Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1911)
- Date
- 1911-08-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Mag man der zionistischen Bewegung freundlich oder feindlich gegenüberstehen, man wird sich dem gewaltigen Eindruck nicht entziehen können, den diese imposante Zusammenkunft von Juden der verschiedensten Länder auf jeden Glaubensgenossen ausübt. Welche Menge von Talenten, eine wie große Zahl geistig hervorragender Männer sieht man hier vereinigt. Juden aus den entlegensten Weltgegenden kommen zusammen, beseelt von einem Willen. Delegierte aus Kanada, aus Südafrika, aus Australien und Neuseeland haben die mehrwöchentliche Reise nicht gescheut, alle erfüllt von dem einen Gedanken, oem jüdischen Volk zu helfen nnd durch Schaffung einer Heimstätte die in der ganzen Welt herrschende, nur der Form nach verschiedene Judennot zu beseitigen. Wer möchte da die mächtige Begeisterung nicht begreifen, die sich der Kongreßbesucher bemächtigt und ein objektives Urteil und eine kühle Betrachtungsweise des Pro und Contra vielfach gar nicht aufkommen läßt. Da dieser - Kongreß (Zufall oder Absicht?) in den Sommer und in die Hauptreisezeit fällt, wird man allerdings gut daran tun, den Andrang zum Kongreß etwas skeptisch zu beurteilen und ihn nicht ganz allein dem zionistischen Opfersinn zuschreiben. Auch hat die zionistische Bewegung, obwohl sie auch heute noch imponiert, viel von ihrer ursprünglichen, hinreißenden Kraft eingebüht. Das empfinden wir in Basel umsomehr, als sich uns ein Vergleich mit früheren Kongressen unwillkürlich aufdrängt. Noch der letzte Zionistenkongreß, der vor 6 Jahren im Jahre 1905 zum letzten Male hier abgehalten wurde und der durch die nach heftigen Auseinandersetzungen erfolgte Lostrennung der Jto-isten von der zionezionistisch gesinnten Hauptgruppe seine historische Der Israel«. __ Bedeutung erlangt hat, und, in viel größerem Maße noch, die ersten Kongresse hatten viele Vertreter der russischen Juden, zahlreiche Rabbiner und unter ihnen mehrere Koryphäen der jüdischen Wiffenschaft, hierher geführt, die der Stadt Basel in der Gegend des Kongreffes ein spezifisch jüdisches Gepräge verliehen. Das ist heute doch etwas anders geworden, und in wessen Gedächtnis die Erinnerung an diese vergangenen Tage noch nicht erloschen ist, der wird beim Anblick der heutigen Kongreßbesucher den Wandel dsr Zeiten erkennen und einsehen, daß sich die Haupranhängerschaft des Zionismus und die Grundpfeiler ihrer Organisation von Osten nach Westen zu verschieben begonnen haben. Im allgemeinen hat seit der Hamburger Tagung der Zionismus an Anhängern nicht zugenommen. Wenn wir die nüchternen Zahlen betrachten, so ist im Gegenteil ein leises Abflauen der Bewegung zu bemerken, denn die Anzahl der von je einer Gruppe von 200 Schekelzahlern gewählten Delegierten, die uns immerhin den einzigen Maßstab zur Beurteilung der numerischen Stärke des Zionismus an die Hand gibt, ist von ea. 450 auf ca. 435 (die genaue Ziffer wird durch den Legitimationsausschuß noch bekannt gegeben werden) herabgesunken. Positive Erfolge sind in poetischer Hinsicht in den seit dem letzten Kongreß verflossenen l1/? Jahren nicht zu verzeichnen. Das Aktionskomitee, welches in seinem ausführlichen Tätigkeitsbericht diese Tatsache unumwunden zugibt, schreibt die Schuld hieran dem Umstande zu, daß die türkischen Behörden, trotz der feierlichen Erklärung Wolfsohns auf dem Hamburger Kongreß den zionistischen Bestrebungen mit unverhohlenem Mißtrauen gegenüberstehen, ein Mißtrauen, welches von den Feinden des Zionismus und den Anhängern der Assimilation stets aufs neue genährt wird. Um neue Mißverständnisse über die politischen Ziele des Zionismus zu vermeiden, ist nach einer Erklärung des Aktionskomitees die Ankündigung eines Referates über Palästina — ein solches war bisher immer üblich — auf der Tagesordnung der diesmaligen Kongreßberatung unterblieben, damit die politische Seite in den Hintergrund trete. Wichtig für die Weiterentwicklung des Zionlsmus wird vor allen Dingen die Frage der Erweiterung des Engeren Akrions-Komilees (E. A. C.) sein, das bisher nur aus drei Mitgliedern bestand, und das von jetzt an fünf Männer zählen soll, welche im Namen der zionistischen Bewegung handeln werden. Nicht unwesentlich ist auch die Frage, ob der Präsident, wie bisher, durch den Kongreß oder nur durch das erwählte E. A. C. zu wählen sei. Die Opposition gegen das Präsidium Wolfsohns, die auf dem Hamein schwarzes Käppchen wird sichtbar und sagt froh ins Dunkle hinein: „Friede mit Euch, Friede! Fremd bin ich, doch kein Fremder . . . .! Ein wandernder Jude! Lagt mich ein!" Im selben Augenblick suhlt er sich an der Hand gefaßt und sortgezogen, er.hört die Tür, die geschlossen wird, und steht gleich darauf in einem Zimmer, nicht größer, als die zwei winzigen Fenster versprachen. Wohmaum und Küche, Schlafzimmer und Bibliothek, Speisesaal, Vorratskammer, alles ist da und zeigt sein besonderes Gesicht. Ein Ofen, rechts und links davor Töpfe und Teller auf einem schmalen Wandbrett, zwei hochgetürmte Betten mit roten Decken überzogen, ein weißgedeckter Tisch, aus dem zwei Kerzen stehen, ein geschlossener Schrank, der einige bunte Gläser, eine schwertickende Uhr und einen Stoß Bücher trägt, und um den Tisch drei harte Holzsessel. Aus der rechten Ecke schaut hinter einem fadenscheinigen Vorhang ein voller nnd ein halbleerer Sack hervor, mehlüberstäubt. Ter Gast überschaut das Zimmer,' er will auch seine Gäste ins Auge fassen, doch ehe er sich urndrehen kann, hört er wieder die Türe gehen, und sieht das Mädchen und den Kleinen durchs Fenster winken und aus die Straße eilen, wo sic eifrig nach allen Seiten spähen. Verwundert, halb erschrocken, steht er ein Weilchen ratlos, dann greift er hastig noch einem der Bücher, öffnet es, atmet befreit auf und küßt es andächtig: „Gottlob, ein --iderl!" Er legt das Gebetbuch auf seinen Platz zuriick, setzt sich aus einen Sessel und beginnt, während er nach den beiden, die aus der Straße warten, blickt, eine merkwürdige Ueberlegung: „In einem jüdischen Haus bin ich . . . das feh' ich: es ist eine Mesuse an der Tür, ein Siderl am Schrank, Sabbathkerzen stehen am Tisch . . . folglich wohnen hier Juden! Kinder Hab' ich gesehen. Und wo Kinder sind, gibts Vater und Mutter. Wo ist nun aber die Mutter? . . . Eine jüdische Frau ist am Freitag nachmittag daheim, kocht, räumt aus und wartet aus den Mann. Hier ist aber keine Frau im Haus, das merkt man .? . Möcht' das Mädel sonst am Zaun stehen und einen Fremden ausnchmen, ohne zu fragen? Folglich gibt es hier keine Mutter, wahrscheinlich gestorben, tot . . . ." (Fortsetzung folgt.) (Schatzgräber im Tempel Davids.) Weitere, etwas märchenhaft klingende Mitteilungen über die bekannten Grabungen des finnländischen Gelehrten Tr. Juvelius im Felsendom zu Jerusalem in der Omarmoschee veröffentlicht jetzt Prof. Tr. Goeßmann, der Lehrer der alttestamentlichen Wissenschaft an der Berliner Universität, auf Grund authentischer Berichte. Tr. Juvelius fand in der Bibel „geheimnisvolle" Angaben über ein Versteck von Schätzen, das in der Nähe der Wasserleitung des Tempels Tavid gelegen haben nlüsse. Es gelang ihm, ein Syndikat zu gewinnen, das den Schatz, vor allem die Bundeslade und die Krone Davids oder Salomos ausgraben wollte. Zwischen dieser Gesellschaft und der türkischen Regierung wurde ein einjähriger Vertrag geschlossen, wonach die Ausgrabungen auf der Insel Rhodos beginnen sollten. Das war zunächst ein Scheinvertrag, um die öffentliche Meinung irre zu führen; jedenfalls wurde das Abkommen im nächsten Jahre erneuert und auf Jerusalem ausgedehnt. Ter Finanz- Minister der Türkei, Tschavid Bei, interessierte sich besonders für die Pläne des Syndikats, an dessen Spitze Mr. Parker, ein Bruder Lord Moreleys, und ein reicher Amerikaner Mr. Wilson standen. Tie Grabungen hatten nur den Erfolg, daß die Wasser der Marienquelle eines Tages versiegten. Tür- __ Nr. W. Sette v burger Kongreß zwar unterlegen, nun aber so mächtig geworden ist, daß ihr der Sieg gehören wird, zumal Wolfsohn in der gestrigen Sitzung der deutschen Landsmannschaft deutlich erklärt hat, eine Wiederwahl in keinem Falle anzunehmen, tritt für eine Wahl des Präsidenten nur durch das E. A. C. ein, da sie einen geeigneten Gegenkandidaten, dem die Wahl ohne Kampf zufallen würde, nicht aufzustellen vermag. Auch wird in dem kollegialen Verhältnis der Mitglieder des E. A. C. zu dem von i h m gewählten Präsidenten eine Förderung einheitlicher Arbeit, die der gesamten Organisation zu statten käme, erblickt. Allerdings würde durch den neuen Wahlmodus die Leitung viel von ihrem repräsentativen Charakter verlieren, den der durch den ganzen Kongreß gewählte Präsident vor dem von einer kleinen Gemeinschaft Auserlesenen voraus hat. Die Partei der Misrachisten wird jedenfalls nicht ohne heftigen Kamps sich in diese neue Bestimmung fügen, die bedeutende Aussichten auf Erfolg hat. Als „Föderation" hatte nämlich bisher die Misrachi in der Präsidentenfrage einen gewtffen Einfluß auf den Kongreßihn wird er nicht preisgeben wollen, um die ganze in der Führerwahl enthaltene Macht dem E. A. C. zu überweisen, in welchem der Misrachi wohl kaum eine Vertretung besitzen wird. Wird der zehnte Zioniften-Kongreß zum Kulturproblem, in welchem sich die gesetzestteuen Zionisten von den reinen Nationalisten scheiden, Stellung nehmen? Ob diese Frage, die für das Weiterverbletben des Misrachi in der zionistischen Organisation eine so hervorragende Rolle spielt, schon jetzt eine die Situation klärende Wendung nehmen wird, muß die nächste Zukunft entscheiden. 1 $ Aaset, 9. August. Das Bild in und um das Kasino flicht im wesentlichen von dem der früheren Kongresse wenig ab. Es wird viel Hebräisch gesprochen, in west ländischer und sephardischer Aussprache. Die Zahl der russischen Rabbiner ist minimal. Doch ragt hier und da aus den bunten Reihen der barhäuptigen Herren und in hellen, luftigen Gewändern prangenden Damen, die gelbe Zobelmütze eines galizischen Rabbiners, das Samtkäppchen eines russischen Rabbi und auch der rote Fez eines Orientalen hervor. Die Delegierten sind nicht so zahlreich gekommen wie sonst. Dagegen ist der Andrang der Teilnehmer, oder richtiger der Zuschauer aus der Schweiz und Deutschland ganz enorm. Unter den Mit- - gliedern der verschiedenen Fraktionen und Gruppen herrscht Kampfstimmung. Die Frage der Leitung, Kulturfrage, Misrachi, kische Soldaten, die von dem Gouverneur Jerusalems gestellt wurden, hielten Einheimische und Fremde fern, sodaß niemand Genaueres erfahren konnte. Auch bei den Snbstruktionen des Tempelplatzes, den sogenannten Ställen Salomos, soll man Stollen in den Berg getrieben haben, und es ist wohl möglich, daß hier allerlei Tonkrüge, Lampen und ähnliche Töpferwaren gesunden wurden, aber der Schatz ward nicht gehoben. Schließlich erhielten die Schatzgräber in der Osterwoche 1911 von Tenef, dem Scheiche des Felsendoms, der sogenannten Omarmoschee, nach reichlichem Backschich die Erlaubnis, in den Geisterbrunnen hinabzustcigen. Unter dem heiligen Felsen liegt eine allen zugängliche Höhle, am Boden ist eine Marmorplatte angebracht, die die Oeffnung des „Geisterbrunnens" verdeckt und die, mit dem Fuß gestoßen, einen hohlen Klang gibt. Unter der Höhle muß sich demnach ein hohler Raum befinden. Jedenfalls steht dieser „Geisterbrunnen" mit dem unterirdischen Kanalsystcm in Verbindung, das den ganzen Tempelplatz umzieht und bereits durchforscht ist. Es ist daher kaum anzünehmen, daß die Schatzgräber irgend etwas außer Tonscherben gefundeu haben. Tie drei mysteriösen Säcke, mit denen sie bei Tagesanbruch den Extrazug nach Jaffa bestiegen haben sollen, können kaum 'mehr als die Arbeitsgeräte enthalten haben. Erfolg: Scheich Tenef sitzt iin Gefängnis und wartet darauf, geköpft zu werden, was er schwerlich verdient hat. Das viele Geld, mit dem die Beamten vom Gouverneur bis zum Soldaten bestochen worden sind, ist für eine phantastische Idee weggeworfen worden. Ter Dilettantismus der Schatzgräber, die öas religiöse Empfinden der Araber beleidigt und dem Fanatisnius neue Nahrung zusührt, wird aus Jahre und vielleicht Jahrzehnte hinaus jede wissenschaftliche Grabung am Tempelplatz unmöglich .machen. i