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Der Israelit · 1911-07-27 · Heft 30 (27.7.1911) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 30 (27.7.1911)
Date
1911-07-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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ellen Wischen Fnwenip der Errichtung von Bibliotheken und Lesehallen, in der Herausgabe von Bolksschriften und in Abhaltung von Vorträgen. Interessant' ist es, daß in den drei Jahren seines Bestehens der Verband keine einzige Verwarnung von den Behörden erhielt. Er hat sich also Politisch nichts zu Schulden kommen lassen. Vor Jahresfrist ungefähr wurden vom Ministerium die Statuten und die Arbeitspläne der einzelnen Vereine eingefordert und einige Aenderungen vorgeschlagen, die auch von den Vereinen vollauf berücksichtigt wurden. Diese plötzliche Schließung des Verbands wirkt sehr überraschend und nicht gerade ermutigend $ * * In der Untersuchung der Kiew er Mordaffäre werden nun einige Momente bekannt, die auf den Gang der Angelegenheit von großem Einfluß sein können. Es ist setzt feswestellt, daß der leibliche Vater des ermordeten Knaben, der im russisch-japanischen Kriege gefallen ist, in der Kiewer Bank vor seiner Abreise nach dem Schlachtfelde ungefähr 600 Rubel auf den Namen seines Sohnes deponiert hat. Die Mutter des Knaben, die, nachdem sie vom Tode ihres Mannes erfahren, sich mit einem berüchtigten Trunkenbolde nochmals verheiratet hat, machte wiederholt auf Anstiftung ihres zweiten Mannes vergebliche Versuche, das Geld abzuheben. Der Betrag wurde ihr verweigert, da das Kind, das als rechtmäßiger Eigentümer des Geldes galt, noch nicht mündtg war, um seine Einwilligung zu geben. Unmittelbar nach dem Morde erhielt sie jedoch das Geld als die alleinige Erbin des Knaben von der'Bank ausgehändigt. Diese Indizien trugen auch mit dazu bei, daß sowohl die Frau wie der Stiefvater des Knaben kurz nach der Tat verhaftet wurden. Sie sind aber auf Betreiben der Schwarzen Banden wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Nun aber, nachdem die Sache von Petersburg aus mit mehr Energie angepackt wurde, sitzen sie, wie noch viele andere Verwandte des ehrbaren Ehepaares, die in dringendem Verdachte stehen, Helfersdienste beim Morde geleistet zu haben, hinter Schloß und Riegel. Es herrscht allgemein die Annahme, daß die Verbändler, die die Verhältnisse in der Familie kannten, sich diese zunutze machten und das Zustandekommen des Mordes zu Zwecken der Judenhetze förderten. Dafür spricht vor allem der Umstand, daß die Verstümmlung des Körpers ganz genau der wahnwitzigen und phantasteretchen Schilderung entspricht, die der bekannte Antisemit Lotostanski in Wort und Bild vom Rttualmorde entwirft. Chiefrabbi Dr. 1191er V'xt London, 21. Juli. Zu der in großen Zügen gefaßten Biographie des verstorbenen Chiefrabbi in der letzten" Nummer sind noch folgende ergänzende Einzelheiten nachzutragen: Wie schon berichtet, kam Dr. Adler im Jahre 1845, als sein Vater den Posten eines Oberrabbtners von England erhielt, nach London, wo er seine wissenschaftliche Ausbildung, genoß und 1862 am University College die Baccalaureatsprüfung ablegte. Nachdem er seine Studien in Leipzig, wo er sich im Alter von 22 Jahren den Doktortitel erworben, fortgesetzt und in Prag mit seinem Freunde Rabbi Amram Hirsch (später Oberrabbiner in Hamburg) zu Füßen des Rabbi S. R. Rappaport V'X? eine gründliche talmudische Ausblldung genossen hatte, würde er Lehrer am jüdischen College in London, später Prediger au der Bayswater-Synagoge, dann 1879 Adjunkt und Vertreters seines Vaters als Oberrabbiner von England. Wie gewissenhaft und streng aber der alte Adler gegen seinen Sohn verfuhr, beweist, daß er seine Zustimmung zu seiner Amtseinsetzung erst dann erteilte, als der Sohn die Autorisation zum Rabbiner von den ersten rabbinischen Autoritäten der Jerusalemer leinde erlangte. Der Drang, seinen' Glaubensgenossen in sozialer Beziehung mit Rat und Hilfe zur Sette zu stehen, wie die Liebe zum heiligen Lande trieben Dr. Hermann Adler im Jahre 1881 nach Palästina, um die Lage der dortigen jüdischen Kolonien kennen zu lernen. Bon 1882—1883 war er Vorsitzender des Mansion-House-Komites zur Hilfeleistung für die russischen Juden. Außer einer Reihe wissenschaftlicher Arbeiten über jüdische Geschichte und Philosophie, u. a. über Jbn Gabirol und sein Verhältnis zur Scholastik, hat er eine große Reihe von Aufsätzen über Fragen der jüdischen Religion, über die Stellung des Judentums in Bergangenseit und Gegenwart in angesehenen englischen Monatsschriften veröffentlicht. Von der Hochachtung, deren sich Dr. Adler in England bei Juden und Nichtjuden erfreute, zeugt es, daß er nicht bloß Präsident des jüdischen College und Examinator im Hebräischen für die Kandidaten des höheren Lehramts war, sondern auch Mitglied, bezw. Ehrenmitglied einer großen Reihe von Wohltätigkeitsanpalten aller Art. Selbst der Athenäumklub hatte ihn, eine ungewähnliche Auszeichnung, zu seinem Ehrenmitglieds gewählt. Die Universität von. St. Andrews verlieh ihm die Würde eines Doktors beider Rechte. Auch bei Hofe, besonders zur Regterungszeit des Königs Eduard, stand Dr. Adler in hoher Achtung. Deutlich zeigte sich der ganze Glanz seiner hohen Stellung anläßlich seines 70. Geburtstages vor zwei Jahren. Bei alledem find ihm Leid und Sorge amtlicher und familärer Natur nicht erspart geblieben. Der Umstand, daß das Chiefrabbinat in seiner veralteten Form zu der Neuentwicklung der jüdischen Bevölkerung nicht mehr paffen wollte, gab Anlaß zu Reibungen und Erbitterungen, die sich wie dräuende Wolken auf den Lebensabend des greisen Chiefrabbi legten. Sein einziger Sohn starb, fast auf der Höhe seiner geistigen Entwicklung, voriges Jahr. Von seinen zwei Töchtern ist eine mit einem höheren Staatsbeamten verheiratet, die andere blieb unverheiratet und entfaltet eine hervorragende Tätigkeit auf dem Gebiete der Philantropie. Die Beerdigung fand am Donnerstag den 20. d. M. statt. Der Leichenzug gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung der englischen Judenheit, die durch ihre besten Männer vertreten war. Unter den vielen hohen Persönlichkeiten, die dem Zuge in Wagen und zu Fuß folgten, befand sich auch Lord Rothschild, Lord Swaytling, der neue Vorsitzende der Fiskusverwaltung, Sir Matthew Nathan, Sir Francis Montefiore, der Postmeister Herbert Samuel u. v. a. Auch die Heilsarmee war vertreten. Baron Alexander Gins bürg vertrat die jüdische Gemeinde von Petersburg. Ferner waren Delegationen der meisten jüdischen Gemeinden von England und New-Jork und der Gemeinden Montreal, Sidney, Frankfurt a. M., Lemberg u. a. m. erschienen. Hunderte von Wagen begleiteten den Verblichenen zu seiner letzten Ruhestätte. Der Verkehr wurde überall, wo der Leichenzug passierte, eingestellt. Alle jüdischen Jnstituttonen und Organisationen des In- und Auslandes waren durch Deputationen vertreten. Die Beerdigung fand auf letztwilligen Wunsch des Verstorbenen in aller jüdischen Einfachheit statt. Reden wurden nicht gehalten. Einer der ältesten Rabbiner rezitierte das ]'*in pviS und der Bruder des Verstorbenen, der bekannte Gelehrte Elkan Adler, trug das ttrnp vor, was auf die nach Taufenden zählende Versammlung einen mächtigen Eindruck machte und Ströme von Tränen auslöste. Der König, der am Montag Blumen geschickt hatte, hatte sich durch einen Adjudanten vertreten lassen, der der Familie des Verstorbenen im Namen seiner Majestetät das Belleid ausdrückte. Belleidskundgebungen kamen auch von den höchsten Würdenträgern der anglikanischen Kirche. Die gesamte englische Presse widmete dem Verstorbenen spaltenlange Arttkel und rühmte Ihn als Juden und Patrioten. In seinem Vermächtnis vom 27. Februar d. Js. drückt Dr. Adler den Wunsch aus sein Nachfolger möge sich die große Aufgabe vor Augen halten, die Ost- und Westjuden, die englischen und eingewanderten Juden, einander näherzubringen. Der erste Vizepräsident der United Synagogues hat eine Bekanntmachung erlassen, daß im nächsten Herbst die Ernennung eines Chtefrabbis erfolgen wird. Es wurde aber bereits dafür Sorge getragen, daß auch bis dahin die Amtstätigkeit des englischen Rybbinats in keiner Weise unterbrochen oder gestört werde. Zwei Rabbinatsaffessoren (Dajanim) werden die dem Rabbinat obliegenden Funktionen bis zum Herbst verrichten. Die Brandhafaftrophe. K-nstantiuopel, 24. Juli. Fast wollte es scheinen, als sollte diesmal das Judenviertel Konstanttnopels von der Feuerkatastrophe, die von vorgestern bis heute früh Alt» Stambul vernichtete, verschont bleiben. Den» dieser Stadtteil war durchwegs von Mohammedanern bewohnt. Nun bringt der Draht eine neue Hiobspost von der türkischen Hauptstadt. Nur knappe vier Stunden währte die Feuerpause. Während die diplomatischen Vertreter nachmittags auf der Pforte vorsprachen,<um ihr Belleid auszudrücken, während aus Tausenden von Trümmerfeldern noch unaufhaltsam Rauchwolken emporstiegen und die Behörden Maßnahmen trafen, 60000 bisher obdachlos gewordene Menschen aufs notdürftigste in Zelten unterzubringen, gellten, von neuem die schrecklichen Rufe: Großfeuer! durch die Straßen. — In Aivarserail in Stambul, unmittelbar bei dem griechischen Patriarchat und in dem am goldenen Horn bis nach Ejub sich hinziehenden Stadtviertel Balat, welches zum größtenTeil spantotifcheJud en bew ohnen, wütet jetzt in entsetzlicher Weise das Element- bis abends lagen in diesen Vierteln 800 Häuser, die zumeist Juden gehörten, in Asche. Die Feuerwehr erwies sich als machttoS. Immer mehr nimmt die Ansicht zu, drK hierbei die schändlichsten Verbrechen Mitwirken. Ueber 200 Verhaftungen wurden vorgenommen. — Dem Jammer in Alt-Stambul hat sich nun der im Judenviertrl zugesellt. I Nach ferneren, dem Hilfsverein der Deutschen Juden zugegangenen Nachrichten find bei dem Brande in dem Konstanttnopeler Stadtteü Balat 2000 meist jüdische Häuser niedergebrannt, darunter mehrere Synagogen und Schulen. Das Elend der nach vielen Lausenden zählenden obdachlosen jüdischen Bevölkerung ist außerordentlich groß. Zu einer Beratung über die Mittel und Wege, wie der schweren Not wirksam abgeholfen werden kann, treten am Mittwoch den 26. Juli, unter dem Vorsitz deS Großrabbiners sämtliche jüdische Vereine Konstanttnopels zusammen. Infolge eines dringenden Appells aus Konstantinopel hat der Hilfsverein der Deutschen Juden angesichts deS großen Unglücks eine öffentliche Sammlung etngeleitet, um gemeinsam mit anderen jüdischen Jnstituttonen eine rasche und zwecksmäßige Hilfsaktion zu ermöglichen. //'S 'm ,4 ■vi 'V) U! m 1 Valästirra. ProfeffDerfammiung gegen eine öffentliche Sabbatentweihung. Jaffa, 19. Juli. Wir haben bereits in voriger Nummer von der am SchwuauSfest und Sabbat in „En Ga-

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