Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1911)
- Date
- 1911-07-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 89. Sette L 20. Juli 1911. Gleichungen und Tabellen, mit ihren Statistiken und Formeln hat allein die Wahrheit nicht gepachtet. Die Beziehungswerte der Tatsachen untereinander und zum Menschen sind als bloße Zahlenwerie nicht das Höchste. Starre Zahlen allein sind tot, lebendige Wahrheit ist nötig. Es ist durchaus nicht nötig, an Versuche mit Wünschelrute, Tischrücken, Levitation, Hellsehen, Fernsehen sc. zu denken, um die vom Körper losgelöste Existenzmöglichkeit der Seele experimentell darzutun und klarzulegen, daß noch unbekannte Kräfte im Menschen vorhanden sind. Man wollte jenes Prinzip, welches zielbewußt im Innern der Organismen wirkt, trotz der Intelligenz, die in ihm zum Ausdruck kam, als Resultat chemischphysikalischer Prozesse hinstellen. Alles, was mit dem Begriff Seele zusammenhängt, war verpönt und mußte durch Mechanik erklärt werden. Die physiologischen Kräfte wurden als Funktion der Vorgänge im Großhirn ausgegeben. Heute gelten derartige Erklärungen als leere Vermutungen und müßten schon deshalb als leere Hypothesen gelten, da die Vorgänge im Großhirn ja überhaupt noch nicht zur Genüge erforscht find, um ein klares Urteil fällen zu können. Die physiologischen Vorgänge der Organismen lassen sich auf Grund unserer heutigen Kenntnisse nicht anders als durch den Begriff des Seelischen erklären. Man erkennt klar das Wirken eines höheren Prinzips, das unmöglich durch organische Vorgänge erzeugt sein kann. Es gibt Dinge, die nicht faßbar find und doch real sind. Wenn es früher als Armutszeugnis galt, von Seelenkräften zu sprechen, so sind wir jetzt auf bestem Wege, es als Armutszeugnis gelten zu lassen, wenn jemand die Seelenwirkung ganz ausschalten möchte. Der Materialismus muß zum Rückzug blasen, und auch der Stern Spinozas verblaßt. Ich fühle, daß etwas in mir ist, was erhaben ist über das Trostlose des Vergänglichen, des Niedrigen und Gemeinen. Wenn ich auch noch so gut Natur studiere, ich verstehe doch nicht, was die Pflanze wachsen läßt, und keine Mechanik der Welt kann mir erklären, was dem Menschen geistiges Können und Streben verleiht und ihm Fortpflanzung ermöglicht. Hier haben wir es mit einer Kraft außerhalb unserer Vernunft zu tun, hier hat die Begriffsmöglichkeit meines Hirns eine Grenze gefunden. Hier beginnt Unbegreifliches, Unerforschliches, welches ich nur empfinden, in welches ich mich allenfalls versenken kann. Wenn ich auch gar nichts wüßte, wahrlich ich könnte mich jetzt in meiner Ohnmacht sehen und müßte den Allmächtigen, Allwahren und Allweisen als meinen Schöpfer erkennen. Die Natur ist weder schlecht noch gut, sie ist willenlos, aber sie ist geleitet von einem stürmisch und wieder langsamer, verschwindend. Mit dein halbofsenen Mund saugt das Kind mühselig Luft. Nichts ist ergreifender am Krankenbett, als das Stöhnen eines Kindes, wie aus der Brust eines tebensbelasteten Greises. Channele soll Kampfer mit Moschus bekommen. Der Doktor füllt die kleine Insektionsspritze mit der öligen Flüssigkeit, deren ominöser Geruch sich im Raum verbreitet. Mit schreckensweiten, starren klugen verfolgt Leib Friedmann die Bewegungen des Arztes. Moschus und Kampfer kennt er. Er weiß, daß das etwas Entsckreidungsvolles, oft das Letzte in der Krankheit bedeutet. Bisher hat Leib so still und zusammengösunkeu tu der Ecke gesessen, daß, lvir seiner ganz vergessen hätten, wenn nicht zuweilen ein tief aufatmendes und mühsam unterdrücktes: „hoi, hoi," sich seiner Brust entrungen hätte. Er dachte jetzt sicher nicht mehr über Längen- und Breitengrade nach. Der Arzt ist schon längst gegangen, es ist spät geworden, ich aber bleibe noch; nicht als Arzt, der hier nichts mehr vermag, sondern als Mensch, als, Jude und Bruder Let'b Friedmanns, der jetzt schmerzgebrochen in meiner Nähe sitzt. Eine sonderbare ominöse Stille herrscht um uns. Nur das Kind wimmert zuweilen, oder versucht zu weinen. Dann, wie beschwichtigend, singt die Mutter leise und betend zugleich: „Hinei loi joniim wetoi jüschoin Schoimer Jisroel." Da fällt mir ein längst entschwundenes Gedicht von der Mutterliebe ein: „Mutterlieb, du einzig wahre, Felsenfeste, demantklare, Tie beim kranken Kinde wacht Der JDraM._ weisen Weltenlenker, dessen Pläne zu ergründen vergebliche Mühe wäre. Gar oft vermeint man in die Tiefe gedrungen und der Rätsel Herr geworden zu sein, während man in Wirklichkeit noch an der Oberfläche ist. Auch ein Blvriot und Wright können des Himmels Bläue nur schauen, doch müffen zur Erde 'sie zurück. Wir sehen immer nur einen minimalen Abriß, vermögen aber nimmermehr das Ganze zu überblicken, und waS wir für schlecht hielten, kann in Wirklichkeit gut sein. Was wir zumindest klar erkennen können, ist eine bewundernswerte Zweckmäßigkeit, Ordnung und Gesetzmäßigkeit, eine erstaunenerregende Harmonie, die undenkbar sich selbst erzeugt hat, sondern von einem weisen Weltenlenker geschaffen worden sein muß. Wenn wir, was uns am nächsten liegt, den ^menschlichen Körper betrachten, so kommen wir gar nicht aus dem Bewundern heraus. Wir sehen das Auge mit all seinen Häutchen und Kanälen, das Ohr mit seinen feinen Organen, die Entwicklung der Knochen, die Einrichtung der verschiedenen Gelenkverbindungen, die Ansätze der Muskeln, die Lage der Eingeweide, die Verzweigung der Gefäße und Nerven — wo ist der Forscher und wo ist der Künstler, der auch im Bewundern nur die Hälfte dieser Zweckmäßigkeit zu ahnen vermag, geschweige denn nachahmen könnte. Man geht so seine Straße dahin und denkt bei gesunden Gliedern nicht daran, was Gesundheit ist. Erst wenn ein Glied verletzt ist, merkt man, welch wichtige Rolle dies Glied spielt, und erst wenn ein Gelenkbündchen durch Fehltritt sich gelockert, erkennt man ganz besten Wichtigkeit und Zweckmäßigkeit. Mag jemand noch so sehr dem sogenannten Freidenkertum ergeben sein, er wird nicht umhin können, einzugestehen, daß die Einrichtungen im menschlichen Körper, wie sie sich uns zu Ernährungszwecken, zur Befähigung des Wachstums, zur Erhaltung der Nachkommenschaft und zum Schutze deS LebenS barbieren, äußerst bewundernswert sind. Ein Fanatiker der Anpassungsiheorie mag trotz der Schwierigkeit solcher Denkmöglichkeit wähnen, daß es weiter nichts als im Laufe der Jahrtausende entstandene Anpassung sei, daß die roten Blutzellen offenbar dazu dienen, die Blutgase zu transportieren und den durch die Lungen ausgenommenen Sauerstoff den verschiedenen Zellen zuzuführen und dafür Kohlensäure als Vervrennungsprodukte aufzunehmen, die weißen Blutzellen aber dazu dienen, unseren Organismus gegen Gifte zu schützen, die in den Blutstrom eingetreten. Doch so weit könnte auch ein Fanatiker nicht gehen, daß er den Versuch machen möchte, noch durch Anpassung zu erklären, wieso in dem Teil der Hornhaut, der die Pupille bedeckt, keine roten Blutzellen zu finden sind, wäh- Betend in der stillen Nacht, Ueberm Bettchen hingebückt, Tränen Heist im Äug zerdrückt . . Du armes, kleines, häßliches Weib, wie groß bist du in deiner Mutterliebe, mit deinem großen Schmerz um dein Kind, du ahnest wohl, was dir bevorsteht? Beklommen höre ich dem leisen Singen der Mutter Channclcs zu. Wohl ist es noch dieselbe schwermütige Weise, wie gestern Abend; aber aus der Stimme klingt es wie verhaltenes -Weinen, wie ein trostloses Schluchzen. Es ist mehr ein Wimmern als ein Singen. (Fortsetzung folgt.) (Der älteste jüdische Kriedhos in Deutschland.) Im Herbst dieses Jahres wird die Wormser israelitische Gemeinde einen neuen Friedhof aus der Hochheimer Höhe in Gebrauch nehmen, und der alte ehrwürdige Friedhof an der Südanlage, der ihr fast durch ein Jahrtausend als Begräbnisstätte gedient hot, wird nur noch in ganz vereinzelten Fällen benutzt werden. Damit schließt die nahezu tausendjährige Geschichte eines der interessantesten und jedenfalls ältesten deutschen Judensriedhoss. Ter älteste Grabstein, der gefunden worden ist, stammt aus dem Jahre 1030, sodaß wir die Anlage des Friedhofes um.das Jahr 1000 als sicher annehmen dürfen. Deutlich sind zu unterscheiden, der älteste tiefer gelegene Teil, dessen Grabsteine bis zum Jahre 1700 reichen, und der hoher gelegene neuere Teil, der in den beiden letzten Jahrhunderten benutzt wurde. Noch vor wenigen Jahrzehnten glich der ältere Teil einem Trümmerfeld. T-ie Grabsteine waren verwittert und zum Teil versunken. Ta bildete sich im Jahre 1853 ein Ausschuß» mit dem damaligen Rabbiner, Rabbi Seckel Bamberger rend solche sonst überall im Körper vorhanden find. Warurp wohl finden sich in der Mitte der Hornhaut keine roten Blutzellen? Weil dort die Lichtstrahlen in das Augemnnere übertreten und sonst unser Blick eine Trübung erleiden würde Ünd damit der Zweck des Sehens nicht mehr in vollem Maße erfüllt würde. Kann man sich eine herrlichere Zweckmäßigkeit vorstellen als diese?! Die überraschende Harmonie im Weltenall, die Uebereinstimmung in' allen Bewegungen muß aus einer gemeinsamen Ursache stammen. Wir können uns das Weltall nicht ohne weisen Schöpfer vorstellen. So etwas wie Harmonie, so etwas wie Empfindung läßt sich nicht aus chemischen und psykalischen Elementen ableiten. Hypothesen aufstellen ist oft ein sehr nützliches Mittel, zu dem man in der Welt der Wissenschaft oft greifen muß, aber eine Welt kann man nicht mit Hypothesen konstruieren. Im Weltenall kann es nichts geben, was nicht auch endlich begrenzt ist. Wir können für die Entwicklung der Dinge^in der Wett keine Ewigkett in Anspruch nehmen, unsere Welt muß einen ersten Anfang gehabt haben, muß erschaffen worden sein. Alles weist auf einen Anfang hin, auf einen Zustand der Dinge, der nicht aus irgend , einer vorstellbaren früheren Anordnung abgeleitet werden kann. Alles muß einmal begonnen haben, ebenso wie es auch einmal enden wird. Das Weltall hat einen Anfang gehabt und es ist nicht ewi?. Die Materie, aus der die Welt geschaffen, tragt offenbar den Stempel des Schöpfers. Nach streng genauen mathemattschen, für sie von allem Anfang an bestimmten Normen ziehen die Moleküle einander an und stoßen aneinander ab. — Die Himmelskörper bestehen überall aus denselben Stoffen wie die Sonne, für alle Himmelskörper gilt das Gravitattonsgesetz und alle find in ständiger Bewegung begriffen. Die Untersuchung des Spektrums des Sonnenlichts von Newton, die Spektralanalyse Kirchhofs und Bunsens beweisen die analoge Zusammensetzung aller Wettkörper. — Man wollte die lebenden Wesen durch Evolution erklären. Alles wurde aufs kleiste Lebewesen zurückgeführt, um so eine ganze Welt ohne Schöpfer hervorzubringen. Weil aber die Idee der Urzeugung vor dem Forum moderner Wissenschaft denn doch zu plump scheint, versucht man dieselbe Idee aus Umwegen unter anderem Namen wieder einzuführen, alles nur, um nicht an einen Schöpfer glauben zu brauchen. Für jeden ernsten Forscher ist es aber erwiesen, daß eine lebende Zelle nur aus einer lebenden Zelle ihrer Art hervorgegangen sein kann, und daß ursprünglich schon so viele Arten von Zellen geschaffen sein müffen als es Arten gibt. Mögen die Organismen an der Spitze, der sich die Ausgabe stellte, die gesunkenen Steine zu heben und die Inschriften entziffern zu lassen. Nach vieler Mühe ist das Werk nun vollendet und ein besonderes Verdienst hat sich hierbei der Wormser städtische Volksschullehrer, Herr- Samson Rothschild erworben, der ja auch auf dem übrigen Gebiete der Geschichte der Wormser Juden schon vielfach literarisch hervorgetreten ist. Tie Grabsteine dieses alten Friedhofes werfen interessante Schlaglichter aus die Geschichte der Wormser Jndengemeindc, sie sind stumme und doch beredte Zeugen von Verfolgungen und Leiden, die die Juden im Mittelalter durchzumachen hatten. Der nächstätteste indische Friedhof im Großherzogtum Hessen dürfte derjenige von Mainz sein. Wie der frühmittelalterliche Mainzer Rabbiner Maharil in einem seiner Werke bemerkt, habe er hier noch den Grabstein einer israe- Utt djen Sklavin nrtBtP aus Jerusalem gesunden. Nach Mainz sollen die Juden schon mit den Römern gekommen sein. Von alten jüdischen Gemeinden Hessens seien noch erwähnt: Trebur mit Astheim, wo Juden zurzeit der Kaiserlagcr der Hohenstaufsen bereits ansässig waren, Bingen, beffeti jüdische Gemeinde int Jahre 1200 begründet wurde, »vriedberg, das das berühmte Judenbad aus dem Jahre 1500 besitzt und Oppenheim, wo noch viele hebräische Inschriften an den Häusern bezeugen, daß dort während des ganzen Mittelalters eine große israelitische Gemeinde blühte. Endlich sei noch der Synagoge in Weisenau bei Mainz gedacht, die 1407 erbaut wurde. Tie israelitische Gemeinde Darmstadt datiert ihre Gründuikg voul Jahre 1600.