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Der Israelit · 1911-08-03 · Heft 31 (3.8.1911) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 31 (3.8.1911)
Date
1911-08-03
Page
– (sequence 28)
Language
German
Belongs to
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Seite 20. Nr. 8l Der Israelit. 3. August 1911, Häubchen und Mantille sind abgenommen, und eine appetitliche Hausschürze gibt ihr so recht das Ansehen eines treusorgenden Mütterchens. Aus dem Körbchen mit der Branemalerei nimmt sie allerhand Süßigkeiten, Plätzchen und Kringeln und bringt sie auf Tellern unter, das Obst kommt in Schalen, aus einem Eckschränkchen gesellt sich eine Flasche leckeren Fruchtsastes dazu / dann holt sie mit einer Behendigkeit, die man ihr gar nicht zutrauen möchte, vom Bord Gläser und Tellerchen herunter und wischt sie sorgfältig nochmals blank, als ob sie fürstlichen Besuch erwartete, so eifrig bereitet sie alles zum Schabbos vor. Heute macht sie keine Handarbeiten mehr/ den Freitag nachmittag braucht sie für sich selbst und hat auch ohnedies genug zu tun. Dafür seht Ihr sie aber auch eine Stunde vor Schabbos fertig geputzt, „wie aus dem Et gepellt". aus dem Hause treten. Sie holt ihre Berches heim, und wie nimmt sie sich in acht, daß sie nicht mit unabgl tretenen Schuhen in ihr Häuschen tritt, und wie faßt sie sorglich die Türklinke an, daß die nicht wiedermatt werde. Ach Tante Minchen, morgen früh, wenn der erste Truup deiner kleinen Gäste fort ist, dann sieht man ja doch nicht mehr viel von all der schönen Pracht, die kleinen Füßchen sind ungeduldig, die kleinen Hände zu ivrglos. Weiß sie, weiß sie alles, Tante Minchen lacht noch darüber und schafft nächste Woche wohl nur mit noch mehr Eifer und Lust! Nun versteh das einer! Die Berches kommen auf den Tisch und werden mit einein Deckchen verhüllt, aus dem goldgestickte Kornähren und kupfern blinkende Trauben den Spruch umsäumen: „Gedenke des Schabbostages, ihn zu heilige! An einer Blumenvase auf dem Tische lehnt ein Glastäfelchen, auf das Kinderfinger, so scheint es, die Worte ausgezeichnet haben: „Heute ist es Schabbos." Das ist ein Mahnzeichen für Tante Minchen, daß sie nicht, Gott behüte, irgend ein Verbot des Schabbos übertrete, Licht anfasfe oder dergleichen, ein stummer Mahner, seitdem Tante Minchen allein zu Tische sitzt am Freitagabend . . . Sie könnte, ja Gesellschaft genug haben, manch einer ihrer kleinen Freunde, die an ihr hängen, würde gerne bei ihr sein, aber Kinder gehören am Freitag abend ins Elternhaus, pstegt sie zu sagen. Und so bleibt sie, wenn sie ihr bescheidenes Mahl verzehrt hat, ruhig im Lehnstuhl sitzen. Selbst das Vogelbauer ist verhängt, und Tante Minchens Gedanken und Erinnerungen füllen einzig den Raum. So kann sie sich stundenlang mit all ihren Lieben beschäftigen und merkt kaum, daß ein Lichtchen nach dem andern erloschen ist. Und dann erhebt sie sich, streichelt ihr Kätzchen, das den ganzen Abend ruhig zu ihren Füßen geseffen und sagt, als ob sie ein Gespräch abschnitte: „So, nun ist's genug, nun gehen wir zu Bette. Und urorgen ist auch wieder ein Tag." Und sie freut sich wie ein Kind, daß der morgige Tag ein Schabbos ist! Und dann ists Schabbos. Im Brunnen gäßchen am Markte herrscht beileibe nicht eitel Friede und Ruhe. Die Schmiede gegenüber dem Epheu- Häuschen wacht schon des Morgens früh um vier Uhr auf, und pink-Pank, pink-pank tönts in die schlummernde Straße hinein. Im Epheu- Häuschen rührt sich nichts. Erst ein Par Stündchen später öffnet sich ein Fensterladen, dann der andere, und ein liebes Gesicht im Spitzenhäubchen lehnt sich heraus. „Morgen, Tante Minchen", tönts zwischen Pferdegetrappel und Ambosschlag herüber, und zwei Welten grüßen sich über das enge Gäßchen hinweg. „Heut wtrds aber ein Schabbos, so recht nach Ihrem Geschmack, so hat die Sonne lang nicht gelacht! Und's Kätzchen leckt sich und putzt sich, das gibt Besuch, möcht' ich wetten!" Freundlich lächelnd huschte Tante Minchen vom Fenster zurück, denn drin gibts allerhand zu richten zur Ehrung des Schabbos. Das ist ihre beständige Sorge, daß sie ihm etwa nicht genug Ehre antun könne. Und weil sie die stille reine Schabbosfreude, die. sie in sich trägt, nicht alleine laut werden lassen kann, denn sie kann doch nicht, — obwohls ihr oft genug am Schabbos so recht darnach zu Mute ist — immer wieder für sich alleine sagen: „Gott, ich freu' mich so!" — seht Ihr, darum kam sie auf die Idee, sich stets zum Schabbos recht viele Kinderchen einzuladen/ denn mit Kindern ist das so ein eigen Ding. Sie können sich so schön freuen/ ob sie darüber plaudern, ob sie ausgelaffen umhertollen, obs ihnen nur eben so aus den Augen blitzt, es ist doch was Köstliches ums Sich - freuen - können. Und darum glaubt mirs, meine lieben Kinder, solltet Ihr glücklich sein schon darum, weil Ihr das noch könnt. Denn wenn man älter wird, da nimmt einem das Leben immer so ganz langsam und sachte und stückchenweise diese Fähigkeit. Aber seht Ihr, Tante Minchen, der war das Leben sonst recht viel schuldig geblieben, ja es hat ihr sogar so manches genommen, was sie beseffen. Aber dafür ist der Sonnenschein, derselbe Sonnenschein, den jedes Kind ins Leben mitbringt und den Ihr selbst noch alle in Euch habt, ihr geblieben und mit ihr groß geworden, und wenn Ihr Tante Minchen recht betrachtet, seht Ihr ihn deuttich aus ihren guten Augen leuchten. Heute ist sie besonders froh. Du lieber Himmel, es gibt auch mal einen verregneten Schabbos, sie hats ja oft genug schon gehabt, daß es von morgens bis abends gegossen hat? Hat sie deshalb den Kopf hängen lassen? Nein. Sie kann sich auch allein beschäftigen. Aber sie teilt natürlich viel lieber ihren Schabbos mit ihren kleinen Lieblingen. Und drum ists schöner, wenn die liebe Sonne scheint und die Ztmmerchen mit ihrem Glanz erfüllt, daß es aus jeder Ecke zu rufen scheint: „Gut Schabbos! Gut Schabbos! Gut Schabbos!" Das Epheu-Häuschen weiß, es hat heut seinen Ehrentag. Bald kommen sie auch, die kleinen Gäste. Erst das Klärchen,, das Martale, Klein-Jonas und Gella und Betti und Rosi und Lottchen und Trudel und Hanna und wie sie alle heißen, in Locken und Zäpfchen, mit Mützen und Hütchen, bis sie glücklich alle beisammen find. Der kleine Vogel im Bauer jubiliert, und das Zimmer ist voll mit Lachen und Plaudern aus munteren Kinderkehlen. Und Tante Minchen? O die, die ist die Munterste dazwischen. Auf dreißig Fragen gibt sie Antwort, und lustige Einfälle hat sie, man sollt's nicht glauben. Immer gibt's was neues zu raten, den so viel Köpfchen, die wollen beschäftigt sein. Wofür ist denn Tante Minchen da? Sie hat sich die ganze Woche ja dafür vorbereitet, und während die fleißigen Hände kunstvoll den Faden über und durch das feine Gewebe führen, kann der Kopf derweil die lustigen Spaziergänge machen. Das wissen ihre kleinen Besucher schon, und wenn sich jetzt Tante Minchen hinstellt und den Kopf so nachdenklich wiegt, daß die Blumen am Häubchen nach rechts und links nicken, als ob sie sich ganz gewaltig besinnen müßte, dann stehn sie alle und horchen voll Erwartung. „Also, wer rät das?: Es ziehn sieben Kinder Fürbaß immerdar. So Sommer wie Winter Wohl Vieltausend Jahr. Es schaffen und regen Sich Sechse davon, Sie handeln und wägen Für klingenden Lohn. Doch denkt nur, das siebte, Welch adelig Kind, Das ist 'ne Prinzessin, Die Sechs sinds Gesind. Es schaffen gar munter Die Sechse vereint, Auf daß ihr Prinzeßchen Recht fröhlich erscheint. Im Feld und im Garten, In Laden und Haus, Da richten die Sechse Den Hofstaat ihm aus. tun, Im inneren Dienste Gibts viel auch zu Es darf das Gesinde Nicht rasten noch ruhn. Der schafft ihm die Kleider, Der wäscht und der bleicht, Der scheuert, bis alles Im Glanze sich zeigt. Der holet den Vorrat Für Keller und Küch', Und der bäckt den Kuchen Und Braten und Fisch. Doch kommt das Prinzeßchen, Dann dürfen sie ruhn, Die fleißigen Hände Von all ihrem Tun. Begleitet von Ruhe Und Freude und Licht Erscheint die Prinzessin — Wer kennt sie wohl nicht?" Alle, alle kennen sie sie und rufen durcheinander, daß Tante Minchen die Hände an die Ohren hält und der Vogel im Bauer die Federn spreizt, als wollte er sagen: „Na, was zu arg ist, ist aber zu arg". Aber Tante Minchen freut sich nur und wartets ruhig ab, bis sich der Tumult verlaufen hat. Dann wird auch Prüfung abgehalten. Denkt Ihr etwa, Tante Minchen hat sie alle, nur zum Vergnügen hergerufen? Sie wniß genau, wo die Kleinen alle in der Schule halten. Und es herrscht großer Ehrgeiz, Tante Minchen zu imponieren. — Und was kommt wohl jetzt? Sie erhebt sich und geht zur Küche. Froher Lärm geht mit ihr, während sie die gestern eingeheimsten Schätze vorsichtig ins Zimmer schafft. Da gehts ans Schmausen. Denkt Ihr, das Obst schmeckt irgendwo so gut wie hier? Das mögen zuhause dieselben Früchte sein oder womöglich gar noch bessere, die sind doch nie entfernt so gut wie Tante Minchens Schabbos-Obft. Das find selige, fröhliche Stunden! Schade nur, daß sie doch entschwinden, denn die Kleinchens müssen nachhause. Sie ziehen truppweise ab, und wenn die letzten gegangen sind, sieht ihnen Tante Minchen vom Fenster aus nach, bis sie aus dem Gäßchen sind. Eins ums andere winkt wohl noch zurück nach dem Spitzenhäubchen im Epheurahmen/ das freut Tante Minchen, aber sie erwartet es gar nicht. Und doch, ich weiß es, da hat manch kleines Herz den Keim zur echten jüdischen Schabbos-Simchoh mit weggetragen, merkt wohl selbst nichts davon und hegt ihn und nährt ihn durch sechs Werkeltage durch und glaubt, es sei die Freude an Tante Minches Häuslichkeit und ist doch wieder die reine Schabbosfreude, die ein sonnig warmes Herz so reich empfindet, daß es hundert Anderen davon mitteilen kann. — Da habt Ihr Tante Minchen, der die Ktnderherzen gehören, und das war Tante Minchens Schabbos. — Und dann kommt wieder eine Arbeitswoche, wo das Epheu-Häuschen im Brunnengäßchen am Markte gegenüber der geschäftigen Schmiede still träumt, wo das zufriedene Gesicht am Fenster hinter blühenden Geranien sich über die feine Arbeit beugt, wo das Kätzchen sich auf der grünen Bank vorm Hause sonnt, Ihr habt das ja alles schon mit angesehen und miterlebt. — Und schon wieder bereitest Du in Gedanken den nächsten Schabbos vor und freust Dich auf die Kinder und streifst liebevoll jeden Beweis kindlicher Dankbarkeit in Deinem Heim, den papierenen Schmetterling, und den Spruch, den ungelenke Kinderhand geschrieben und das Körbchen mit der rührend steifen Malerei . . . So ruhe Dein Blick auch gütig auf diesen Zeilen, von inniqor Dankbarkeit diktiert. Dank Dir, es hat sich eines der Kleinen, die Du erquickt, nach langer Zeit noch zurückgewandt und nickt Dir zu: „Gon segne und behüte Dich, so mögen Viele Deinesgleichen wirken, dann ist es gut um unsere Kinder bestellt, liebe, treue Tante Minchen!

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