Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1911)
- Date
- 1911-08-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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10 August 1911 Qual erspare. Schon hier wetterleuchtete es etwas von der Schechitahfrage; aber, da eine Diskussion der Referate nicht Kugelassen wurde, so mußte eine Antwort hier unterbleiben. Von dem Geiste, der Herrn Prof. Dahlström beherrscht, geben aber folgende Leitsätze, die er für ein gesetzgeberisches Vorgehen zu Gunsten der Humanität in der Schlachtung seinen Ausführungen unterlegte, eine deutliche Vorstellung: „Mit Rücksicht darauf, daß, das Schlachten nach jüdischem Ritus nicht, wie es unter dem Gesichtspunkt des Tierschutzes wünschenswert wäre, ganz würde untersagt werden können, sind folgende Bestimmungen vorgeschlagen worden: ' Tie Erlaubnis, Schlachtungen nach jüdischem Ritus für den eigenen Bedarf der Juden auszuführen, darf vom Regierungspräsidenten für ein Jahr^ur Zeit einem vom Rabbiner gutgeheißenen jüdischen Schlachter erteilt werden. Bei derartigem Schlachten ist zu beobachten: a) daß der Schlachter bereits zugegen ist, bevor das Tier gefesselt wird, d) daß das Fesseln mit geschmeidigen, nicht zu dünnen Stricken oder Riemen erfolgt, o) daß das Tier mittels zweckmäßiger Vorrichtung behutsam aus weiche Unterlage niedergcworsen wird, wobei besonders zu beachten ist, daß der Kopf nicht gegen den Boden schlägt und daß die Hörner nicht abgebrochen werden, d) daß der Schnitt unter Festhaltung des Kopfes des Tieres rasch und sicher und unmittelbar nach dem Niederlegen des Tieres erfolgt, e) daß der Kopf auch ferner sestgehalten wird, bis der Tod eingetreten ist." Man sieht, Herr Prof. Dahlström möchte das Schächten am liebsten ganz untersagen; solange es aber geduldet werden muß, will er es wenigstens mit so schikanösen Bestimmungen umzäunen — man beachte, die Forderung einer von Jahr zu Jahr zu verlängernden Genehmigung! — daß der Willkür der Schlachthofbeamten Tor und Tür geöffnet ist. In einer Resolution verlangte er denn auch, „daß das Schlachten in humaner Weise vor sich gehe. Vor der Schlachtung sind alle (!) vierfüßigen Tiere mit einem Schußapparat zu betäuben." Von Ausnahmen zu Gunsten der Schechitah war hier keine Rede mehr! Derselbe Tag brachte neben anderen auch noch ein Referat des Herrn Magister A. Smelius aus Helsingfors über „die Tierschutzarbeit in Finnland". Die. Gefahr lag nahe und die Befürchtung erschien nur zu begründet, daß das Thema, als Vorspiel zu den Spektakelstücken, als deren Aktrice Frl. von Konow, die Landsmännin des Redners für die nächsten Tage angekündigt war, zu Ausfällen gegen die Schechitah mißbraucht werden würde. Aber es muß zu Ehren des Redners anerkannt werden, daß er sein Referat in streng-sachlichen Grenzen hielt und trotz der Trockenheit des Inhalts durch den ernstvornehmen Ton, auf den es gestimmt war, für denselben soviel Sympathien zu werben verstand, daß, ülß seine Redezeit abgelaufen war, ihm dieselbe durch einstimmigen Versammlungs-Beschluß verlängert wurde. Dieses Bild änderte sich mit einem Schlage am nächsten Tage, der Frl. von Konow zu einem Referat über „Tierquälereien in der Behandlung des,Federviehs (Mauvais usages düns le traitement de la volaille)“ auf die Rednerbühne führte. Der Kongreßleitung kann der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß sie, durch die Erfahrungen des Londoner Kongresses, wo das provokatorische, verhetzende und verletzende Treiben der Dckme geradezu unerhörte Sturmszenen heraufbeschworen hatte, nicht belehrt, ihr auch diesmal wieder die Behandlung von Fragen übertragen hatte, die so klippenreich und so disstciler Art sind, daß sie, sollen daran die Gegensätze sich nicht entflammen/ sicherlich ein seiner ausgebildetes Taktgefühl erfordern, als Frl. v. Konow besitzt. Eine Leitung, die sich mit der Verhandlungsart des Frl. von Konow nicht identifizieren will, hätte, ausgerechnet ihr, doch auch wahrlich nicht zweimal im Lause einer Tagung die Rednerbühne zur Verfügung zu stellen und ihr damit eine Folie zu verleihen brauchen, die — vom Parteistandpunkt abgesehen — durch djen dürftigen Inhalt jtzrer Ausführungen wahr- _ Der Israelit. sich glicht gerechtfertigt sind. Schon diese Tatsache rechtfertigt die Anschauung, die durch mancherlei sonstige Vorkommnisse an diesem und den anderen Tagen, namentlich am Schlußtage, ihre Bestätigung erhielt, daß die Kongreßleitung nicht über das notwendige Maß von Objektivität verfügte, welches man füglich bei jfyr hätte suchen dürfen; und es ist sicherlich nicht ihr Verdienst, sondern sie gehorchte nur widerwillig,bem! Druck einer unausgesprochenen, aber in der Luft liegenden Stimmung, wenn sie es schließlich vorzog, die Sache nicht auf die Spitze zu treiben, sondern durch eine Kompromißresolution den schroff entgegengesetzten Standpunkten eine gemeinsame Plattform zu bereiten. Doch zurück zu Frl. von Konow. Nachdem sie die zahlreichen Grausamkeiten, die am Geflügel beim Transport, bei der Mast usw., behandelt, kam sie auch"^ruf die Quälereien beim Schlachten derselben zu reden. Man sollte meinen, daß selbst der verbissenste Judenfeind auf diesem Gebiete der Wahrheit die Ehre geben und eingestehen müsse, daß die rituelle Art der Geflügeltötung unendlich hoch über den sonst hierfür gebräuchlichen Methoden steht, und daß selbst das argwöhnischste Auge hier keine Tierquälerei zu entdecken vermöge. Frl. v. Konow aber wußte auch mit dieser, für sie eine arge Verlegenheit bedeutenden Tatsache fertig zu werden; sie erzählt ihren aufmerksam lauschenden Hörern, daß bei den Juden das Geflügel gefesselt wochenlang in der Synagoge gehalten und endlich dort geschlachtet werde, daß der Schächter die Flügel so verschränke, daß sie gebrochen oder ausgerenkt werden, daß er sich damit begnüge, die Haut am Halse oberflächlich zu durchschneiden und das Tier langsam verbluten zu lassen usw. usw. Dieses Konglomerat von Lügen und Entstellungen, das einem förmlich Heu Atem benahm, würde noch dazu mit einer' Ruhe und Sicherheit vorgetragen, als könnte es Wort für Wort durch Tatsachen belegt werden. Nimmt man hinzu, daß auch äußerliche Momente, wie die Rassigkeit der Erscheinung und das sonore Organ die Rednerin unterstützen, so kann man den tiefen Eindruck, den sie hervorbrachte und der sich in minutenlangem Beifallsklatschen Ausdruck verschaffte, wohl begreifen, es verstehen, daß sie sich den „Ehrentitel" verschaffen konnte, das Schechitahverbot in ihrem Heimatlande herbeigeführt zu haben! Ein Versuch, ihr entgegenzutreten, wurde durch den Leiter (Oberstleutnant L. Mohrn) verhindert, der keine Diskussion zuließ, trotzdem er auf die unerhörten Angriffe hingewiesen wurde, welche Frl. von Konow sich gegen die jüdische Religion erlaubt habe! (Schlußbericht folgt.) StufUatti». Der neue Kurs. Wetersvrrrg, 7. Aug. Stolypin, dessen Position seit langem als erschüttert gilt, klammert sich an jeden Strohhalm, um im Besitze der Macht zu bleiben. Neuerdings sucht er durch ostentative Hervorkehrung seiner antisemitischen Gesinnung und Erfindung neuer Beschränkungen gegen die Juden die Gunst der Hofkamarilla zu gewinnen, er, der vor nicht allzu langer Zeit noch Wert darauf legte, als liberal zu gelten, der sogar ein Projekt zur Erleichterung der Lage der Juden ausgearbeitet hat, dessen Verwirklichung nur an dem Widerstande des Hofes scheiterte. Um sich also bei den erzreaktionären Hofkreisen in Gunst zu setzen, richtete Stolypin vor kurzem ein Schreiben an den Handelsminister Timaschew, worin er ausführt, daß es Zeit sei, gegen die Ueberhandnahme der Juden im Getreidehandel anzukämpfen. DteFrage, wie die Juden zu verdrängen wären, will er einfach dadurch lösen, daß die Banken gehalten werden, die den Inden gewährten Kredite auf ein Minimum herabzusetzen. Dieser Ro. »2 Seu, 7 Versuch, die Juden auch im Handelsleben einzuschränken, erschien selbst dem aus den antisemitischen Reihen hervorgegangenen Timaschew und dem Finanzmtnister Kokowzew so ungeheuerlich, daß sie gegen die Stolypinschen Projekte Front zu machen suchten. Darauf ließ Stolypin in der Staatsdruckerei eine Broschüre anfertigen, die also betitelt ist: „Die jüdische Frage, Uebersicht der Urteile der russischen Presse" und den Untertitel trägt: „Lieferung I. Die Juden und der Getreidehandel." Die streng geheim gehaltene Broschüre, die aus der Kanzlet des Ministerialrats vorläufig nur den Ministern und ihren Gehilfen zugestellt wurde, erweist sich als ein grobes antisemitisches Machwerk. Sie will eine Zusammenfassung der Preßurteile über die Judenfrage sein, aber ausnahmslos sind darin bloß die Urteile antisemitischer Blätter abgedruckt, und zwar vornehmlich solch schmutziger Organe, wie des Dubrowtnschen „Rutzkoje Snamja", das sonst oft genug von der Regierung und ihrer Presse als ein Lügenblatt gestempelt worden ist. Abgesehen von den antisemitischen Preßstimmen enthält die ministerielle Broschüre judenfeindliche Auslassungen eigener Erzeugung, die den Weisheiten der anttsemittschen Presie in keiner Weise nächst« hen. So heißt es in der Stolypinschen Broschüre: „Die Juden bringen in den Getreidehandel alle Arten des Betruges hinein, die stein den anderen Handelszweigen anwenden." .Noch bestimmter ist die offizielle Weisheit in den Worten formuliert: „Der Betrug in allen seinen Formen ist die unbedingte Voraussetzung des jüdischen Handels." In diesem und ähnlichem Tone ist die gefährliche Schrift durchweg gehalten. Gefährlich ist aber das Hetzbüchlein nach jeder Richtung hin. Eine solche Sprache der Regierung muß alle Pogromgeister auf den Plan rufen. Die Phantasie der Mord- und Raubprediger fühlt sich nach solchen offiziellen Kundgebungen beflügelt, und die Propaganda der Pogrome wird sich schwerlich ohne reale Leistungen beruhigen lassen . . . * * * Im Ministerium für Bolksaufklärung wird gegenwärtig an der Vorbereitung eines Gesetzentwurfes gearbeitet, wonach für die Zulassung von Juden, die im Auslande jden Doktortitel erworben haben, zu russischen Staatsprüfungen dieselbe Prozentnorm ein geführt werden soll wie fürdie Aufnahme von Juden in russische Universitäten. Es ist bezeichnend, daß diese Maßnahme mit der Notwendigkeit begründet wird, wohlhabende Juden, die die Mittel haben, im Auslande zu studieren, mit den Armen gleichzustellen. SMerelmrg, den 28. Jul . Es ist bereits zwei Jahre her, daß der russische Senat sich mtt der Frage beschäftigt, ob der Zionismus eine reinpoltische Bewegung sei oder nicht. Jetzt ist man sich endlich über diese Frage anscheinend schlüssig geworden, denn ein diesbezüglicher Ukas ist schon in der Arbeit. Ursprünglich ist diese Frage zum ersten Male auf Grund einer Beschwerde der Juden über den Gouverneur von Ostrolenkow im Lomzaer Gouernement angeschnitten worden. Dieser hatte nämlich die Wahl des Rabbiners Ptnchas nicht bestätigt, obwohl derselben die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigte; dies mit der Mottvierung, daß die über den Kandidaten eingehotten Auskünfte besagten, er gehöre der zionistischen Organisation an. An Stelle des Rabbiners Ptnchas hat nun der Gouverneur eigenmächtig den Gegenkandidaten bestätigt, der um 33 Stimmen weniger bekommen hatte. Zur Begründung feines ungesetzlichen Vorgehens rechtfettigte sich der Gouverneur mit der Abschrift eines geheimen Zirkulars, welches der verstorbene Minister Plehwe im Jahre 1903 allen Gouvernements hatte zugehen laßen. Er erteilt ihnen hierin den Befehl, Recherchen über die zionistische Organisation vorzunehmen und yorläusig jegliche Propaganda des Zionismus an