertels an der asiatischen Küste des Marmarameeres. Es brennt also schon wieder einmal in irgend einem Vorort dieser unvergleichlichen, unglückseligen Stadt! Mein Zimmernachbar, ein junger „Dönmeh" aus Saloniki, der hier Medizin studiert, tritt verstört und leichenblaß bet mir ein: „Es brennt in Stamboul, in der Nähe der Moschee Sultan Bayazid, sagt er und seine Augen leuchten. Kommen Sie mit, wir wollen uns im Kahn hinübersetzen lassen und die Geschichte von der Nähe ansehen. In diesen Bränden liegt System, liegt Methode. Sie sind offenbar zu einem ganz gewöhnlichen politischen Kampfmittel, zu einer scharfen und gefährlichen oppositionellen Waffe geworden. Kommen Sie! vielleicht ist es Ihnen beschieden, mit eigenen Augen zu sehen, wie Ostrom in Feuer und Asche aufgeht. Eilen Sie, denn wir könnten einen historisch hochbedeutsamen Moment verpaffen." Es war noch finstere Nacht, und eine solche Ueberfahrt hat immer ihre Bedenklichkeiten. Aber der junge sympathische Student war von der Idee nicht abzubringen. Er zitterte vor Aufregung, mahnte und drängte ungeduldig zur Eile. Und auch ich war neugierig, mir so einen Riesenbrand anzusehen. Am Ende, wer konnte es wissen? Bielleicht hatte mein Nachbar doch recht mit dem historischen Moment! Wir sitzen also im Kahn, durchfahren das Marmarameer, kommen an der Serailspitze mit der gefährlichen Strömung vorbei und landen nach dreiviertel Stunden an der berühmten Brücke, die die Türkenstadt Stamboul mit Galata verbindet. Es war eine herrliche, unvergeßliche Fahrt. Der junge „Dönmeh" war anfangs still und in sich gekt yrt. Dann aber konnte er nicht länger an sich halten und sprach: „Das sind die Segnungen des neuen, konstitutionellen Regimes, die das Volk zu spüren bekommt. Im Innern Unzufriedenheit, Unruhen und blutiger Aufruhr. Rings um uns herum lauern kleine und große Feinde auf unseren Fall - gleich raubgierigen, blutdürstigen Wölfen können sie den Moment nicht abwarten, wo sie uns zerfleischen und verschlingen werden. Die Cholera tritt überall im Lande auf, alle unsere Häfen sind verseucht. Die Teuerung gestaltet sich zu einer unerträglichen Kalamität ärger als Hnngersnot. Unter unseren Führern herrscht Uneinigkeit, blinder Haß und gelber Neid. Und unsere Hauptstadt geht in Flammen auf, sie bildet den ständigen Herd verheerender Feuersbrünste! Freund, ich glaube fast, daß wir Türhen das Spiel verloren haben und daß wir bereits am Ende aller Dinge stehen. Und diese Ohnmacht, ach unsere Ohnmacht! Und der leidenschaftliche Jüngling biß sich bei diesen Worten wütend in den Handrücken, als wollte er den Schmerz der Verzweiflung von der Seele in den Körper hinüberleiten. Kismet!" (Schicksalsfügung) sagte in jenem Augenblick der „Kayikdje" (Kahnführer), ein alter Türke, der die leidenschaftlichen Ausbrüche des Studenten mit angehört hatte. „Da hören Sie es, fuhr dieser bitter fort. Dieses unselige Wort enthält unser ganzes Unglück. Statt vom Leben zu lernen, statt uns mutig auszuraffen, zu arbeiten und zn helfen, nehmen wlr alles Mißgeschick als Fügung des -'***’•* i

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