Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1911)
- Date
- 1911-07-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Tff | Dr. Nathan Markus Adler geboren. |.r.' Schon im Kindesalter kam er mit seinem £x Vater, der 1845 den Ruf als Chiefrabbi des •f:. britischen Reiches erhalten hatte, nach London, H wo er nach absolvierten Studien und gründfr licher talmudischer Ausbildung zunächst als < Lehrer am Jews' College wirkte. 1864 X wurde er als Prediger an der Bayswarter? Synagoge gewählt und von da aus wurde er 1679 nach dem Tode seines Vaters auf den höchsten rabbinischen Posten im vereinigten britischen Reiche H berufen. In seiner 32jährigen Amtstätigkeit als Chiefrabbi hat er sich vielseitige Verdienste um X das gesetzestreue Judentum erworben. Denn bet aller, namentlich in letzterer Zeit sich v verschärfenden Kritik mancher seiner auf Erhaltung 1 der bestehenden Verhältnisse in der Gemeindef Verfassung berechneten Maßnahmen, mußte doch i von allen Seiten sein ehrlicher und fester / Wille, das überlieferte Judentum in England Chiefrabbi Dr. Herrmann Adler zu erhalten, dem Abfall nach Kräften entgegen- -■ zuarbeiten und auch die Reformversuche, die i allerdings in England von vornherein sich M keines sonderlich günstigen Boden erfreuten, zu verhindern, dankbar anerkannt werden. Daß die s verheerenden Wirkungen des religiösen Liberalis- U mus bis heute in England keine festen Wurzeln geschlagen haben, ist doch mit das Verdienst des IX getreu den religiösen Prinzipien des überliefery - tcn Judentums wirkenden Chiefrabbi Dr. ' Adler yxt gewesen. XX Ungeteilt und rückhaltlos ist die dankbare Anerkennung, die man dem verstorbenen L« Asraeltt. rabbi für sein wiederholtes mannhaftes Auftreten in allgemeinen jüdischen Angelegenheiten zollte. Man braucht nur an die von den französischen Rabbinern geplante Ehereform zu erinnern, die durch das entschiedene Eingreifen Dr. Adlers y'xr zum Scheitern gebracht wurde, oder an sein Einvernehmen mit den Gesetzestreuen des Kontinentes in der Frage des Chachambaschi in der Türkei. Unvergeßlich werden auch die L iftungen und Verdienste des Chiefrabbi V'xt auf sozialem Gebiete bleiben. Ueberall, wo die Lage znr Tat drängte, war er in der vordersten Reihe derer zu finden, die sich von keinem Mißerfolg und verfehltem Versuch in der Hilfsarbeit irre machen ließen. Er half im Kleinen und im Großen, unb sein Einstuß in allen jüdischen Hilfsaktionen machte sich segensreich geltend. Mögen sich nun die Dinge in der jüdischen Gemeindeorganisation in England wie immer gestalten, der Name Dr. Hermann Adler y'XT wird in der Geschichte der englischen v Rabbiner und des Judentums seinen Ehrenplatz behalten. nrrn1? pnx -ot. fln den Grenzen der Erkenntnis. Bon Dr. M. Ascher in Neuchätet» III. Man muß sich allen Ernstes fragen: Wie weit sind wir denn eigentlich? Die Wissenschaft ist, wie sehr ich sie auch achte, noch nicht so weit, mir eine präzise Antwort auf die großen Lebensrätsel zu geben. Ich weiß also nicht, was ich bin und was die Welt ist, die mich umgibt. Ich lebe in einer Welt, die ich nicht verstehe. Was tue ich denn eigentlich? Daß ich, wie jedes Raubtier das tut, für meine Familie Nahrung schaffe, daß sie nicht hungert, kann ich doch nicht als den Zweck des Daseins betrachten. Liegtim Dasein meiner Person Sinn und Vernunft, Plan And Zusammenhang? Da ist es denn nur ein einziger Gedanke, der mir Beruhigung und Trost gibt: der Gedanke, daß alles Bestimmung ist. Ich erkenne mich in meiner Kleinheit uftd Schwäche, in meiner Eigenschaft als Geschöpf. Ich fühle, daß ich gesandt worden bin, eine Mission zu erfüllen, ich weiß nicht welche. Die höchste Macht, die mein Schöpfer ist und die die Menschen Gott nennen, weiß, wozu sie mich erschaffen und kennt das Endziel. Mein Leben ist nicht mehr sinnlos und eitel, wenn ich auch das Endziel nicht merke. Es ist mir durchaus verständlich, daß mir als 20 . Juli iin . Geschöpf und begrenztem Wesen die Endziele meines Lebens und. des Lebens der Welt verborgen sind. Mit mir geschehen Dinge, die ich nicht ahne. Die Ziele, die ich zu erreichen wähne,- sind nur für mich Ziele, in Wirklichkeit bin ich nur Werkzeug zur Erreichung von fernen Zillen, die ich nicht faffen kann. Es ist naturgemäß, daß ich als erschaffenes Wesen nicht alle mitwirkenden Faktoren in Betracht ziehen kann. Ich schaue nur ein Strecklein rückwärts und wenige Schritte vorwärts, wie ftll ich da das Endziel vor Augen haben. Aber der Gedanke, daß mein Schöpfer es ist, der meine Tätigkeit lenkt, der mich als Werkzeug benutzt, das Endziel zu schmieden, dieser Gedanke gibt mir Seligkeit. Armseliger Narr, so hör ich spöttisch fragen, hast du so viel Anstrengungen nötig gehabt, um doch im Glauben zu landen?! Geh doch gleich ins Asyl der Unwissenheit und gestehe mit Brentano ein: Wissen sei nichts anderes als ein langweiligeres Glauben, das einen erst eine Weile mit Schlüffen hinhalte, ehe es einen glauben laffe. So ist die Sache denn doch nicht. Wir machen Anspruch darauf, es hier mit rationellen Gründen zu tun zu haben, die jeder Kritik standhalten und die, weil auch basierend auf Gefühl, auch logisch weit wertvoller sind als die Antivorten der sogenannten Vernünftler. Wir haben es hier mit einem Wissen in höherem Sinne zu tun. Wir sind uns wohl bewußt, daß die eigentliche Religion der formalen Wissenschaft überhaupt unzugänglich ist, denn in das Letzte, Tiefste, das jenseits der Sinnenerkennknis uno der experimentellen Erfahrung Liegende dringt die formale Wissenschaft nicht ein. Und wenn sie es dennoch unternimmt, dort einzudringen, so überschreitet sie ihre natürlichen Grenzen und stellt pseudo-wissenschaftliche Glaubens- resp. Unglaubenssätze auf. Glaube aber, auch wenn er felsenfest ist, kann für sich allein vor dem Forum unserer Vernunft nicht bestehen, und man würde der Religion einen schlechten Dienst erweisen, wollte man dem Glauben seine vernünftige Grundlage nehmen. Keinen tieferen Glauben * kann es geben als den, der Win Wissen geworden, indem die Glaubwürdigkeit durch die Erfahrung und durch die Vernunft ihre Bestätigung erhält, ja gar durch dieselben diklirt wird. Soviel kann doch auch heute schon als wissenschaftlich absolut richtig erkannt werden, daß es nicht genügt, die Dinge nur unter dem Gesichtspunkt ihres tatsächlichen Wertes, ihrer bisherigen Bewährtheit, ihres Nutzens zu betrachten. Zahlenwerte, geometrische Messungen können ntmniermehr Zweck und Ziel, können vielmehr nur Mitteldinge sein. Die Schule mit ihren rechts bald links aus die Seite legt und die Kabinen-;. türen bann auf und zufahren, erblicke ich dann in l den geöffneten Kabinen mehr als einmal die Insassen t. auf dem Boden, manche völlig entkleidet daliegen, f ohne Willen, sich zu bewegen oder zu bedecken. Manchen X macht die Seekrankheit gerade zum Tier: schamlos, X. feige, unreinlich bis zur Gemeinheit. Aller Firnis X fällt dann ab von dem Kulturmenschen, Baron, *f Multimillionärin, Importeur oder Opernsänger,;. oder was sonst ihn als Schild in der Gesellschaft dockt. Es ist ganz gleich, die Szokruukheit p - kennt keine Parteilichkeit und der Höchststehende, wie > der ärmlichste aller Passagiere, und sei er nur ein ß. zerlumpter, heimatloser Bursche, werden ohne Anj; sehen daran erinnert, daß das entfesselte Element sich f nickt im mindesten um Rang, Stand und Besitz kiiinpj merk. Nun kommt der Sturm, oder' ein hoher See- I gang. Mit einem Schlag, wie von Blitzlicht erhellt, r blicken wir in die Gemeinheit menschlicher Naturen lind! in die Niedrigkeit des Parvenütums, die uns mit Abscheu erfüllt. Ganz wie in Momenten großer Gefahren, begegnen sich auch jetzt das Niedrigste und das Hoheitsvollste, das im .Innersten der Menschen schlummert. Reiset nur recht oft über den Ozean und, •> Ihr lieben Leser, werdet Euch baldigst vor der Gottähnlichkcit mit Euren Mitmenschen schönstens bcdanken. X Ter Negierungsbeamte, der Professor und ick, sitzen X wie' gewöhnlich am Kapitänstisch zum Frühstück bc- X haglich beisammen. Wir sind, nebst einer riesenlangen, älteren englischen Dame, deren fabelhaftem Appetit X’ kein Sturm etwas anzuhaben vermag, ganz allein im Speisesaal. Ter Kapitän hat nur eine Tasse schwarzen Kaffee genommen und ist alsbald wieder X verschwunden; heute hat er strammen Menst. Ba.ld X darauf erscheint auch der Schiffsarzt und der zweite Deckossizier. J,n Zustand der kleinen Channele hat sich seit gestern Abend nichts geändert, berichtete mir der Arzt. Dem Vater war gestattet worden, sich in der Kranke»tabine aufzuhalten. Der Professor fragt teilnehmend nach den Aussichten auf Genesung, dann verallgemeinert sich die Unterhaltung. Ter Regierungsbeamte, der verfallen und fahl aussieht, begibt sich mit unsicheren Bewegungen und sich ständig festhaltend, in seine Kabine. Auch seine Widerstandskraft erlahmt gegen das unaufhörliche Rollen des Schiffes. „Es rast die See und will ihr Opfer haben." Der Professor hält tapfer Stand und wir klettern auf das oberste Deck und blicken, von der Windseite abgekehrt und geschützt, schweigend in das grausige, erhabene Schauspiel, das der Sturm Unseren bewundernden Blicken bietet. Wasserberge mit weißen Gipfeln rollen gegeneinander an, stürzen sich tviitcnb an und zusammen, wühlen ein tiefes, schwärzliches Wellental, das sich sogleich wieder glättet und zu einem neuen Hügelungetüm hoch aufbäumt, in Sekundenschnclligkeit zum ireuen Wasserberg sich aufbaut und wieder, brausend an einem entgegenkommenden zerschellt. So weit das Auge reicht desselbe unermeß^- liche Schauspiel, eine unbeschreibliche, unübersehbare Masse schauingekrönter, wild durcheinander rollender, sick: entgegen und fluchtartig auseinanderstürzsnder Wasserberge, ein Anblick, unbeschreiblich erhaben in seiner Größte. Zuweilen schießen weiße Fontaincn aus diesem Wirbelspiel, wie ein neckisches Kinderspiel mit ihrem dünnen, weißschäumenden Strahl. Es sind Walfische, die bei solchen Stürmen sich mit Vorliebe herumtummeln. Eine ungeheure Sturzwelle, die das 70 Fuß über dem Wasserspiegel liegende Teck überspült und uns mit einem Sturzbad bedenkt, treibt uns wieder unter Teck. Ich weiß nichts vernünftiges mehr zu treiben. nachdem ich mich nmgekleidet habe und so lege ich n<ich denn auf mein Bett, lese und fchlafe abwechselnd, llnd wenn ich aufwache, sehne ich mich nach Kaffee, bezwinge mich aber, weil er mir um virr Uhr anl besten schmeckt. Gegen 0 Uhr legt sich der Sturm; oder ivir sind in eine ruhigere Wasserzone gelangt. Denn es ist nicht selten, daß, ein Teil des Ozeans sich in Sturm und Aufruhr befindet, während vielleicht 30 oder 50 Meilen weiter entfernt, das Meer nur wenig bewegt ist. Eine Stunde nach dein „offiziellen" Abendessen, wenn der Speisesaal sich geleert hat, Pflege ich mein Abendbrot, meist aus etwas Kaffee und Gebäck bestehend, einzunehmen. Me Herren sind dann der Mehrzahl nach im Spiel- und Rauchsalon, die Tarnen im Musiksaal oder in der Bibliothek, bei gutem Wetter „promeniert" mau aus dem geschützten Mitteldeck, wo zrrweilen daun auch getanzt wird. Heute Abend denkt wohi nicht ein einziger an Musik, und das Tanzen besorgt das Schiff selber. Während' ich noch speise, — es mag halb neun Uhr sein — erscheint mein Kollege, der Schiffsarzt. Ob ich noch einmal mit zu der kleinen Patientin gehen wolle? Selbstverständlich. Als ich eintrete, sitzt Leib Iriedmann in einer Ecke des „Hospitals". Ehannele liegt nicht im Bett, sondern ruht in den Armen seiner Mutter, die aus einem uiedern breiten Kasten sitzt, der beim Schaukeln des Schisses genügend Sicherheit bietet. Beim Schein des dünnen Aadenlichtes von der niederen Decke herab, erscheint das Gesichtchen des kranken Kindes noch bleicher, als es wirklich gewesen sein mochte. Die Züge haben sich auffallend verändert, ein unheimlicher, grauer Schatten liegt darüber gebreitet. Channele lveint und schreit nicht mehr wie gestern Abend; es stöhnt leise, ächzt wie unter einer großen Last. Ter Puls jagt, setzt aus, wird sekundenlang, ■V~ ■teiiiü . /