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Der Israelit · 1911-08-03 · Heft 31 (3.8.1911) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 31 (3.8.1911)
Date
1911-08-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Rabbi Aklba lehrte, daß der Lehrer verpflichtet ist, das Pensum so oft durchzunehmen, bis der Schüler klar erfaßt hat, und von einem schwerfassenden Schüler wird dort erzählt, daß Rabbi Predah den Unterrichtsstoff 400 mal ihm vorgetragen hat, wofür ihm 400 Lebensjahre geschenkt wurden. (Eruwin 54.) In der ersten Zeit nach der Aufnahme tritt der Inhalt leicht wieder ins Bewußtsein, nachher vermindert sich die Reproduktionskraft mit großer Schnelligkeit. Im Interesse des gedeihlichen Fortschritts ist es daher zu empfehlen, das Neulernen und Memorieren parallel zu nehmen, daß jeder produktiven Operatton eine reproduktive folge. Je länger damit gewartet wird, desto mehr geht von dem aufgenommenen Stoff auf dem Wege wieder verloren; je größer die Zwischenzeit, desto mehr verwischt sich die ursprüngliche Aussaffung. Rabbi Chija hat stets nach 30 Tagen das Gelernte wiederholt (Berachot 38), und Rabbi Akiba verlangt tägliche Wiederholung. (B"3 pirüD) OV -33 not OV -32 10t Verlieren ist leichter als Erwerben, Vergessen ist leichter als Lernen, und das Vergessen macht riesige Fortschritte, wenn man die Wiederholung vernachlässigt. Die Schnelligkeit, mit der dcA Vergessen zunimmt, wächst wie das Quadrat der Zeit, •pry« o'ov ov '»tyn ok. „Verläßt du mich einen Tag, so verlasse ich dich zwei Tage. Wenn zwei Menschen von einem gemeinsamen Punkte in entgegengesetzter Richtung sich entfernen, der eine nach Osten, der andere nach Westen, so sind sie in einem Tage zwei Tagereisen von einanoer entfernt, in 2 Tagen 4 u. s. w." (Jeruschalmi Berachot). So kommt es, daß man bei Unterbrechung des Lernens in 2 Jahren vergessen kann, was man in einem Zettraum von 20 Jahren mühsam erlernt hat. i"3 's jni w nm. Der Inhalt wird besser behalten, wenn er von zwei Seiten dem Bewußtsein eingeprägt wird. Der beste Bundesgenosse des Gedächtnisses ist das Verständnis des Inhaltes, welches die Selbsttätigkett anregt, das Interesse belebt und die Freude an her geistigen Arbeit erhöht. ES führt zu schnellem und sicher^ Erfolge, wenn das Memorieren die entsprechende Unterstützung im Verstände findet. Darum muß der Schüler vor der Wiederholung durch den entwickelnden und begründenden Unterricht zum allseittgen Verständnis des Stoffes gelangt fein, und was vom Schüler klar erfaßt ist, kann dem Gedankenkreise bedeutend leichter znm dauernden Besitz eingereiht werden, weil die natürliche Gliederung, die Gedankenfolge und der sachliche Zusammenhang von Ursache und Wirkung wie ein leitender Faden das Ganze durchzieht. Man hat den Versuch gemacht, annähernd zu ' bestimmen, wie groß der Unterschied der Arbeit beim Lernen sinnvollen und sinnlosen Materials sei. Die Arbett reduzierte sich beim Lernen sinnvoller Reihen auf ein Zehntel, also um neun Zehntel der Kraft gegenüber dem Lernen sinnloser Rechen. Aus dem Gesagten ergibt sich von selbst, daß der sachliche Inhalt dem wörtlichen üvergeordnet ist. Demzufolge tritt das judiziöse Memorieren in den Vordergrund, während das mechanische von untergeordneter Bedeutung ist. Das rein mechanische Auswendiglernen der Worte ohne Sinn darf die Schule nicht gestatten. DaS mechanische Lernen spielte in früheren Zeiten eine bedeutende Rolle, und man hat gegen die alte Schule Borwurf erhoben, daß sie die Kinder mit dem mechanischen Auswendiglernen zu viel plage. Namentlich eiferten die Rattonaltsten und Philantrvpen gegen diese geistige Dressur, welche wohl das Gedächtnis Übt und ein maschinenhast geläufiges Reproduzieren erzeugt, aber der Natur des Menschen widerspricht. Die menschliche Natur verlangt eine gewisse Mannigfaltigkeit, der Reiz des Neuen erhält den Gedänkenlauf in Bewegung Und belebt das Interesse. Hingegen wird durch das einförmige, langweilige, gedankenlose Einpauken die geistige Regsamkeit gelähmt. Dadurch wird auch das selbständige, freie Denken ausgeschlossen, denn die Gedanken find wie die Worte in eine bestimmte Reihenfolge eingeschnürt und an diese sprachliche Fassung gebunden. Solche Bedenken veranlaßten die Philantropen, das Auswendiglernen völlig aus der Schule zu bannen, und an dessen Stelle die Aufmerksamkeit und das Verständnis zu setzen. Sie schütteten das Kind mit dem Bade aus und verfielen von einem Extrem in daS andere. Die Üebertretbungen des geisttötenden automatischen Mechanismus find wohl zu bekämpfen, ebenso einseitig und irrig ist aber ihr Verfahren. Me auf wirtschaftlichem Gebiete auch die niedrigste Arbeit von unschätzbarem Werte ist, so kann auch bei der Geistesbildung jede Tätigkeit unersetzbare Dienste leisten, mag sie noch so mechanisch sein. Der gemeine Soldat kann nicht die Arbett des Feldherrn verrichten, aber der genialste, intelligenteste Feldherr kann ohne Soldaten noch weniger machen. Alle technischen Ferttgketten, fremde Sprachen, die Gesetze der Muttersprache, Realien, können in der Hauptsache nur mechanisch erlernt werden, und der Verstand kann wenig helfen. Wir sehen also, daß die niederen Geistestätigkeiten ebenso unentbehrlich sind wie die höheren. Das Richtige wird demnach in der Mitte liegen. Wo liegt aber diese Mitte? Die Lösung dieser Frage gehört manchmal zu den schwierigsten Problemen. Man hört oft die Phrase von der goldeyen Mittelstraße, wenn man auch nicht annähernd den Punkt des Gleichgewichtes bestimmen kann. tier hat nun die Natur selbst diese Frage . Sie hat uns die vermittelnde Richtung vorgezeichnet, und nach dem didaktischen Grundsätze: „Alles nach Ordnung und dem Laufe der Natur", brauchen wir bloß den Vorgang der Natur zu beobachten, um das richtige Verhältnis herauszufinden. In der Periode der geistigen Unmündigkeit hat die Natur das Kind mit einem vorzüglichen Gedächtnis ausgestattet. Je mehr die intellektuellen Anlagen und Strafte sich entfalten, je fester das geistige Gepräge wird, desto mehr tritt die Gedächtniskraft zurück. Damtt gibt unS die Natur den untrüglichen Finge^eig, daß in der frühen Jugend die Zeit für mechanisches Arbeiten ist, und je mehr die Geisteskräfte zunehmen, desto mehr soll die produktive Tätigkeit und die Denkarbeit in den Vordergrund treten. „Aller Unterricht des Menschen ist nichts anderes als die Kunst, dem Ringen der Natur nach ihrer eigenen Entwickelung Handbtetung zu leisten", sagt Pestalozzi. Diese ttefflichen Worte sollen jedem Lehrer zur Richtschnur der Lrhrtättgkeit voranleuchten. Die neuere Zeit hat die Notwendigkeit des gedächtnismäßigen Wiederholens wieder erkannt, sie hat aber die frühere Gruppierung und Teilung deS Stoffes verworfen. Früher war die Ansicht vorherrschend, das auswendig zu lernende Pensum in kleinere Abschnitte zu zerlegen, wie Ratich sagte, es müsse alles „stücklich" gelernt werden. Neuere Versuche haben aber ergeben, daß daS Lernen im ganzen vorteilhafter ist, als das stückweise Aneinanderreihen einzelner für sich gelernter Teile. DaS Richttge wird hier auch in der Mitte liegen. Der Raum gestattet es mir nicht, aus die epochemachenden experimentellen Untersuchungen der neuesten Forscher auf dem Gebiete der Gedächtnisübungen und der Ökonomie des Lernens näher einzugehen. Ich schließe daher mit dem Hinweis aas die bahnbrechenden Arbetten von Ebbinghaus, Meumann, Stern, Müller und Schumann, insbesondere auf die von, hervorragenden Meistern herausgegebene Zeitschrift für i i :,v

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