Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1911)
- Date
- 1911-08-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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(fette 8 Ho. 31 »er 3f «tritt Minnesota 1000 Acker Land erworben, auf welchem sie eine landwirtschaftliche Kolonie errichten. Die Vorarbeiten sind bereits so weit gediehen, daß die Kolonie im Herbste d. I. wird bezogen werden können. Die Begründer der Kolonie haben die Absicht, den gemeinsamen Besitz auszudehnen, legen jedoch Gewicht darauf, daß die Kolonie ganz im Mischen Sinne gekettet werde. Die Kolonie wird auch alle jenen religiösen Einrichtungen und Anstalten erhalten, durch welche die streng religiöse Erziehung der Kolonistenkinder gefördert werden kann. Der Gouverneur von Minnesota, Mr. Eberhard, hat den Initiatoren die weitestgehende Förderung zugesichert. Patzsngelegentieit. — 6inwsnSerung . > Wew York, 19. Juli. Nun weiß man es, was es mit dem „russischen Entgegenkommen" gegenüber den ametikanischen Juden auf sich hat.' Bon einer Konzession Rußlands, wonach amerikanischen Juden die volle Freizügigkeit in Rußland zugestanden worden wäre, kann nicht die Rede sein. Es handelt sich bloß um die Feststellung der Tatsache, daß amerikanische Bürger jüdischen Glaubens, die einen amerikanischen Paß besitzen und authentisch nachzuweisen in der Lage sind, daß sie für die Firma oder im Dienste einer anderen in Amerika protokollierten Firma eine Geschäftsreise in Rußland unternehmen wollen, das Recht erhalten, sechs Monate lang sich in Rußland aufzuhalten und Kunden zu besuchen. Solche amerikanische Päffe müssen jedoch von dem betreffenden russischen Konsul in Amerika visiert sein und das Visum muß ausdrücklich vermerken, für welche Firma der Paßinhaber reise. Wie die „New- Dork Times" hervorhebt, sei selbst auf Grund solchermaßen visierter Pässe den jüdischen Geschäftsreisenden bloß das Reifen innerhalb des jüdischen Ansiedlungsgebietes gestattet. Aber auch von dsesen Benefizien sind diejenigen amerikanischen Bürger jüdischen Glaubens ausgeschlossen, die ehemals russische Staatsbürger waren und amerikanische Bürger wurden, ohne die gesetzliche Entlassung aus dem russischen Staatsverbande erlangt zu haben. Solche Juden werden nach ihrer Rückkehr nach Rußland, ohne Rücksicht auf ihren amerikanischen Paß, sofort verhaftet und administrativ bestraft. Man sieht also, daß es sich hier nicht um eine Konzession, sondern um die Feststellung eines Zustandes handelt, wie er inbezug auf die jüdischen Geschäftsreisenden vieler anderer Staaten schon seit langem besteht. * * * Einem Hamburger Vertreter der „New- Z)ork Herald" gegenüber äußerte sich der Generaldirektor Ballin über die Einwanderungspolitik der Bereinigten Staaten wie folgt: „Die Abnahme der Einwanderung wird auch durch die rigorose Anwendung der Einwanderungsgesetze m New-Aork, Baltimore und Philadelphia verursacht. Auswanderer werden aus Gründen, die ihnen oft unbekannt bleiben, verh nveri, in Amerika zn landen. Dadurch werden selbstverständlich andere avgeschreckt, denen die Zurückgewtesenen bet der Rückkehr in die Heimat ihre Erjahrungen Mitteilen. Es ist keine Ueberttetbung, wenn ich sage, daß sc der Auswanderer, der in Amerika aus unerkennbaren Gründen an der Landung verhindert wird, Hunderte von Landsleuten veranlaßt, statt nach den Bereinigten Staaten nach irgend einem anderen Lande auszuwandern. Begreiflicherweise wird das in Amerika bet den Gegnern der Ein- Wanderung Freude Hervorrufen, zümal bet der Arbeiterpartei. AVer es darf nicht vergessen werden, daß die Berein'gten Staaten auf die Einfuhr von Arbeitskräften angewiesen sind, so lange ste ihre wirtschaftliche Entwicklung nicht beeinträchtigen wollen. Der einheimische Bevölkerungszuwachs kann bei ihnen nur in äußerst geringem Umfang die Nachfrage decken, die ihre rastlos vorwärtsfchrettende Industrie und allgemeine Entwicklung erheischt. Die Bercintgten Staaten Würden in dem unwahrscheinlichen Falle, daß ste einige Jahre lang die Emwanderu, g vollständig zum Sitllstand brächten, durch daS Anwachsen der Proouktion«- kosten, das die Folge vermwderter Ar Vettereinfuhr wäre, vom Weltmarkt Ausgeschlossen werden und auf solche Welse von dem durch energische Arbeit gewonnenen Terrain viel wieder verlieren. Ich bin überzeugt, daß wenn die Einwanderung wirkt ch eine Zeitlang stillstänbe, für die Heranziehung von Arbeitskräften ebenso viel Mühe wird aufgewendet werden müssen, wie gegenwärtig zur Fernhaltung der Arbeiter. Ein großer Teil von Auswanderern, die in den Bereinigten Staaten nicht landen konnten, haben sich nach Kanada gewandt. Auch die Auswanderung nach Argentinien ist organisiert und beiden Ländern ist dieser Zustrom von Arbeitern sehr erwünscht." Ob man sich in den Kreisen der Einwanderungsgegner diese Worte eines Mannes, der als größter Kenner des Auswanderungswesens gilt, merken wird? velmkcdter. Käme«, 24. Juli. Das Stadtverordneten-Kollegium beschloß die Auflösung des jüdischen Schulverbandes und die Unterbringung Her jüdischen Kinder in der evangelischen Volksschule. Die evangelische Geistlichkeit hat sich dahin erklärt, daß Bedenken hiergegen nicht beständen. Die Stadt hatte bisher für den jüdischen Sckmlverband 3000 Mark aufzubringcn Sie spart jetzt Geld. Der a--zustellende jüdische Lehrer sollten jüdischen Kindern Religionsunterricht erteilen, zugleich aber auch als Klassenlehrer der evangelischen BolkSschule tätig sein. Wie«, 31. Juli. Zu unserem Artikel über die Jca in Nr. 29 schreibt man uns aus Wien: Bekannt ist rin Interview auS den 80er Jahren, in dem Baron Hirsch dem Redakteur des New-Aork Herald erklärte, sein Hauptstreben sei, die Juden durch Abfchasfung der Ritualgesetze restlos in den anderen Völkern aufgehen zu lasten. Diese Publikation wurde durch sehr zahme Dementis in etwas abgeschwächt. Vor der argentinischen Expedition trat man an Dr. Sonnenfeld heran, der Baron solle diese Millionen auf Palästina verwenden, worauf Dr. Sonnenfeld geantwortet haben soll: Dem Baron wäre bas ganz gleich, aber wer bürgt dafür, daß die Leute selbst in Palästina fromm bleiben. Ich selbst habe erlebt, daß der Baron fich entschieden weigerte, einen bffiTP nach Argentinien mttaehen zu lasten. Dr. Sternyetm und ich intervenierten bei Zadok Cahn s. A., der fich der Sache ungemein warm annahm und mit Mühe durchsetzte daß die Alliance einen zahlen durfte. Der Baron mußte einen Täufling, idj glaube Löwenthal, hinschicken, um die Schreckensherrschaft seiner ersten Beamten zu milden. K. Budapest, 24. Juli. Die königliche Tafel in Kassa erklärte aus Anlaß eines konkreten Falles, daß die in den israelitischen Bethäusern befindlichen Betstatten im Sinne deS Punktes 1 des § 2 der Exekutionsnovelle von der Exekution befreit find. Bisher konnten laut § 51 des G..A. LX: 1881 die in den Bethüusern vefinoltchkn Einrtchtungsgegenstände, sofern ste ein Privateigentum bilden, gepfändet werden.' Demgegenüber verfügt die Exekuiionsnovelle, daß die Etnrtchmngsgegenstände der Bethäuser ausnahmslos, selbst wenn der Eigentümer seine Zustimmung zur Bornahme der Exekution geben sollte, nicht gepfändet werden können. London, 30. Juli. Wie die Londoner „Times" berichtet, hat Chamverlain, als Chef der Theaterzensurbehörde die Aufführung von Schalem Asch'S „Gott der Rache" auf sämtlichen Bühnen Englands verboten. Motiviert wird das Verbot damit, daß die Tendenz deS Stückes unmoralisch sei. DaS Drama hätte' zu Beginn der nächsten Saison im Londoner jüdischen Theater zur Aufführung gelangen sollen. Auch für englische Bühnen war die Aufführung des nunmehr verbotenen Stückes in Aussicht genommen.?errvnalle«. Rom, 2. August. (Pr vattelegramm.) Oberrabbiner Castiglioni ist heute gestorben. Eine eingehendere Würdigung des Verstorbenen folgt in nächster Nummer. Brome«, 2. Aug. Am 18. August begeht Herr Eduard A b r a h a m sein 50 jähriges Jubiläum als zweiter Vorsteher der Israelitischen Gemeinde Hierselbst. Geboren wurde er zu Hastedt, einem Vororte Bremens am 27. November 1825. Im Jahre 1848 zog er'als einer, der ersten Juden nach Bremen und war der Mitbegründer unserer jetzigen jüdischen Gemeinde. Als Förderer edler Bestrebungen und Vorstandsmitglied verschiedener Vereine ist Herr Abraham eine der beliebtesten Persönlichkeiten unserer jüdischen Gemeinde. Trotz seiner 86. Jahre ist er einer der eifrigsten Besucher des Gottesdienstes. Tlrürrrpfelbrurm, Bader-, 30. Juli. Hei te haben wir auf dem HO tn Bödigheim eine STI zur letzten Ruhe gebracht. Frau MoseS Marx, ged. Benbhetm, hat nach kurzem, schwerem Leiden ihre reine Seele am letzten Sabbat ausgehaucht. In ihr verliert der betagte Gatte die treue Gefährtin seines Lebens, die mit ihm ein Haus gegründet hatte, und geführt nach echter, achübticher Weise, ein HauS, in dem Gottesfurcht und' Menschenliebe ein Heim gefunden. 8. August mi In diesem Hause waltete die fromme Frau alS selbstlose überaus bescheidene riftTC nicht nur als Gattin, sondern auch als liebevolle Mutter und hingebende Menschenfreundtn. Kein Wunder, wenn ste fich dadurch »die hohe Achtung und Liebe und Verehrung nicht nur aller derer erwyrben, die ihr durch die Bande der Verwandtschaft nahe standen, sondern auch tn weitestem Kreise Anerkennung und Verständnis fand. Sie war ihren Kindern ein leuchtendes Muster altjüdischer Frömmigkeit, Bescheidenheit, der Treue und des Fleißes. DeS Lebens niedrige Sorge blieb ihr fern. Trotzdem war ihr der Kelch schweren Leidens oft und oft gereicht. Als echte Dulöerin hat ste a"es ohne Klagen getragen. AlS selbst die heimtückische Krankheit aufs Lager warf, kam kein Laut des WeheS über ihre Lippen. Bon der Achtung und Verehrung legte beredtes Zeugnis das Leichenbegängnis ab, dem fich Jung und Alt ohne Unterschied des Bekenntnisses, mit den aus weiter Ferne herbeigeeilten Verwandten und Freunden i anschlossen. An der Bahre widmete ihr Schwager, Herr ' Rabbiner Dr. Marx aus Darmstadt, ihr tn bewegten Worten den wohlverdienten ergreifenden Nachruf. Mögen die Kinder die Wege verfolgen, die die Mutter ihnen vorangegangen, dann wird ste wie in der Höhe so auch hier auf Erven wetterleben.!V»pb«ch, 31. Juli. Herr Emil Spiro steht am 8. b. Mt», auf seine 25jährtge Wirksamkeit als Lehrer und Chase« der hiesigen Gemeinde zurück. Herr Spiro hat es verstanden, sich durch Pflichttreue uud Gewissenhaftigkeit großes Ansehen und Berrhiung auch bei den nichtjüdstchen Mitbürgern zu erwerben. Möge es dem Jubilar vergönnt sein, noch recht lange in unserer Gemeinde zu wirken. Gr. Tapvlcsany, 25. Juli. Dieser Tage verschreö dahier tm Alter von 67 Jahren der penfionirrte Lehrer Jakob Schenk. Der Verstorbene war ein wahrer ■HUT’ im Denken und Empfinden, Leben und Streben. Die überaus zahlreiche Beteiligung bet der Beerdigung legte Zeugnis ab von dem hohen Maße der Liebe und Berehiung, deren fich der Verblichene während seiner 45jährigen Tätigkeit erfreute. Im Namen der Gemeinde hielt Herr Rabbiner N. Schlesinger einen inhaltsreichen ‘TQDrT/ in welchem er die Verdienste und Vorzüge deS Verblichenen rühmend h.'rvorhob. Hernach sprach ein Sohn des Verstorbenen, Herr Rabbiner Schenk aus Wien, warme Worte deS Dankes, der Anerkennung und des Abschiedes aus. Die Rede machte auf die zahlreiche Versammlung einen mächtigen Eindruck. Dann widmete ReltgionSlehr« H. Fürst einen tiefempfundenen Nachruf, und im Namen der Lehrer sprach noch ReltgionSlehr« Jakob E h r e n freund. Sein Andenken wird in unserer Gemeinde ein gesegnetes sein. n"32Ufl- Zprecdraal. @tne Anfrage an dasKrankeuhaus der jüdischen Gemeinde zu Berlin. (Wegen Raummangels verspätet.) Die jüdische Gemeinde Berlin soll ein jüdisches Krankenhaus für die Bagarellsumme von zwei Millionen Mark von Seiten ihres baulusttgen Vorstandes und dessen Baubetrates und sonstiger ideell intere stiert« Streife beschert bekommen. Schon ist ein Grundstück erworben worben, das unmöglich unpastender für diese« Zweck hätte ausgesucht werden können, und damit das Maß ü« Bauunternchmen auch voll werde, soll für eine wahrhaftig nicht kleine Summe noch eigens ein gyräkologisches Krankenhaus hinzugefügt werden. Generell muß anerkannt werden, daß eine Großgemeinde von mehr als 140000 Seelen ein größeres Krankenhaus haben muß, zumal in einer Großstadt wie Berlin, das heute ununterbrochen von täglich mehr als 3000 fremden Juden besucht wird. Daß ein jüdisches Krankenhaus tn einem so großen jüdischen Gemein wesen und in ein« Millionenstadt w:e Berlin btS tnS kleinste Detail hinein ad« auch so ausgestaltet sein muß, daß es so gut wie gar keine» Fall von Eretgnisten, Unglücksfällen und Erkrankungen geben kan«, die naturgemäß nicht hier zur Behandlung und Aufnahme kommen könnten, «scheint doch so selbstverständlich, daß eS überflüssig sein sollte, hterüb.r noch ein Wort zu verlieren. Wenn wir dennoch gegenwärtig die Bedürsnisfrage zu venttli«en haben, so müssen ganz besondere Borkommniffe, die endlich öffentlich besprochen werden müssen, dazu drängen. In einer norddeutschen Stadt ist vor kurzem eine Dame aus Krakau im Krankenhaus operiert worden. Daselbst entlasten, erkrankte ste unterwegs von neuem und mußte Zuflucht tm Mischen Krankenhaus zu Hannover suchen. AuS welchen Gründen ste von dort nach Berlin weit« abgeschoben wurde, soll hi« nicht untersucht werden. Es muß Sache der dortigen jüdischen dabet beteiligten Personen sein, hierüber Rechenschaft zu geben. Die noch an der Operation ernstlich kranke Person kam des Morgens um 4 Uhr früh von Hannov« am Bahnhof an. Hilfsbereite, hochangesehene und tm Ehrendienst d« jüdischen Berlin« Gemeinde stehende Personen nahmen sich der schwer kranken Frau an, konnten aber nicht «- reichen, daß die Frau sosort im jüdischen Krankenhaus in der Auguststraße Aufnahme fand. Vielmehr mußte die Frau von vier Uhrffrüh bis acht Uhr tm