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Der Israelit · 1911-08-10 · Heft 32 (10.8.1911) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 32 (10.8.1911)
Date
1911-08-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Der JSraütt N». 3S. Seite S 10. August ISN breit machten. Wir sehen die jüdische Bevölkerung noch bis 1870 überall in deutschen Landen absolnt und prozentual wachsen. Von da ab sinkt sie in ihrem Verhältnis zur Entwicklung der Gesamtbevölkerung rapid, also vom Jahre an, da sich durch den Zug nach den Städten aus Kosten der Kleingemeinden in den Westendvierteln der Großstädte die afsimilations - verseuchten Kulturghetti ausbildeten, da die Reform ihre ersten Früchte: Ignoranz, Jndifferentismus und Verflachung des jüdischen Lebens, oder, wie Kohlen mit Recht sagt, die Verblassung der religiösen Vorstellungen, zu zeitigen begann. Zur Zeit, da sich die Juden Deutschlands noch — wie es Wolf nennt — auf der Stufe der „religösen Kultur" befanden, bedurfte es gar nicht einer bewußten Bevölkerungspolitik, um die jüdische Volksvermehrung zu sicher,:. Das ganze einfache, anspruchslose von jüdischem Pflichtbewußtsein durchdrungene Leben war danach angetan, die Lebens- und Entwicklungsfähigkeit der Rasse gar nicht in Frage stellen zu laffen. „Denn sie (die Lehre) bedeutet dein Leben und die Länge deiner Tage" — das war eine der natürlichen Voraussetzungen der Religion für den Einzelneu wie für die Gesamtheit. Eine ganz natürliche Folge des Mizwohdaseins war auch für das Volk Wohlergehen und langes Leben „auf dem Boden, den ihm Gott gibt." „Als mit Beginn der siebziger Jahre," so sagt Rudolf Waffermann ganz richtig, „eine Abkehr von der strengen Norm ihrer Glaubensgemeinschast Platz greift, die ihnen gestattet, sich auch über das „Seid fruchtbar" ohne Gewissensbisse hinwegzusetzen, da beginnt bei derselben Bevölkerungsmaffe, die doch physiologisch die alten Vorausetzungen aufwies, nur desalb, weil der bisher gebundene, aber latent vorhandene soziale Faktor aus seiner Gebundenheit befreit wurde, auf einmal ein rapides Sinken der Geburten, so daß die Geburtenziffer der Juden in Preußen heute nur mehr 17 beträgt und damit geringer geworden ist als die berüchtigte Ziffer der Gesamtbevölkerung Frankreichs, wo sie schon auf 21,6 herabgesunken ist, während die Geburtenziffer der übrigen deutschen Bevölkerung nahezu doppelt so hoch ist." Noch deutlicher weist Wolf nach, „daß mit der fortschreitenden Emanzipation vom religiösen Gebote und der familären und gesellschaftlichen Tradition früherer Zeiten die früher in jüdischen Kreisen nie gekannte Anpassung der Kinderzahl an Einkommen nndBequemltchkeit des Haushaltes sich vollzieht." Und gerade bet den Auden bestätigt sich die Wahrheit einer bet anderer Gelegenheit gemachten Beobachtung Brentanos, daß nicht die Verbreitung der Enthaltsamkeit die letzte Vorbedingung der Besserung der Lage der unteren Klaffen, sondern umgekehrt immer erst die Hebung der wirtschaftliche Lage die Vorbedingung für die Verbreitung der Enthaltsamkeit in der Kindererzeugung ist. Mit anderen jüdischen Worten ausgedrückt: Solange die Juden treu zum Gesetze der Thora hielten, solange die Gotteslehre der Zentralpunkt jüdischen Denkens und Lebens war, solange die jüdische Weihe des Hauses und die Familientreue zu den ewigen, unveräußerlichen Werten des religiösen und Gemütslebens gehörten, konnte die jüdische Gemeinschaft, gesund an Körper und Seele, und von der großen jüdischen Hoffnung getragen, trotz aller Ungunst der äußeren Umstände einer gesunden Entwicklung entgegengehen,' der Niedergang beginnt im Momente, da sich der Jude von seinem Lebenselemente entfernt und nimmt immer bedenklichere Dimensionen an, je mehr er die Fühlung mit den Wurzeln seines Seins: dem Thoragedanken, verliert. Und da müßte man erst noch in großen wortreichen Abhandlungen nach den Quellen des Uebels forschen, nach dem Mittel zur Abhilfe suchen? Leuchtet die „Seele Israels" aus seiner Geschichte nicht genügend hervor und zeigt nicht gerade die Geschichte unseres Niederganges im Westen bis zur Evidenz, die Bedingungen unseres Daseins auf der Bühne der Weltgeschichte? Es gibt nur ein Mittel und einen Weg, der die die deutschen Juden vor dem Untergange zu retten vermag. Das erlösende Wort an dem nicht gedreht und gedeutelt werden darf, und das im allereinfachsten, allerjirdischsten Sinne aufgefaßt werden muß, heißt: Zurück zum Judentum! Ohne diese Rückkehr zur Thora hat das jüdische Volk seine geschichtliche Existenzberechtigung ein gebüßt und keine menschenkünstUche Politik, kein Charter und kein Zionistenkongreß wird es vor dem völkergeschtchtlichen Tode zu retten vermögen. Dem Weltengeist liegt nichts — das künden die Zahlen — an einem jüdischen Volke, das den alleinigen Grund setnesDaseins, die Erhaltung der Thora, im Ablauf der Jahrtausende zu verlassen und zu verleugnen sich anschickt. Sein Tod und sein Leben find in des jüdischen Volkes Han d gegeben : 0"ri3 mna). Aoch«mtn5scha«. Die „Clmes“ und die Saioniher Judenheif. Daß die Juten an allem Unheil, von dem die weite Wett einmal da, einmal dort betroffen wird, schuld seien, ist eines der festesten Dogmen des antisemitischen Katechismus. Bedauerlich ist es, daß selbst eine Zeitung von der Bedeutung der Londoner „Times" nicht immer den antisemitischeu Tratsch als solchen und als Mittel zur Aufstachelung mißtrauischer Gemüter gegen die Juden erkennt, vielmehr ihn wahllos übernimmt und in die Welt hinaussendet. So hat dieses Weltblatt neulich in einem längeren Arttkel die Behauptung aufgestellt, die Jntriguen der türkischen Juden seien daranschuld, daß diealbanesischeFrage so drohendeFormen angenommen habe. In den betreffenden Arttkeln werden sogar die Namen derjenigen jüdischen Polittker genannt, die angeblich die Haupthetzer gegen die Albanesen sind. Gegenüber diesen Behauptungen sandte der Präsident der Saloniker Judengemeinde der Londoner „Times" eine Richtigstellung, in welcher er gegen diesen Versuch, unter den einzelnen Nationalitäten in der Türkei Zwietracht zu säen, Stellung nimmt, die Behauptungen der Korrespondenten der genannter Blätter als Phantastegebilde hinstellt und dann erklärt- „Wäre es nicht die elementarste Anstand spfltcht Ihrer Korrespondenten gewesen, diese schwerwiegenden Behauptungen, ehe ste ausgesprochen wurden, auch auf ihre Wahrheit zu prüfen? Hätten sie anstatt die Behauptung in die Welt zu streuen, daß die Staatsmänner und Ttplomaten sich bereits im Geheimen über die Beeinflussung der türkischen Pottttk beklagen, sich vorfichtshalber an ihre Konsulate in Saiontcht oder an ihre Gesandtschaften in Konstavtinopel gewandt, so wäre es ihnen erspart geblieben, heute unter denjenigen zu rangieren, die die Pogromunterstütze« oder entschuldigen. ES heißt aber in der Wüste pr-digen, will man solchen Gegnern mtt Vernunft bekommen, die den Juden die MaffakreS von Adanam, die Unter* drückung deS bulgarischen Aufstandes, die gegeick wärttgen Zustände in Albanien und die Bohkot? tterung griechischer Waren in die Schuhe schirbez wollen. Wir protestieren indigniert geaen diese verleumde rischen Zumutungen, dieunseren Glaubens* brübern gemacht worden und wir fordern Herrn SyriottS auf, nachzuwetfen, to'efo dieser Boykott für die Juden in Salontcht Profit bringen wirb. in Nachbildungen gerade dieie Bitten ausgemerzt, welche die an JSrael und seiner Gesalbten geknüpften höchsten Zukunftshoffnungen der Menschheit zum Gegenstand haben. Man hat diese Btt en als unvereinbar verdächtigt mit unseren Bürgerpflichten und den Gefühlen der Anhänglichkeit für unser jeweiliges Vaterland. Und doch stehen die Wünsche und Hoffnungen, welchen unsere Gebete Äusöruck geben, unserem Patriotismus und den Pflichten unseres sozialen und politischen Lebens nicht nur nicht hinderlich im Wege, ste find im Gegenteil ihre herrlichste Ergänzung und Vollendung. Unser Gebetbuch enthält nicht nur ausdrückliche Gebete für daS Wohl deS Vaterlandes und der Fürsten, sondern diese Gebete klingen in den Wunsch auS, daß unsere Fürsten die Rettung JudaS und die endliche ruhige Entfaltung' Israels erleben und das Erscheinen deS Erlösers in Zijon mttfetein mkgrn. Diese Rücksichtnahme auf die hohen, geistigen Güter JSraelS und der Menschheit bekundet sich auch in der äußeren Anlage unseres Gebetbuches. ES enthält verhallnd mäßig nur wenige eigentliche Gebete, sondern fast ausschließlich Gesänge, Hymnen, P atmen, Preis- und Loblieder zur Verherrlichung Gottes und seines Walters. {■HÖH ’pIDB Gesangspiccen bilden fast den ausschließlichen Inhalt d S Gebetbuchs von Anfang biS zum eigentlichen Gebete. Dieser Charakter ist dem Abendgebete, dem Sabbatu d dem.Feiertaggebete in noch höherem Grade eigen. Der tatsächliche Mangel an eigentlichen Bittgebeten hat sogar zur Notwendigkeit der Abfassung von besonderen Techlnot und Sellchoth geführt, die eine selbständige, vom eigentlichen Gebetbuch unabhängige Literatur bilden. Ein anderer eigenartiger Borzug unsere- Gebetbuchs ist die heiltge Sprache den Thora, in weicher es zu uns spricht. Auch dieser Vorzug wird heute vielfach nicht als solcher erkannt, sondern sogar geradelt. Die heittge Sprache sei uns fremd geworden, wir müßten in der uns geläufigen Landessprache, aber nicht in einer nur den Fachgelehrten verständlichen Sprache leben. Und doch ist die Sprache der heiligen Schrift, welche unsere Gebete selber zum Rang einer keiligen Schrift erheben. Ste ist das letzte, das ein Volk verliert, und daS erste, wodurch jedes Kind mit seinem frühesten Lallen in den Kreis der Gesamtheit fich einfügt. Daß ste viele nicht verstehen, ist gewiß bedauerlich. Aber dann Ware eS Pflicht, sie zu erlernen, wie wir auch sonst Sprachen lernen, deren praktischer Wert oft viel fragwürdiger ist. Wie heute die Dinge liegen, knüpft sich für die große Menge der Zerstreuten Israels die Notwendtgkeit, die heilige Sprache zu üben und ste zu erhalten, gerade an da« Gebetbuch und sein Verständnis. Aus ihm die heilige Sprache aus nichtigen Gründen der Beymmlichkett und LebenSgemächlichkeit verdrängen, heißt mit frevelnder Hand daS geistige Band lösen, daS unS zusammenhält. DaS hat sich in allen Phasen der Gesch.chte biS in unsere Zeit hinein erwiesen. Mit der heiligen Sprache wurde die Welt erschaffen, ste war zwei Jahrtamenbe die Sprache der Menschheit. Die Trübung und Gefährdung der heiligen Sprache zur Zeit des babylonischen Exils, war ja die eigentliche Beranlaffung zur Abfassung eines hebräischen Gebetbuchs. (Jad Hachafaka, Htlchoth Tefilla 1, 4.) Wie sollten wir deute, wo die Entwicklung der heiligen Sprache noch größere Dimenstonen angenommen hat, ste auS der einzigen Zufluchtsstätte weisen, die sie in unseren Gebeten gefunden har! Wo man einen solchen Eingriff gewagt hat, war Zersplitterung und Trennung die sofortige Felge in den jüdischen Gemeinden Nicht beseitigen, lernen, üben und pflegen müßten wir die heilige Sprache unserer Gebete, wenn wir mau bas ohnehin so gelockerte uns umschlingende geistige Band noch mehr gefährden wollen. Die Sprache unserer Gebete ist eine so reine, schlichte, daß sie ohne besondere Schwierigkeit erlernt werden kann Unsere Gebete sollten nicht nur in den Schulen mechanisch übersetzt, sondern auch den Erwachsenen durch Borträge, Erläuterung und Belehrung jeder Art in viel vel größerem Maß stabe allg mein zugänglich gemacht werden, als es tatsächlich geschieht. Auf diesem Wege würbe unseren Gr beten wieder die verdiente Würdigung und Beachtung werden, deren Mangel fich heute so vielfach schwer lich geltend wacht. Dieser Weg müßte dazu führen, die Wethelostgkett und AndachtSlostgkett zu bannen, die dem Gebet vielfach auch in solchen Kreisen entgegengebracht wird, die durch ihre sonstige gewtffenhaste Lebensführung doppeltes Bestemden erregen, wenn ste eS hier an dem nötigen Ernst und der erforderlichen Würde fehlen laffen. Je schwerer eS füllt, die Neigungen unseres Herzens dem Willen GotteS mtt freudiger Beretlwtlltgkeir vmerzuordncn, um so begeisterter müssen wir nach dem Mittel greife«, daS uns tm Gebet für diesen Gottesdienst des Herzens gereicht wird. Er ist nicht daS, was man heutzutage schlechthin „Gottesdienst" nennt, der zu einer best mmten Stunde beginnt und schließt. Er verbreitet fich durch daS ganze Leven, verklärt unser Tun und Lassen, adelt unser Rcden und Schweigen, er tst die Unter rdnung unseres menschlichen Wallens unter den Willen GotteS. Er ist die Erfüllung jener Mahnung, daß wir dasjenige woll n, was Gott will, und auf dasjenige heiter verzichten, was gegen Seinen Willen ist. wans -pin ot *13 lains wan nvw unm pan ^>v2'v ns taian -a&a -pin!?vs ••plan '3Bö

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