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Der Israelit · 1911-07-27 · Heft 30 (27.7.1911) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 30 (27.7.1911)
Date
1911-07-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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»V . Ii, * 11 v: 6m *ni Bo Der KsräMt. P sfc? %' - t: v;:; I :... Folge gehabt, Haß im Kongreß der Antrag gestellt wurde, eine gründliche Untersuchung darüber anzustellen, inwieweit die Juden im Heer und in der Marine wie auch in der Militärakademie Zurücksetzungen erfahren haben. Der Kriegssekretär Simson sowie der Marinehilsssckretär Winthrop haben eine unterschiedliche Behandlung der Juden mit Nachdruck bestritten, und der Kommandant des Marinekorps bezeugte, doß unter 330 Offizieren des Marinekorps gegen 30 Juden sind, die sich hoher Achtung und Beliebtheit erfreuen. Auch andere Militär- und Verwaltungsbehörden bestreiten, daß dort etwas gegen die Juden unternommen werde. Andere Kongreßmitglieder dagegen behaupten, daß fie zahlreiche Beweise für Zurücksetzung der Juden , in Händen hätten, und der Abgeordnete Kahn von Kalifornien besteht darauf, daß die schuldig befundenen Offiziere aus dem Heere und der Marine zu entfernen seien. Soweit der Kongreß. Natürlich ist das Plenum eines Parlamentes durchaus nicht das geeignete Forum, um in solchen dunklen, auf keinem geschriebenen Gesetze fußenden Dingen Klarheit zu bringen. Noch handelt es sich in Amerika nicht um ein System der Zurücksetzung, sondern um Einzelfälle, Symptome, die von Zeit zu Zeit hier und da vielsagend austreten und den ersten Bürger der Union, den Wahrer amerikanischer Traditionen, zur Abwehr auf den Plan rufen. Und wie es in Amerika einmal ist, färben diese Vorfälle auch aus das religiöse Leben oder, was in diesen Kreisen eins und dasselbe ist, auf die Kanzelpredigt ab. Der bekannte radikale Reformrabbiner Dr. W i s e erzählte neulich „seinen Andächtigen" von der Kanzel herab, daß er eine Einladung zu der alljährlichen Friedenskonferenz am Lake Mohonk abgelehnt habe, weil die Konferenz in einem Gasthause abgehalten werde, das im Sommer jüdischen Gästen keine Aufnahme gewähre. Solange solche Raffenvorurteile beständen, klagte er, seien allgemeine Friedensbestrebungen wertlos, umsomehr als auch in akademischen Bereinigungen dieses Landes Juden vielfach die Aufnahme versagt wurde.... Und weiter? Unwillkürlich sucht man nach einer Fortsetzung dieser Rede. Sie müßte, so glaubt man, in ein Bekenntnis zum Judentum im Sinne seines mutigeren und konsequenteren Amtsbruders Schindler ausklingen. Aber nein, noch nicht! Noch sehen Leute von der Art des Herrn Wtse nur die äußere Zurücksetzung, nicht aber die innere Verwüstung, die sie mit eigenen Händen mit angerichtet haben. Wie sagte doch der auf der Höhe der Toleranz stehende Taft? „Selbstachtung!^ „Innere Würde!" Diese müßte aber, da auq die Hoffnungen nach Außen so sehr trügen, zuallernächst zum Judentum zurückfüyren. Und auch mit der bisweilen den amerikanischen Juden versagten Achtung der Außenwelt würde es dann entschieden bester werden. Lei den I. Bo? einigen Jahren hatte ich Gelegenheit, einen Rabbi der Chassidim kennen zu lernen, der sich wegen seiner angegriffenen Gesundheit längere Zeit in Deutschland aufhielt. Es ist dies Rabbi Schalom Duber Schneersohn in Lubawitsch, Führer der Chabad-Chassidim *) in Rußland. Aeußere Umstände führten mich im Laufe der Jahre wiederholt mit ihm zusammen, daß ich ihm menschlich näher treten konnte. Jede neue Annäherung zeigte mir neue Seiten seiner Gelehrsamkeit, Weisheit, seiner tiefgründigen Frömmigkeit und vollendeten Geistes- und Herzensbildung, die sich in ungekünstelter Herzlichkeit und. leutseliger Liebenswürdigkeit äußerte, verbunden mit einem von seltener Prinziptentreue getragenen, unbeugsamen Charakter. Das ganze Auftreten des Mannes imponierte mir derart, daß es, anfänglich mir selber unbewußt, zu einer Revision meiner Ansichten über die Sache führte, die er mit Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit im Leben vertritt, über den Chassidismus. Mein bisheriges Urteil erschien nur als Vorurteil. Lange sträubte sich meine Eigenliebe gegen dieses Bekenntnis, und bis zu einem gewiffen Grade tut sie es heute noch. Um meine seit vielen Jahrengroßgehätschelten Meinungen und Ansichten nicht plötzlich über Bord werfen zu müssen, sagte ich mir, daß ein solcher Mann, losgelöst von seiner eigentlichen Umgebung, in Deutschland eine exotische Erscheinung sei, die daher keinen Schluß auf die von ihm vertretene Sache zulaffe. Um einen solchen Schluß ziehen zu könnenc müsse man den Führer im Kreise der von ihm Geführten, müffe man ihn in seinem eigenen Milieu auf dem Boden seiner Wirksamkeit aufsuchen. *) Der Name Chabad enthält die Anfangsbuchstaben der Worte: -fjjH HÖ3H- Während man gewöhnlich als Kriterium des Chassidismus seine mehr auf das Gemüt gerichtete Vertiefung und als bas seiner Gegner die mehr dem Geiste zvgewandte Pflege, bezeichnet, zeigt der bloße Name dieser chaisidischen Richtung, daß diese Unterscheidung hier nicht zutrifft. Hier finden Geist und Gemüt die gleiche, ebenbürtige Würdigung und Hingebung. ■ ' §jfe- Ich entschloß mich daheMzu einer Reise nach Rußland. Wenn sich mit Beginn her, Somrpersaifon alljährlich die moderne Völkerwanderung vollzieht, dann sind es bei der Mehrzahl der Wanderer meistens viel nichtigere Beweggründe, für welche sie Zeit, Ruhe und Geld hingeben. , Dazu kommt, daß ich schon seit vielen Jahren mich mit dem Gedanken trage, dem jüdischen Rußland die zahlreichen Besuche zu erwiedern, mit welchen es mich seit Jahrzehnten bedacht hat. Man kann sich aus solchen Besuchen, die man zu Hause empfängt, so wenig über Land und Leute ein Urteil bilden, wie aus einet Flasche Seewasser über das Weltmeer. Die schiefen Urteile über das jüdische Rußland, auf welche man in Deutschland so vielfach stößt, beruhen auf dieser irrigen Voraussetzung. Ein welterfahrener russischer Graukopf hat mir das schon vor vielen Jahren an einem recht drastischen Gleichnis veranschaulicht. Wenn die kochende Suppe Schaum treibt, so schöpft ihn der Koch ab und wirft ihn in die Asche. Es kann dabei Vorkommendaß auch ein guter Tropfen diesem Schicksal verfällt, aber das ist eine Ausnahme. In Rußland gährt und brodelt es, aber es ist doch nur der Schaum, der aufgewirbelt und ins Ausland geworfen wird, wenn auch hie und da vereinzelte Gute mit fortgerissen werden. Wohl mag man auch dem Schaum rücksichtsvolle Beachtung schenken, weil die Möglichkeit nicht ausgeschloffen ist, daß er einen guten Tropfen birgt, aber man darf darüber nicht vergessen, daß die besten Elemente in der Heimat ausharren trotz aller Widerwärtigkeiten und Schwierigkeiten, und daß man sie nicht nach/denjenigen beurteilen darf, die mit dem Auswandererstrom über die Grenze stuten. Will man daher das Reservoir kennen und würdigen lernen, das die 8—10 Millionen Juden des russischen Reichs für die zeitgenössische Jüdenheit bedeuten, so muß man es auf seinem eigenen heimischen Boden aufsuchen. Das ist aber nach verschiedenen Seiten mit großen Schwierigkeiten verbunden. Angesichts der ungeheuren Ausdehnung des russischen Reichs kann bei einem flüchtigen Besuch, selbst wenn er sich auf längere Zeit erstreckt, von keiner gründlichen Kenntnis der überallhin verbreiteten jüdischen Bevölkerung die Rede sein. Aber für einen auf den Hauptsitz der Ehabad-Chassidim beschränkten Besuch 'dürfte ein mehrwöchentlicher Aufenthalt vollkommen genügen. Ich entschloß Mich daher zur Reise. Die Schwierigkeiten machten sich jedoch schon vor ihrem Antritt geltend. Ohne Paß glaubt mans in Rußland keinem, daß er geboren und unbescholten' genug iß, den i: i' .. mit dem Inhalte seines Buches, daß er in diesem Dunkel noch daraus lesen will. Da — auf einmal ein Ruf, im Flüstertöne und doch so voll innerlicher Erregung und. Bewegtheit, leise vibrierend löst er von seinen Lippen sich los, gedehnt und langgezogen, als schiede dadurch etwas Liebes und Teueres von ihm, das er noch, und wenn auch nur auf einen Augenblick, zurückhalten möchte: „Wehn Rachum". — Und im leisen Gemurmel, den Körper Hin und her bewegend, sprechens Mle nach ihm: „Wehu Rachum". Immer schneller und rascher werden ihre Körperbewegungen — sie beten. Jetzt wußte ichs, ich war Zeuge eines geheimen Gottesdienstes. Etwas Freudiges, mächtig Erlösendes mit einem Gemisch von Wehmut und Trauer tönt aus diesem Gemurmel mir entgegen. Unwillkürlich fühle ich mich mitgezogen, und auch ich bewege leise meinen Körper in meiner kauernden Stellung. Es war ein Gebet, wie man ein ergreifenderes sich kaum denken kann, und — dennoch, ich kam damit nicht von der Stelle. Ununterbrochen klang es mir in die Ohren, immer stärker und durchdringender, bis es seinem Gellen gleichkam „Wehu Rachum". — Meine aufgeregte Phantasie führt mich Jahrhunderte zurück; ich sehe die tieftraurigen Zeiten Spaniens mit ihren unnennbaren Bedrückungen Und Martern für die Bekenner jüdischen Glaubens. Tic unsäglichen Qualen und das Todesbangen der Marannen in ihren geheimen Betkellern. — — Verzweiflung erfaßt mid), grauenvolles Zittern — im leisen Wimmern entringt es sich meiner Brust: „Wehu Iiachum". Und wieder ein anderes Bild; mit solcher Raschheit lösen sie einander ab, daß es mir vor den Augen flimmert. — Tort im kalten Osten ziehen in. unabsehbarem Zug jammervolle, zitternde Gestalten mit Wem Hab und Gut einem unbestimmten Ziel« entgegen. Verspottet, verhöhnt und verlacht, wie eine wehrlose Heerde von Schafen ziehen sie vorwärts, — nein, ich wollte nichts mehr sehen, ich falle auf mein Angesicht: „Wehu Rachum". Ich glaubte, meine Brust müsse zerspringen, da ich meinem Schrei nicht Luft machen konnte. „Wehu Rachum", ach. Du Allbarmherziger, siehst Du es denn nicht, das Elend Deiner Kinder, vernimmst Du nicht des Erdenballes grauenvolles Rauschen, die markerschütternden Schreie und Hülserufe, erreichen sie nicht Deine Himmelshöhen? — „Wehu Rachum" murmelte ich immer wieder und wieder, mich auf den Knien hin und her wälzend. Er muß seiner Teuern sich erbarmen, muß ihre Peiniger endlich zu Boden werfen; Er der.Allbarmherzige, Alliebende darf nicht länger ruhig zuschauen! Und wenn die Vergehen noch!so groß, und selbst wenn cs Verbrechen, „jechappor owaun". Er mutz ja endlich Vergebung gewähren. Wie wahnsinnig streckesich meine Hände zum Himmel empor, laut stöhnend wirft mein Körper sich unruhig immer weiter und weiter bis zum andern Winkel des Zimmers. So war ich unbemerkt einer dort am Boden befindlichen iOeffnung nahe gekommen, noch einen heftigen Ruck und tief war ich in einen Mgrund hinabgeftürzt. — — Als iä) erwachte, lag ich in Schweiß gebadet — in meinem Bette. — Es war ein Traum. — — — — — Mein Freund W. hatte den bösen Traum mit aus dem Gewissen. Trotzdem er schon eine lange Reihe von Jahren in derselben Billa wohnte, warb ihm diesmal von der Besitzerin, einer Nichtjüdin, eine nette Ueberraschnng zugedacht. Rur unter der Bedingung erklärte sie sich bereit die Wohnung wieder zu vermieten, wenn darin „Minjan-Gebete" nicht mehr stattfinden. So waren' wir an diesem Abend genötigt, da wir des schlechten iWetters halber ein anderes M-inian nicht aufsuchen konnten, bei festgeschlossenen Türen und Fenstern im -Tone unhörbaren Fltzsterns, damit ja kein Laut der Betenden zu der nebenan wohnenden Besitzerin dringe, Maariw zu beten. — Diesem Vorgehen, das mir nicht aus dem Sinne wollte, hatte ich meinen Traum >zu verdanken. Mars ein Wahrtraum? Führt eine geistige Brücke hinüber von den Verfolgungen des Mittelalters zu dem gebildeten Antisemitismus unserer Tage? --;- <Bom jüdischen Eintagskönig in Polen.) In seinen neulich bei uns besprochenen „Skizzen und Studien zur Geschichte der Juden in Polen" (Louis Lamm, Berlin) berichtet Tr. Majer Balaban über die Geschichte des jüdischen Eintagskönigs Saul Wahl nach einer Urkunde vom Jahre 1733 folgendes: „Saul Wahl war der Sohn eines ausgezeichneten Talmudisten, des Sgmuel Jehnda Padua. Wie allgemein bekannt ist, erhielt er den Beinamen Wahl, weil er zum König über Polen gewählt wurde und er für seine Wahl alle Stimmen des Adels für sich hatte. Damit verhält es sich folgendermaßen: Saul war bei dem hohen Adel sehr beliebt und angesehen, da er überaus klug war. Ter König von Polen war damals gestorben. Bei dem Hochadel Polens besteht nun der Wahlmodus, daß man vorher, ehe man zur Stimmabgabe schreitet, einen Tag feftsetzt, an welchem unter allen Umständen eine gültige Wahl zustande kommen muß. Ter Tag war erschienen, es gab große Meinungsverschiedenheiten, und man konnte sich über den Thronkcmbibaten nicht einigen. Der Wend rückte heran, urid man sah, daß es nicht möglich sein würde, die gesetzliche Frist zur Königswahl einzuhalten. Um legen ein solches Grundgesetz nicht zu verstoßen und denn doch mit einer KönigswM zu be-

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