Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1911)
- Date
- 1911-08-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448803-2448835--66773-2494952- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette S Nr. 81 M« 3. August 1911 Wer aber den Rechenschaftsberichten unseres Vereins, die alljährlich erscheinen, eine genauere Durchsicht gewidmet hat, wird diese Verwunderung kaum mehr teilen. Zunächst gibt man sich im großen Publikum, wie eS scheint, falschen Vorstellungen über die Zahl des hier in Betracht kommenden Personenkreises hin. Es kann ja eine'derartige Organisation selbstverständlich nur für solche Handlungsgehilfen in Betracht kommen, die in an Sabbat geschlossenen Geschäften angestellt oder, soweit dies nicht der Fall ist, an diesem Tage von der Arbeit dispensiert sind. Wenn nun auch eine genaue Statistik weder über die Zahl dieser Geschäfte, noch über die Zahl der in ihnen beschäftigten Personen existiert, so dürfen wir doch wohl annehmen, daß es sich für Deutschland um höchstens 3—4000 Gehilfen handelt. Setzen wir einmal den günstigsten Fall, daß es gelingen könnte, diesen ganzen Kreis zu einer Organisation zu vereinigen, so wäre damit die Voraussetzung für jene Institution, die dem Einsender der obigen Zeitschrift am meisten am Herzen zu liegen scheint, eine Krankenkasse meines Erachtens noch nicht gegeben. Eine Krankenkasse für einen solch relativen kleinen Kreis würde, wenn sie Freizügigkeit für das ganze deutsche Reich gewährte, nicht das bieten können, was die großen Krankenkassen zurzeit leisten. Auch ist nicht zu unterschätzen, daß der Ausbau der staatlichen Versicherung, der durch das jetzt vom Reichstag verabschiedete Reichsversicherungsgesetz wieder um ein großes Stück gefördert worden ist, den Privatkrankenkaffen die Existenz mehr und mehr erschwert. Fällt so der Hauptgrund zu der in obiger \ Zuschrift angeregten Organisation der gesetzestreuen Kaufieute hinweg, so bleibt jene nichtsdestoweniger ein durchaus wünschenswertes Ziel. Es sind denn auch von unserem Verein, besonders in früheren Jahren, bedeutende Anstrengungen gemacht worden, um wenigstens die Mehrzahl der Gehilfen unserem Verein anzugliedern. Wenn man bedenkt, daß weit wichtiger als die Krankenkasse, für die ja jeder sich durch den Beitritt zur Ortskrankenkasse genügenden Ersatz schaffen kann, die Versicherung gegen Stellenlosigkeit ist) wenn man fMrer bedenkt, daß die Bersicherungskosse unseres Vereins mehr leistet als irgend eine andere zurzeit bestehende, so sollte man meinen, daß Anreiz genug vorhanden sei, unserem Verein beizutreten und auch dauernd in ihm zu verbleiben. Leider entspricht die Praxis dieser Voraussetzung sehr wenig. Unser Statut verpsstchtet jene, die durch uns eine Stelle erlangt haben, Mitglieder des Vereins zu werden und dies mindestens zwei Jahre zu bleiben. Da unser Verein nun bis Ende 1910 über 1200 Stellen besetzt hat, so dürfte man doch annehmen, daß die Zahl seiner ordentlichen Mitglieder (Handlungsgehilfen) wenigstens die Hälfte, also 600, betragen würde. Leider ist dies nicht der Fall. Unser Bestand an ordentlichen Mitgliedern belief sich Ende 1910 auf 418 (Ende 1909, 453). Zwar sind Austritte sehr selten, aber wir müssen alljährlich die Erfahrung machen, daß die jungen Leute — vielfach auch solche, die durch uns ihre Stelle erlangt haben — wenn sie glauben, daß sie in ihrer Stelle nunmehr festsitzen, ihren Mitgliedsbcitrag nicht mehr zahlen und dadurch ihrer Mitgliedschaft verlustig gehen. Dabei sind unsere Beiträge sehr niedrig: 6, 9 und 12 Mk., je nach der Klasse. Für diese minimalen Beträge gewähren wir: a. kostenlose Zustellung der Verbandszeitschrift „Der Sabbat", b. kostenlose Stellenvermittlung, c. Entschädigung im Falle von Stellenlosigkeit, in Höhe von 30, 45 und 60 Mk. pro Monat, je nach der Klasse und zwar aus die Dauer von 6 Monaten, nach mindestens einjähriger Mitgliedschaft. Wohl hat mancher dieser Leichtsinnigen, die die Beiträge nicht zahlten, es später bei eintretender Stellenlosigkeit bitter bereut, indessen war es dsm Verein bisher nicht möglich, diese Fahnenflucht in wirksamer Weise zu bekämpfen. Es ist ja nicht ausgeschlossen, daß die Verhältnisse heute etwas günstiger liegen. Bonseiten unseres Vereins wird es mit Freuden begrüßt werden, wenn seine Bestrebungen nach dieser Richtung die Unterstützung einer Anzahl junger Leute sinden sollten. Vielleicht geben diese Zeilen Veranlassung, mit Vorschlägen an uns heranzutreten. Wir sind gern bereit, sie zu prüfen und, wenn irgend möglich, auszuführen." Wir halten die Diskussion dieser wichtigen Frage hiermit nicht für erschöpft und stellen unsere Spalten zu weiteren Ausführungen gerne zurBerfügung. Kochrmim§lcha«. ■; •-r' Späte Einsicht. Wie vorauszusehen war, hatte die wirtschaftliche Krisis in Jerusalem, über deren Umfang und katastrophale Bedeutung wir seinerzeit unsere Leser genügend orientiert haben, eine Massenauswanderung: zur unmittelbaren Folge. Seit März dieses Jahres sollen bereits 2000 Juden Jerusalem verlassen haben. Diese Erscheinung, die man gewiß auch ohne Prophetengabe voraussehen konnte, und von deren ersten Vorboten wir in unserer Wochenrundschau vom 12. März noch hofften, daß sie das einmütige Eingreifen aller an der Wohlfahrt Palästinas interessierten Kreise zur Abhilfe auf den Plan rufen würden, beginnt doch nun, nachdem sie klar zutage tritt, auch denjenigen einige Gewissen sschmerzen zu bereiten, die sich, da es noch Zeit war, völlig uninteressiert abseits der von der Deutsch-holländischen Palästinaverwaltung eingeletteten Hilfsaktion stellten. Heute nach sechs Monaten und nachdem der jnnh der doch immerhin das Rückgrat der ganzen jüdischen Ansiedlung in Palästina ist, circa 2000 Seelen verloren hat, findet dies das letzte Heft der Monatschrift für die Erschließung Palästinas „Palästina" „in Anbetracht der herrschenden überaus traurigen Zustände gar nicht verwunderlich" und glaubt, daß „dieser Erscheinung nach aller Möglichkeit entgegengewirkt werden muß." Jetzt erst dämmert auch in diesen Kreisen die Erkenntnis auf, daß „entschiedene Hilfsaktionen dringend notwendig sind durch möglich sie Schaffung von Erwerbsgelegenheiten, aber auch in umfassend phtlantropischem Sinne!" Gerade der Versuch, auch in umfassend philanthropischem Sinne helfend einzugreifen, dessen Kosten die Gesetzestreuen allein zu tragen hatten und gerne trugen, hatte es seinerzeit der radikal-zionistischen hebräischen Presse angetan. Wir erinnern nur an den von uns in Nr. 14 unseres Blattes festgenagelten Artikel des G71JM, der den offenbaren Zweck verfolgte, durch falsche Darstellung der Sachlage, durch Diskreditterung der Betroffene» und derer, die sich ihnen hilfbereit zur Sette stellten, das Hilfswerk zu verhindern. Mit unübertroffener Herzenskälte wurde dort die „in die Welt hinausposaunte Krisis" als „eine neue Spekulation unternehmungslustiger Schnorrer" dahingestellt und „der neue Neinsall der naiven bettlerzüchtenden deutschen Orthodoxie" weidlich belacht. Nicht überall in zionistischen Kreisen wird freilich diese Auffassung geteilt, diese zynische Sprache in einer Zeit, da Tausende nach Brot schrien, gebilligt woren sein. Aber eineTatsache ist es, daß sich auch in den Kreisen der,, liberalen" Judenheit nirgends ein Finger zu Gunsten der Unglücklichen gerührt hat und, wie die veröffentlichten Spendenausweife zeigten, auch sogutwienichts an materiellen Mitteln geleistet wurde. Erst mußte der Hunger 2000 Juden aus Palästina treiben, um auch außerhalb der Orthodoxie die Einsicht zu zeitigen,daß eine entschiedene Hilfsaktion, Aleirrer Meuilleton. Ei« Mrrrrrgrad. Bon Arthur Kahn. (Schluß.) IV. Klein Channele ist in der fünften Morgenstunde gestorben. Das Wetter hat sich aufgehellt. Ich wandle planlos auf dem Schiff umher. Auf dem Oberdeck begegnet mir der Kapitän, der sich sichtlich freut, daß der Sturm mir nichts anhaben konnte. Er lädt mich sin, mit aus die Kommandobrücke zu kommen. Das ist die höchste Stelle aus drm Schiss und man kann von da aus noch bedeutend weiter sehen, als vom Oberdeck. Auch das Lotsen- und Steuerhaus wird mir gezeigt und was sonst einen von den wunderbaren Instrumenten und Einrichtungen interessier?» kann. Doch ich bin heute wieder einmal sehr zerstreut: ich muß wieder an Leib Wiedmann und sein Weib denken. Gegen 11 Uhr gehe ich in den Rauchsalon. Hier sitzen der Opernsänger, Herr Riesenthal, Herr Tiptop und . der Weinhändler nebst noch andern ebenso gleichgültigen Menschen beim Kartenspiel beisammen. Ter Einkäufer und der Importeur zanken mit einander. Ter Schiffsarzt sitzt in der Nähe und lächelt malitiös, wahrend er raucht. „Sie fallen ja : /!• .'J. „• . - -- ... -t. »., ... _. einem immer ins Wort," tadelte der Importeur Herrn Riesenthal, und der fällt wieder dazwischen: „Lassen Sie denn Jemand nusredcn; Sie führen ja immer das Wort." „Kuckt", ruft der Opernsänger, indem er ernst von seinen Karten aufblickt. Ter Ausdruck ist mir uubekannt. Bei meinem Nähertreten erhebt sich der Schisfsarzt und ruft mir entgegen: „Das kleine Mädchen ist heute früh gestorben." Riesenthal und Trptop lassen gleichzeitig die Hand mit den Karten sinken und fragen auch gleichzeitig: „Welches Mädchen ist gestorben? Wo? Hier auf dem Schiff?" „Wo denn?" gegenfragte der Arzt grob. „Natürlich hier auf dein Schiff". „Ich meine nur, wo auf dem Schiss", ergänzte Herr Tiptop interessiert. „Im Hospital, im Zwischendeck", antwortete jetzt höflicher der Arzt. „Und woran?" mischte sich der Opernsänger hinein. Er ist blaß geworden, vielleicht weil ihn die Seekrankheit mitgenommen hatte. Merkwürdig, auch die Züge des Einkäufers haben einen ängstlichen Ausdruck. Ter Arzt und ich nehmen das gleichzeitig wahr, unsere Gedanken begegnen sich wie unsere Blicke, und wir beide lächeln uns an. Jetzt sind alle Augen auf uns Beide gerichtet, das Kartenspiel ist unterbrochen. Der Doktor macht sich wichtig und antwortet endlich auf die Fragen: „Unter ganz eigenartigen Krankheitserscheinungen" . . . Jetzt schwirrt es durcheinander mit Worten, Fragen und Gegenfragen. So wichtig wie in diesem Augenblick erscheint die Person des Doktors sobald nicht wieder und er kann sich für das häufige üebersehenwerden jetzt ein wenig rächen. Der Opernsänger ist aber inzwischen verschwunden, der Weinhändler hört gelassen zu, der Importeur wird aber sichtlich aufgeregt und rückt so weit er vermag von mir und dem Schiffsarzt ab. Zu mir gewandt, spricht er in gereiztem Ton: „Und Sie, Herr Doktor, gehen fortwährend ins Zwischendeck, wo man sich so leicht anstecken kann und setzen sich dann an die Frühstückstafel und zu uns hierher" . . . Ich blicke den erregten Mann vergnügt an und antworte freundlich: „Irren Sie nicht, mein Herr? Zn Ihnen habe ich mich doch sicher noch nicht gesetzt, denn ich halte gewissen Leuten gegenüber sehr auf Distanz." Mit dent Arzt verlasse ich deir Raum, mit dent Gefühl, jetzt zwei Feinde an Bord zu haben. Alle vier wäre mir lieber gewesen. Ich will mich am Leib Friedmann kümmern und g he aufs Zwischendeck. Auf dem Wege begegnet mir d r Professor, der mich begleitet. Das Deck ist buchstäblich vou Menschen besät, die, nachdem sie fast zwei Tage unter Deck hatten bleiben müssen, nach frischer Luft lechzen. Tie meisten machen einen erbarmungswürdigen Eindruck. Tie Seekrankheit, die Stickluft unter Teck hat alle stark mitgenommen. Es sind üb r 1400 Auswanderer an Bord, darunter etwa 000 Juden. Kaum sind einige, der in Gruppen unter dm überall herumliegenden Menschen dastehenden Männer meiner ansichtig geworden, als auch schon mehrere, eitt" Art Deputation bildend, mich sofort nnsprechen. Ich sei doch ein großer „Tackis" und „arg angesehen" beim gnädigen Herrn Kapitän, möchte doch dafür tun, daß die „Lewaje e yiddisch" sei. Bon ineinen Kenntnissen der Religionsgesetze scheint Rebb Schimnowitsch, der Huuptsprecher, keine hohe Meinung zu haben, was ich ihm auch gar nicht verüble; bin ich doch „e Taatsch". Er jucht mir