Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1911)
- Date
- 1911-08-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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*35;/ W «M «. tzk. 31_ . Ungarn. Ungarifcher Brief* * (Bon unferin Korrespondenten.) Z. B. A. Audapest, 13. Jult. Die finsteren Gewitterwolken, die gefahrdrohend über uns dahinrasten und im Parlament zur stürmischen Entladung gelangten,' sind gewichen. Die Atmosphäre ist gereinigtdie Luft ist klar. Es dämmert selbst in den Köpfen der Herren „jenseits des Wassers". Der Generalsekretär der Budapester Kultusgemeinde Dr. jur. et Phil. Weißburg übt in seinem Organ vernichtende Kritik an der Taktik der liberalen Weltbeglücker. „Schuld daran, daß die lange Parlamentsdebatte fürs Judentum nichts Gutes bringen wird, sind nur die halsstarrigen Führer des Fortschrittsjudentums." „Anstatt daß sie nach 40jährtger Erfahrung einseheu sollten, daß sie dem Winde nachzogen, wenn sie die zwischen der Orthodoxie und den Neologen bestehende Differenz — ob sie nun dogmatisch sei oder nicht — ausgleichen und beide in eine Organisatton zwängen wollenanstatt daß sie sich damit abfinden sollten, daß der Gegensatz zwischen der Munkacser-Genietnde — wo der Chassidismus feine Stätte hat — und der Araber — wo der israelitische Rabbiner die Mischehe einsegnete — ein solch gewaltiger ist, daß es ein Nonsens ist, ein Statut zu schaffen, nach dessen Paragraphen sie ihr religiöses Lebeneinrichten müssen, anstatt einzusehen, daß zwischen den Führern beider Richtungen eine solche Kluft starrt, daß jsie aus religiösem Gebiete unmöglich mit Erfolg wirken können, fingen sie mit einer Zähigkeit, die schon Hartnäckigkeit ist, fortwährend das alte Lied von der einheitlichen Organisation. Und indem sie mit einem geschickten Kniff die Organisatton mit der Religion vertauschen, haben sie die urteilslose Menge, die sich gerne durch Worte blenden läßt, in ihr Lager gelockt und sie kämpfen mit der mächtigen Phrase der heiligen Emheitlichkeit der Judenschast gegen die nüchterne, ehrliche, einzig durchführbare Losung." „Kann man denn nüchtern oder ehrlich behaupten, daß das Glück des Judentums einzig davon abhängt, ob die Aufsicht über das religiöse Leben von Munkaes und Arad von einer oder von zwei verschieden konfessionellen Oberbehörden ausgeübt wird?" Und diese Aufsicht wäre doch wahrlich unmöglich. Würde doch das Eingreifen dieser einheittichen Synodalbehörde revolutionär vernichtend in das Leben dieser ganz und gar entgegengesetzten Religionsgemeinschaften wirken. Oder müßte der pietistisch freireligiöse Synodalgeist nicht den schärfsten Protest und den wilbesten Widerstand des in seinem heiligsten Ideal verletzten Strengfrommen herausbeschwören? „Ist nun eine einheitliche Organisatton für solche verschieden geartete Gemeinden möglich?" „Dies beginnen nun auch endlich diejenigen einzusehen, die bisher das Allheil in der vollständigen Vereinheitlichung sahen: Mit obligatorischer Begeisterung verkünden sie nun einen Plan, der füglich ganz gut als Fabel gelten darf, weil von einheitlicher und zweifacher Organisation zugleich die Rede ist. Der Erfinder dieser Idee: (Szabolesi, der Redakteur des neologen Wochenblatts, der einen Preis auf das Statut ausgeschrieben hat) möchte jetzt gerne von anderen erfahren, wie er sich diese gedacht hat." „Die Regierung wird nie dazu zu haben sein, eine einheitliche Autonomie aufzudrängen, trotzdem. dies eingestandenermaßen den großen Freunden der konfessionellen Autonomie am liebsten wäre. Freiwillig aber wird weder die amtliche noch die nichtamtliche Orthodoxie in eine einheitliche Organisatton einwilligen." „Was war also die Wirkung jener vielen parlamentarischen Reden? Nichts außer dem, was wir angedeutet haben. Dieses aber belastet die Seele des ^Abgeordneten Samuel Bakony. Seine Rede hat dem Judentum gar keinen, ihm aber nur bei jenen Ruhm verschafft, die die Orthodoxie mehr hassen, als sie das Judentum lieben, die die Rache höher schätzen als die Wahrheit. Ein jüdischer Abgeordneter darf die Orthodoxie nicht als unpattiotisch hinstellenein jüdischer Abgeordneter darf nicht das Judentum lächerlich machen und sagen, daß die einzige Ursache der seit 48 Jahren bestehenden Spaltung die sei, daß man sich nicht einigen könne, wo ein Einrichtungsgegenstand des Tempels, der Almemor stehen solle. Und ein jüdischer Abgeordneter, darf nicht — ganz besonders dort, wo ihn aus Mangel an Fachwissen niemand widerlegen kann, mit der Behauptung flunkern, daß der „Schulchan Aruch" niemals bindend war und daß unter diesem Titel zwei gleich angesehene Rabbiner in der liturgischen Literatur figurieren. Und die verschiedenen Rabbiner ohne jede Kritik bald nach dieser bald nach jener Autorität entschieden. Acht Zehntel der lebenden Judenheit hat das Leben gemäß den Entscheidungen dieses Werkes eingerichtet. Am 31. Mai geschah ein großes Attentat gegen die Wahrheit. Aber auch dieses wird nicht zum Erfolg haben, daß so was zustande komme, was man nicht braucht, was nicht gut und nicht durchführbar ist". „Wenn nun auch der Kongreß (vom Jahre 1869) die vollständige Ausschließung der religiösen Fragen aus dem Kreise der Organisatton verkündet hat, so ist zu staunen, wie man einen solchen krassen Unsinn als Prinzip aufftellen konnte. Eine konfessionelle Organisation, die sich nicht mit konfessionellen Fragen befassen darf! Ist es nicht absurd, eine Gertchtsorganisation solle sich nicht mit Rechtsprechung, eine militärische Organisatton nicht mit Armee- und Kriegsfragen beschäftigen dürfen. Um wieviel absonderlicher ist es nun, daß eine rein konfessionelle Organisatton nicht mit religiöse Erörterungen in ihren Kreis ziehen solle. Und ist denn dies gar möglich? Schade, daß die so gewünschte einheitliche Organisation nicht mindestens 1—2 Jahre in Geltung war. In diesem Falle würde das Leben diesen krassen Unsinn ad oculos demonstriert haben." Trotzdem nun der ganze Kampf erwiesenermaßen nichts mehr als ein vergebliches Vergeuden der besten Energien bedeutet und, wie diese Ausführungen tressend beweisen, höchstens zu einer Vertiefung des Abgrundes führt, der Lager von Lager scheidet, klammern sich die neologen Generalstäbler wie von einer fixen Idee besessene Manioken an ihn. Sie lassen sich durch gar kein Debatte von ihrem vorgefaßten Plane abbrtngen. Mit „fiat unitas, pereat judäus" halten sie ihre Konventikel ab, fassen Beschlüsse und kehren sich um das jüdische Leben und lebendige Judentum nicht im geringsten. Unter Vorsitz des neologen Herrn Mor. Mesey hielten etwa 17 Distriktspräsidenten eine Beratung ab, in der sie „mit Befriedigung die breite Judendebatte des Parlaments zur Kenntnis nahmen und sich darüber herzlich freuten, daß Graf Zichy die Einheit der jüdischen Konfession anerknnnte, das Rabbinerseminar lobte und die zeitgemäße Entwicklung der Rabbiner- Heranbildung entschieden betonte und schließlich auch" die Regelung der Konstitution der israelitischen Gemeinden in Aussicht stellte. Da diese Erklärung sich mit der Ansicht der Präsidenten der Distrikte deckt, sehen sie den weiteren Entschließungen des Ministers mit voller Zuversicht entgegen. Sie erklärten ferner, bereit zu sein, die sonstigen zur Herstellung der Einheit und des konfessionellen Friedens unter den Juden führenden Bestrebungen des Ministers mit begeisterter Hingebung zu fördern." Wie rief die Aversion gegen das neologe Minus-Judentum doch im Herzen der unteren Zehntausend wurzelt, dafür ist das Testament des Großwardeiner orthodoxen Grundbesitzers Simon Grünberg wenn auch nicht symptomatisch doch charakteristisch. Er verfügte, daß aus seinem Nachlaß der orthodoxen israelitischen Gemeinde 100000 Kronen, der christlich reformierten Kirchengemeinde zu humanitären Zwecken 100000 3. August 1M1. Kronen gegeben werden mögen. Für die jüdische Neologie aber keinen Groschen!! Wie groß und tief die Liebe zum einhettlichen Judentum selbst bei dem fanatischsten Verkünder des Gedankens, Szabolesi, ist, dafür hat er bei der Sprengung des jüdischen „Bolksbunds", der es sich zur Aufgabe stellte, eine Plattform zu geben, auf der sich die ganze ungarische Judenheit in den Dienst von sozialen und kulturellen Aufgaben versuchen könne und — wie es die Inspiratoren Mesey und Dr. Grauer dachten — so einen Kristaüisationspunkt zu schaffen, der den endlichen Zusammenschluß der Gefamtjudenheit einstens ermöglicht. Mit allen Mittttn journalistischer Finesse wurde gegen den Bund agitiert, dieser erst als klerikal in Verruf gebracht, dann aber mit der Begründung, daß man mit den Zionisten aus patriotisch ungarischen Rücksichten nie und nimmer zusammen arbeiten dürfe, diskreditiert. Denn daß es hier keinen Antisemitismus gebe und man diesen nicht erst durch den Volksbund ins Leben rufen möchte, ist so lächerlich, daß es sich nicht verlohnt, auf die Popen-Hetzreden Polonyi im Beisein der 5000köpfigen Menge, das enge Zusammenschließen des katholischen Volksbundes und das Ueberhandnehmen der die Existenz der Juden auf dem Lande gefährdenden Konsumgenossenschaften mit der Devise „Kaust nicht bei Juden", hinzuweisen. Dknn das sind Sachen, die Szabolesi vielleicht nicht nur im Interesse der Zugkraft seines Organs in allen Variationen verkündet. Und auch das religiöse Empfinden — vom Leben nicht zu reden — liegt bei ihnen gar im Argen. Wofür die Statistik das warnende Menetekel an die Wand brennt:.86 Mischehen im Monat Mai und fast 300Tausen in der gleichen Periode ist ein Rekord, den sich kaum eine andere jüdische Gemeinschaft als die Pester mit ihrem radikalen System zu leisten in der Lage war. Melde ich noch kurz, daß die einstigen Verkünder der neologen Allheiltheorie, deren Bilder als Abglanz erloschener Sterne die Budapester Gemeindestube zieren, mit geringen Ausnahmen ihren Kindern die Bahn zur Alleinseligmachenden geführt haben und daß die einstigen Kongreß- Präsidenten Wahrmann und Hirschler in ihren« Nachkommen schon waschechte Judenhaffer reinsten Kalibers erblicken, habe ich den Witz gezeigt, den ein Judentum gehen muß, das ohne positiven Gehalt, in enger Negation des Wesens des Judentums nur durch den fanatischen Haß gegen dessen Träger und Verkünder sich für einige Zeit über dem Wasser hält. itttftlonfr. Das üerbanösaufo. Hfetersöukg, 29. Juli. „Solange sich noch ein Jude in Petersburg und Umgebung befindet, hört der Kampf nicht auf", drohte letzthin Purischkewitsch in der Duma. Nun gilt es, den einen oder die einigen Juden, die den Umkreis der Residenz durch ihren Aufenthalt entweihen, restlos zu vernichten. In Kiew hat die natürlich von den Juden bestochene Behörde den Verbändlern das Spiel verdorben. Petersburg ist aber von Kiew entfernt genügt um die Ritualmordmär bestehen zu lassen, und da man doch moderner Mensch ist und der Zeit — mit Automobil nacheitt, sucht man sie auch mittels dieses Vehikels unter die Leute zu bringen. So treibt seit kurzem ein geheimnisvolles Automobil im Petersburger Gouvernement sein Unwesen. Es erscheint plötzlich in dieser oder jener Gegend, um ebenso schnell wieder zu verschwinden und a» einem andern Orte seine verbrecherische Tätigkeit aufzunehmen. Das Automobil ist von riesigem Umfange, braun gestrichen und ttägt die Nummer 853. Manchmal ist es in dunklen Stoff gehüllt. Seine Jnsaffen verbergen sich geflissentlich im Innern des Geführtes, sodaß man bei der rasenden Fahrt ihre Gesichter nicht erblicken kann. Aus dem geöffneten Fenster de U ga H P vc di ge G D Mi in de W de v< in de ste tnt K B in M A b ( hü gr du R im ha Ei ser de: gez pr bej H> de W M nii ve ve gel da sie B, ne ru sek de ha wi en mi (A F v e ser ker La str ftd bu vo