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Der Israelit · 1911-08-10 · Heft 32 (10.8.1911) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 32 (10.8.1911)
Date
1911-08-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4 Nr. 32 Kennt er vielleicht jüdisve Schiffahrtsgesellschaften, um das Jntercffe zu erklären» oaS die Juden angeblich an dem Ausbruche dieses Boykotts haben könnten? Weiß er ntLt, daß die Juden von Galontcht zum größten Teile Kaufleute sind, die, wett entfernt, Unruhen zu stiften, schon ihres Handels wegen den Wunsch hegen, daß im Lande Ruhe herrsche? Wir wiederholen: Wir können unmöglich die geschworenen Feinde Israels bekehren und wenn wir uns die-mal die Muhe nahmen, ihre tendenziösen Ausstreuungen zu beleuchten, so taten wir dies zur Steuer der Wahrheit und Ge echtigteit und dann mit Rücksicht auf den guten Ruf und Bedeutung Ihres Organes." Mutet es nicht höchst komisch an, es immer und immer wieder betonen zu müffen, -aß der Jude allüberall als Element der Ruhe und des eFriedens lebt und wirkt, wo i h m die Ruhe des ebens und die Möglichkeit, ein menschenwürdiges Dasein zu fristen gegönnt wird? Aber unnötig find solche Erklärungen dennoch nicht, solange auch Zeitungen wie die „Times" sich zur Kolportage solch gefährlicher antisemitischer Phantasiegebiide hergeben. kein kmlgrmionskongreß. Wie bereits mitgeteilt, ist der in Wien geplante Emigrationskongreß aus unbestimmte Zeit v erschoben worden. Wie man jetzt von gut ein geweihter Seite bekannt gibt, ist dieser plötzliche Wandel der Dinge auf ein Eingreifen Mr. Jakob Schis f's zurückzuführen, der erklärte, die Abhaltung eines Jmmigrationskongresses im gegenwärtigen Zeitpunkte würde eine schwere Gefahr für die amerikanisch-jüdische Immigration bedeuten. Die vor kurzem in Petersburg abgehaltene Emigrationskonferenz hat eine Abordnung an die großen jüdischen Organisationen in Westeuropa entsandt, um sie für den Plan des Emigrationskongresses günstig zu stimmen und zur Beschickung der Wiener Versammlung zu veranlassen. Dlese Abordnung besuchte auch Mr. Schiff in Frankfurt a. M. Herr Schiff erklärte den Herren jedoch, daß nach seiner Kenntnis der Sachlage ein internationaler Emigrationskongreß wie der jetzt geplante die Verschärfung der Einwanderungsbedingungen in den Vereinigten Staaten zur Folge hätte, also gerade das Gegenteil von dem erreichen würde, was seine Veranstalter beabsichtigen. Diese Erklärung des Herrn Schiff hat auf das Wiener Organisationskomitee einen solchen Eindruck gemacht, daß es die Verschiebung des Kongresses beschloß. Es wird auch versichert, daß die Idee des Emigrationskongreffes überhaupt fallen gelassen fei, und daß an Stelle des Kongresses im nächsten Jahre eine geschlossene Konferenz in kleinerem Maßstabe ■t- Aleiner Feuilleton. I Der Zabbatbgast. Bon Oskar Stein. Lachend steht das Mädchen am grünumsponnenen Zaun. Ihre Augen haben die tausend Sonnenstrahlen des langen Sommertages eingefangen und glänzen und leuchten wie die Tautropfen einer morgendlichen Wiese. Ten kleinen, schwarzumrahmten Kopf b.ugt sie weit vor und hält in den schmalen Fingern ein Tuch, das zur baumlosen, weißstaubigen Straße hinüb.'r-- flattert, aus der mit Hüh und Hott ein barfüßiges Bürschchen seine störrische Ziege vorwärtszutreiben sucht. Ein hochbepackter Wagen, mit vier Pferden bespannt, rollt heran, dem Bürschchen wird angst und bange um das unverständige Tier, das ruhig den Kopf senkt und mit seinen gespreizten Beinen keinem Schmeichelwort, keinen! Trohruf und keinen! Stoßen und Zerren weicht. Der Kutscher aus. dem Bock zieht die Zügel an und schwingt die Peitsche, aus den Fenstern des Wagens beugen sich die Reisenden vor und winken und rufen, das Mädchen lacht hell, klingend wie ein Glöcklein, und nur das hartköpfige Tier steht still und ahnungslos auf seinem Fleck. Schon steigt der bärtige Kutscher brummend von seinem hohen Sitze hinunter, schon öffnet einer der Reisenden die Wagentür, um dem Hindernis auf die Beine zu helfen, da erhebt sich aus dem Straßengraben ein Mann, steht mit zwei langen Schritten _Der Israelit._ ' abgehalten werden soll, an der sich dann auch die JCA und der Hilfsverein der Deutschen Juden beteiligen dürften. Was hier im Namen Schiffs gesagt und offiziös in die Presse lanziert wird, haben wir wiederholt an dieser und an leitender Stelle ausgesprochen. Gleich beim ersten Auftauchen des Kongreßgedankens wiesen wir aus die völlige Nutzlosigkeit eines solchen Kongresses hin und auf die Gefahren, die unter den obwaltenden Umständen von einer solchen öffentlichen Schaustellung des Emigrantenelends der Sache der Emigration drohen; daß ein auf dem Gebiete der jüdischen Philantropie so kundiger Mann wie Jakob Schiff der gleichen Ansicht ist, vermag uns nicht im geringsten zu verwundern. Schade nur um die Zeit und Mühe, die hier an eine von vorne herein verlorenen Sache verwendet wurde. Wichtiger noch als dieser negative Ausgang der Kongreßbestrebungen erscheint uns die Versicherung, daß an Stelle des Kongresses eine geschlossene Konferenz unter Beteiligung aller großen Organ isationen stattfinden soll. Von dieser geschloffenen stillen Arbeit darf man sich recht viel Ersprießliches für die brennende Frage der Auswanderung versprechen und man darf hoffen, daß sie möglichst bald in die Hand genommen wird. orrespondenzen und Nachrichten. Reoifion 3es Juöenaefefees von 1847? Rettin, den 6. August. Bon informierter Seite wird uns geschrieben: Im preußischen Kultusministerium ist man zur Zeit mit vorbereitenden Feststellungen wegen einer Revision des Judengesetzes von 1847 beschäftigt. Es handelt sich dabei nicht etwa um Schaffung eines einheitlichen preußischen OrganisationsgelteBen der Ziege, saßt sie mit beiden Händen unter und trägt sie auf der Schulter zur Seite. Ter Knabe hängt sich an seine Nockschöße und schaut ängstlich zu dem Unbekannten auf, der sich seiner Ziege bemächtigt hat. Mit lautem Zuruf setzt sich der Wagen wieder in Bewegung, die Pferde traben langsam dem Torfe zu, während der Mann aus dem Straßengraben seine leichte Last nicderstellt und dem Knaben den Strick reicht, an dem er die Ziege geführt hat. Das Mädcheulaclien ist verstummt. Tann schaut der Fremde dem Kleinen aufruerksam in die Augen. Etwas läßt ihn zögern, bevor er ihn fragt: „Tu wohnst hier?" Ter Junge nickt. „Im Torfe drin?" „Nein." „Tann wohnst Du drüben im weißen Schulhanse?" Gleichgültiger klingt die Frage und wie enttäuscht wendet sich der Fremdling zum Gehen. Und wieder schüttelt der Junge den Kops: „Nein, nicht in der Schule." „Wo denn?" Er blickt verwundert umher: da findet er hinter dein Zaune, an dem das Mädchen stand, ein niedriges Häuschen. ^Windschief daö Tack' und grauschwarz das Stroh, das es deckt, zivei winzige Fenster mit hängenden Fensterläden, graue Mauern mit abbröckelndem Mörtel und seitwärts eine ungestrichene, weiße Holztür, das einzige Neue, fast abstoßend Blanke an dem verwitterten, reg-nveNvaschcnen und sturrngerüttelten Häuschen. Ringsum wächst wild eine Heck:, ein abgeblühter Hollunderstrauch streift mit schwarzen Tvlden das Tach und ein grüner, spärlicher Rasen kriecht über den Boden. Keinen Steinwurf vom Dorf entfernt, liegt es doch einsam und seltsam fremd an der Straße, wie ein müder Wandervogel, der den Genossen nicht 10. August 1911. setzes, über dessen Grundlagen angesichts der tiefgehenden religiösen Gegensätze innerhalb der preußischen Judenheit doch keine Verständigung zu erzielen wäre, sondern um eine vom Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde beantragte Abänderung der §§ 37 ff. des Judengesetzes. Diese Paragraphen bestimmen bekanntlich, daß die Zahl der Vorsteher einer Synagogengemeinde sieben nicht überschreiten darf, und daß sämtliche Vorsteher ihr Amt ehrenamtlich verwalten müffen. — Beide Bestimmungen haben in einem Gemeinwesen wie Berlin zu unerträglichen Zuständen geführt, und der Vorstand ist unter Darlegung dieser Verhältnisse wegen Aenderung des Gesetzes in dem Sinne vorstellig geworden, daß die Zahl der Vorsteher von Großgemeinden bedeutend vermehrt und auch die Möglichkeit gegeben werde, Stellungen ähnlich denen der besoldeten Stadträte in den Magistraten der Städte zu schaffen. Das Kultusministerium hat hieraus die Regierungspräsidenten beauftragt, festzustellen, ob solche oder ähnliche Bedürfnisse auch in anderen preußischen Synagogengemeinden hervorgetreten sind, um etwaigen ähnlichen Wünschen bei Schaffung einer Novelle zum Judengesetze von 1647 gleich Rechnung zu tragen. Man wird wohl darauf hoffen können, daß irgendwelche Aenderungen, die zu einem Gewissenszwange oder zu einer Vergewaltigung der religiösen Kreise des preußischen Judentums führen können, bei der beabsichtigten Revision grundsätzlich ausgeschlossen bleiben. Werti», 6. August. Das von der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" vorbereitete kommerzielle Bodenkauf- und Agrar-Kredit-Jnstttut ist soeben unter dem Namen „The Orient Colonising Company, Limited" gemäß dem Gesetz über die Kompagnien (Consolidation Act 1908) in das Register der englischen Kompagnien eingetragen worden. Das Nominalkapital der O.-C.-C. beträgt L. 50.000; der statutengemäß zur Konstituierung der Gesellschaft erforderliche Teil des Kapitals ist gezeichnet. Der Verwaltungsrat wird sich aus Mitgliedern der Zentrale und des Londoner Komitees der AJKO sowie aus Vertretern von Landerwerbsgruppen, die mit der O.-C.-C. zu koopieren gedenken, zusammensetzen. Die Orient Colonising Company, Ltd. wird sich ausschließlich im Orient (Türkei und Nordägypten) betätigen. Das eingetragene Bureau der O.-C.-C. befindet sich in London, City 119, London Wall. nachkam und in einem längstvcrwichenen Herbste den Weg nach Süden nicht mehr fand, bis er zurückblieb und abseits sein Nest baut'., um sehnsüchtig nach dem unerreichbaren Ziele auszuschauen. . . . Kein Schild, kein Zeichen der Bewohner ist an dem Häuschen zu sehen; kein umgeworsener Pflug, der sonst überall im Torf an der Mauer lehnt, keine Scheuer, die mit weitosfenen Toren die Früchte harter Arbeit erwartet, kein Statt, in dem das Vieh lärmt und schreit; auch die biknmelnde Glocke des Kaufmanns tönt hier nicht. Es ist still und verlassen, fremd, seltsam fremd ‘ Ä- Ter Wanderer späht lange hinüber. Schüchtern hat sich das Bürschchen von ihm losgemacht und trippelt mit der Ziege, die nun willig vorwärtsgeht, dem Häuschen zu. Ta steht plötzlich wieder der Unbekannte vor ihm, beugt sich nieder und fragt leise: „Ist dies — das — das Judenhaus?" Ter Junge erschrickt, hobt den Kopf, senkt ihn rasch und läuft davon, die Ziege hinter sich hcrziehend. Bald ist er hinter dem grünen Zaune und in dem einsamen Häuschen verschwunden. Auch den Fremdling sagt das langverzögerte Wort über die Straße, zurück an die Stelle, wo er vorher im Graben gelegen war, er nimmt sein .mageres Bündel aus und den derben Knotenstock und eilt dem Knaben nach. Gerade aufgerichtet pocht er an die helle Tür und schaut nach dem kleinen Fenster, hinter dem« ein schwarzer Mädchenkopf vorüberhuscht., Tann hört er das Kreischen eines Riegels, ein zurückschnappendes Schloß, einen leisen Seufzer, eine flüsternde, ängstliche Kinderstimme, bis plötzlich die Tür vor ihm aufgerissen wird, daß er über die Schwelle in einen dunklen, rotziegeligen Vorraum hineinstolpert. Ein starker, voller Mädchenarm hält ihn auf, während eine feste, hohe Stimme ihn nach seinem Begehr fragt. Er lüftet den Hut,

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