Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-08-03 · Heft 31 (3.8.1911) · page 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 31 (3.8.1911)
Date
1911-08-03
Page
– (sequence 29)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448835--66800-2494979
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

f. Jahrgang. M 3. ü dis eher volksfreimd Mo>ÄZ-oeiiage tm „jsnenr TwwrtwirHlAi lUMrtfoat Rabbiner Dr* B. Botf „Der Pfarrer obtte llalar. 44 lDm löm „Tröstet, tröstet (ihr Völker) mein Volk" — ist ein Wort, dessen Erfüllung wir uns umso mehr nähern, als wir uns zeitlich von seinem ersten Ausspruch entfernen. Es ist das das schönste und unwiderlegbare Merkmal der Wahrheit, daß, je älter ihr Wort wird, es umso mehr geschichtliche Bestätigung unh allgemeine Anerkennung findet. Der volle Inhalt der Wahrheit leuchtet uns aus der Geschichte entgegen, und umso mehr lichtet sich das Dunkel der Zukunft, in die das Prophetenwort hineinschaut, als diese Zukunft allmählich als Gegenwart zu tagen beginnt. Auch das Erlöfungswort unseres Trostsabbats beginnen wir vielleicht in der Gegenwart zu verstehen. Von den Völkern soll uns Trost werden. In unseren Reihen, Unkenntnis und, schlimmer als diese, Verständnislosigkeitdenn schlimmer ist diese als jene, weil sie sich auch dort breit macht, wo man anderes erwarten sollte. •Wjni K7 minn 'trein die die Thora ergreifen, erfassen sie nicht. Bleiben an der Oberfläche und dringen nicht in die Tiefe, trennen das Lehen von der Lehre, als „wenn der Wandel gar nichts wäre". Kennen entweder die Pflichten gegen Menschen oder die gegen Gott und vernichten so die Einheitlichkeit der Gotteslehre. Meinen die Partei und die Polittk der Gemeinschaft, in der sie leben und meinen nicht die Wahrheit, meinen sich und nicht die Sache. Verfolgen, damit sie nicht eibes Tages, sich selbstvergessend sich entlarven, jede Erinnerung an Ehrlichkeit und Wahrheitsoienst, an Opferfreudigkett und Selbstentäußerung. Der aus Eigendünkel geborene unbewußte Machthunger der Besitzenden an geistigem und irdischem Gut steht ihnen bei, weil ihr Gewissen durch spitzfindige Pflichttntlastung von Seiten jener beruhigt wjrd, wie sie typisch in den Gesetzumgebungen einer vergangenen Zeit vom Talmud aufbewahrt wird (Ber. 32 b). „Die früheren Geschlechter suchten im Geiste des Gesetzes die Verpflichtung auf, den Ertrag zu verzehnten, die späteren suchten nach dem Buch staben des Gesetzes, dasselbe zu umgehen." Wird schon durch solches doppelseitiges Gebühren auf die Dauer das Fundament der Wahrheit und Menschlichkeit unterwühlt und gewiß Ae Reinhett des Judentums in argen Mißkredit gebracht, so daß, was man unter Sophismus und Jesuitismus versteht, auch der Thora und ihrer Betätigung angedichtet wird, so gesellt sich noch zu dieser Dreiheit: Lüge, List und Machtmißvrauch die Schalmei der Friedenspolitik, die statt die Wahrheit von der Lüge zu scheiden, sie zu ihr erniedrigen will, statt die Lüge zu bekämpfen, wohl ungewollt, sie aus der Taufe hebt und so mit den edelsten Absichten eines guten Herzens, eine Zerrgestalt des Judentums meißelt, die VN'vp2 nsotpV dem Späherauge seiner Feinde den Schandfleck schafft, den es gierig sucht, um alles zu vernichten. " wen wir aus dieser kraftlosen Friedensttemng, die dem Recht den Maulkorb und dem Unrecht die Peitsche reicht — damit Gottesfriede einziehe — noch eine Erhebung zu erwarten? Nein! Wenn die Macht herrscht und die Treue verraten wird, dann fehlt der Mut, sich zu erheben, die Jugend wendet sich dorthin, wo der Erfolg lockt, die sittlich guten Elemente werden indifferent, und aus der Hefe des Volkes, die im Trüben fischen will, sammeln sich die „Priester", wie in den schlechtesten Zeiten des Götzendienstes auf palästinensischem Boden — der Untergang zunächst der Seele ist besiegelt, und der eine Zeit noch blühend aussehende Organismus ist dem plötzlichen Verfall geweiht. So etwa steht es heute im jüdischen Leben aus im Kleinen wie im Großen. —-, Aber doch o-iy? mp' upVie das Wort unseres Gottes bleibt bestehen für alle Zeit. Seine Wege sind wunderbar. Ach, daß seine Gesundung von außen kommen muß, i&ru die Völker werden uns trösten. In ihnen hat schon einmal plötzlich der Funke der Wahrheit gezündet, hatte einen großen Brand entfachtwar allerdings von den in Asche gesunkenen Trümmern selbst begraben und bleibt, nur fortglimmeud, dem Auge verborgen. Der Absolutismus der Staatsgewalten war jedenfalls durch ihn vernichtet und der Menschenwert wieder in sein Recht gesetzt. Naturgemäß folgt jedem Ansturm eine Reaktion, und niemals schafft plötzliche Erhebung dauernden Wandel. Das Gute kann nur auf wohlvorbereitetem Boden gedeihen. Auch die uneingeschränkte Anerkennung der Menschenrechte will ihre Entwicklungszett haben. Und wie ein Strom von der Quelle bis zur Mündung manche Biegung machen muß und manche Hindernisse zu überwinden hat, so folgt auch der Geistesstrom dem Gesetze der Beharrlichkeit. Aber der Funke glimmt und glimmt. Wieviel er unter der schützenden Aschendecke schon ergriffen hatte, erkennt man erst, wenn der Brand soweit fortgeschritten ist, daß die Flamme mächttg durchbricht und dann alles in Rauch aufgehen läßt, was sich an Resten aus alter Vorzeit tm Zeitalter der Reaktion noch zusammengefunden. Dazu bedarf es der Reaktion gegen die Wahrheit, um die Elemente der Lüge, die noch vorhanden sind, an die Oberfläche zu ziehen, sie kenntlich zu machen, sie sich zusammenrotten zu lassen, damit der erneute Ausbruch des Vernichtungsfeuers des flammenden Rechts das wuchernde Unkraut in einem Mal mit Stumpf und Stiel vernichtet. Es gibt sogar einen Maßstab, an dem wir die Nähe des Augenblicks im Großen ahnen können, in dem der Zusammenbruch eintrttt. Fieberhafte Arbeit, hochmüttges Gebühren sind die untrüglichen Zeichen dafür, daß der Boden unter den Füßen „heiß" geworden, und je höher die Woge wächst, umso näher ist ihr Sturz. Eine mächtige Bewegung der Geister ist hervorgerufen,' um den Einzelwenschen in sein natürliches Recht wieder ernzusetzen, das Recht nach seinem Gewissen zu leben, das Recht auf seine innere Freiheit. Und wenn uns preußischen Juden auch schon längst ein Vorbote der persönlichen Erlösung aus unerträglichem Druck am 28. Juli 1876 erschienen war: ein dauernder Schutz vor neologreaktionärem Verrat gewährt uns nur die Trennung von Staat und Kirche. In dieser Trennung liegt der Frieden. Kümmert der Staat sich nicht mehr um das Budget, hat die Gemeinde keine Exekutive und richtet sich die Kultussteuer nicht mehr nach der Staatssteuer, dann wird sie sich zwar mit geringeren Mitteln zufrieden geben müssen, aber dafür werden auS der Wahl zu den Verwaltungsorganen nur solche Männer yervorgehen, die die jüdische Gemeinde dem jüdischen Gesetz erhalten wollen. Nicht Ae Geldaristokratie, die Macht der Thoratreue wird herrschen, nicht die Willkür, die Thauroh wird Regieren. Freilich in den Gemeinden, in denen man wegen der mangelnden Innigkeit an Freiwilligkeit nicht gewohnt war, wird man nicht mehr große Prunkbauten leerstehender Synagogen errichten können. Dafür wird es aber einen schöneren Schmuck für die Gemeinden geben, eine weithin leuchtende Zier: eine einige, friedliche Gemeinde, die nicht durch ettel Tand und Nichtigkeit sinnloser Reformen zerrissen wird. Die Machtfrage wird in den Beratungen der Berw altungskörper schäften keine verderbliche Rolle mehr spielen, und die Wollust zu herrschen und zu gebieten wird keinen Zankapfel mchr in die Gemeinden schleudern, sondern „es wird das Werk der Gerechtigkeit Frieden heißen". Man wird erkennen, ein wie großer Fonds an Opferwilligkett übrig geblieben ist, der freiwillig zum Träger und Mehrer des Taurohgedankens mit ganzem Herzen, ganzer Seele und nem Vermögen sich hingibt. Nag sein, daß man dann nicht mehr im Stande sein wich, die großen Prunkpaläste der Gemeinden unterhalten zu können, jene großen Synagogen, in denen man den Geist uno das Leben in Holz und Stein, in Silber und Gold und Sammt und Seide gebannt, jene Zeugen dafür, daß man es vorgezogen, soviel Geld^-und Arbeit für das tote Material auftnwenden, statt Thauroh leben in Wort und Schrift durch Menschen und Literatur zu wecken und zu verbreiten oder Ae Not des Körpers und der Seele damtt zu lindern, ny ta ny ttl nmro 'n rvn. „Wir leben nicht in einer Zeit, in der wir Zeit haben dürsten, Gotteshäuser au errichten." In diesem veränderten Sinne würbe Chaggai sein Wort heute gegen die Prachtbauten moderner Synagogen richten, wie er eS gegen Ae Verzögerung des Tempelbaues, von dem er die Gesundung des Lebens erhoffte, ins Feld führt. Würden die Synagogen erst aus Mangel an Mitteln geschlossen werden müffen, und man würde gezwungen sein, in viele Telle aufgelöst, das gemeinsame Gebet zu verrichten, dann würde man vielleicht zur Erkenntnis kommen, daß für Jisrorl es ein anderes Bindemittel gibt, als die Synagoge. So ganz nebenher hat Jisroel nämlicy eine Tauroh, Ae seine Glieder verbindet. Und die Zetten sollen Ae beglückenden sein, wie die Wersen meinen, in denen Ae Theater» und Ctrkusräume nicht ausreichen, um all das Volk zu faffen, das Thauroh lernen will. Ist Ae Synagoge nicht mehr Mittelpunkt — und Ende der jüdischen Daseinskultur, dann hat auch ihr verderblicher Einfluß aufgehört, den der nichtjüdische Staat, unbeabsichtigt, in begreiflicher Unkenntnis deS Wesens der Thora, bei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.