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Der Israelit · 1911-08-03 · Heft 31 (3.8.1911) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 31 (3.8.1911)
Date
1911-08-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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s. August 1911 Der J-raütt «o 31. Gelte 3 auch in umfassendem philanthropischem Sinne, driygend notwendig ist. Der Verlust ist verständlich, meint das Palästinaheft. Er wäre aber vielleicht gemildert worden, wenn man gleich beim Eintritt der Katastrophe sich allseitig an der Hilfsaktion beteiligt hätte, die man heute für unvermeidlich hält. Sollte heute, etwas spät, das Versäumte nachgeholt werden, so kann es nur auf Grund der Anschauungen geschehen, von denen die Deutschholländische Chalukaverwaltung bei der Umgestaltung ihres Hilfewerkes von vier Jahren und auch bei ihren Hilfsversuchen nach Eintritt der Krise vor einem halben Jahre ausging. Es gilt, bei voller Würdigung der Tatsache, daß die Bevölkerung Jerusalems bei ihrer heutigen Zusammensetzung und unter den obwaltenden Umständen für absehbare Zeit ter Unterstützung der Diaspora nicht entbehren könne, die Ursachen zu prüfen, aus denen die folgenschwere Krise erwachsen ist und die Mittel und Wege ausfindig zu machen, den 2W dergestalt zu sanieren, daß ihm die Kräfte, die er durch die zunehmende Auswanderung anhaltend verliert, erhalten bleiben. Huf den Dümmern einer russischen Choraansfalt. Ein eigenes und höchst trauriges Kapitel in der Leidensgeschichte des russiischen Judenrayons bilden die beständigen Feuersbrünste, die alljährlich, wenn die heißen Sommertage kommen, sich mit gesteigerter Intensität wiederholen. Man spricht sogar in Rußland von einer Saison der Feüersbrünste, auf die man sich alljährlich gefaßt machen muß, ohne sich auf dieselbe irgendwie einrichten und vorbereiten zu können. Die kleinen armseligen, teils strohbedachten Häuschen im Judenstädtchen, die ohne Plan- und Baulinie neben und aneinander geworfen sind, bilden einen willkommnen Herd für das verheerende Element. Eine unvorsichtige Hantierung mit Feuerzeug oder, wie in letzter Zeit häufig der Fall, böswillige und rachsüchtige Brandlegung, und das Unglück in seiner ganzen erschütternden Größe ist da. Ganze Häuserkomplexe stehen in hellen Flammen. Die Feuerwehr, wenn eine solche überhaupt am Platze vorhanden ist, ist machtlos, die Löschinstrumente ungenügend. Bon wilder Panik ergiffen, laufen die Menschen sinn- Und kopflos umher, ein jeder nur auf die Rettung seiner Nächsten und seines Eigentums bedacht. In wenigen Stunden ist eine ganze Stadt in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelt. Von der wohltätigen Einrichtung der Feuerversicherung weiß man in jenen Gegenden noch so gut wie gar nichts. Tausende kampieren auf der Straße, sehr umständlich darzutun, daß eine Lewaje auf dem Meer ebenso wichtig im Zeremoniell sei, wie zu Lande. Erst allmählich läßt er mich zu Worte kommen und merkt dann bald aus meinen Fragen, daß ich nicht gänzlich fremd auf dem Gebiete des „Tin" bin, was bei sämtlichen Zuhörern einen offenbar guten Eindruck macht. Sie lächeln mir freundlich wohlwollend zu und nicken mit dem Kopf zustimmend. Der Professor hört aufmerksam zu, versteht aber so gut wie nichts von der Unterhaltung. Tie ängstliche Sorge um ihr Religionsgesetz, selbst ans goher See und angesichts des Todes, flößt ihm sichtlich vor diesen armen Leuten Respekt ein. Ich gehe dann auch wirklich zum Kapitän und trage ihm die Bitte der Leute vor. Er billigt und bewilligt alles. Auch um das Gebot der Begleitung wörtlich erfüllen zu können, soll der Sarg um den ganzen Raum des Zwischendecks herumgetragen werden dürfen, bevor er dem Meere übergeben ward. Am nächsten Morgen um 8 Uhr wird die „Lewai»' klein Channeles stattfinden. V. Im Vordersteven, die ganze Spitze des Schiffes einnehmend, saßen, eine Stunde nach meiner Unterredung mit dem Kapitän, wohl ein Dutzend unv noch mehr Frauen beisammen und nähten stumm und ernst an Channeles letztem Gewand. Viele haben zuerst das beste von dem Wenigen, das sie selber an Leinen besaßen, hergegeben, ehe sie sich Per zusammensetztcn, um eine Liebespflicht nach altjüdischem Brauch zu erfüllen. Ter immer wißbegierige Professor sah nicht ohne Bewegung diesem Liebeswerk, zu dem ich ihm die gewünschten Commentare gab, zu. Er war jetzt ständig auf dem Zwischendeck und fast gar nicht mehr in dem Äemmten Teil des Schiffes AN erblicken. Er viele Hunderte haben mit knapper Not ihr nacktes Leben gerettet, viele Familien haben auch Menschenopfer zu beklagen, und alle sind sie aus ihrer Gewohnheit, aus ihren geschäftlichen Beziehungen, aus ihrem wohl ärmlichen, aber doch trauten Familien heim auf die Straße gejagt, wo sie dann beim Reste ihrer Habe nach der ersten Gemütserregung in Muße überlegen können, ob sie zum Wander- oder zum Bettelstäbe greifen sollen. Das Elend,, von dem solche rauchenden Schutthaufen der jüdischen Welt Kunde geben, wäre groß und schreiend genug, um -alle jüdischen Herzen in Bewegung zu setzen, würde nicht die Häufigkeit und die alljährliche regelmäßige Wiederkehr dieser Unglücksfälle ein wenig abstumpfend und eindämmend auf das jüdische Mitleid wirken. Indessen sind es auch oft unschätzbare geisti g e Werte, die bet solchen Katastrophen in Menge vernichtet werden. Es handelt sich zumeist um uralte Gemeinden, die im Besitze von alten Synagogen, Lehrhäusern, wertvollen Bibliotheken und historisch bedeutungsvollen Memor-Büchern sind. Fast überall aber sind auch die ynagogen und Bethäuser mitsamt ihrem heiligen Inventar etu Raub der Flammen, und die unersetzlichen Verluste, die dabei die Gemeinden erleiden, treffen auch das gesamte Judentum. Was uns aber mit Hinsicht auf die Lage und den Geistesftand im heutigen Judentum am tiefsten erschüttern muß, das ist, wenn auch bedeutende Jeschiwoth, alte Pflanz- und Pflegestätten des jüdischen Geistes in Mitleidenschaft gezogen werden und die Jünger der Thora, deren wir heute wahrlich nicht zu viel haben, ihr Heim verlieren und ziellos in die Welt hinausgejagt werden, wenn an der Stätte, aus der die Stimme der Thora in die düstere jüdische Gaffe so hoffnungfroh hinausklang, ein glimmender Haufen von Zerstörung und Verwüstung kündet. Vor einigen Jahren traf dieses harte Geschick die bedeutende Jeschiwoh in Telsch, die sich bis aus den heutigen Tag noch nicht ganz aus den Trümmern erhoben hat. Nun ist vom Feuerverhängnis auch die Jeschiwoh zu Mir, die altehrwürdige, nach Wollos i n wohl die älteste und bedeutendste in Rußland, betroffen worden. Mehr als hundert Jahre hindurch hat diese Lehranstalt gewirkt und unzählige Thoragrößen der jüdischen Welt geschenkt. Nun ist sie mit den 600 Häusern und mit allen Synagogen und Bethäusern des Städtchens, just zur Zeit, da sie sich in der Blüte und auf der Höhe ihrer Aufgabe befand, eingeäschert. Unter den Tausenden, die obdach- und brotlos in den Straßen des Städtchens der Hilfe harren, sind auch die vielen Hunderte Thorajünger, die ihr Heim verloren haben. Soll es da nicht eine ist ein ganzer Mann und ein echter Mensch und Gelehrter, der ja auch, wie er mir sagte, bisher selten mit Israeliten zusammcngekommen war. Wohl war er mit einem getauften Universitätskollegen zuweilen zusammengekommcn: auch von dessen Bruder, einem ebenfalls getauften Kommerz enrat häufig zum Besuch eingeladen worden, hatte aber niemals familiären Verkehr mit den beiden Herren ängeknüpft. Nach dieser rückhaltlos gemachten Mitteilung, stieg meine Hochachtung vor diesem prächtigen Menschen nock mehr. An Leib Friedmann, dem Typus eines braven, ehrlichen und von keiner „Kultur" verfälschten Menschen hatte er offenbar ein wachsendes Wohlwollen und Interesse gefunden. .Auch der Regierungsbeamte ist hier auf dem Schiff human; wenn er nur auch als Beamter sich so auf dem Festland zeigen wird! Das „Nähen" der Frauen dauert recht lange, obgleich das winzige Körperchen des toten Channele eigentlich keine große Arbeit verlangt. Es liegt etwas Rührendes, die innere Zusammengehörigkeit der Juden geradezu erhaben zum Ausdruck bringendes, in diesem Nähen der aus den verschiedensten Ländern stammenden jüdischen Frauen. Ein tatsächlicher Einheitsgedanke, der alles überbrückt, was die verschiedenartigste! Kulturen und Lebensgewohnheiten zwischen diese Juden legt. Wie sie so da beisammensitzen, eine so vertraut Mit dem Werke und seiner Bedeutung wie die andere, könnte man meinen, diese galizischen, russischen, rumänischen und ungarischen Jüdinnen, — eine ist aus dem Kaukasus — die tausende von Meilen von einander geboren wurden und gelebt haben, seien aus demselben kleinen Städtchen, im selben Hause erzogen worden. Maische Streichholz, alias Morris Cleveland, ist - Ehrenpflicht der jüdischen Gesamtheit sein, nach Kräften Hilfe zu schaffen,auf daß die Stätte der Thora wieder auf» gsertchtet werde und wieder wie ehedem djieFülleihresSegensüberdas Juden» tum ausbreite? Die Verwaltung der Jeschiwoh (unterzeichnet: vom Jeschiwohleiter, Rabbiner Elijah Barurh Komay in Mir, Gouvernement Minsk,, der die Unterstützungen entgegennimmt) versendet einen Aufruf, der die wohlverdiente Beachtung in allen jüdischen Kreisen finden mag. Wir leben in einer höchst thoraarmen Zeit, und die Statten^ die mit der Heilkraft der altjüdischen Lehre auf die geistige Gesundung der jüdischen Jugend einwirken und all den gefährlichen Strömungen der Zeit entgegenarbeiten, vermindern sich leider auch im Osten mit jedem Tage. Umsomehr müßte esuns am Herzen liegen, die wenigen Anstalten^ die in diesem Sinne so ungemein fegensvoll wirken, dem Judentume zu erhalten. In diesen Tagen der Trauer und des Trostes,, da wir den »Geist des großen Rabbi Jochanan heraufbeschwörten, dessen erste Sorge nach dem Untergänge des Reiches es war, ein Heim der jüdischen Lehre in Jabneh zu sichern, möge der Appell aus der so schwer heimgesuchten Thorastadt einen günstigen Boden in den jüdischen Herzen allüberall finden. Die alterwürdige Jeschiwoh zu Mir muß vor dem Untergange gerettet werden. Sei ae« £bas$idim. H. In Rußland kann man sich in seinem Eisenbahncoupee nicht den Platz wählen, der einem am besten gefällt. Am Schalter erhält man bereits mit seiner Fahrkarte auch die Nummer des Platzes ausgehändjgt, den mau einzunehmen hat. Aber man vergißt diese Bevormundung bald, wenn man einmal fährt, da die russischen Esenbahnwagen erster und zweiter Klaffe bequemer und zum Teil, auch praktischer als die deutschen eingerichtet find. Wenn man einmal fährt! Das geht aber nicht so rasch. Das russische Eisenbahnpersonal hat an jedem Ort Beranlaffung, etwas längeren bleiben, als fahrplanmäßig vorgesehen ist. Die Lokomotiven müssen an vielen Orten Wasser, die Reisenden aber an allen Stationen Tee haben. In Wirballen muß nun gar der Zug so lange warten, bis die Zollrevision zu Ende geführt ist, das geht aber beim besten Willen nicht so rasch. Dazu kommt noch, daß hier die Petersburger Zeit beginnt. Sie ist das einzige, worin ich fand, daß Rußland Deutschland voraus ist; nämlich um 61 Minuten. ganz Rührung und Teilnahme für Leib Friedmann. Er ist ja selber ein guter Vater und fühlt mit Leib dessen ganzen Schmerz. Er ist auch außerordentlich redselig und schwur mir alle Augenblicke zu^ er werde in New-Pork sich Friedmanns wie eines Bruders an-- nehmcn. Gott möge ihm nur seine guten Kindlach erhalten; nur seine Kindlach möge der Herr gesund erhalten. An Bord geht es her wie sonst auch; nur die Juden im Zwischendeck sind merklich stiller und geräuschloser als seither. Ist» doch ein „Meß" an Bord! — Am nächsten Morgen, als die Schiffsglocke 8 Uhr angekündigt, erschien am Teck der kleine, schwarzbehangene Sarg, der mit Channeles Leiche dem ewig ruhelosen Meer übergeben werden soll. Alle paar Schritte strecken sich einige paar Arme aus, um die kleine Tote drei Schritte weit zu tragen. Zwei Matrosen in Gala schreiten. Platz schaffend; voran. Mehreremal ist der Sarg schon abwechselnd getragen worden, dann ward er auf eine Bahr: aufgestellt. Hier stand der Kapitän mit zwei Offizieren und Matrosen ebenfalls in Gala. Beim Mederstellen des Sarges bedeckt der Kapitän sein bisher entblößtes Haupt. Das ganze Verdeck ist so dicht mit Menschen besetzt, daß sie sicb kaum regen können. Und vom OberbeH der Kajüten blicken, in ihre Schals gehüllt, gestielte Lorgnons vor ihren Augen, kleine Gruppen Damen und einige Männer neugierig berab. Aus der zweiten Klasse haben sich einige jüdische Passagiere, darunter zwei Frauen, gleichfalls zur „Lewaje" eingesunden. Herr Riesenthal und Herr Tiptop schlafen noch. Ta drängt sich ein kleiner Mann in Kaftan, mit schneeweißem langen Bart und langem Haupthaar an den Sarg und beginnt mit klingender. laut hinaustönender Stimme zu singen:

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