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Der Israelit · 1911-08-03 · Heft 31 (3.8.1911) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 31 (3.8.1911)
Date
1911-08-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Ar*. Sette 4 9iu 31 _ Aber die Petersburger Zeit hindert nicht, daß der russische Schlendrian auch auf die Uhren übergegangen ist. Ich habe nicht zwei Bahnhöfe gefunden, deren Uhren übereingestimmt hätten. Das Streben nach Freiheit und Selbständigkeit ist jedem Menschen angeboren, auch dem russischen. Wird es im privaten und öffentlichen Leben auf Schritt und Tritt unterbunden, so ist es unermüdlich im Suchen und Finden von Gelegenheiten sich zu äußern. Es wirft sich zu- . nächst auf das teuerste Lebensgut, auf die Zeit und behandelt sie mit der zur Willkür ausgearteten Freiheit, deren Aeußerung auf allen anderen Gebieten untersagt ist. Auf diese und ähnliche revolutionäre Gedanken verfällt man unwillkürlich, wenn man, aus dem Lande der Ordnung und Pünktlichkeit kommend, ungebührlich lange auf seinen Zug warten muß. Die eben herandampfende Lokomotive machte ihnen ein jähes Ende. Sie war nicht mit Kohlen, sondern mit Holz geheizt und machte in ihrer äußeren Konstruktion einen ganz vorsündstutlichen Eindruck. Ihr Alter hielt aber noch die 17 Stunden aus, die ich mich ihrer Führung anvertrauen mußte. II. Am anderen Morgen erreichte ich zwischen 7 und 8 Uhr die an der Strecke Riga—Oral gelegene Bahnstation Rudnja, von welcher Lubawitfch noch 15 Werst (16 Kilometer) entfernt ist. Eine, im Verhältnis zu der kleinen Station große Anzahl von Fuhrwerken primitiver und primitivster Art stand zur Beförderung der Fahrgäste bereit. Die Fuhrleute waren ausschließlich Juden, arme Leute, welchen die Spuren ihres harten Kampfes ums Dasein tief in die Furchen des Gesichts gegraben waren. Sie fielen über bie Reisende her, feilschten, zeterten, drohten und schmeichelten, um sie für sich zu gewinnen. Die Art und Weise wie sie es taten, erklärte die mir bis jetzt nur theoretisch bekannte Tatsache, daß diese Fuhrhalter — Baale Agolo — das tiefste Niveau der jüdischen Bevölkerung vertreten. Das Reiseziel aller Passagiere, die hier ausgestiegen waren, war Lubawitsch, war der Redbe von Lubawitsch. Die Wege auf dem Lande sind in Rußland entsetzlich. Trotz der günstigen, trockenen Jahreszeit war diese Wagenfahrt durch die Püffe und Stöße, die jedem Schritt vorwärts als unzertrennliche Begleiterscheinung anhasten, nichts weniger als ein Vergnügen. Aber sie erreichte wie alles in der Welt ihr Ende und zwar schon nach kaum zwei Stunden, die mich endlich an das Ziel meiner Reise brachten. Lubawitsch ist ein kleines, ärmliches Dorf, mit einstöckigen Holzhaus cheu, deren innere Ein- _Der JSraeUt._ Achtung vollständig dem armseligen Aeußern entspricht. Es zählt etwa 400 jüdische und 200 nichtjudische Familien. Die Wohnung deS Rabbi und seines einzigen Sohnes tragen dagegen durch ihre äußere Form, sowie durch ihre innere Ausstattung einen ganz westeuropäischen Charakter. Sie bildet mit den Sälen und sonstigen Räumlichkeiten der Jeschiba einen ganzen Komplex von Häusern, die einen weiten, durch eine Bretterwand eingefriedigten Raum etnnehmen. In diesem Raum entfaltet sich eine Welt und ein Leben, die den aus dem Westen kommenden Fremden ganz eigenartig anmuten. Der sehr geräumige Hof scheint Gemeingut aller derjenigen zu sein, die sich zwanglos in ihm bewegen. In der Vorhalle, die zur Wohnung des Rabbi führt, und unmittelbar davor hat sich ei» e dichte Gruppe gesammelt, die augenscheinlich aus zugereisten Fremden besteht. S»e wollen den Rabbi sprechen. Die Gruppe setzt sich aus gut und ärmlich Gekleideten, aus Alten und Jungen, aus Männern und Frauen zusammen. Der eine will für eine schwierige Lage den Rat des Rabbi erbitten, ein anderer sein Gebet, ein Dritter seinen Segen und ein vierter alle diese drei zusammen. Der große Andrang hat die Notwendigkeit geschaffen, bestimmte Empfangstage einzurichten und dem Einlaß Begehrenden nummerierte Karten zu verabreichen, nach welchen jeder Zutritt erhält. Der Neuling, der das zum erstenmal gewahrt, erinnert sich sofort, was er schon alles von chassidischen Wunderrabbis gehört und gelesen hat und wenn er einer der vielen Allerweltswiffer ist, von welchen zwölfe auf ein Dutzend gehen, so findet er für seine mitgebrachten vorgefaßten Ansichten von Humbug und Schwindel des Chassidismus ganz prächtige Tatsachen und Beweise, wie er sie für seine Schablone nicht bester wünschen kann. Bringt er aber ein paar gesunde Augen und die Fähigkeit sowie den Willen mit, von seinem liebgewordenen Steckenpferdchen für einen Augenblick herunterzufteigen und sich nur an das zu halten, was seine Augen sehen, so kann ihn das, wenn er nicht wahrhettsblind ist, auf ganz andere Gedanken bringen. Was er da sieht, dafür hätte er gar nicht nach Lubawitsch reisen müffen, das kann er in jeder Großstadt, jeden Nachmittag bei einem einigermaßen renommierten Arzt sehen, der ebenfalls seine bestimmte Sprechstunde hat, in welcher seine zahlreichen Besucher mit nummerierten Karten vorgelaffen werden. Ich kann mir nun die Möglichkeit denken, daß dieser Arzt von Hans oder Kunz als Ignorant und Charlatan erklärt worden ist, muß er es deshalb wirklich sein? Seine Patienten glauben an ihn, sind sie deshalb das Opfer eines Schwindlers? Aber ich sehe schon, wie mein Steckenpferd- _3 August 1911. reiter auf die Klumpfüße eines Gleichnisses hinnelgt, mit welchen er von seinem Privilegrum zu hinken allzu ausgiebigen Gebrauch machen soll. Ich schenke eS ihm, und erbitte mir für dieses Geschenk die Erlaubnis, mich an ihn selber wenden zu dürfen. Er ist über jeden Verdacht erhaben, ein wundertuender Chassidtm-Rabbi zu sein, er ist nur ein bescheidener simpler Weltweiser, der alles Mögliche und noch einiges mehr zu beurteilen und zu verurteilen versteht. Gut. Wenn heute zu ihm Jemand käme und wollte ihn um seinen Rat für irgend eine schwierige Angelegenheit bitten, würde er ihn abweisen? Sicherlich nicht. Er hat ein viel zu gutes Herz, als daß er die Illusion von seinem hellen Kopf, die den Bittsteller zu ihm geführt hat, durch eine solche Weigerung zerstören sollte. Er gibt also seinen Rat, seiner Weisheit und Gutmütigkeit entsprechend, so gut und schlecht er eben kann. Wäre nun unser Ratgeber noch außerdem das was, man einen frommen Mann nennt und er würde durch einen Bittsteller ersucht, sein Gebet für Abwendung von Leid und Wehe des Menschen - angehen zu lassen, würde er eine solche Bitte abweifen? Wenn er ein wirklich frommer Mann ist, ganz gewiß nicht. Seine Bescheidenheit würde sich vielleicht einen Augenblick dagegen sträuben, daß er sich selber unter die Frommen rangieren solle, aber es fiele ihm noch rechtzeitig ein, daß so lange es noch sogar fromme Pferde gibt, es keine Ueberhebung sein ' kann, sich dieses Epiteton zuzulegen. Daß er das Ersuchen, ein gefahrvolles Unternehmen mit seinen guten Wünschen zu begleiten, nicht ablehnen würde, das auch nur zum Gegenstand einer Frage zu machen, käme einer Injurie gleich, der ich mich schuldig machen müßte. Er wäre ja ein Barbar, wenn tv für das Leid eines Mitmenschen nicht einmal einen guten Wunsch hätte. Das ist selbstverständlich, wie es ebenso selbstverständlich ist, daß er das, was er diesem einen Bittsteller tut, auch einen zweiten, dritten und zwanzigsten täte. Einverstanden? Ja? Dann hat unser Ratgeber ganz genau gehandelt wie ein Chassidim- Rabbi! Was etwa an diesem Vergleich hinken sollte, kommt den Chassidim-Rabbis zu Gute. Denn diese werden in der Tat von Hunderten und Tausenden um Rat, Gebet und Segen ersucht, während es bet der anderen Seite des Vergleichs nur in der Theorie vorkommt. Die große geistige Ueberlegenhett dieser Führer des Chassidismus, ihre werbende Kraft, die ihnen die Massen zuführt, kann kein Sehender leugnen. Man muß sie daher verdächtigen, wenn man darüber mit zu Schau getragener geringschätziger Ueberlegenhett zur Tagesordnung übergehen will. „Gelobt sei der Herr, unser Gott, der mit Gerechtigkeit euch geschaffen, mit Gerechtigkeit euch speiset und «ernährt . . . Die Leute sagen es nur halblaut mit: ein leises Murmeln geht über das Schiff, bis der kleine Mann die Schlußbenediktion: gelobt sei der Hcrr^ der die Toten tviederbelebt, langsam und feierlich gesprochen hat. Dann erhob er von neuem die sympathisch klingende Stimme, laut und »nächtig anbebend: Ha zur tomim po'olo. Im selben Augenblick fallen hungerte von Stimmen in lautern, wehklagender» Torr ein: „Hazur tvinim po'olo ki chol d'rochow mischpot." Wie ein »nächtiges Brausen tönen die alten Laute über das Schiff, hinaus auf das unendliche Meer in herzerschütternder Innigkeit, wie in Wehmut getränkt. Männer, Knaben, Frauerr, minder, sie alte beten so inbrünstig, in- und auswendig, weinen dabei heiße Tränen, stöhnen und schluchzen, als sei Channele ihr eigenes itinb, ihre Schwester und Verwandte gewesen. Uub wie sie, die ctmmber nie zuvor gesehen und gekannt haben, in derselben Sprache die allen gleich bekannt u»»d vertraut ist, den gleichen Schmerz mit Leib Friedman»» und feirrer Frau empfinden, da scheinen diese Hunderte von Menschen nur eine einzige Familie zu bilden; ein Bund von Brüdern und Schwestern. Mit dem Abschluß des Hazur flauen die Stimmen ab, zum leiser werdenden Murmeln. Dünn wird es einen Augenblick totenstill: rnän hört das Fallreep niederrasseln: ein kurzes Kommando in gedämpften» Ton, zwei Martosen stehen ruhig und sicher aus . der letzten Stufe, um den kleinen Sarg in Empfang zu nehmen. Im selben Augenblick ertönt die Danlpfpfeife „ die Maschinen stehen fast gleichzeitig still: a»n Achterdeck sinkt die Flagge tief herab bis zum Wasserspiegel. Ter kleine Sarg wird emporgehoben,. die Matrose« salutieren, der Kapitän '.»nd die Offiziere nehmen irochmals ihre Mütze»» ab, die Matrosen arn Fallreep lassen langsan» den Sarg ins Wasser gleiten. Noch einmal erhebt sich ein lautes Weinen in der dicht z»»sa,nmengedrängte»l Menschenmauer, ein letzter schmerzlicher Abschiedsgruß — Channeles Begräbnis ist vorüber. Kapitän. Ossiziere und Matrosen bedecken wieder ihre Häupter, die Flagge geht wieder doch, die Maschinen begi»»nen wieder zu arbeiten. Während sich der Kapitän tritt seinen» Stab entfernt, sagt Jemand laut Kaddisch uttb gleich darauf dringt ans hunderten von Kehlen, das Rasseln der Maschinen über-- tönend: „ O in e »» j'h e s ch'm e rabbo m'w o - rach" — — — Inzwischen glitt Channeles Sarg, von Eisenstückrn beschwert, hinab in die Tiefe des Meeres, immer tiefer hinab, wo das Wasser in ewiger Ruhe der-' harrt, keine Stürme, keine Bewegung mehr hat. Und weiter hi»»ab »vird Channeles Leiche getragen worden sein, bis auf der» Grund, und mag auch das Wasser meilenties an jener Stelle gewesen sei»». Denn auch dieses unendlich weite m»d unendlich tiefe Meer ruht dennoch wieder auf einem Erdengrund. U»»d so »st in» letzten Grunde ein Meeresgrab dennoch eine Ruhestätte im inütterlichxn Schoß der Erde. Ob wir »rirtt hier oder dort eittft die letzte Ruhestätte finden, Gleich unter de»n Flügel des Elvigen ruhlv Ter Rasengrufthüget, das Grab in der Flut. (Kleischbeschan und Hygiene.) Herr Tr. K a l l - n e r - Spanda»», der, wie bereits mitgeteilt, auf Anregung des Komitees für die Hygiene der Juden auf der Hygiene-Ausstellung m Dresden eine Anzahl Wachsnachbildungen von der Lunge und des Mageirs ausgestellt hat, läßt sich über den Zweck dieser Spezialausstellung folgendermaßen aus: „Wenn heutzutage Juden, orthodoxer Herkunft aus irgend welchen Gründen die 1000 jährigen alten Gesetze unserer Religion nicht mehr beobachten, so'haben sie — ganz gleich, ob sie Akadeiniker, Kaufleute, Handwerker nsw. sind, ganz gleich, ob sie Bildung besitzen oder nicht, immer denselben Entschuldig'.»»» gsgrund: Wir modernen Menschen können »ms doch nicht an solche veralteten Gesetze halten. Ich kenne Juden, in ihrer Anschauung, Lebensweise, Kleidung nsw. die so veraltet find, wie »nan sie sich überhaupt iu Deutschland kaurn Vörstetten kann. Aber trotzde»»»: „Wir modernen Menschen . . Diese Leute wissen überhaupt »richts vom modernen Leben, aber sie sprechen umso mehr davon. Und unsere Gebildeten? Wir freuen uns ja immer, den größten Prozentsatz der Intellektuellen zu stelle»». Das »st sicher richtig. Leider können unsere jüdischen Intellektuellen alles: Literatur und Kunst, Sprachen und alle Zweige der Wissenschaft: nur vorn Judentum, seiner Lehre und seinen Gesetzen wissen sie nichts. Irn vorletzten Jahre wurde an einem kleiner» Orte — wie überall jetzt — ein indischer Jugendverein zur Erweckung »reuen jüdischen Lebens gegründet. Als erster Antrag wurde von der intelligentesten Dame der Vorschlag gemacht: „Italienisch zu treiben". Dazu der jüdische Juge»»dverein. ,Marum mein lieber Freund halten Sie die jüdischen «peisegesetze »»icht mehr?" Als nioderuer Mensch kann ich doch nicht die itltm Gesetze mehr halten." „Ja, kennen Sie denn die Speisegefetze der jüdischen Lehre?" — Ta. hapert es. Ob es hapert. Tie Leute aus der Kleinstadt kennen sic noch zum Teil; die aus der Großstadt wissen meistens nur noch, daß. die jüdische Küche furchtbar fett ist und daß man einen Kalbsbraten nicht mit Butter zubereiten darf. Leute, die sich nun wirklich schon etwas informiert haben, werden ganz erbost.

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