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Der Israelit · 1911-08-10 · Heft 32 (10.8.1911) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 32 (10.8.1911)
Date
1911-08-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette K. «r. 82 Gymnasium, sind die Worte, die herüber und* hinüber fliegen. Dazwischen werden wahre Kämpfe um Platzkarten ausgesochten. Punkt 10v4 Uhr erschallen die bekannten drei Hammerschläge. Das A. C. mit W olfsoh n und Nor bau erscheinen. Wolfsohn begrüßt den Kongreß zuerst in hebräischer Sprache, indem er ihn als Iu - biläumskongreß feiert und führt dann in deutscher Sprache weiter aus, daß die größte bleibende Tat des Zionismus die Organisation ist. Er bedauert, daß diejenigen, auf die der Zionismus in erster Reihe gerechnet, die Rabbiner, ihm immer noch fernstehen. Der Zionismus sei keine Sensation mehr, sondern eine feststehende Tatsache. Er schildert im ferneren die Entwicklung der zionistischen Institutionen. Tie allgemeine jüdische Lage weise keine Besserung aus. Die Lage in Rußland habe sich insbesondere sehr verschlimmert, ebenso in Ru mänien. Das Elend Galiziens, das materielle und das moralische, nimmt immer größere Dimensionen an. Auch Amerika und England sind der jüdischen Einwanderung nicht geneigt. Anders sei es in der Türkei, die ihrer Traditidn gerecht werde, wenn sie die Juden gut behandelt. Tie dort zur Zeit herrschenden Vorurteile gegen den Zionismus müssen bald verschwinden, da sie auf Unkenntnis des Wesens der Bewegung beruhen. Er widerlegt mit scharfen Worten die Unterstellung, daß der Zionismus eine Lostrennung von der Türkei erstrebe. Die messianische Idee, an die alle Juden ano viele Christen glauben, habe mit dem Zionismus nichts zu tun, was schon aus seinem Programm hervorgehe. Nicht einen Staat, sondern eine Heimstätte wünscht dieses für das jüdische Volk. Die Juden sollen als ottomanische Bürger, sich unbeschränkter Bürgerfreiheit in Palästina erfreuen, was ebenso im Interesse des türkischen Reiches liege. Die Parole muß heißen: standhaft, fest nud treu. Er geht dann auf den neuen Organisationsentwurf ein und schildert die ungünstige Finanzlage. Eine tiefe Bewegung geht durch den Saal, als Wolfsohn jetzt in bestimmtem Tone seinen Entschluß bekannt gibt, vonderLeitungsowohlimJnteressederBewegung,als in dem seiner Gesundheit zurückzutreten. Der Zionismus habe zwei Perioden hinter sich, die Herzlsche und die Kölner und trete jetzt in eine dritte ein. Das Losungswert sei: Einigkeit und Einheit! Es kommt ein Begrüßungsschreiben der Baseler Regierung zur Verlesung, ebenso ein Schreiben von seiten mehrerer Mitglieder der Baseler Gemeinde, deren Vorstand offiziell jede Vertretung am Kongresse abgelehnt hat. Es wird beschlossen, der türkischen Regierung. aus Anlaß der Brandkatastrophe in Konstantinopel Beileid auszusprechen und ihr 5000 Fr. zu Gunsten der Betroffenen zu überweisen. Enthusiastisch begrüßt, besteigt nun Max Nord au die Tribüne. Der 10. Kongreß sagte er, sei ein Jubelkongreß, aber nicht im Sinne von Jubilieren, sondern in dem des hebräischen Jobel, denn zum Jubel liege kein Anlaß vor. Das Bild der jüdischen Gesamtlage sei äußerst düster. Ueberall flamme der Judenhaß zur hellen Lohe auf, selbst in Amerika, wo Taft in letzterer Zeit wiederholt gegen die antisemitischen Stimmungen einschreiten mußte. Ueber kleine Nadelstiche und moralische Mißhandlung.könne man sich stolz hinwegsetzen. Schlimmer aber stehe es in den Ländern, wo die Judenverfolgung amtlich betrieben werde. Entrechtung und Proletarisierung sei kein passender Ausdruck zur Kennzeichnung der Lage, da die Juden geflissentlich von der Arbeit zurückgedrängt werden. Die Massenmorde in Rußland seien von schlimmerer Art als die Metzeleien im Mittelster, da jene zumeist im Rausche geschehen waren, während man es heute darauf absehe, die Millionen Juden systematisch verkommen zu lassen, Wjt __ *** S*n«nt. ^echter Nordauscher Schärfe und beißender Ironie geißelt er jetzt die „schamlose Lüge des Fortschrittes und der Menschenliebe," wie sie heute auf den Friedenskongressen gepflegt werde. Man schützt immer von Seiten der Staaten die Unnröglichkeit einer Einmischung in die innere Politik anderer Länder vor — so oft es sich um Juden handelt. „Das europäische ^Gewissen ist eine diskrete Person, die zu schweigen weiß, wenn ihre SöiMme von gewissen Kreisen störend empfunden wird." Es sei trotzdem ein Gebot der Sittlichkeit, das Unrecht laut in die Welt hinausguschreien und den Schönrednern die Maske vom Gesichte zu reißen. Darauf wendet sich Nordau sehr scharf gegen die jüdischen Verleumder des Zionismus in der Türkei: „Sie werden sich vor dem Richter st uhle der Geschichte ob des Brudermordes zu verantworten haben," ruft er mit großer Erregung in den Saal und löst damit einmütige begeisterte Zustimmung aus. Er hofft, daß die Türkei bald einsehen werde, von welchem Nutzen die Realisierung der zionistischen Ideale auch für sie sein werden und meint, daß es auch mit zu den Aufgaben dieses Kongresses gehören werde, jene grundlosen Angebereien zu entkräften. Hauptvoraussetzung einer ersprießlichen Tätigkeit sei aber unbedingte EinigkeitinnerhalbdcrOrganisation. „Tie Organisation ist der Rahmen der künftigen Erlösung und muß daher stark und geschlossen bleiben." Nach einer kurzen Debatte, ob die Annahme der neuen Geschäftsordnung erst mit dem Organisationsstatut zu beraten sei, oder gleich vor Eintritt in die Tagesordnung akzeptiert werden solle, wurden die Wahlen für die Kongreß- Kommission vorgenommen, die von der Leitung der Organisation völlig getrennt ist und die nach dem Vorschlag des Permanenz-Ausschusses einstimmig Nordau das Präsidium übergab und zu Vizepräsidenten die Herren Dr. BvdenheiMer, Dr. Marmorek, Tschlenoff, Ussischkin und Adolf Stand gewählt hat. Hieraus schließt Nordau die Eröffnungssitzung und setzt den Beginn der Nachmittagssitzung aus 4 Uhr fest, in der das Aktions-Komitee den ausführlicher: Tätigkeitsbericht erstatten wird. Derselbe liegt in Buchform gedruckt den Delegierten vor. Prof. O. Marburg wird sodann über die Palästina-Ressorts referieren und womöglich wird noch heute Nachmittag in die Generaldatte eingetreten werden, die den ganzen Donnerstag 'hindurch wird fortgesetzt werden. Qänzmavk. Der 16. Internationale Cierfchufe-Congretj in Kopenhagen. (Privattelegramm des „Israelit".) N Kopenhagen, 9. August. Das Ergebnis des 16. Internationalen Tier schütz-Kongresses in SachenderSchech ita h war nach schwerem Kampfe folgendes: Es lag eine Resolution von Prof. Dahlström vor des Wortlauts: ,,Der Kongreß verlangt, daß das Schlachten auf humane Weise vor sich geht. Bor der Schlachtung sind alle vierfüßigen Tiere mit einem Schußapparat zu betäuben." Dazu verlangte ein Amendement Biberfeld-Berlin,Fränkel- Kopenhagen, Lewenstein - Kopenhagen und Wo hl stein-Malmö den Zusatz: „Durch diese Resolution wird das Schächten, wenn es nach rituellen Bestimmungen von einem durch einen Rabbiner autorisierten Beamten vorgenommen wird, nicht berührt." Angenommen wurde einstimmig folgende Fassung: „Die Schlachtung darf nur vorgenommen werden nach vorhergehender Betäubung oder so, daß der Kopf möglichst schnell vom Rumpf vollständig abgetrennt wird." E. B. Kopenhagen, 6. August. Nach vier langen Bnhandlunssstagen, die, rmal bei der im Saal herrschenden tropischen emperatur^ an Pie LeWmgssähigkeit der Teil- _ 10, August 1911. nehmer die höchsten Anforderungen stellten, ist gestern, Sonnabend, gegen 7 Uhr nachmittags, endlich der 16. Internationale Tierschutz-Kongreß, der diesmal hier abgehalten wurde, zu Ende gegangen. Das Ergebnis ist aber trotz der Fülle emsigster Arbeit ein ziemlich mageres. Es wurden eine Menge Referate gehalten; manches vernünftige Wort und viel Unvernünftiges über Art und Wert der Tierschutz-Arbeit gesprochen; die Zahl der vorgeschlagenen und angenommenen Resolutionen erreichte eine bedenkliche Höhe, aber man hatte die Empfindung, daß hier viel Arbeit pro nihilo geleistet werde, weil die Beschränkung auf das Vernünftige und Erreichbare fehlt und umstrittene und lärmst noch nicht ausgereiste Gedanken als sicheres Erkenntnisgut angesprochen und auch schon zur Grundlage positiver Vorschläge oder sogar gesetzgeberischen Vorgehens gemacht werden. Das trifft z. B. für den Kampf gegen die Vivisektion zu, die nicht nur in ihren eventuellen Ausschreitungen, sondern prinzipiell bekämpft und durch die Elektrophysiologie" (?) ersetzt werden soll; das gilt für die Agitation gegen die zoologischen Gärten, die nach dem Wunsch des Herrn Magnus Schm'antje überhaupt vom Erdboden verschwinden sollen; das gilt vor allem für die Frage, deren Art der Behandlung schließlich auch diesem Kongreß das charakteristische Gepräge gab, für Pie Schechitahfrage und die Forderung der Tierschützler, daß jeder Schlachtung von Großvieh die Betäubung, d. h. richtiger ausgedrückt, die Zertrümmerung des Großhirns vorangehen solle. Es muß daher als ein hoher Gewinn angesehen werden, daß wenigstens in dieser Frage schließlich ein modus vivendi gesunden wurde, der dem Kongreß das Bekenntnis zu einer These ersparte, die der Tierschutz-Idee in den Augen objektiv Denkender und Urteilender nur Abbruch zu tun geeignet gewesen wäre. Der Kongreß tagte an privater Stätte, im Hotel l'Angleterre, weil Staat und Stadt, die in dem heftigen Kampf gegen die Vivisektion eine Brüskierung der medizinischen Wissenschaft erblickten, es abgelehnt hatten, ihm Gastfreundschaft in einem öffentlichen Gebäude zu gewähren. Diesem Umstande war es auch zuzuschreiben, daß Regierungswie Stadtbehörden eine Begrüßung wie eine Vertretung auf dem Kongreß unterließen, so daß derselbe ziemlich sang- und klanglos eröffnet und geschlossen werden mußte. Der Besuch war überaus schwach und zu keiner Zeit „füllten" auch nur 100 Mitglieder den Saal, trotzdem bei der Zulassung so liberal wie möglich verfahren uüd gegen Erlegung von 5 Kronen jedem die Teilnahme mit allen Rechten sreistand. Das nordische Element überwog so sehr, daß mit wenigen Ausnahmen die Referate in skandinavischen Drachen erstattet und auch die Verhandlungen in diesen Idiomen geführt wurden; doch sorgte ein gut funktionierendes Dolmetschertum dafür, daß wenigstens das Wichtigste auch denjenigen verständlich blieb, die jene Sprachen nicht beherrschen. Die Eröffnung erfolgte durch den dänischen Reichstagsabgeordneten, Herrn C. E. Marok, aus dessen Rede nur ein Satz hervorgehoben sei: „Wir behaupten, daß die Moral der Wissenschaft vorangeht"; ein Satz, der im Lause der' Schechitahdebatte mit Grund und Recht für den Standpunkt der SchechitahVerteidiger herangezogen wurde. Dann erhielt Herr Prof. Hj. Dahlström von dem Kgl. Veterinär-Institut zu Stockholm das Wort zu seinem Vortrage über „Hum ane SchlaHt- Methoden" (Human Slagtning). Der Vortrag enthielt für den mit der Materie Vertrauten nicht das mindeste Neue; alle anderen Methoden der Schlachtung wurden in Grund und Boden verdammt und die „Betäubungsmethode" als die allein Humane dargestellt. An Modellen wurden weiter die verschiedenen bisher eingeführten Apparate zur „Betäubung" demonstriert und schließlich dieBehrscheSchlachtpistole als „der Schlachtapparat der Zukunft" über den Klee gerühmt, bei dem es keinen Versager und keinen Fehlschuß gäbe^ und der dem Tier jede

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