Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1911)
- Date
- 1911-07-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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>TSl*V. •?« v- > '■\'*-ij^r. «Sekt 6. Sk. $D« SSmÄtt. so. JE 1911. immerhin aus Stoffen bestehen, die auch sonst Vorkommen und die den chemischen und physikalischen Gesetzen unterworfen sind, so ist es doch ausgeschlossen, daß* die Organismen sich aus chemischen Elementen gebildet haben. Aus der Wallnuß wird stets Wallnuß, aus der Haselnuß Haselnuß, aus dem Entenei die Ente. Das formbildende Prinzip können wir uns nicht anders vorstellen als daß ein weiser Schöpfer das Weltenall hervorgebracht. Es kann sich hier nicht darum handeln, religiöse Erkenntnisse wiffenschaftlich beweisen zu wollen. Wissenschaftliche Belege waren nur nötig, damit wir des unermeßlichen Wertes unseres Besitzes uns um so besser bewußt werden. Je tiefer wir auch wissenschaftlich das Weltall verstehen, um so wärmer wird unser Empfinden, um so innigere Liebe zum Weltenschüpfer muß uns erfüllen. Sobald die Zeit gekommen sein wird, wo die Wissenschaft uns nur absolute Wahrheit zu künden hat, wird alles, was jetzt als Religion gilt als Wissen in höherem Sinne des Wortes bewertet werden. Solange der Gegensatz zwischen Religion und Wissenschaft noch nicht geschwunden, ist der Gesichtskreis naturgemäß noch verengt. Wo die heutige Bildung als unorganisches Stückwerk sich aus fertigen von der Wurzel gelösten Ergebnissen aufbaut, da wird noch um das goldene Kalb herumgetanzt. Wo die einen, weil sie ihren Sinnen zuviel Sicherheit zutrauen, die objektive Prüfung der Tatsachen nicht für nötig halten,' wo die anderen im Banne der bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse stehen und die Möglichkeit gewisser Tatsachen von vornherein in Abrede stellenwo die einen Theorien in die Lust bauen und die anderen über Tatsachen, die mit den bisherigen wissenschaftlichen Anschauungen in Widerspruch stehen, verächtlich htnwegsehen, da muß man sich nicht wundern, wenn Erklärungen und Schlüffe anderen Erklärungen und Schlüffen gegenüberstehen und die Wahrheit nicht ans Licht kommt. Je mehr wir alle Gesichtspunkte ins Auge fassen, um so mehr nähern wir uns der Wahrheit. Wahre Wissenschaft wird jedem Gerechtigkeit widerfahren lassen, wird ernst wägen, prüfen und erst dann ein Urteil fällen. Sobald es sich um solche Wahrheiten handelt, welche sich auf eine übernatürliche Ordnung beziehen, so sind dieselben für unsere natürliche Vernunft naturgemäß nicht mehr kontrollbar; sie liegen eben jenseits der Grenzen menschlicher Vernunft. Klar erkennen wir jedoch, daß wir keine selbständigen Wesen sind, sondern nur Werkzeuge des Gotteswillens. Der Laie in seiner Weise und erst recht der Gebildete, jeder auf seine Art muß rein aus sich selbst heraus zur Erkenntnis Gottes, des Schöpfers seines Daseins, sowie des Vollenders seiner Glückseligkeit gelangen. Durch Gotteswillen sind wir in . dieser Welt erschienen. Millionen und Millionen vollenden den kurzen Lauf des Lebens und ' müssen dann verschwinden. Sie hinterlaffen nur noch die Spuren ihres Werkes bis auch diese unsichtbar werden. Es ist augenscheinlich, daß der einzige Sinn unseres Daseins nur sein kann den Willen dessen zu erfüllen, der uns in die Welt gesandt hat. Gott allein kann die natürlichen Grenzen unserer Vernunft erweitern und uns zu unserem Besten Wahrheiten Mitteilen, welche wir aus uns nicht einzusehen vermöchten. Damit wir nicht zwecklos unser Leben hinbrtngen, chat der Allvater in seiner Güte uns seinen Willen offenbart. Lorrerpo«tienre> «. nacbricfctei. MeUtz. Berliner Brief. E. B. Nertl«, 17. Juli. In unaufhaltbarem Riesenwuchs vergrößert sich von Tag zu Tag die hiesige jüdische Gemeinde, und mehr und mehr fallen die kleinen Land- und Provinzialgemeinden ihren unentrinnbaren Fangarmen zur Beute. Jetzt zählt Groß- Berlin rund 130000 jüdische Einwohner) bei der nächsten Volkszählung werden es mindestens 150000 sein und so fort ad inLvitam. Daß diese Entwicklung im Gesamtinteresse nur zu bedauern ist, ist schon oft genug dargetan worden. Ueberwiegt doch naturgemäß der Einfluß des hier auf enger Bannmeile sich znsammendrängenden Reichtums an materiellen und geistigen Potenzen weit über das berechtigte Astaß hinaus die Interessen und Wünsche des infolge der mangelnden Konzentration an seiner vollen Kraftentfaltung behinderten „Landes"- und dies umso mehr, als hier in der Reichshauptstadt alle Fäden des öffentlichen Lebens auf all seinen Gebieten zusammenlaufen und auch wiederum von hier aus seine ganze Innervation erfolgt. Aber diese Entwicklung ist auch nicht einmal zum Segen der hiesigen jüdischen Gemeinde selbst. Von den religiösen Folgen sogar einmal abgesehen: solange dos unselige Parochialsystem, das den Riesenkürper der jüdischen Bevölkerung Großberlins in eine Zwangsjacke etnschnürt, nicht verlassen wird, — und dazu ist heutzutage in der Schwärmerei- Periode für die Gesamtorganisation herzlich wenig Aussicht — wird sich ein wahres Gemeindeleben, wie es allenthalben sonst in Judengemeinden besteht und den Kitt derselben bildet, hier nie entwickeln können, weil die erste Voraussetzung dafür, die Möglichkeit für jeden einzelnen im keinen Kreise sein Interesse an den Gemeindeangelegenheiten wie an den privaten Angelegenheiten seiner Gemeindegenoffen zu betätigen, infolge des Riesenmaßes aller Verhältnisse fehlt. Einen eklatanten Beweis für die Richtigkeit dieser oft gemachten Erfahrung erbrachte in diesen Tagen wiederum eine Beobachtung, die sich bei dem Tode Hermann Senators einem förmlich aufdrängte. Senator war gewiß nicht der Mann unserer Wahl in religiöser Hinsicht,' aber daß seine Bedeutung als Arzt und Gelehrter, die Anerkennung, die seine überragende wissenschaftliche Größe und seine unvergänglichen Leistungen zum Wohle der leidenden Menschheit bet seiner: Fachgenossen und in weiten Laienkreisen fanden, dazu angetan waren, sein Hinscheiden zu einem Ereignisse zu gestalten, an dem die Gemeinde, der er angehörte, einen regen Antell nahm, braucht, weil es nicht bestritten werden wird, wohl nicht erst unter Beweis gestellt zu werden. Ueberall anderswo wäre es sicherlich auch so gewesen) hier hat selbst die Tatsache, daß er seit einer langen Reche von Jahren als Mitglied des Repräsentantenkollegiums seine Kraft in den Dienst der Gemeinde stellte, es nicht zu bewirken vermocht, daß sein Hinscheiden als Angelegenheit der Gemeinde empfunden wurde und ihr Interesse mehr als vorübergehend wachzurufen wurde. Und bei feiner Beerdigung waren viel weniger seiner Gemeindegenoffen zu sehen, als etwa bei der Beisetzung eines Millionenprotzen aus Berlin W. Hermann Senator hat es in mancher Hinsicht verdient — mögen auch Himmelweiten uns in religiöser Hinsicht von ihm scheiden und wir auch seine jüdisch-öffentliche Tätigkeit nicht als segensreich zu bewerten vermögen —, daß seiner hier gedacht werde. Auch er hat das Golus an sich erfahren nnd sein Lebensweg spiegelt im Einzelschicksal die Geschichte Israel unter den Völkern wieder. Es ist ihm wahrlich nicht leicht geworden, die Höhen zu ersteigen, die er ereicht; dem jüdischen, praktischen Arzt stand keinerlei Protektion und Förderung im Anfänge seiner wissenschaftlichen Laufbahn zur Seiteim Gegenteil; wo immer man ihm Hemmungen und Hindernisse in den Weg werfen konnte, da geschah es auch noch, als er auf der Höhe seines Ruhmes stand und um wieviel mehr gegenüber dem unbekannten Anfänger. Senator, den sein.oygerer Kollege Carl Gerhardt eine „lebende Enzyklopädie der medizinischen Wissenschaft" nannte, hat es dennoch nicht zum ordentlichen Professor zu bringen vermocht- und als man schon gar nicht anders konnte, fand man ihn mit einer „ordentlichen Honorarprofeffur" ab, die ihm zwar Tttel und Rang, aber — lucus ad non lacendo — nicht das Honorar eines Professors gab. Geboren am 6. Dezember 1834 in Gnesen, entstammte Senator einer altangesehenen jüdischen Familie, die mit der Familie Lipschütz, die oem Judentum im Verfasser des 7fcW pn«sn u. v. a. so viele Geistesfürsten geschenkt, in engen verwandtschaftlichen Beziehungen stand. Der Atavismus zeigte seine siegreiche Kraft auch hiersobald er in tiefem geistigen Sinnen eine schwierige Diagnose, einen wissenschaftlichen Jdeengang in Kolleg und Klinik entwickelte, da stand da vorn ein an der talmudischen Geisteswelt zum Denken Erzogener, der den unter dem Mikroskop und im Reagensglas erschauten objektiven Bestand mit selbsttätiger Geistesarbeit durchdrang und mit weitem Blick aus der Einzelerscheinung den Allgemeinwert zu abstrahieren wußte. Ja, sogar im Gestus verleugnete der ehemalige Talmudschüler sich nicht, und jene typische Daumenbewegung, die gleichsam den Ideengehalt aus der Tiefe zum Licht emporhebt, stellte sich oft genug ein, wenn er die Feinheiten einer schwierigen Differentialdiagnose vor seinen Hörern entwickelte. Nachdem er als Primas omnium in seiner Vaterstadt das Abiturientenexamen bestanden, ging er zum Studium der Medizin 1853 nach Berlin. Schon als Student trat er mit wissenschaftlichen Arbeiten hervor. Oft sprach er davon, wenn er die Entwicklung der Hygiene verfolgte und die Bemühungen der Schulärzte sah, wie er diese Arbeiten deS Nachts bei einfachem Talgttcht geschrieben. 1857 wurde er aus Grund einer lateinisch geschriebenen Arbeit über Leberkrankheiten zum Doktor promoviert, 1658 erlangte er die ärztliche Approbation. In der Gegend des Hack'schen Marktes begann Senator seine erste ärztliche Tätigkeit. Doch sie genügte ihm nicht. Unter Ludwig Casper und z. T. gemeinsam mit Traube machte er experimentelle Arbeiten ans dem Gebiete der gerichtlichen Medizin, in einem armseligen, zum Laboratorium eingerichteten Hinterstübchen in der Karlstraße. Es folgten später experimentell-pathologische und biologische Studien, insbesondere über Atmung und Stoffwechsel, Arbeiten, die in der Folgezeit grund legend wurden und durch die er, ohne je — ein unerhörter Vorgang in der preußischen Medizin Hierarchie — Assistent eines Profeffors gewesen zu sein, 1868 seine Zulassung als Privatdozent für innere Medizin und Staatsarzneikunde erwirkte. 1870/71 sehen wir ihn im Felde, wo er zum erstenmale Gelegenheit erhält, sich als Leiter einer großen Krankenabteilung zu bewähren. Mit dem eisernen Kreuze geschmückt, kehrte er heim. An allerhöchster Stelle war man auf seine Fähigkeiten aufmerksam geworden, die Kaiserin Auguste Viktoria wendet ihm ihr persönliches Vertrauen zu, 1875 erhielt er die Leitung der inneren Abteilung des Augustahospitals, gleichzeitig wurde er außerordentlicher Professor. Im Jahre 1881 übertrug man ihm gleichzeitig die Leitung einer Nebenabtetlung in der Charito und 1885, nach dem plötzlichen Tode von Frerichs, war er für ein halbes Jahr vertretungsweise Letter der ersten medizinischen Klinik. Nachfolger