Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1911)
- Date
- 1911-08-03
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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-s3 -■* Der Israelit. jubett dadurch gestärkt hat, -aß scheu Gemeinden„Synagogengemetnden" nannte. Er hat dem Wahne Vorschub geleistet, als sei die Synagoge gleich der Kirche, wesentlicher, unentbehrlicher Brennpunkt des religiösen Lebens des Judentums, während doch für das Gegenteil noch immer der Erfahrungssatz Hoseas maßgebend bleibt, daß Israel nur in Zeiten, wenn es seine geschichtliche Bedeutung und Aufgabe — seinen Schöpfer — vergessen hat, Tempel baut. Aufgehört hat dann aber auch jene ganze Nachahmungs Möglichkeit fremder SittenundGebräuche, jene kirchlichen Einrichtungen vom Kleinen bis zum Großen, jene ktrchenpolitischen Streitigkeiten, wie sie anderswo gang und gäbe findkurz jeder Anlaß zu Zwist und Unzufriedenheit. Dann werden wir nur solche ehemals „geistlichen" geistigen Führer an der Spitze unserer Gemeinden sehen, die viel lieber als „Pfarrer ohne Talar", lehrend in ihrer freiwillig sich zu ihnen bekennenden Gemeinde wirken, die mit und unter dem Volke leben und nicht von der Kanzelhöhe des Eigendünkels auf es hinabsehen, die Begeisterung zu Gott erwecken wollen und Gottinnigkeit in die Herzen pflanzen möchten. Da wären wir denn an einem Punkte angelangt, an dem wir liberales Christentum mit „liberalem" und „orthodoxem" Judntum vergleichen könnten. Aus der praktischen Gedankenrethe der Zeit können wir viel für uns lernen. Wir freuen uns über die Fortschritte, die der liberale Geist in seinen Lebensäußerungen machte, wenngleich wir die theoretische Kluft, die uns trennt, nicht übersehen. Aber auch an dieser noch gähnenden theoretischen Kluft trägt die Judenhett ein groß Teil Schuld. Doch davon später. Unsere orthodoxen geistigen Führer wenigstens sollten sich aber der für das Wesen der Tauroh und ihre Beurteilung überaus günstigen geistigen Bewegung in unserer Umgebung nicht verschließen und sollten durch die Tat vor aller Augen üt diesem günstigen Zeitmoment beweisen, daß das Judentum sich der Menschheitserlösung aus Wahn undMge freut und an ihr mithelfen will-- denn es selbst marschiert in seinem Wesen an der Spitze. Wir, die älteste „Kirche", kennen keine Dogmen. Auch bei uns gab es einst über aufgestellte Dogmen einen sangen und traurigen Streit, dem ein schweres Bolksunglück bald folgte, das uns Jahrhunderte zurückwarf, fodaß nach dem im Jahre 1492 verlorenen Ministerportefeuille in Spanien heute 1911 noch nicht die Achselklappen in Deutschland wieder erlangt sind. Ein Dogmenstreit entsittlicht, well er Gefinnungsriecheret und Heuchelei, Denunziantentum und Machtmißbrauch nach sich zieht. Wir können den Mann viel einfacher und auf die ehrlichste Weise ^erkennendenn für uns ist der einzige Maßstab die Mizwoh. „Bekenntnislinien" mag es auch bei uns viele geben, aber Grenzlinien werden nur durch die Tat bestimmt. Dem Subjektivismus ist im Denken der weiteste Spielraum gegeben. Die Objektivität der Geschichte und des Gesetzes, der gegebenen, nicht selbstgeschaffenen Lehre, des vorgeschriebenen und nicht selbstüberlassenen Lebens, schützt uns davor, uns „soweit" von dem Eristenzminimum des Judentums zu entfernen, daß seine Grundlagen dadurch geleugnet erscheinen. Tut aber jemand diesen Schritt, so bedarf es keines umständlichen Apparates, um ihm den Prozeß zu machen,- er hat sich selbst gerichtet. „Ein kleiner Knabe mit dem Schulchan Aruch unter dem Arm" kann vor das „Feststellungsobjekt" hintreten und ihm Nachweisen, daß er nach Paragraph so und so viel des Schulchan Aruch sich aeirrt habe. Auf dieser Grundlage gibt es keinen Unterschied zwischen Glauben und Lehre, sondern es darf keinen geben zwischen Leben und Lehre. Es kann kein Opftr der Kirchenpolittk abgeurteilt werden, weil Kirchtumspolitikern die Macht dazu gebricht. Die staatliche Gewalt hat ja G. s. D. bei uns in geistliche Dinge nicht hineinzureden. Und der Himmel bewahre uns gnädig vor der Erfüllung dieses Lieblingsgedankens der „liberalen" Juden. Merkwürdig! Das liberale Christentum sucht sich vom staatlichen Joch in geistlichen Dingen zu befreien und das „liberale" Judentum ruht nicht und möchte ein solches schaffen. Diese „Liberalität" karrikiert sich selber. Auch die Figur des badischen Schutzmanns, der nun bald die Hauptrolle im Cölner Hännesche oder im Berliner Kasperle-Theater übernehmen kann, fehlt nicht. Denn Pfarrer Jatho wußte seiner Gemeinde, als er ihr von dem Spruchkollegium erzählte, den Blödsinn der Parung des Staates mit der Kirche nicht besser zu veranschaulichen, als dadurch,. daß er vor ihren Ohren den Zustand ausmalte, der etntreten würde, falls er bis zum Termin seiner Absetzung seine Amtswohnung nicht geräumt hätte. Unweigerlich würde der Schutzmann erscheinen und ihn nebst seiner Familie mitsamt feinen Habfeligkeiten auf die Straße setzen. Und „liberale" Juden halten da so wenig auf die Würde ihrer modernen Bildung und die Ehre ihrer „liberalen" Gesinnung und geben sich in einem Augenblick bei allen liberalen und modern denkenden Menschen der Lächerlichkeit preis. Im Katholizismus, im Protestantismus rüttelt man immer stärker an der staatlichen und kirchlichen Organisation, daß man sie schon in den Fugen krachen hört, und hier gibt man die gute Zeit für eine Sache hin, die überwunden scheinen wird, sobald sie je — der Himmel bewahre uns davor — fertig werden sollte. Wie glänzend rechtfertigt dieser Streit die bösen „Hyperorthodoxen", die stets in ihrer rückständigen Dummheit behauptet haben, d i e freie Gemeinde sei in ihrer unantastbaren Selbständigkeit der einzige Garant des religiösen Lebens und wachen Interesses. Wie sagte Pfarrer Jatho doch? „ .. .. und gegenüber der Landeskirche ist eine Gemeinde das eigentlich Lebendige. Denn nie habe ich mich davon überzeugen können, daß die Landeskirche an sich religiöses Leben in sich trägt und pflegt. Das kann nur eine Gemeinde, eine Gemeinde, wo persönliche Beziehungen vorhanden sind..." Man wird es in späterer Zeit einmal nicht begreifen können, wieso Jatho mit dieser Idee noch nicht durchgedrungen ist. Das staatliche Jntereffe allein ist kein ausreichender Grund. Diese seine Auffaffung von der Autonomie der Gemeinde wird auch durch seinen verflüchtigten Gottesbegriff nicht berührt. Es gibt für diese Verständnislosigkeit einer einfachen Erfahrungstatsache gegenüber nur die eine psychologische Erklärung: der Mangel an jedem Verständnis für die Individualität. Ist -och das Prinzip der Individualität nirgends deutlicher ausgeprägt und sorglicher beobachtet als in der Thora, sei es im Personenrecht, sei es in der Opfergesetzgebung, in den sozialen Bestimmungen oder in den Ratschlägen für die Erziehung. . Die Läuterung der Individualität ist das Ziel der Gotteslehre und in der täglich dreimal zu verrichtenden nS&n mit dem ewig gleichen Inhalt sollen wir buchstäblich ein „Urteil über uns selbst" gewinnen, um den Grad festzustellen der Möglichkeit, uns über uns selbst zu erheben und in den der Allgemeinheit schuldigen Dienst — wir beten für die Gesamtheit — etuzutreten. In der n^sn haben wir im wesentlichen etwas uns selbst zu sagen. Möge es dem Höchsten dann überantwortet bleiben, mit welchem Maße er uns zumißt. „Tue um Deines Namens, Deiner Macht, Deiner Lehre und Deiner Heiligkeit willen, damit gerüstet erscheinen Deine Freunde". Wenn auch aus anderen, ja entgegengesetzten theoretischen Gründen, hat die praktische Bedeutung des „Gebetes" bei den liberalen Christen die rechte Würdigung zu finden begonnen. Und im „liberalen" Judentum wird es, statt so edel verinnerlicht, durch Orgel und Damenchor, laute, störende Musik, ablen¬ 3. August mi kende Chöre und Betonung der stimmlichen Fähigkeiten des „Kantors", persönliche Leistungen des Chors, veräußerlicht. Wird zur Schaustellung, zur Farce. Man läßt den „Gottesdienst von Männern und Jünglingen leiten, von deren Gleichgültigkeit, ja Religionsverachtung, deren sittlicher Quattfizierüng zu allem andern, als zu einem ernsten religiösen Amt, man überzeugt ist. Schein, nichts als Schein und Theater ist der ganze Synagogendienst der sich „liberal" nennenden Neologie. Im liberalen Christentum bedeutet der Liberalismus einen ernst gemeinten Fortschritt zu ernster Würdigung der Menschenpflichten, im „liberalen" Judentum heißt „Liberalismus" Niedergang zur völligen ' Inhaltlos: gkeit, zu Widerspruch und zu Unwahrhaftigkeit. Wie könnte man sonst in der Neologie den Pfarrer mit Talar nicht entbehren wollen? Sie müßte doch gerade zuerst alles „Kirchliche" aus ihrem Programm ausmerzen, müßte Katheder statt Kanzeln gründen, Hörsäle statt Synagogen bauen, müßte die Konsequenz auf der ganzen Linie ziehen, und der „Pfarrer ohne Talar" müßte ihr Mann sein. Daß aber die Neologie es gerade ist, die sich an kirchlich-reaktionären Nachahmungen in und außer der Synagoge nicht genug tun rann, das bewirkt, daß ihre Rechnung mit einem starken Kulturdefizit an sittlichem Ernst abschließt. An uns Juden läge es heute, zu zeigen, wie die modernsten Gedanken über Trennung von Staat und Kirche, über die Autonomie der Religionsgemeinde, die staatliche Gewalt in geistigen Dingen, über Dogmen und Kirchenpolittk, über das Wesen des Gebetes und den Vorzug der guten Tat vor dem rechten Glauben usw. alles Ideen sind, die dem Judentum nicht ftemd, bet ihm nichts ' neues sind. Diejenigen müßten es zeigen, die im Judentum leben, denen das Judentum Leben ist. Es wäre ein günstiger Moment, den wir ergreifen müßten, um alles, abzustreifen, was aus einer kirchlicher gesinnten Zeit als fremdartige Bestandteile, die sein Wesen verdunkeln, ja seine Beurteilung zu verwirren geeignet waren in das Judentum eingeschmuggelt wurden. Als „Pfarrer ohne Talar" statt wie bisher die Idee der Vermittlungsmöglichkeit zwischen Gott und Menschen zu propagieren, als Lehrer aufzuklären und die der modernsten Weltanschauung so sehr angepaßten jüdischen Gedanken des praktischen Lebens zu verbreiten, wäre die Gegenwartsaufgabe unserer orthodoxesten und gesetzestreuen geistigen Führer. Sie würden im rechten Augenblick eine Kulturaufgabe erfüllen. Unzählige würden gerettet, die so dem Atheismus verfallen. Denn leider ist es doch so, daß man heute noch meint, — weil das wahre Judentum durch die Nachahmung fremder Sitten nie geschaut war, — moderne Ideen der Wahrheit könnten nur auf dem Boden der modernen theoretischen Ideen der Taoeswiffenschafr gedeihen, die mit Atheismus in allen möglichen Formen mehr oder weniger identisch sind. Wüßte man, daß das Judentum keine kirchenpolitischen Dogmen kennt und auch alles, was, einer Vermittlung zwischen Gott und Mensch ähnlich sieht, verwirft, dann könnte man auf den rein menschlichen Gedanken des Judentums die neue Lehre einer Menschheitsreligion errichten. So aber muß der Auf- und Ausbau der Religion der Sittlichkeit auf der wagen Grundlage, „wissenschaftlicher" Vermutungen erst versucht ' werden. Geistesopfer wird diese neue Periode der Thaurohfeindschaft die Judenheit um so mehr kosten als die Praxis der Humanitären und sozialen Bestrebungen den Zielen der Thora immer näher kommt. Es wird erst der Zusammenbruch eines hehre» und viel sozialen Segen bringenden Baues, der ohne festes Fundament gegründet wird, abgewartet werden müssen, bis man durch ertiwte Erfahrung den sozialen Fundamentalsatz der Thorah einzusehen und anzuerkennen sich entschließen wird. „Kinder seid ihr eurem Gott!" Eine Brüderlichkeit unter den Menschen ist nur-