Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1911)
- Date
- 1911-07-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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\ r,- IV ■f sich das Vermögen der Jca inzwischen durch die letzten Vermächtnisse des Baron Hirschschen Ehepaars stark vermehrt hat, mit jedem Berichtsjahre steigert und nun im 20. Berichte in den Zahlen 500,000 Hektar, 21,000 Seelen usw. zum drastischen Ausdruck gelangt. Svll man nun den Begründern oder der Zentralverwaltur, g der Jca allein die ganze Verantwortung für diese Mißerfolge zuschirben? Keineswegs. Die Jca hatte — das darf man sich nickt verhehlen — in den ersten Jahren ihrer Kylonisaiionsarbeit mit geradezu unüberwindlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. — Ein Spaziergang nach Argentinien war es gerade nicht, die Ansiedlung einiger tausend Familien, aus dem städtischen Judenelend heraus auf einem zumeist bis dahin noch nicht urbar gemachten Boden, unter ungewohnten klimatischen und wirtschaftlichen Verhältnissen und in stetem hartem Kampfe mit feindlichen Elementen. Und es war bet aller peinlicher Prüfung des gewählten Bauernmaterials doch ntchl zu vermeiden, daß auch manche völlig ungeeignete Elemente darunter kamen, die weniger Neigung und innerer Beruf, sondern einzig die bittere Not auf die argentinischen Felder gedrängt hatte und die dort Erbitterung und Unzufriedenheit in die Massen getragen haben. Auch für den Beamtenftab war es nicht immer möglich, die Kräfte zu finden, die auf der Höhe ihrer agronomischen Aufgabe stehend, zugleich auch auf dem Gebiete der Verwaltung und in der Behandlung einer ihnen völlig geistesfremden Menschenkategorte das richtige trafen. Enttäuschungen und Mißerfolge sind keinem großen Unternehmen erspart geblieben. Das alles könnte man billigerweise der Jca zugute halten, wenn — ja wenn sie uns von den Fehlversuchen erzählen möchte, wenn die Geschichte ihrer vielleicht natürlichen und verzeihlichen agrarischen und verwaltungspolitischen Irrungen, zur richtigen Wertung ihrer Arbeit und der Entwicklungsmöglichkeiten ihres Unternehmens, offen vor uns läge. Das ist's aber, woran ihre Berichte es gänzlich fehlen lassen. — Es sind tote Zahlen, die nichts besagen. Die Anklagen gegen die Verwaltung bildeten in den ersten Jahren eine stehende Rubrik in der jüdischen Presse Rußlands und sind bis aus den heutigen Tag noch nicht gänzlich verstummt. Von einem neuen Konflikt spricht ja auch der letzte Bericht, der dadurch entstanden ist, daß mehrere Kolonisten den nach dem Kontrakte mit der Jca von ihnen in einem gewissen Zeitraum abzutragenden Bodenpreis früher bezahlen wollen, wogegen sich die Verwaltung der Jca mit aller Entschiedenheit wehrt. Der Grund? Es könnten fremde Unternehmer dahinter stecken, die beit Boden zu Spekulationszwecken den Bau- Die Wanderstäbe unserer lllanderrijge. (’£DÖ1 JYIBÖ) SBcrih die Ged nktage unseres nationalen Ntedkr-; ganges wtederkehren, welche den Wanderzug der jüdischen Zerstreuten in alle Teile der Erbe etnlettete, reicht uns; « Gotteswort alljährlich das Verzeichnis der Züge iIHforet Bätec und Mütter in der Wüste. Vielleicht sollte vierzigjährige Wanderleben in der Wüste unS Watt cn und für die Beit vorbereiten, in der wir ohne die A und Ruhe die Wanderstäbe zu ergreifen hatten für warte bte unser durch die Weltgeschichte warteten und N."' Denn bte Erfahrungen aus dem Wüstenleben und Mütter find den Enkeln in der Tat die wordeik*stäbe für ihre großen, welthistorischen Züge ge- ” Ji Ihnen fällt 'Vvvl TMDD zusammen — der die «4lue ihnen dieses Geschick unstäter Wanderung durch " cht der Jahrtausende beschteben, hat ihnen auch in 9R ^HmUhQi er» abkaufen. Gegen solche Manipulationen könnte sich aber die Jca nach den argentinischen Gesetzen leicht sichern, und die Bauern sind nicht abgeneigt, durch Garantien diesen Verdacht, gegen den sie sich übrigens energisch verwahren, völlig zu zerstören. Bleibt doch als einziger Grund für die merkwürdig große Zahlungslust der jüdischen Bauern das, was der bekannte russische Argentinienreifende Dr. Chasanowitsch — in einer ganzen Artikelserie im cfriyn und in einer umfangreichen Broschüre — angibt und zweifelsfrei nachweist: Der unwiderstehliche Drang d er Bauern, sich selb ständig zu machen und aus der ihnen unerträglichen Abhängigkeit von d er V e rw al t u n g herauszukommen. Dieses Zwangsverhältnis will aber letztere um jeden Preis aufrecht erhalten, und das spricht nicht für sie. Allein es waren auch Klagen ganz anderer und bedenklicherer Natur, die aus den argentinischen Dörfern in die jüdische Oeffentlichkeit drangen. Man braucht sie nicht alle wortwörtlich ernst zu nehmen und gerecht zu finden, um den Gesamteindruck zu gewinnen, daß auf jeden Fall einzelne Beamten die von Parts aus empfohlene Politik der starken Hand etwas zu radikal auffaßten, daß man die Kolonisten gar zu sehr als Objekt und zu wenig als Subjekt betrachtete und behandelte, das man ihnen infolgedessen als bloßem „Menschenmatertal" das Existenzmintmum an Menschenwürde — ein Wort, das neulich auf einem deutschen Soziologenkongreß geprägt wurde — absprach. Vielleicht ist diese Vorstellung etwas übertrieben, vielleicht sind die Klagen minder berechtigt. Aber die Jca bestätigt all diese Anklagen durch ihr beharrliches Schweigen und nährt selber die Vorstellung von ihrer verfehlten Verwaltungspolitik — durch ihre Jahresberichte, deren Zahlen nichts besagen. Früher waren auch die Klagen über die ungenügenden religiösen Lebensmöglichkeiten in den argentinischen Kolonien häufig. Auch Chasanowitsch erblickt den größten Fehler der Jcakolonisation darin, daß die Kolonisten durch das System des Einzelanwesens, der Isolierung der weit auseinander angelegten Bauernhöfe, an einem religiösen Gemeindeleben verhindert werden. Die Klagen religiöser Natur haben in letzterer Zeit merkwürdiger Weise abgenommen. Ob dies auf eine Besserung m dieser Beziehung hinweist? Oder ist es in zwanzig Jahren Kolonisattons- und Kulturarbeit bereits gelungen, den Leuten und besonders der Jugend jene Stumpfheit anzuerziehen, die in religiöser Hinsicht zwei mal zwei fünf sein läßt? Wir wissen es nicht. Denn auch in diesem Betracht den Erlebnissen der Ahnen Stab und Stütze gereicht, die fie aus ihren Zügen aufrecht erhalten. Die ruhelose Hast, die allein genügt, ein Volk aufzureibsn und wenigstens mutlos zu machen, hat uns auf der Flucht über die Weltbühne derart in fortwährender Frische lebendig erhalten, daß wir heute beim Borlesen der Thora das Lager- und Wanderleben der Ahnen, ihr VB'I und izni in heitere SangeSwetfen kleiden. Während sonst Völkerwanderungen den Wandernden ihre Eigentümlichkeit nahmen und fich den Orten ihrer Niederlassung akklimatifieren ließen, haben die Wanderzüge Israels seine Eigenart nicht beeinträchtigt. Sie tritt dadurch erst recht hervor. 'H "B DITtfDÖ? DITittUö TIK NVQ 27121 OrPKÄltt? DiTtfDÖ 7HK1 „Moscheh schrieb ihre Aufbrüche zu ihren Wetterzügen auf GotteS Befehl nieder und das find ihre WeiterzÜgo zu ihren Aufbrüchen." „Nach der göttlichen Auffassung waren es QJTKlSCUü DJTJPDÖ1?" wie Hirschs Kommentar zur Stelle anmerkr, „ihnen waren eS DJT2DÖ* Zug und Rast geschahen auf Gottcs Geheiß. Wenn Gott sie aufbrechen ließ, so lag das Motiv in dem jedesmal zu erreichenden Ziele, für welches die göttlich: ErztehungSwaltung dem neuen Rastort als den geeigneten ersehen ha te. Jede PDÖ war ein Fortschritt, war der Zweck des des Aufbruchs und alle ihre Aufbrüche waren 0,TK20Ö DiTtfDöb* Dem Volke aber war es umgekehrt. Sie wurden an jedem Orte unzufrieden. Wenn es zum Aufbruch ging, war ihnen der Aufbruch Ziel, es war ihnen in dem Augenblick gleichgültig, wohin es gt> g. Sie zogen weiter, um nur von dem bisherigen Rajlvrle fortzukommen, eS war ihnen DJTUDöb DJTKäTJD " Daß jeder auf GotteS Geheiß fich vollziehenden Züge denn doch einen Fortschritt bedeutet, der uns dem W JÜN 1911 — und hier erst recht — erfahren wir aus bern Berichte nichts — rein nichts. Da erzählt man uns von 50 Schulen und 155 Lehrern, ohne daß uns nur mit einer Silbe gesagt wird, wie diese Schulen beschaffen sind, was dort gelehrt wird und von welchem Geiste sie geleitet sind. Nun, die Jca ist freilich vornehmlich eine Kolonisationsorganisation und ist. auf. ein geistiges .Knliurprogramnl nicht verpflichtet. Umso mehr ist aber hier zu befürchten, daß die Kulturgeschäfte der Jca ausschließlich von ihrem Spiritus familiaris, der Alliance, deren leitende Männer — ein gut Teil der Pariser Liste tnkl. Reinach — auch die Geschicke der Hirsch'schen Millionenspende lenken, besorgt werden. Und hier liegt die Sache umso schlimmer, als sich die Herren mit Berufung auf den Wortlaut der ersten von Baron Hirsch festgesetzten Bestimmungen von jeder Kontrolle seitens der jüdischen Oeffentlichkeit frei fühlen und jede Rechenschaftsforderung und Einmischung von außen, unter der die Kulturarbeit der Alliance so viel zu leiden hat . . . verbitten könnten. Baron Hirsch sah nämlich in der Akte von 1891 (§ 4 der Statuten) „die Gewährung von Unterricht in der englischen Sprache, den Landesgesetzen, technische Ausbildung, Errichtung von Fachschulen, Werkstätten usw.". Was wollten also die Frömmler mit ihrem sonderbaren Verlangen, die Kolonistenkinder in der Schule auch zu Juden zu erziehen? Baron Hirsch, der Mann mit der großen Seele und dem warmen Herzen, kannte leider nur eine materielle Judennot, nicht aber auch eine geistige, wie sie damals freilich unter den östlichen, notgejagten Flüchtlingen noch nicht bestand, der aber man damals schon, etwas tiefer blickend, hätte Vorbeugen müssen. Hätten die berufenen wirklich jüdisch fühlenden und denkenden Männer mit dem Schatze ihrer Erfahrungen dem Baron zur Seite gestanden, die Sache hätte vielleicht eine andere Wendung genommen und die Statuten einen anderen, einer „Schenkung an die jüdische Gemeinschaft"mehr entsprechenden Wortlaut empfangen. Aber wie hieß es doch jüngsthin in einem Rundschreiben der Pariser Alliancezentrale? „Neben Baron Hirsch war auf der Stiftungsurkunde der Zea der „jüdrschfühlende" Reinach unterzeichnet . . " Wußte nun der Baron nichts von dieser geistigen Not, die man in der besten Absicht zu helfen, systematisch schaffen kann, so hätten die Sachwalter seines Erbes in der Folge Gelegenheit genug gehabt, von ihr zu erfahren und ihr zu steuern. Die Enttäuschungen der Kolonisten, ihr wachsendes Mißtrauen gegen die Verwaltung und auch ihre Entmutigung und Landflucht sind doch, wenn man den Berichten der hebräischen Ziel unseres Hoffen« näher bringt, ist eine Wahrheit bte von den Wandernden oft vergessen wird. Auch uns ist bei den über uns verhängten Zügen zunächst nur die Mühe und Beschwerde des Aufbruchs gegenwärtig, der ja immer einen Abbruch von der süßen Gewohnheit des bisherigen Daseins in sich schließt. Wir würben diesen Auf- und Abbruch leichter vollziehen, wenn uns der Fortschritt gegenwärtig wäre, der doch in allen Fällen damit etngelettet wird. Die Wanderungen unserer Väter und Mütter in der Wüste hatten dann auch eine Reihe von Eigentümlichkeiten, die alle geeignet waren, die Beschwerden der Wanderung und Lagerung zu erhöhen und so bte Ungeduld der Wanderer in mildem Lichte erscheinen zu lassen. Ihr Reifen und Rasten hing von der Fortbewegung oder dem Verbleiben der über dem Volke schwebendenden Gotres wolle ab. Sie konnten, wie dies ja auch tn Wirklichkeit oortam, viele Jahre an einen und denselben Olt gefeffelt sein und hatten doch jeden Augenblick das himmlische Signal zum Lageraufbruch zu gewärttgen. Dieses fortwährende auf dem qui vivs-Sein läßt die ständige Aufregung des Volkes um so begreiflicher erscheinen, als ja dar Ziel ihrer Wanderung nur wenige Tagretfen entfernt war. Dazu kam, daß die Wahi der Örtlichkeit nicht tn ihrer Hand lag. ES konnte Vorkommen, daß die Oertltchkett, welche fie Verlassen mußten, fruchtbar, wasserreich Und tn jeder Hinficht angeneh n zum Aufenthalt war, während die Gegend, welche sie aufsuchten, fich öde und unfruchtbar erwies. Hier war daS Verlassen des bisherigen OrtS ein ebenso großes Dpfer wie dar Aufsuchen d.s neuen Aufenthalts. Deshalb verzeichnete Moscheh nicht nur die Weiterreisen, sondern auch den jedesmaligen Ausbruch. Nicht togographische, klimatische oder welche Rücksichten sonst bestimmten die Richtung ihre- Zuges, sondern lediglich 'il 'B, das Geheiß GotteS. So rätselhaft dieses ihnen