Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1911)
- Date
- 1911-08-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Bette 8. 9tt. 38 vermehrt haben. Denn der Ueberschuß der Geburten über die Sterblichkeit ist auch in Preußen, wo die Sache noch etwas günstiger liegt, als in den anderen Staaten, nicht imstande, die Verluste durch Taufe, Austritt, Vermischung, Auswanderung u. s. w. zu decken. Der jüdische Geburtenüberschuh in Preußen, der von 1877 bis 1880 noch 24,865 betrug, erreichte nach Segall 1900/05 nur noch die Zahl 10,060. Da kann einem schon angst und bange werden, wenn man damit die jüdischen Verluste schon durch die Taufe allein, soweit sie in der höchst mangelhaften Taufstatistik festgehalten sind, vergleicht. In Berlin allein sind, nach dem Ausweise der Gemeinderegister, in den 3 Jahren von 1905 bis 1908 648 Juden aus dem Judentum ausgeschieden. In den 4 Jahren von 1904 bis 1908 schlossen in Preußen 3297 Juden Mischehen. (In den siebziger Jahren kamen auf 4 Jahre etwa 200 Mischehen.) In gleich steigender Tendenz befindet sich die Mischehe im ganzen Reiche. Bei der Wertung der jüdischen Kraft und Zukunftsmöglichkeiten darf überdies auch die von Wassermann nachgewiesene starke Zunahme der Geisteskrankheit und der Selb st mode unter den Juden nicht übersehen werden. Wir haben, ohne auf Einzelheiten an dieser Stelle einzugehen, nach den Aufstellungen Z o l lschans, Wassermanns, Theilhabers n. s.w. ein gedrängtes Bild der Verhältnisse im deutschen Judentum entworfen, der die zukunftsarme Lage, die ganze Hoffnungslosigkeit der Situation zeigen soll, aus der heraus heute all die düsteren Trauerreden über das sterbende Judentum geboren sind. Es wäre ein mäßiges Unterfangen, die Sprache dieser Zahlen abschwächen zu wollen. Sie ist zu laut und zu eindringlich, um durch theoretische Expektorationen nach dieser oder jener Richtung übertönt zu werden. Es verlohnt sich aber, mit einigen Worten etwas tiefer auf den Grund dieser trüben Erscheinungen einzugehen. Umsomehr als Zollschan wie Teilhaber sich doch weit mehr mit den ins Auge fallenden Giftpflanzen befaffen, als mit den Sümpfen, aus denen sie naturnotwendig erwachsen sind. Noch weit weniger vermögen die von ihnen empfohlenen Mittel zur Trockenlegung dieser gefahrbergenden Giftquellen zu beftiedigen und zum Ziele zu führen. Bleiben wir bei letzterem Punkte, bei den Rettungsmitteln ein wenig stehen und fangen wir gleich mit den Radikaleren an, die, vor den Verhältnissen kapitulierend, bis zur letzten Konsequenz gehen. Rathenau befürwortet in seinem berüchtigten „Höre Israel" den Uebergang der Juden zum Christentum aus „ethischen" Momenten, well er, dem Judentum fremd und fernstehend, Oer J-raeltt die „höhere Ethik" der Evangelien (S. I. Hurwitz, Brenner sind auf anderen Wegen dieser Erleuchtung teilhaftig geworden)entdeckt hat. Fromer drängt „der Mangel an ästhetischen Werten" im Judentum zur bedingungslosen Assimilation. Mehr von wirtschaftlichen Gesichtspunkten geht Benediktus Levita aus, der wenigstens in Vermeidung alles ethischen und ästhetischen Gefühs aus rein egoistischen Gründen der Kindertaufe das Wort redet, während sich Köhler mit der Unvoretngenommenheit, aber auch kalten Verständnislosigkeit des Außenstehenden auf den Boden der Tatsachen stellt und nicht einsehen kann, was die rein formale Vereinigung der liberalen, jenseits der religiösenVorstellungen und Pflichten ihres Glaubens lebenden Juden mit den ebenso fretgesinnten Christen noch verhindern und verzögern sollte. Soweit gehen nun unsere Statistiker und volkswirtschaftlichen Forscher nicht. Tcheilhaber möchte als Arzt in seinem Schlußworte, mit dem er sein Zahlengebäude krönt, dem Kranken nicht alle Hoffnung nehmen. Und doch ist er in großer Verlegenheit um einen Weg zur Hilfe und Gesundung. Nur eine „großzügige jüdische Politik" — sehr im Gegensätze zu Zollschan, der von seinen Zahlen direkt auf den Boden des Baseler Programms gedrängt wird, sagt Teilhaber nicht, welcher Art diesePolitik sein soll, und begnügt sich in der Hauptsache damit, die Kleinpolitik aller bestehenden Verbände zu verwerfen — könne seiner Meinung nach helfen, vnn der er aber weiß, daß sie heute keinen Boden im westlichen Judentum hat. Dann kommen die von Frankreich aus wohl bekannten Vorschläge zur Betreibung einer vernünftigen Geburtenpolittk, als da sind: erhöhte Junggesellensteuer, Verminderung der politischen Rechte der Kinderlosen, Prämien auf Kindersegen und so fort mit Grazie.- Man wird wenn man das liest, ganz unwillkürlich an das Prophetenwort erinnert: „Mich haben sie verlassen, die Quelle des lebendigen Wassers, um .sich künstliche Gruben zu graben, zerbrochene Gruben, die das Wasser nicht halten." Hier handelt es sich keinesfalls bloß um ein fahrlässiges Uebersehen der einzigen Letensquelle des jüdischen Volkes, die auch in dieser traurigen Situation Heilung und völlige Gesundung verspricht, sondern um ein geflissentliches Ignorieren, eine Verkennung der Wurzel, aus der das jüdische Volk Kraft und Wachstum schöpft, und mit der es eben nicht'ungestraft die Fühlung verlieren kann. Theilhaber selbst streift die religiöse Frage, allein er meint, „die jüdische Märlyrerfreudigkeit zeitigt w'nig positive Werte«' _10. «UM 1911 und meint weiter, daß selbst die Kreise, die für die Erhaltung des Jüdischen stets zu haben sind, kaum der Aufforderung, durch die Aufzucht vieler Kinder zur Erhaltung der Raffe veizutragen werden Folge leisten. Nun, daß die jüdische Märlyrerfreudigkeit keine positive Werte zu schaffen vermag, überhaupt in den vielen Golusjahrhunderten nichts Eigenes und Selbständiges zu schaffen vermochte, scheint ein feststehendes Dogma dieser neuen jüdischen Geschichtsphilosophie zu sein. Ein Adept derselben, Dr. Daniel Pasmanik, hat sogar auf diesem gewiß sehr schwanken Grund ein 111 Seiten umfassendes Buch aufgebaut, in dem er zu Psychologie des Diasporajudentums, zur Ergründung der Seele Israels zunächst nochmals die Entdeckung macht, die seiner Ansicht nach bereits Jehuda Halevi als erster gemacht hat, daß „im alten Judentum Religion und Nationalität eng verknüpft war", um dann in allen Variationen — man bedenke 111 Seiten — und in wirkungsvollen dynamischpathetischen Steigerungen zu Verfügers, daß „seitdem das Judentum seine nationale Selbständigkeit und politische Freiheit verloren habe, seine Schaffenskraft zu erlahmen begann, bis sie auf den toten Punkt gelangte." Alles was das Judentum auf fremdem Boden hervorgkbracht hat, einschließlich des Talmud sei Epigonenwerk, das keine neuen selbständigen Werte bieten, keine neue Horizonte eröffne.*)- Doch lassen wir diesen merkwürdigen Seelenforscher Israels und wenden wir uns wieder unserem Thema zu. Wenn Teilhaber dessen überzeugt ist, daß selbst die positiven Elemente innerhalb der Judenheit wenig geneigt seien, bewußt und positiv zur Erhaltung der Rasse beizutragen, so lassen sich natürlich in Hinsicht auf das hier in Rede stehende, so fest in der ganzen Kultur verankerte Nebel keine zahlen- oder aktenmäßigen Gegenbeweise anführen. Wie sehr aber das nach Pasmanik so wenig wertschaffende epigonenhafte Diasporajudentum es noch bis an die Schwelle unseres Zeitalters verstanden hat, nicht nur die altheiiigen jüdischen Werte der Judenheit zu erhalten, sondern auch umgekehrt die Judenheit für ihreJdeale gesund undlebenssrisch und zukunftskräftig zu erhalten, dafür führen doch die von Theilhaber selbst angeführten Zahlen eine beredte und restlos überzeugende Sprache. Die Geburtabnahme setzt in dem Momente ein, da neue Ideen über die altjüdische Lebensanschauung und Lebensweise hinweg in die Judengasse eindrangen und sich dort §) „Die Seele Israels", Zur Psychologie des L.iasporcjadrntums von Dr. Pasmanik. Jüdischer Verlag &. m. H., Köln und Leivz'g. ver Sotteräievst Her sterre«. (Zum Wochenabschuitt.) In den Worten unseres Wochenabschnittes 0333*7 *733 Bott mit ganzem Herzen zu dienen, d. h' freudig bereit sein, auf die teuersten Neigungen und Wunsche unseres Herzens um der Liebe Gottes willen zu verzichten, sobald fie dem Willen Gottes widersprechen, erblickt bas erläuternde Wort der Weisen, die Mahnung zum Gottesdienste des Herzens. Dieser Kampf zwischen oem, woran das Menschenherz mit zahllose« Fäden hängt «id dem unbeugsamen göttlichen Willen ist ein unaossiger, der mit dem ersten erwachenden Bewußtsein beginnt und erst mit dem letzten Atemzug endet. Mitten in diesem Kampfe stehend, ist eS schwer, ist eS fast unmöglich die ruhige Klarheit und Beforlnenhett zu gewinnen, welche auch nur erforderlich ist, um den LebenSensschluß für daS Ausharren in diesem Kampfe zu fasten. Deshalb verlangt es dieser Gottesdienst des HerzenS, auS dem Getümmel beS Welt htnauszutreten und UNS zu Gott auS dem Leben zu flüchten, damit Sr uns den Mut und die Kraft gebe, diesen Kampf criolareich zu bestehen. Dieses Heraustrcten aus dem Leben, dieses HtnflÜchten zu Gott stt das Gebet: HTOP ('3, rwn) r6an ii nvix 'in 2^2 kvw- Dreimal täglich, wenn die Sonne steigt, wenn ste sich zum Untergänge neigt und wenn fie bereits untergegangen ist, ruft uns das Gebet aus dem Leben heraus hin vor unseren himmlischen Vater mit allem, woian das Heiz nur hängt, um alles, was wir söüchtern hoffen, alles, wofür wir bange zittern, unser Glück, unser Wey, unseren Jubel und unser Leid vor ihm äuszuhauchen. Da aber nicht jeder die Fähigkeit besttzt, sein Hoffen und Sehnen, sein Bangen und Fürchten in die rechte Form zu kteiden, haben die großen Regler unseres Pfltchlenlebens, alles, was das Menschcnherz bewegt, in Worte gefaßt: Das sind unsere Gebete, das ist unser Geberbuch. Seinen Mittelpunkt bildet die Anerkennung der Einheit GotteS z-VV N1LI2 und die Konsequenzen, zu welchen fie führt, wie fie in den entsprechenden Stellen der Thora — N'NI /Wn* — ausgesprochen find. Ihrem größten Teile nach find unsere Gebete den Psalmen entlehnt, während derjenige Teil, der eigentlich den Name« Gebet fükrt, von den Männern der großen Versammlung flD32 't£7JK herrührt, unter welchen stch die E.tte Israels und selbst Propheten befanden. Durch diese Bedeutung des Gebetbuchs begreift es sich, daß es nach der Thora und in Gemeinschaft mit ihr dasjenige Bano ist, welches die zerstreuten Glieder des Hauscs Israel wie nichts anderes sonst zu verbinden geeignet ist und in der Tat diese einigende Kraft, seit Jahrtausenden in glänzender Weise bewährt hat. In Zeiten, wie die gegenwärrrgen, macht stch diese verbrüdernde Kraft unseres Gebetbuchs vielleicht noch nachhal iger bkmerkltch als diejenige der Thora selbst. Die Thora, unsere Lebensseele, ist aus dem BolkSkörper so vielfach gewichen, daß fie leider vielen fern und fremd geworden ist. Aber das Gebet alS allgemet eS, tägliches Bedürfnis macht fich auch bet denen geltend, die der Thora entfremdet worden find. Dazu tragen die tnnerrn, eigenartigen Vorzüge des Gebetbuchs noch ungemein bei, es jedem teuer und heilig / erscheinen zu lasten. Sein v rhältmSmaßig kleiner Umfang enthäit in grdrän. ter Kürze alles, waS ein Mensch vernünftiger Weise wünschen kann. Während die modernen Nachahmungen der alten Tefillo mit vielen Worten wenig sagen, ist hier daS Umgekehrte der Fall. Die Bitte um irdische, zeitliche Güter nehmen nur einen, kleinen Raum ein. Sie bedürfen nicht in so hervorragender Weise des Gebet-s. Gott, welcher das Leben gibt, gewährt auch die Mittel für seine Erhaltung. Es wäre auch kleinlich, über den Bitten um vergängliches Gut die höchsten geistigen Anliegen zu vergessen oder doch zu vernachlässtgen. Die ersteren streift unser Gebetbuch nur, die letzteren find se.n eigentlicher Gegenstand. Wenn es von diesen spricht, erglübt es in flammender Begeisterung und ist unerschöpflich in Bezeichnungen, Tropen und Bildern. Man werke nun einen flüchttgen Blick auf die Partien unseres G betbuchs, welche PVV voranaehen und ihm folgen, sowie auf dce Schemone Ehre selbst, welche nur zwei Bitten für irdische Güter hat — 73KD1 und 1^*73 -^3 — während alles übrige voll Preis und Dank gegen Gott ist, und für die letzten Hochziele Israels und der Menschheit das Einschreiten GotteS erfleht. Und diesen herrlichen, idealen Zug des ganzen Geistes, welchen unser Gebetbuch atmet, hat man getadett und hat