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Der Israelit · 1911-07-13 · Heft 28 (13.7.1911) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 28 (13.7.1911)
Date
1911-07-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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13 Juli 1911 Der JSraelit. No. 28 Seit« 7 UrMarrV. Petersburger Mlerlei. Petersburg, 10. Juli. Da das Kiewer Blutmärchen seine erhoffte Wirkung versagt hat (siehe Korr. Kiew), so suchen die Schwarzen Banden unablässig sich auf andere Weise schadlos zu halten. Vor kurzem wurde von hier aus nach allen Gauen Rußlands ein Flugblatt in unzähligen Exemplaren versandt, in welchem die Bevölkerung zu Pogromen gegen die Juden aufgereizt wird. Das Elaborat trägt die Ueberschrift: „Die in den ausländischen Staaten festgestellten bestialischen Handlungen der Juden" und enthält Abbildungen alter Kupferstiche, die „Ritualmorde" und die „Schrecken" der großen französischen Revolution zur Darstellung bringen. Auf die Unwissenheit der Massen rechnend, bringen die Verfasser des Hetzaufrufes die Revolution mit den „Ritualmorden" in Zusammenhang und versichern u. a., daß der 9. Thermidor des Jahres 1792 nichts anderes war als eine Wisch-freimaurerische Verschwörung gegen das Volk, d. h. gegen die Bauern und Arbeiter. ch * * Soviel Juden auf einmal haben die Straßen Petersburgs schon lange nicht gesehen wie in der vorigen Woche. Unter den 4800 Matrosen der amerikanischen Eskadre, die die Hauptstadt des Zarenreiches mit ihrem Besuche beehrte, befanden sich nämlich, wie schon berichtet, 440 Juden, und zwar, mit geringen Ausnahmen, — Emigranten aus Rußland. Von den Offizieren waren nicht weniger als 20 Juden, darunter Kapitän M e v e l l, dessen Eltern seinerzeit aus Samara ausgewiesen wurden und nach Amerika auswanderten. Die jüdischen Matrosen besichtigten die Petersburger Hauptsynagoge. Sie äußerten ihr Verwundern darüber, daß die Petersburger jüdische Gemeinde nicht die Gelegenheit ergriffen habe, ihren Glaubensgenossen unter den Gästen des Staates einen offiziellen Empfang zu bereiten. Dies wäre eine eindrucksvolle Kundgebung der jüdischen Gleichberechtigung in den Vereinigten Staaten. Wer aber die Verhältnisse und die Stimmung dahier kennt, muß die Zurückhaltung der hiesigen Juden und die Vernreidung jeder demonstrativen Kundgebung durchaus billigen. Sie HJahrheif Uber die russische Ritualmordaffäre. Kiew, 5. Juli. Mit der Kiewer Ritualmordaffäre wird es nun voraussichtlich bald aus sein. Denn jetzt kommt eine Nachricht, die den hetzerischen Pogromgetstern wenigstens nach dieser Richtung hm das Handwerk legen wird. Die neuerdings mit großer Energie wieder aufgenommene Voruntersuchung hat nämlich vorläufig das Ergebnis gezeitigt, daß die Ermordung des unglücklichen Knaben Justschinskya als das Werk seines Stiefvaters und eines Verwandten Njesch.insky feftfteht. Eigentlich war der Verdacht der Täterschaft, wie wir seinerzeit mitteilten, von vornherein auf die Verwandten Justschtnskys gefallen und sie wurden damals, bald nach der Auffindung der Leiche auch sestgenommen. Da griffen „unbekannte Personen von hohem Einfluß" in die Angelegenheit ein und bewirkten die Freilassung der verbrecherischen Sippe. Zugleich damit brach eine frevelhafte Agitation gegen die Kiewer Juden los, eine Agitation, die vor keiner bewußten Lüge zurückscheute und zu Judenmaffacres mahnte. Kein anderer . als die Juden seien schuld am Tode Justschinskys, hieß es in den Zeitungen, in speziellen Proklamationen, in Reden, und die jüdische Gesamtheit müffe das zu rituellen Zwecken begangene Verbrechen büßen. Die Panik verstärke sich, als die „echtrussische" Gruppe von Mitgliedern der Duma eine Interpellation über die angebliche Ritualmordaffäre etnbrachte und sie in der Kammer mit den schlimmsten Pogromreden begründete. Es war nun für die Bedrohten eine wahrhafte Erlösung, als die ausländische Presse der gefährlichen Affäre eine gewisse Aufmerksamkeit zuwendete und die niederträchtigen Pogrombestrebungen rechtzeitig festnagelte. Selbst die Stolypinsche Regierung sah sich durch die beschämenden Hinweise des Auslandes gezwungen, dem Treiben der rabiaten Judenfresser nicht tatenlos zuzuschauen, und sie entsendete nach der Stätte des Unheils einen gewissen Krassowski, der früher Chef der Kiewer Kriminalpolizei gewesen war und jetzt im Petersburger Polizeidepartement einen hohen Posten bekleidete. Seiner Tatkraft gelang es sehr schnell, die richtigen Spuren der Täter zu finden, und insbesondere den Hauptbeteiligten, Njeschinsky, zu eruieren, ein verbrecherisches Subjekt aus den Reihen des Schwarzen Verbandes, das bereits mit Zwangsarbeit bestraft war. Etwas spät hinkt auch die lokale Kiewer Polizei nach: der Chef der örtlichen Kriminalpolizei hat seinerseits gleichfalls die Verhaftung Njeschinskys wegen Ermordung Justschinskys angeordnet. England. Sur 5rage der Sonntagsruhe. «London, 9. Juli. Der Gesetzentwurf über die Sonntagsruhe, der unter den Juden Englands große Beunruh gung hervorgerufen hat, veranlaßte die jüdischen Mitglieder des Unterhauses, in einem Konferenzzimmer des Parlamentes zu einer Beratung zusammenzutreten, deren Bedeutung dadurch gekennzeichnet wird, daß an ihr auch die jüdischen Mitglieder der Regierung Sir Herbert Samuel und Rufus Jsaacs teilnahmen. Zur Beratung wurde auch der Vertreter der „Board of Deputies“, Mr. Alexander und der Sekretär des kaufmännischen Vereines, Mr. Rosenfeld, zugezogen. Die Beratung dauerte mehrere Stunden und nachdem sämtliche Anwesenden — mit Ausnahme der Minister — sich geäußert hatten, konnte man konstatieren, daß alle die Fortsetzung des Kampfes zugunsten der jüdischen Bürger, welche den Sabbat heiligen, als eine Pflicht ansehen. Die anwesenden jüdischen Minister nahmen die ausgesprochenen Wünsche zur Kenntnis und gaben ohne in die Debatte einzugreisen, die Versicherung, ihrerseits dazu beizutragen, daß die Juden infolge des Gesetzes über die Sonntagsruhe nicht geschädigt werden. Diese Beratung, unterstützt von der allgemeinen heftigen Protestbewegung unter der jüdischen Kaufmannschaft, hat auch schon den Erfolg gezeitigt, daß Minister Churchill bereits die Erklärung abgab, einige Aenderungen zugunsten der jüdischen Kausleute und Gewerbetreibenden an dem Gesetze vornehmen zu wollen. So soll in das Gesetz eine Bestimmung ausgenommen werden, daß in bestimmten Distrikten, in denen sich eine überwiegend jüdische Bevölkerung befindet, die Läden am Sonntag bis 2 Uhr offen bleiben sollen. Die Distrikte sind im Gesetzesvorschlag namhaft gemacht. Frankreich. Saris, 5. Juli. Am Samstag abend fand unter Vorsitz des Vizepräsidenten Professor Franz Philipp son aus Brüffel die Generalversammlung der „Jewish Colonisation Association“ (Jca") statt. Die Ausscheidenden, Herr Leonhard L. C o h e n, H. S. Lousada, Paul Erera, Narciffe Leven, S. Reinach und James Simon, wurden wiedergewählt. Der Vorsitzende warf in seiner Eröffnungsrede einen^Rückblick auf die 20jährige Tätigkit der Jca in Südamerika, die die vorzügliche Eignung des Juden zum Ackerbau geliefert habe. Die Kolonien seien aus der Periode des Experimentierens herausgekommen, und ihr wirtschaftliches Gedeihen ruhe auf einer gefunden Basis. Das Anfiedelungswerk begann am 5. Juli 1891,. indem einige hundert Emigranten über Hamburg nach Argentinien gebracht wurden. Andere Abteilungen folgten, sodaß Ende 1891 etwa 2200 Auswanderer nach Argentinien übergefledelt .waren. Obgleich man von vornherein darauf hatte sehen wollen, nur solche Personen auszuwählen, die mit dem Ackerbau bekannt waren, stellte es sich schließlich heraus, daß nur die allerwenigsten dieser Bedingung entsprachen. Diesem Umstande waren die anfänglichen Mißerfolge zuzuschreiben. Eine Besserung trat erst ein, als man in Rußland selbst Gruppen von Familien auswahtte, die von vornherein sich für die landwirtschaftliche Tätigkeit eigneten, und denen man nachher auch ein Stück Land von ausreichendem Umfange zur Verfügung stellte. Die Kolonien der Jca in Argentinien umfassen zurzeit 500,000 da und werden von 3777 Familien, mit 21,115 Seelen, bewohnt. Bemerkenswert ist, daß von dieser Ziffer ein Drittel solche Familien sind, die auf eigeye Kosten gekommen sind und ohne jede Unterstützung sich ihren Lebensunterhalt von vornherein verdient haben. Diese Kategorie der landwirtschaftlichen Arbeiter wird jedes Jahr zahlreicher und das; Ansteigen dieser Ziffer ist der sprechendste Beweis für das natürliche Wachstum und die Prosperität dieser Kolonie. Während die Kolonisten im Jahre 1901 einen Viehbestand von 44,000 Stück hatten, besaßen sie im letzten Jahre mehr als 180,000 Tiere. — Der Gesamtwert der Ernte im Jahre 1909 war 3,686,046 Dollars. Ein Symptom für den Wohlstand der Kolonisten sind die Rückzahlungen von Darlehen, die sich im Jahre 1910 auf 538,429 Dollars beliefen. In den Kolonien befinden sich 50 Schulen mit 155 Lehrern. Was in diesen Schulen vom Judentum gelehrt wird und ob die Kolonisten als Juden leben, wird in dem Bericht leider mit keiner Silbe angedeutet. Italien. Hkom, 9. Juli. In Italien fanden dieser Tage die Volkszählungen statt. Die Zählbogen enthalten auch eine Rubrik über die konfessionelle Zugehörigkeit. Die Zahl der Juden in Italien dürfte kaum 50 000 übersteigen. Viele italienische Juden haben jedoch die Rubrik über die Konfession nicht avsgefüllt, zum Teile, weil sie daraus eine geschäftliche Beeinträchtigung befürchten, anderenteils weil sie als überzeugte Freigeister prinzipiell dagegen waren, daß die Volkszählung zu einem konfessionellen Zensus benützt werde. In Kenntnis dieser Tatsachen, hat der Vorstand des vor einiger Zeit gegründeten Verbandes der Judengemeinden Italiens an sämtliche Juden des Landes einen Aufruf gerichtet, im Interesse der jüdischen Gemeinden die Rubrik über die Konfession unbedingt auszufüllen. Aus den Berichten aus den einzelnen Gemeinden scheint jedoch hervorzugehen, daß die Aufforderung der Verbandslettung nicht die gebührende Würdigung gefunden hat. Gewiß eine drastische Illustration für die zersetzende Wirkung, die die Assimilation unter der italienischen Judenheit bereits ausgeübt hat. Ualästina. Jaffa, 6. Juii. Vor kurzem simdin Pethach-Tikwah eine Versammlung jüdischer landwirtschaftlicher Arbeiter aus verschiedenen judäischen Kolonien statt. Der Zweck der Versammlung war die Schaffung einer Organisation sämtlicher in Judäa tätigen landwirtschaftlichen Arbeiter. ES

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