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Der Israelit · 1911-07-27 · Heft 30 (27.7.1911) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 30 (27.7.1911)
Date
1911-07-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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heilige« Böden des Reiches betreten zu dürfm / am wenigsten einem Juden. Unsere städtische Polizeibehörde erklärte sich gern bereit, die nötigen Schritte zur Erlangung eines Paffes bei dem zuständigen russischen Konsulat zu tun, aber so glatt und rasch werde das nicht gehen. Vier Wochen lang reagierte das Konsulat in keiner Weise auf das polizeiliche Gesuch, um Visierung meines Paffes. Erft auf eine Reklamation hin erfolgte die Anfrage, für welche Firma ich eigentlich reise. Für welche Firma ich reise? Ich reise im Namen Gottes, des Polizeiherrn oeS ganzen Universums, um einen Teil seiner Avantgarde in'einem weltfernen Winkel des russischen Reichs zu inspizieren. ' Mein liebenswürdiger Polizeileutnant warf mir einen verständnisvoll-schelmischen Blick über seine Brillengläser hinaus zu, der mir deutlich genug sagte, daß diese Firma in Rußland nicht anerkannt sei. Die Worte, die er über Rußland im allgemeinen und sein Paß-, Polizei- und Kosakenregiment insbesondere seinem Blicke noch beifügte, unterdrücke ich mit Rücksicht auf diese Zeilen, die sonst niemals die russische Grenze passieren dürften. Zum Schluffe meinte er: „Es ist ja eine Schande, nicht "für Rußland, sondern für Deutschland, daß es seine Bürger unter diesen Paßnörgeleien leiden läßt, aber wenn Sie wirklich nach Rußland wollen, müffen Sie die Firma angeben, für die Sie reisen werden." Ich nannte eine Firma in der Stadt, in welcher das Konsulat sich befindet, in der Voraussetzung, auf diese Weise die Ausstellung des Paffes zu beschleunigen. Gleichzeitig schrieb ich auch dem mir aut befreundeten Chef der Firma, daß ich mir erlaubt habe, mich als seinen Reisenden zu engagieren. Dieser war aber gerade auf eilier größeren Reise begriffen und konnte mich dem Konsulat gegenüber nicht als seinen Reisenden bevollmächtigen. Obwohl ich nun sofort eine andere Firma in derselben Stadt auftrieb, bekam das Konsulat durch diesen plötzlichen Stellenwechsel doch eine Ahnung davon, daß ltwas faul sein müsse im Staate Dänemark. Meinem zweiten Chef gelang es jedoch, den Herrn Konsul zu beruhigen, daß durch meine Invasion der Bestand des russischen Reiches in keiner Weise gefährdet sei, und so erhielt er wenige Tage darauf einen für sechs Monate gütigen Paß für seinen Reisenden, der mir dann sofort zugestellt wurde. Ich hütete ihn wie meinen Augapfel, als den Talisman, die.Losung und die Wünschelrute, die mir das große russische Reich ohne' Schwierigkeit eröffnen sollte. Zwanzio Stunden Schnellzug bis Wirballen ruhte er an meinem Herzen in einer Brusttasche, die ich extra für ihn hatte anfertigen lassen. iti ta * Je näher der Zug der Grenze kam, desto öfter überzeugte ich mich durch Betasten der Tasche, daß ihr Inhalt noch nicht verloren oder gestohlen war. Endlich erreichten wir die letzte deutsche Grenzstadt Eydtkuhnen. Hier besann sich der Zug eine volle Stunde, bis er sich nach der ersten, drei Minuten entfernten russischen Grenzstation Wirballen in Bewegung setzte. Alle Reisenden wurden hier von einer stattlichen Anzahl uniformierter Zollbeamten und weißgeschürzter Gepäckträger in eine große Halle eskortiert, um das Gepäck zu verzollen. Am Eingang der Halle hatte sich ein bärtiger Hüter des ruf sichen Reichs in Uniform postiert, welcher keinen eintreten ließ, der ihm nicht zuvor seinen Paß abgegeben hatte. Einem wildfremden Menschen meinen Paß anzuvertrauen, um den und an den mein Herz so lange gepocht und in den letzten Stunden geradezu gehämmert hatte, das war die erste Zumutung Rußlands betm Ueberschreiten feiner Grenze. Wenn er ihn behielte, wenn er sich Ftdibuffe für seine Zigaretten daraus machte, ich könnte ihm nicht einmal Vorstellungen darüber machen. Er versteht mich nicht, so wenig wie ich ihn verstehe. Schweren Herzens trennte ich mich von meinem Paffe und folgte meinem Gepäckträger, der meine Sachen aus eine halbkreisförmige Barriere niederstellte, die schon größtenteils mit Gepäck belegt und von seinen Eigentümern umstellt war. In der Mitte des großen Halbkreises stand ein Tisch, an bem4 nach und nach mit größter Gemütlichkeit mehrere Beamte erschienen und sich zunächst das bunte Treiben mit aller Gemächlichkeit ansahen. Eine Unmaffe von Koffern und Ballots aller Art wurde allmählich in den Halbkreis geschafft und nun begannen einige Zollbeamte mit der Revision des ^Handgepäcks, die überaus gründlich und rücksichtslos vorgenommen wurde. Ein anderer Beamter trug die den Reisenden abgenommenen Pässe in der Hand und ries laut die Namen der einzelnen Paßtn Haber, die dann auf ihre Meldung hin ihren Paß zurückerhielten. Auf diese Weise bekam ich, nachdem ich etwa eine Stunde von ihm getrennt war, mein Kleinod wieder und durfte nun durch ein schmiedeeisernes Gittertor die andere Sette des Bahnhofs, das eigentliche Rußland, betreten. Die Wartesäle und die geräumigen zu ihnen führenden Vorräume waren mit Menschen überfüllt. In den Wartesälen erster und zweiter Klaffe entwickelte sich der Verkehr ganz so wie auf unseren Bahnhöfen, aber in denjenigen dritter Klaffe spielten sich Szenen ab, die ergreifend waren. Da war eine arme Frau mit drei kleinen Kindern an der Hand und einem jüngsten auf dem Arm angekommen und scheinbar von Angehörigen erwartet und abgeholt worden. Ich hatte sie schon beobachtet, als sie noch durch das eiserne Gitter getrennt waren, das Rußland wie eine chinesische Mauer von Deutschland scher oet. Aber die Zeichen der Freude über das gegenseitige Wiedersehen waren stärker als die eisernen Gitterstäbe, kein Zollwächter und Paßrevisor konnte diesen Austausch hindern. Nun waren sie beisammen und hatten für einen Augenblick über der Freude des Wiedersehens all das Trübe und Herbe vergessen, das ihrer gewiß noch wartete. Daneben kauerte eine Gruppe armer Menschen über ihren Plunder von Habseligkeiten und stellt» Berechnungen über* die Kosten der zu lösenden Eisenbahnbillets an, das trotz des billigen russischen Eisenbahntarifs unerschwinglich für sie war. Ueber allen lachte hoch am Himmel die Sonne, die ohne Paß die russisch-deutsche Grenze überschreiten und ihre Strahlen unverzollt nach Rußland oder nach Deutschland versenden kann. Ich wollte zu ihr hinaus aus der verdorbenen Luft der Bahnhofsräume eilen, aber der einzige Ausgang führte nach dem Perron, auf dem der Zug bereit stand, der etwa in einer Stunde abgehen sollte. Nach allen bisherigen Formalitäten hatte ich aber nur das Recht erlangt, russischen Boden zu betreten, reine Luft einzuatmen, war ein neues Privileg, das ich mir durch einige Zigaretten und ein Bakschisch von 20 Kopeken von einem Eisenbahn- Cerberus erkaufen mußte, der ohne diesen Obolus keinen hinausließ, bis es zum zweitenmale geläutet hatte. Bei diesem Anlaß lernte ich den Segen der deutschen Perronsperre kennen, die sich doch wenigstens für denjenigen öffnet, der seine Fahrkarte gelöst hat. ^Fortsetzung folgt.) CorrcspoNdciizti«. llacdricbte». Snttrd}«* Strtdj. Stettin, 21. Juli. Es bestätigt sich, daß die Wahlen der Alliance Jsraeltte Universelle zum Zentralkomitee mit einem völligen Siege der Pariser Liste geendet haben; Reinach ist gewählt. Das Ergebnis der Wahl vom 4. Juni zur teilweisen Erneuerung des Zentralkomitees ist im Einzelnen folgendes: Gewählt wurden in Parts Charles Berr mit 20908, Richard Bloch 14251L Albert Cahen 20918, schließen, kamen alle Fürsten überein, den Saul Wahl provisorisch für diesen Tag und die nächste Nacht zum König zu proklamieren. So geschah es auch. Sie huldigten Saul und riefen in ihrer Sprache: „Es lebe unser Herr und König!" Die ganze Nacht wurde ihm wie einem Könige begegnet, man übergab ihm das Buch, in welchem jeder Herrscher gesetzliche Bestimmungen nach seiner Einsicht verzeichnet und verordnet, und Saul Wahl schrieb allerlei Bestimmungen zugunsten der Juden ein. Der andere Tag führte zu einer Verständigung, Saul trat zurück und man wählte den König, auf den man sich verständigt hatte. P Beweist der Vorgang, daß -Saul Wahl bei dem polnischen Adel große Ehren genoß, so fehlte es ihm andererseits nicht an Neidern und Gegnern. Seine jüngere Tochter Hannah war eine blendende Schönheit und von seltenem Verstand. Ter König hatte zu der Zeit seine Frau durch den Tod verloren. Sauls Gegner veranlaßten nun den König, Hannah za entführen. Saul, rechtzeitig gewarnt, kam seinen Gegnern zuvor, indem er ferne Tochter schnell mit einem 70 jährigen Witwer verheiratete. Ueber die Person Saul Wahls ist historisch folgendes .festgestellt.' Saul war der Sohn des Rabbiners von Padna Samuel Juda, und er lebte von 1561 bis 1671. Sein eigentlicher Name war Katzenellenbogen, und er stammte aus einer berühmten Rabbinerfamilie, deren Borfahr aus Mainz nach Padua kam Der Name Wahl ist erst bei seinem Sohn Majer Wahl, festzustellen, der Rabbiner von Przese und Begründer der separaten Organisation oer Juden Lithaucns war. Saul selbst scheint ein Kaufmann in großem" Stil/ ein Finanzmann gewesen zu sein, -der aus die Staatsverwaltung großen' Einfluß gewann. Ir wird immxx onr Saul Judycz, d. h. Sohn des Juda, genannt. König Stephan Bathory schätzte ihn sehr hoch, und König Sigismund der Tritte ernannte ihn am 7. Juni 1589 zum Hoffaktor und königlichen Diener. Ein „königlicher Diener" genoß die Auszeichnung, keinem Beamten oder Gericht verantwortlich zu fein außer dem König selbst. Aus dem Umstand, daß Saul Wahl Vertrauensmann des Königs wurde und den Titel „königlicher Diener" führte, leitet nun Balaban den Ursprung Her ganzen Legende her. Ter Titel „königlicher Diener" wurde mit dem Königstitel verwechselt, die uralte Sage, der große Reichtum Sauls und sprachliche Verwechslung und Unrichtigkeiten trugen oas ihrige dazu bei, die merkwürdige Legende vom jüdischen Eintagskönig von Polen entstehen zu lassen. (Eine Expedition «ach de« Tote« Meere.) Tie Gesellschaft für Palästinaforschung in Berlin hat beschlossen, eine Expedition zur Erforschung des Toten Meeres nach Palästina zu entsenden. Sie soll im Oktober d. Js. unter der Führung des Eustos am kgl. Institut für Meereskunde in Berlin, Herrn Tr. Ludwig Brühl, von Jaffa aufbrechen, der von drei oder vier Europäern begleitet wird, und sich etwa sechs Wochen lang .mit der Erforschung des merkwürdigsten aller Binnenmeere zu beschäftigen gedenkt. Im 19. Jahrhundert fyabett bereite einige Forschungsreisen die genauere Untersuchung des etwa 75 Kilometer langen und bis zu 22y8 Kilometer breiten abflußlosen Gewässers zum Gegenstände gehabt. Aber nur eine einzige, die des Amerikaners Lynch, hat sich über einen längeren Zeitraum erstreckt und mit ausreichenden Instrumenten gearbeitet. Tiefe Expedition fand schon 1848/49 statt und arbeitete mit de« damaligen unzulänglichen Methoden. Es ist deshalb anzunehmen, daß eine mit modernem Rüstzeug aüsgestattete Expedition ganz mene und grundlegende Ergebnisse zeitigen wird. Tenn über die Konfiguration des Meeresbeckens, die .chemische Beschaffenheit des Wassers und seiner Strömungen, über das feinere Verhalten der verschiedenen Salzromponenten des fast 24 Proz. Salz enthaltenden Wassers weiß man so gut wie nichts. Auch die organische Welt ist nicht genauer untersucht. Während man ftüher annahm, daß das Tote Meer ohne alle Lebewesen sei, weiß man heute vom Vorkommen einer kleinen Fischart, die lebende Junge zur Welt bringt. Man hofft aber auch andere lebende Organismen, Algenarten, Ärk-- terien, die im schwefelwasserstosfhattigen Wasser zu leben vermögen, aüffinden zu können. <Der Jude im ttakieursche« Drama.) Aus Mailand wir berichtet: Im hiesigen Olympia-Theater wird gegenwärtig ein Drama des toskanischen Dichters Valentina Soldam mit.dem Titel „L'Jtalia Rossa" aufgeführt. Das DramM hat die republikanische Bewegung unter Mazzini zur ^Grundlage. In diesem Drama spielt der Jude Didimo Soria eine wichtige Rolle. Er ist als liberaler Patriot geschildert und hat besonders die Aufgabe, überall dort, wo der Mut der Republikaner zu sinken droht, sie aufzumuntern und durch das eigene Beispiel zum Ausharren zu ermutigen. Wie der Dichter erklärt, wollte er. mit dieser Figur den Livornesischen Juden, die sich zur Zeit, als dieses Trama spielt, im Jahr; 1857 besonders hervorgetan haben, eine Dankesschuld italienischer Dichter.abstatten. Dies sei ymso mehr am Platze, als merkwürdigerweise gerade in Livorno, deren Juden in der Renaissance Italiens eine so hervorragende Stelle «innehmen, der soziale Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden ein auffallend großer ist. VN- 'v, ÜHÜi

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